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Liebe ist nicht berechenbar

Mal feinfühlig mädchenhaft, mal düster beklemmend: Die Schauspielerin Hannah Herzsprung gehört zu den Shootingstars des deutschen Films. Auf ARTE erlebt sie eine ungewöhnliche Liebe – in einer Dreiecksbeziehung.

Foto: © Ruben Jacob Fees

Foto: © Ruben Jacob Fees

Hannah Herzsprung ist gerade auf Lesereise unterwegs. Mit einem kleinen Koffer kommt sie in die Hotellobby in der Hamburger Hafencity. Sie begleicht eine Rechnung und scherzt mit dem Concierge, bevor sie sich zum Gespräch einen Americano bestellt und von den besten Halsbonbons der Welt erzählt. Auf ARTE ist die 34-jährige Schauspielerin in „Die geliebten Schwestern“ zu sehen. Als Caroline von Beulwitz lebt sie in einer Dreiecksbeziehung mit ihrer Schwester Charlotte und Friedrich Schiller. Mit dem ARTE Magazin spricht sie über bunte Drehbücher, ungewöhnliche Liebe und ihren Beschützerinstinkt.

Arte: Frau Herzsprung, stimmt es, dass Sie alle Ihre Drehbücher in verschiedenfarbigen Klemmbindern aufbewahren?

Hannah Herzsprung: Ja, Klemmbinder sind so praktisch! Sie halten das Drehbuch samt allen Notizen und Fotos, die ich im Laufe eines Films mache, perfekt zusammen. Im Nachhinein ist es wie ein Tagebuch. Und da steckt so viel Persönliches drin, dass ich es niemals wegschmeißen könnte. Mittlerweile habe ich eine bunte Sammlung in meinem Regal.

Arte: Und warum verschiedenfarbig?

Hannah Herzsprung: Nur eine Farbe im Regal wäre doch langweilig! Das Drehbuch von „Die geliebten Schwestern“ beispielsweise ist bordeauxrot.

Arte: Das wirkt jedenfalls sehr ordentlich.

Hannah Herzsprung: Also ich kenne mich zwar nicht so gut mit Sternzeichen aus, aber Jungfrauen sagt man nach, sie seien sehr ordentlich. Nun bin ich auch noch Jungfrau mit Aszendent Jungfrau – und tatsächlich sehr ordentlich. Ich tobe mich in der Ordnung aus, bevor ich mich den wesentlichen Dingen widmen kann. Insofern könnte man mich auch als Prokrastikerin bezeichnen.

Arte: Folgt die Auswahl Ihrer Rollen auch einem bestimmten Ordnungsprinzip?

Hannah Herzsprung: Das ist meistens ein ziemlich eindeutiges Bauchgefühl. Es gibt diese Bücher, bei denen man sofort förmlich „Ja!“ schreit. Bei anderen wiederum muss ich mich zuerst mit der Regie austauschen, bevor ich mir den Film bildlich vorstellen kann. Und dann gibt es noch die Regisseure, denen man direkt zusagt, ohne das Buch vorher überhaupt zu kennen.

Arte: Gehört Dominik Graf auch dazu?

Hannah Herzsprung: Auf jeden Fall!

Arte: Nach dem Dreh von „Die geliebten Schwestern“ sagte er: „Von Hannah Herzsprung wissen wir, welches Kaliber in ihr steckt, wenn es abgerufen wird.“ Ist ihm das gelungen?

Hannah Herzsprung: Ja, Dominik Graf bringt mich dazu, alles zu geben. Die Zusammenarbeit mit ihm ist sehr intensiv und jedes Mal ein Erlebnis. Dass er so etwas sagt, ist ein Riesenkompliment und hat viel mit Vertrauen zu tun.

Arte: Im Film geht es um die Dreiecksbeziehung zwischen Friedrich Schiller und den Schwestern Caroline und Charlotte. Kann eine so ungewöhnliche Liebe wirklich funktionieren?

Hannah Herzsprung: Der Film zeigt, dass diese Liebe nur in Momenten funktioniert. Am Anfang erleben die drei eine große Leichtigkeit. Einen Sommer lang schotten sie sich von allem ab. Sie fühlen sich frei. Doch als der Alltag mit all seinen Hochs und Tiefs wieder einsetzt, wird es schwierig. Denn auch wenn sich die beiden Schwestern bedingungslos lieben, so haben doch beide ihre Bedürfnisse und wollen gesehen werden. Ich finde es gut nachvollziehbar, dass diese Konstellation irgendwann wehtut.

Arte: Warum ist Liebe überhaupt so kompliziert?

Hannah Herzsprung: Jeder Mensch ist unterschiedlich, was Beziehungen einerseits spannend, andererseits schwierig macht. Es ist die größte Herausforderung, lange miteinander zu bestehen. Sich neu aufeinander einzulassen, sich immer wieder neu zu verlieben, sich neu zu respektieren. Am allerwichtigsten ist dabei immer die Kommunikation. Dominik Graf zeigt das in seinem Film sehr schön, indem er die Briefe zwischen den Protagonisten eine Hauptrolle spielen lässt.

Arte: Weshalb kann sich Schiller nicht zwischen den beiden Schwestern entscheiden?

