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Das Spiel mit der Angst

Düstere TV-Krimis aus Skandinavien – das ist Nordic Noir. Die neue ARTE-Serie Jordskott erweitert das Genre nun um eine mystische Dimension. Über die Faszination des geheimnisvollen Bösen.

ZDF © ZDF/Palladium Film

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Gerade noch spielt Josefine (Amie Vestholm) am Wasser, im nächsten Moment ist sie wie vom Erdboden verschluckt. Sieben Jahre lang weiß niemand, wo das Mädchen ist. Bis ihre Mutter Eva Thörnblad (Moa Gammel) den Fall neu aufrollt – und dem tief verwurzelten Geheimnis des kleinen Ortes Silverhöjd auf die Spur kommt.

Mit der schwedischen Serie „Jordskott – Die Rache des Waldes“ zeigt ARTE eine neue Krimiserie, die sich in die großen Produktionen des Nordic Noir einreiht. Bezeichnend für dieses Genre: Verbrechen oder dunkle Machenschaften, die in der düsteren Atmosphäre Dänemarks, Norwegens oder Schwedens einen ästhetischen Rahmen finden.

Nach kantigen Figuren wie Kommissar Beck oder Wallander spielen hier inzwischen oft Frauen die Hauptrolle. „Weibliche Figuren gibt es in Skandinavien häufiger als in anderen Ländern“, erklärt Fernsehwissenschaftler Lothar Mikos, Autor des Buchs „Nordic Noir: Skandinavische Fernsehserien und ihr internationaler Erfolg“. „Das liegt auch am sehr modernen Frauenbild Skandinaviens. Statt schablonenhafter Action-Ladys ermitteln hier facettenreiche Figuren, die fragil und zugleich selbstbewusst sind.“

Vorreiterin dieser Heldenfigur war Kommissarin Lund aus der dänischen Serie „The Killing“ (2007). Sie war auch der erste Nordic-Noir-Charakter, der keine literarische Vorlage hatte, sondern eigens für das TV konzipiert wurde. Den Grundstein für den Hype um skandinavische Kriminalgeschichten hatte zuvor der schwedische Autor Stieg Larsson mit seiner Millennium-Trilogie („Verblendung“, „Verdammnis“, „Vergebung“) gelegt. „Mit dem internationalen Durchbruch der Romane und der späteren Film-Adaption war der Weg für Sarah Lund und weitere Krimiserien geebnet“, so Mikos. 70 Länder wollten „The Killing“ kaufen. Die Amerikaner drehten ein Remake und in der Türkei und Russland wurden ähnliche Serien produziert.

„Die Brücke – Transit in den Tod“ führte den Erfolg fort, vor allem in Deutschland und Großbritannien. „Hier ist Kriminalliteratur besonders beliebt, es gibt also dieselbe Fanbasis“, erklärt Mikos.

Ob mit oder ohne Literaturvorlage: Nordische Krimis haben oft eine doppelte Erzählstruktur. „Neben der Handlung geht es auch um eine übergeordnete Geschichte“, so der Experte. „Die Brücke“ zeigt auf zweiter Ebene globale Missstände auf. Und bei „Borgen – Gefährliche Seilschaften“ steht die Frage im Raum, wie es Frauen heute schaffen, Familie und Beruf zu vereinen. Komplexe Figuren, zurückhaltend dunkle Ästhetik, filmische Qualität: „Nordic Noir ist wie ein Siegel, vergleichbar mit dem Label Made in Germany“, resümiert Mikos.

Auch in „Jordskott“ geht es nur vordergründig um verschwundene Kinder. Die globale Ebene – die Kritik am Umgang des Menschen mit der Natur – wird für den Zuschauer erst im Verlauf greifbar. Die Macher der Serie erweitern das Genre zudem um ein neues Element: Die skandinavische Mythologie, dezent mit der Handlung verwoben, schafft eine Welt zwischen Traum und Wirklichkeit – und verleiht so der Erzählung eine tiefgründigere Dimension.

ZDF © ZDF/Palladium Film

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Der Regisseur im Gespräch

 „Jordskott“ ist die Debütserie von Henrik Björn. Im ARTE Magazin spricht er über die Idee zum Plot und seinen größten Fan.

Arte: Herr Björn, in der Serie „Jordskott“ vereinen Sie einen Krimi mit Elementen der skandinavischen Mythologie. Wie kamen Sie darauf?

