Francis Bacon

NARBEN DER EXISTENZ

Der Maler Francis Bacon war einer der wildesten britischen Künstler des 20. Jahrhunderts. Warum sein enigmatisches Werk schon so lange fesselt.

Tryptichon „Three Studies of Lucian Freud“ © dpa

Was für ein Bild für einen Freund. Lucian­ Freud – von Francis Bacon­ in einem goldgelben, ovalen Raum auf einen Kaffeehausstuhl platziert – schlägt die Beine übereinander, krümmt und quält sich in fleischlicher Agonie. Die Überreste seines kaum noch erkennbaren Gesichts scheinen sich zu verdoppeln, zu verzerren und in den Raum um ihn herum zu fliehen. Dennoch ist Bacons­ Triptychon spürbar erotisch aufgeladen. Die Kopfteile eines Betts lehnen hinter – für seine Attraktivität bekannten – Freud, um ihn herum die Linien eines schiefen Baldachins. Das weiße, hochgekrempelte Hemd umspielt breite Schultern, die Körperlichkeit des Porträtierten strahlt nicht nur Qual aus, sondern auch brodelnde Sexualität.

Francis Bacon und Lucian Freud lernten sich Mitte der 1940er Jahre in London kennen und sahen sich 25 Jahre­ lang fast jeden Tag. Die Maler waren gewissermaßen Seelenverwandte. Die große Obsession von beiden war Sex – für Bacon mit einer Abfolge sadistisch geprägter Männer, für Freud mit Hunderten von Frauen. Beide gaben sich ausgiebigen Alkoholexzessen hin und spielten regelmäßig um viel Geld. Und beide erschufen eine Malerei, die sich durch ihre existenzialistische Auseinandersetzung mit der menschlichen Form auszeichnete und den Betrachter bis heute nicht loslässt. Eine Malerei, die sich in ihrer Figürlichkeit und ihrer erzählenden Kraft bewusst gegen die Abstraktionsbewegung der Nachkriegsmoderne stellte, vor allem gegen den Abstrakten Expressionismus. Francis Bacon, bekannt für seine Bonmots, spottete etwa über Jackson Pollock, er würde nichts anderes machen als Spitzen zu klöppeln.

Der Kunstmarkt sollte Bacon Recht geben. Als seine „Three Studies of Lucian Freud“ (1969) im Jahr 2013 für unglaubliche 142 Millionen Dollar versteigert wurden, war es das teuerste Bild aller Zeiten. Nur ein Picasso und ein Modigliani­ wurden seither teurer verkauft. Und auch die Kunstgeschichte scheint sich auf die Seite Bacons zu schlagen. Schaut man sich in der zeitgenössischen Malerei um, erscheint er wie der Visionär – weder Pollock noch Freud können heute noch so polarisieren. Sein Einfluss ist enorm, eine ganze Riege junger Künstler arbeitet mit seinem Bildvokabular. Was vor allem daran liegt, dass Bacon die Gegenständlichkeit in seinen Bildern immer so kompromisslos anging wie das Leben selbst. Vorausschauend stellte er die Abstraktion in den Dienst der Repräsentativen. Erst in der Verzerrung und Verfremdung seiner Figuren glaubte er, so etwas wie ihre Authentizität zu entdecken.

Monströse Schönheit

Es ist nur schwer vorstellbar, welch radikale Aura den aus Irland stammenden Mitte dreißigjährigen Bacon umgab, als er mit seinen Bildern nach dem Zweiten Weltkrieg in die Londoner Kunstwelt einbrach. So etwas wie diese Gemälde hatte man noch nie gesehen. Sie zeigten menschliche Monster, die auf den Horror von Krieg und Auschwitz verwiesen, schreiende Päpste, verzerrte Kreuzigungsszenen, Menschen, die wie in einer Schlachterei von hängenden Tierhälften umgeben waren. Mit Bravour gemalt, in einem meisterhaften Spiel von malerischen Texturen, Farben und Atmosphären. Der Kunstkritiker David Sylvester, ein enger Freund und Begleiter Bacons, schrieb einmal, dass der Maler ein „altmodischer Atheist“ war, „der sich immer auf der Suche nach Vorwänden befand, um Menschen daran zu erinnern, dass Gott tot sei, und um noch ein paar weitere Nägel in seinen Sarg zu hauen.“ Die Kunstkritikerin Roberta Smith schrieb, dass, wenn Bilder Stimmen hätten, Bacons­ Triptychen schreien würden.

Bacons Werk wurde mit zunehmendem Alter des Malers nur noch freier und aufsässiger. Malerisch wie inhaltlich. Er warf in großer Geste Farben auf fast fertige Arbeiten und entwickelte manisch neue Formen aus der so veränderten Ausgangslage. Und es gelang ihm, die seltsam energiegeladene Verzweiflung, die ihn bestimmte, noch altmeisterlicher auf der Leinwand einzufangen. Referenzen auf Picasso, Velázquez, Rembrandt und Poussin durchzogen nun noch stärker sein Werk.

Sex und Tod liegen nah beieinander

Mithilfe der historischen Aufnahmen des Fotografen Eadweard ­Muybridge, der unter anderem die Bewegung von Ringern in ihre Sekundenbruchteile zerlegt und festgehalten hatte, fand der Maler zudem zu seinem großen Leben­sthema: der Kirche schwulen Sexes. Wie niemand vor ihm wandte er den „männlichen Blick“ auf Männer und machte ihre Sexualität zu einem piktorialen Ereignis. Nackte Körper umschlingen hier nun einander, verformt, embryonisch und desperat, unschuldig und beschmutzt zugleich. Oder sie sind nach dem vollendeten Akt abgebildet, einsam und allein. Es sind Bilder von einer monströsen Schönheit, die sich in die Nervenbahnen des Betrachters einschleicht. Sie strahlen die Überzeugung aus, dass Sex und Tod immer nah beieinander liegen und dass wir der Hölle, die wir uns selbst bereiten, nur selten entkommen.

Auch Bacon selbst konnte den Glauben an die Hölle des Lebens nie wirklich ablegen. In einem Interview schilderte der Maler einmal seine Ansichten über das, was eine gute Freundschaft auszeichne: Sie solle grob und harsch sein, denn nur, wenn man sich gegenseitig auseinanderpflücke, könne man etwas über sich lernen. In seinen „Three Studies of Lucian Freud“ tat ­Bacon im Grunde genau das, nur in malerischer Manier. Überhaupt gehören seine Freud-Bilder zu den schmerzvollsten seiner Arbeiten. In der Figur des Freundes scheint sich in ihnen nichts weniger als der Glauben an die eigene Verabscheuungswürdigkeit zu spiegeln. Kurz nachdem er das Bild fertiggestellt hatte, kündigte Bacon Freud die Freundschaft auf. Bis zum Ende ihres Lebens waren sich die beiden Maler fortan in gegenseitiger Verachtung herzlich zugetan.

Daniel Schreiber

ARTE Highlight: Das Rätsel Francis Bacon

Porträt

Faszinierender Künstler Der Maler Francis Bacon­ (1909–1992) führte ein exzessives Leben. In seinem Porträt lässt Filmemacher Richard Curson Smith Kunstexperten und Freunde des Künstlers zu Wort kommen.

Mittwoch, 13. September, 21.50 Uhr

Bis 31.12. online verfügbar

Kategorien: September 2017