Hannah Herzsprung: Ich glaube, er will sich nicht entscheiden. Was ziemlich egozentrisch ist. Die Schwestern sind sehr unterschiedlich: Charlotte ist häuslich und bodenständig; Caroline moderner, selbst Autorin. So bekommt Schiller jeweils das, was er begehrt: Sicherheit auf der einen Seite und intellektuellen Austausch auf der anderen. Frauen, die das mitmachen, muss man erst einmal finden. Liebe ist oft unberechenbar.

Arte: Sie haben selbst eine Schwester. Würden Sie mit ihr auch alles teilen?

Hannah Herzsprung: Also natürlich kann ich mir nicht vorstellen, mir mit meiner Schwester einen Mann zu teilen. Aber wir haben schon viele Gemeinsamkeiten und stehen uns sehr nahe. Gerade dann ist man viel offener und verletzender. Aber man verzeiht sich auch ganz anders. Und das ist schön.

Arte: Im wahren Leben sind Sie die jüngere, im Film die ältere Schwester. Hat Ihnen Ihre Schwester da etwas beigebracht?

Hannah Herzsprung: Sarah hat ihr Leben lang auf mich aufgepasst und tut es auch heute noch. Dabei hat sie immer darauf beharrt, dass ich die Kleinere bin. Diesen starken Beschützerinstinkt habe ich mir für den Film ein bisschen von ihr abgeschaut. Aber auch im echten Leben als die Jüngere verspüre ich das Bedürfnis, meine Familie zu schützen und für sie da zu sein.

Arte: Sie sprechen sonst nie über Ihr Privatleben. Warum ist Ihnen das so wichtig?

Hannah Herzsprung: Ich brauche einen Ort, an dem ich ganz für mich bin und den ich nicht mit der Öffentlichkeit teilen muss. Hat man sein Privatleben einmal nach außen getragen, ist man nicht mehr geschützt. Und deshalb trenne ich das strikt. Manchmal ist es schade, wenn ich Ereignisse wie eine Premiere oder eine Preisverleihung nicht mit Menschen aus meinem privaten Umfeld teilen kann. Aber es geht nur ganz oder gar nicht. Und da ist mir der Schutz meiner Privatsphäre wichtiger. Es soll nicht um die Privatperson Hannah Herzsprung gehen, sondern um die Schauspielerin.

Arte: Diese Hannah Herzsprung hat mittlerweile schon einige Filme gedreht, stand aber noch nie auf einer Theaterbühne. Warum nicht?

Hannah Herzsprung: Das hat sich leider noch nicht ergeben, würde mich aber auf jeden Fall reizen. Allerdings hätte ich wahrscheinlich ganz schlimmes Lampenfieber vor Aufregung. Das hatte ich bei meiner ersten Ballettaufführung auch. Ich war acht Jahre alt, stand mit Dutt und Tutu hinter der Bühne und habe so hohes Fieber bekommen, dass ich nicht mittanzen konnte. Am nächsten Tag war es natürlich wieder weg.

Arte: Stimmt es, dass Sie Angst vor dem Singen haben?

Hannah Herzsprung: Angst würde ich nicht sagen. Eher Hemmungen, weil ich es noch nie ausprobiert habe. Ich kann meine Gesangsstimme nicht einschätzen und traue mich deshalb nicht so recht. Ab einem gewissen Alter wird man irgendwie unsicherer, wenn es darum geht, neue Dinge auszuprobieren. Als würde einem, wenn man jung ist, noch mehr verziehen. Was ganz schön blöd ist, denn es geht ja nicht ums Verzeihen. Man sollte einfach machen, worauf man Lust hat.

Arte: Belastet es Sie, in Ihrem Beruf ständig beobachtet und bewertet zu werden?

Hannah Herzsprung: Wenn ich arbeite, denke ich zum Glück nicht darüber nach. Beim Spielen ist mein Kopf ausgeschaltet. Aber damit ich so arbeiten kann, muss ich mich vor einem Dreh gut vorbereiten. Da arbeitet mein Kopf dann auf Hochtouren. Ich muss alles verstehen. Ich glaube, so habe ich schon den ein oder anderen Regisseur zur Weißglut gebracht, denn ich stelle sehr, sehr viele Fragen …

Arte: Welche Drehbücher werden als Nächstes bei Ihnen in Klemmbindern landen?

Hannah Herzsprung: Genaueres darf ich noch nicht verraten. Nur so viel: Ich werde bald wieder mit Dominik Graf zusammenarbeiten – und ihm sicherlich viele Fragen stellen.

Lydia Evers

Zur Person

Hannah Herzsprung

Die Schauspielerin wurde 1981 in Hamburg geboren und lebt in Berlin. Sie wurde u. a. mit dem Bayerischen Filmpreis, dem Bambi und dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet.

Filmografie (Auswahl)

„Vier Minuten“ (2006), „Lila Lila“ (2009), „Der Geschmack von Apfelkernen“ (2013), „Die geliebten Schwestern“ (2014)

 

 

 

ARTE Highlight

Ménage-à-trois:
Die Schwestern Caroline und Charlotte haben sich geschworen, alles miteinander zu teilen – auch ihre Liebe zu Friedrich Schiller.

Die geliebten Schwestern
Drama
Mittwoch, 22.6. | 20.1

Kategorien: Juni 2016