Henrik Björn: Ich wollte keinen normalen Krimi erzählen, sondern eine größere Geschichte mit einem eigenen Universum, in dem die Geschehnisse von heute bis weit in die Vergangenheit zurückreichen. Bei „Jordskott“ bilden die polizeilichen Ermittlungen den Hintergrund für die eigentliche Geschichte, in der es um die menschliche Ignoranz gegenüber der Natur geht. Wir fühlen mit der Mutter, die ihr Kind verloren hat – und stellen uns die Frage, wie weit wir gehen würden, um das zu schützen, was wir lieben.

Arte: Wie wichtig war es Ihnen, die mythologischen Figuren zu zeigen?

Henrik Björn: „Jordskott“ ist keine Monstershow. Man spürt die Kräfte der Natur, die auf die normale Welt treffen, doch je weniger Kreaturen wir zeigen, desto besser. Mir ging es eher um das unheimliche Gefühl, wenn du durch den Wald läufst und plötzlich die Anwesenheit von etwas bemerkst. Als ob du nur ein Gast bist und jeder Schritt vom Wald beobachtet wird.

Arte: Wie gut muss man sich mit der schwedischen Mythologie auskennen, um die Serie zu verstehen?

Henrik Björn: Beim Dreh habe ich gemerkt, dass Menschen aus Argentinien, Russland oder Asien die Grundmuster der mythologischen Figuren aus „Jordskott“ kennen. Auch wenn die Namen unterschiedlich sind, ist die Basis in vielen Kulturen doch dieselbe. Die Serie bewegt sich allerdings genau zwischen Mythologie und Realität. Denn die Geschichte sollte glaubhaft bleiben, damit man sich gut in die Charaktere hineinversetzen kann.

Arte: In der Serie geht es auch um die Zerstörung der Natur. Sehen Sie sich selbst als Umweltschützer?

Henrik Björn: Ich bin kein Aktivist, aber mit den Möglichkeiten, die ich als Filmautor habe, kann ich Standpunkte verbreiten. In meinem Job geht es zwar um Entertainment, doch es ist mir wichtiger, Geschichten mit einer tiefgründigen Aussage zu verbinden.

Arte: Woher stammt die Idee zur Serie „Jordskott“?

Henrik Björn: Als Kind habe ich viel Zeit im Sommerhaus meiner Großeltern verbracht und war oft mit meiner Oma im Wald spazieren. Sie hatte für alles einen Namen: Bäume, Steine, Orte – als hätte sie eine persönliche Bindung dazu. So habe ich verstanden, dass die Natur eine Seele hat. Ich glaube, instinktiv wissen wir alle, dass da etwas ist, das wir erhalten müssen.

Arte: Wie lange hat die Idee „Jordskott“ gebraucht, um zu reifen?

Henrik Björn: Nach meiner Zeit in der Werbebranche wollte ich eine substanziellere Geschichte erzählen, die nur von mir kommt. Also entwickelte ich rund um die Geschichten meiner Großmutter das Gerüst für „Jordskott“. Vier Jahre vor dem Dreh  fing ich an, das Skript zu schreiben.

Arte: Ihr Filmteam kannte sich aber nicht mit Serienproduktionen aus.

Henrik Björn: Richtig, ich und auch andere aus dem Team hatten keine Erfahrung mit Serien. Wir wussten aber, dass wir mit „Jordskott“ etwas Neues schaffen wollten. Acht Monate haben wir gedreht, und viele Szenen wurden sogar besser als erwartet. Der Erfolg in Schweden zeigt, dass wir es richtig gemacht haben. Das macht uns stolz.

Arte: Gibt es eine zweite Staffel?

Henrik Björn: Ich schreibe gerade daran. Es ist toll, zurück im „Jordskott“-Universum zu sein, mit all den Charakteren, die man liebgewonnen hat.

Arte: Hat Ihre Großmutter die Serie noch sehen können?

Henrik Björn: Leider hatte sie nicht mehr die Möglichkeit dazu. Aber meine Mutter, die die Fantasie meiner Oma geerbt hat und auch gern Geschichten erzählt, ist ein großer Fan. Wir sprechen viel über „Jordskott“ – das ist die beste Inspiration, die es gibt.

Karoline Nuckel

Zur Person

Henrik Björn

 „Jordskott – Die Rache des Waldes“ ist die erste eigene Fernsehserie des schwedischen Regisseurs Henrik Björn. Zuvor arbeitete der 42-Jährige in der Werbebranche und war Mitgründer der Produktionsfirma Palladium Fiction, die auch „Jordskott“ produzierte.

 

Jordskott – Die Rache des Waldes
Krimiserie
ab Donnerstag 12.5. | 20.15

arte.tv/jordskott

Kategorien: Mai 2016