Tea Time am Himalaja

Indien, 1932: Die dekadente Lebenslust der britischen Kolonialherren trifft auf den Kampf der Einheimischen um Freiheit – in der neuen Serie Indischer Sommer.

ARTE France © New Pictures and All3Media International

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Nur noch sieben Stunden bleiben Cynthia Coffin (Julie Walters), um ihren Club der Reichen und Schönen in Nordindien zur neuen Saison 1932 herzurichten. Die einflussreiche Militärwitwe weiß, dass es die britische High Society auch in diesem Sommer aus den heißen Städten des Landes in die höher gelegenen Regionen am Rande des Himalajas ziehen wird. Eine Tradition der Kolonialzeit, welche die zehnteilige Serie „Indischer Sommer“ im Stil der britischen TV-Produktion „Downton Abbey“ einfängt. Im Royal Simla Club trifft sich die feine Gesellschaft während der Sommermonate regelmäßig, um zu tanzen, zu trinken und zu feiern. Und dann, pünktlich zur Eröffnungsfeier, glänzen an diesem Abend im März die großen goldenen Lettern unmittelbar neben dem Eingang: „No dogs or Indians“ – kein Zutritt für Hunde oder Inder.

Zu dieser Zeit lagen bereits Jahrhunderte britischer Fremdherrschaft hinter dem Subkontinent. Das Jahr 1932 hat Drehbuchautor Paul Rutman bewusst ausgewählt: „Damals wurden die Voraussetzungen geschaffen für den Kampf, der sich über die nächste Generation hinzog“, sagt er. Hier liegen die Wurzeln der 15 Jahre später einsetzenden Unabhängigkeit Indiens und der Teilung in Indien und Pakistan, die am 15. August 1947 besiegelt wurde. Die gewaltfreien Proteste Mahatma Gandhis hatten schon Anfang des 20. Jahrhunderts Aufsehen erregt, etwa der Salzmarsch 1930: Mit 78 Anhängern war der Freiheitskämpfer mehr als 380 Kilometer durch das Land gelaufen, um für freie Salzgewinnung zu demonstrieren. Proteste wie dieser rüttelten die Gesellschaft auf und stärkten den Wunsch nach Unabhängigkeit.

Vor dem Hintergrund der realen Situation im Indien der 1930er Jahre spielen sich in „Indischer Sommer“ die Machenschaften einer fiktiven Gruppe britischer Kolonialherren ab. Der aufkeimende Widerstand der indischen Bevölkerung gegen die britische Unterdrückung ist schon zu Beginn der Serie spürbar: Ein Wandgemälde, das Königin Victoria zeigt, wird von einem Unbekannten mit roter Farbe beschmiert. Und am Eröffnungsabend im Royal Simla Club fällt ein Schuss, der dem Briten Ralph Whelan (Henry Lloyd-Hughes) gilt – dem Privatsekretär des Vizekönigs von Indien, Lord Willingdon (Patrick Malahide). „Dämon!“, schreit der Täter voller Hass, bevor er wie Zehntausende weitere Inder Anfang der 1930er Jahre von den Briten inhaftiert wird. Ob sein Motiv rein nationalistischer Art ist oder ob andere Gründe hinter seiner Tat stecken, löst sich erst im Verlauf der Serie auf.

Im Indien jener Zeit saß auch Mahatma Gandhi in der Nähe von Bombay im Gefängnis. 1932 hatte der Vizekönig für dessen Verhaftung gesorgt, da er weitere Aktionen befürchtete, die die Kolonialmacht schwächen könnten. Doch selbst in Haft setzte sich Gandhi für persönliche Freiheit, die „Swaraj“, ein und erkämpfte mit einem Hungerstreik mehr Rechte für die niedrigste Kaste, die Unberührbaren.

Es gibt mehrere Gründe, warum sich Paul Rutman für Indien als Schauplatz seiner Serie entschieden hat: Der 46-Jährige, der mit einer Inderin verheiratet ist, lebte 1992 und 2011 in dem Land und reiste vom Bundesstaat Sikkim im südlichen Himalaja bis in den Süden Indiens nach Tamil Nadu. Dort arbeitete er an der Lawrence School in Lovedale. „In der Gegend gab es immer noch einige ältere Briten, die in den Bergen lebten, um Pferde zu züchten, auf die Queen anzustoßen, Whisky zu trinken und Abende im Ooty Club zu verbringen, der bis heute existiert.“ Für Rutman die perfekte Inspiration für eine Geschichte über das Land: „Ich fand es außergewöhnlich, wie verzweifelt diese Briten sich an ihr altes Leben auf den indischen Bergstationen klammerten. Die Friedhöfe und Kirchen, die Bungalows und Teeläden waren eine seltsame Hommage an diese vergangene Zeit.“

Damals wurde Simla, der kleine Ort am Himalaja, für sechs Monate im Jahr von der Regierung Britisch-Indiens dazu genutzt, um das ganze Land zu regieren – und wurde so zu einer Art Hauptstadt des Subkontinents. „Der Gedanke, dass einer so kleinen Gruppe von Menschen so viel Macht zugestanden wird, und das inmitten von aneinandergereihten Tanzveranstaltungen und Pferderennen, schien mir ideal für eine Story.“

