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julien.wilkens@axelspringer.de

SCHMALER DRAHT

 
Für die digitale Wirtschaft sind Seekabel unverzichtbar, für Terroristen und das Militär dagegen interessante Ziele. Bei einem Verbindungsausfall droht der globale Kollaps.

Gut verpackt: Im Kern der etwa zehn Zentimeter dicken Leitungen liegen die Glasfasern von Vaseline ummantelt in einem Kupferrohr. Es ist von einer Polycarbonatschicht um-
schlossen, das eine Aluminiumschicht gegen Wasser abschirmt. Die wird durch Stahldraht verstärkt, der durch ein Mylarband und eine Polyethylenschutzschicht Stabilität erhält. (© Eva Revolver)

Die Informationsgesellschaft hat eine Achillesferse. Sie liegt am Grund der Ozeane – dort, wo die Adern des Internets pulsieren: die Tiefseekabel. Mehr als 420 der bis zu 30.000 Kilometer langen Leitungen bilden einen Großteil der globalen Dateninfrastruktur. Sie verbinden Inseln und Kontinente, von Grönland bis Feuerland, von Virginia bis Bilbao. Durch das 1,3 Millionen Kilometer umfassende Kabelnetz am Meeresboden strömen 99 Prozent aller Datenpakete – und sehr viel Geld. Pro Tag werden laut Schätzung der US-Notenbank Beträge in einer Größenordnung von rund zehn Billionen Dollar über das Netz transferiert. Und auch der Interbankendienst Swift mit täglich 15 Millionen Transaktionen könnte ohne Seekabel einpacken. Kurzum: Wenn die Leitungen ausfallen, droht unmittelbar der Kollaps der Weltwirtschaft.

Ein Plan B existiert nicht. Die Big Player aus Finanz- und Rohstoffbranche, aus globalem Handel und internationaler Dienstleistung haben analoge Technik längst abgeschafft oder nie genutzt. Sie wäre für das Tempo und die Daten­mengen der digitalen Wirtschaft ohnehin nicht geeignet. Satellitenkommunikation kann die Kabelinfrastruktur ebensowenig ersetzen. So verlässt sich die Telekommunikationsbranche in erster Linie auf Redundanz: Falls etwa im Atlantik ein Kabel beschädigt wird – infolge eines Seebebens, durch Kol-lision mit einem Schleppnetz oder weil ein Hai es durchbeißt –, läuft der Datenverkehr über eine der anderen Unterwasserleitungen, die Amerika und Europa verbinden.

Häufige Störungen

Solche Umleitungen sind immer wieder nötig; pro Jahr kommt es zu mehr als 100 Störungen. Unter­nehmen wie TE Subcom in den USA, Alcatel in Frankreich oder NEC in Japan, die Seekabel verlegen und reparieren, haben seit Jahren volle Auftragsbücher, berichtet ­Emily ­Aubry in der ARTE-Sendung „Mit offenen Karten“. Die Nachfrage könnte sprunghaft steigen: Im Dezember 2017 leg­te Sir Stuart Peach, Chef des britischen Generalstabs, eine alar­mierende Studie vor. Danach sei es relativ einfach möglich, die Nervenstränge des Internets zu kappen und damit die digitale Wirtschaft lahmzulegen. „Weder in der Tiefsee noch im Küsten­bereich sind die Leitungen gut geschützt“, warnte Peach. Auch die Landestationen könnten ohne viel Aufwand sabotiert werden. Überdies seien die Routen der Seekabel ganz leicht im Internet zu finden.

Wie leicht – das zeigte ein Zwischenfall vor fünf Jahren im Mittelmeer: Im März 2013 fischte die ägyptische Marine vor der Hafenstadt Alexandria drei Taucher aus dem Meer. Die Männer hatten das Sea-Me-We-4-Kabel beschädigt. Über die 20.000 Kilometer lange Glasfaserverbindung zwischen Europa und Singapur fließt ein Drittel des internationalen Datenvolumens von Ägypten. Zeitgleich wurden drei weitere Kabel in der Region sabotiert: IMEWE (verbindet Europa über Alexandria und Suez mit Indien), TE-Nord (verbindet Ägypten mit Europa) und EIG (eine weitere Leitung zwischen Europa und Indien). „Die Auswirkungen waren beträchtlich“, bemerkt Doug ­Madory, Analyst für Netzwerk­sicherheit beim IT-Konzern Oracle Dyn. Der sogenannte Alexandria-Event, dessen Drahtzieher bis heute unbekannt sind, sorgte bei etlichen Internet-Providern im Nahen Osten und in Südasien für Störungen. „In Pakistan brach das Internet für einige Tage sogar komplett zusammen“, so Madory.

Autor: Frank Lassak

Den ganzen Artikel finden Sie in der April-Ausgabe des ARTE Magazins.

Mit offenen Karten: Seekabel – Der unsichtbare Krieg

geopolitisches Magazin | Samstag, 14.4, 10.30 Uhr

Kategorien: April 2018