Mehr als ein Jahr lang beschäftigte sich der englische Filmautor intensiv mit dem Leben der britischen und indischen Bevölkerung, um sich in jene Epoche hineinzuversetzen. Dabei halfen ihm Zeitzeugen aus seiner eigenen Familie. Seine Schwiegermutter etwa lebte als junges Mädchen in Delhi. „Der Großvater meiner Frau arbeitete zudem für die Briten und konnte auf diese Weise in das Leben der britischen Regeln eintauchen und an den langen Reisen nach Simla während der Sommermonate teilnehmen. Ihm kommt der Charakter Aafrin Dalal in der Serie ‚Indischer Sommer‘ am nächsten.“

In der Geschichte ist es ausgerechnet der junge Parse Aafrin (Nikesh Patel), der ungewollt zwischen die Fronten gerät und die Kugel abbekommt, die für Ralph Whelan bestimmt war. Doch gerade diesem Umstand ist es zu verdanken, dass er Ralphs Schwester Alice (Jemima West) näherkommt.

Eine Liaison zwischen Besatzern und Unterdrückten war in der Kolonialzeit keine Seltenheit. Schlimm wurde es vor allem dann, wenn diese Paare Kinder bekamen, die sogenanngten Anglo-Inder, von denen heute noch schätzungsweise 100.000 bis 150.000 in Indien leben. „Die glücklichen unter ihnen wurden in einer britischen Schule unterrichtet“, erklärt Rutman. Die Lawrence School, in der er gearbeitet hatte, war auch eine Einrichtung, in der zur Kolonialzeit die Mischlingskinder britischer Offiziere unterkamen. „Viele erhielten jedoch keine Bildung, arbeiteten später bei der Eisenbahn oder als Prostituierte. Wegen ihres Akzents wurden sie lächerlich gemacht und abwertend ‚chee chees‘ genannt.“ Rutman legt den Fokus auf ebendiese grausamen, aber auch auf die schönen zwischenmenschlichen Geschichten, die inmitten von Unterdrückung, Fremdherrschaft und Gefangenschaft stattgefunden haben.

„Zur Zeit der Kolonialisierung haben die Briten dem Selbstvertrauen Indiens furchtbaren Schaden zugefügt“, fasst Paul Rutman zusammen. Durch Gandhi schöpften die Inder jedoch neue Hoffnung. Die von ihm getragene Unabhängigkeitsbewegung findet sich in „Indischer Sommer“ im Charakter Sooni Dalal (Aysha Kala) wieder, Aafrins Schwester. Sie folgt Gandhis Bewegung, indem sie an Protestaktionen teilnimmt und in seinem Namen für die Freiheit ihres Landes kämpft.

Was aber ist vom großen Freiheitskämpfer Gandhi im heutigen Indien noch geblieben? Sein Enkel Rajmohan Gandhi, Autor des Buchs „Understanding the Founding Fathers“ (2016), bewunderte schon als Kind den „starken Geist“ seines Großvaters und ist stolz auf dessen Erbe: „Eine große Anzahl von Indern kämpft noch heute in allen Teilen des Landes in Gandhis Namen für Gleichberechtigung, die guten Beziehungen zwischen Hindus und Muslimen, die Rechte der Unberührbaren oder für die Umwelt.“

Der Kampf Gandhis hat seinen Enkel aber vor allem eines gelehrt: „Durch ihn habe ich verstanden, dass es Unterdrückung nicht nur bei den Briten gab. Inder waren ebenso in der Lage, sich gegenseitig schlecht zu behandeln.“ Die Grenzen zwischen Gut und Böse – auch in der Serie „Indischer Sommer“ verschwimmen sie. Der 81-Jährige weiß: „Herrschaft ist der eigentliche Feind, egal wo sie herkommt.“

Karoline Nuckel

 

 

Hintergrund

Britisch-Indien 

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts gründeten die Briten die East India Company mit dem Ziel, ein exklusives Handelsabkommen mit Indien zu schließen. Im 18. Jahrhundert begannen sie mit der Annexion des Territoriums. Die Kronkolonie „Britisch-Indien“ bestand von 1858 bis 1947. Durch Unruhen im Land, getragen vom Protest Mahatma Gandhis, erlangte Indien 1947 die Unabhängigkeit und wurde in die Herrschaftsgebiete Indien und Pakistan aufgeteilt. Der erste gewählte Premierminister Indiens war Jawaharlal Nehru.

 

ARTE Highlight

Indien, 1932: Im kleinen Ort Simla, am Fuße des Himalajas, trifft sich jeden Sommer die feine britische Gesellschaft, um der Hitze der Städte zu entfliehen. Die Beamten und ihre Gattinnen kommen im exklusiven Royal Simla Club zusammen. Hier schmieden sie politische Pläne, beginnen Affären oder überspielen mit Tanz und Musik die Probleme der Gegenwart. Alice, die Schwester vom Privatsekretär des Vizekönigs, kehrt nach Jahren nach Indien zurück und wird in die politischen Machtspiele ihres Bruders verwickelt.

 

 

Indischer Sommer
Serie
ab Donnerstag 29.9. | 20.15

Kategorien: September 2016