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Die Alpen am Abgrund

Der Rummel auf der Höhe ruiniert die Natur. Wir brauchen eine vernünftige Balance, um die Alpen zu schützen und die Bergkultur nachhaltig zu gestalten, sagt Reinhold Messner.

Illustration © ARTE Magazin

Illustration © ARTE Magazin

Der Berg ruft nicht. Was lockt, sind die Stille und Weite. Enge und Langeweile des Berufs- und Familienlebens in der Stadt erzeugen Sehnsucht nach „höheren Regionen“, die sich der Städter – je weiter weg, umso mehr – als das Gegenteil des „Unten“ vorstellt.

Die erhoffte Freiheit aber, Ruhe und Erhabenheit sind oben immer weniger zu finden. Denn dort, wo die Schönheit der Berge besonders gerühmt wird, ist die Anziehungskraft am größten. Die Touristen verzehren in den Modegebieten genau das, was sie alle suchen.

Was der Wandertag im Mittelgebirge, ist der Sommerurlaub in den Alpen. Er bedeutet, dass viele Menschen aus allen Himmelsrichtungen mit dem Auto einfallen. Ob Volkswandern oder Sportklettern, die Jagd nach Leistungsabzeichen oder Schwierigkeitsgraden kommt dazu. Ob der Steig mit Farbflecken oder die Kletterroute mit Spits markiert ist – niemand soll sich verlaufen können. Horizontal nicht, vertikal nicht.

Wilde Trophäenjagd

Nach der Trimm-dich-Welle kam die Fun-Bewegung. Geblieben ist trotz der Naturanbetung das Sammeln von metallenen Auszeichnungen und ein eindeutiges Bekenntnis zur Gruppe, zur Sekte. Als marschiere, radele, klettere es sich gruppenweise schöner. Sogar die Alpenbewohner rotten sich zusammen: Mehr als die Hälfte lebt inzwischen in Gemeinden mit 5.000 und mehr Einwohnern. Vielerorts dürften wir schon nicht mehr vom ländlichen Raum reden. Die Städte wachsen, die Peripherie schrumpft.

Bevor das Volkswandern als Trophäenjagd oder das Sportklettern als Kick zur Karikatur einer Idee wurden und noch lange nachdem die Fußreise in den Alpen ein notwendiges Übel für jeden Reisenden war, gab es weder in Mittelgebirgen noch im Hochgebirge Konflikte zwischen „Naturschützern“ und „Naturnützern“. Inzwischen aber stürmen Millionen die Parkplätze im Talgrund, sammeln Woche für Woche Hunderttausende Hüttenstempel und Zigtausende Klettersteigrouten, die mit Schlagbohrern durch empfindliche Felsbiotope gehämmert wurden. Nicht der Kletterer oder Wanderer ist das Problem, es sind die Horden, die einbrechen, tagelange Kolonnen von Weitwanderern, ganze Trupps, die eine Dauerbelastung darstellen, weil durch die ständige Begehung Grasnarbe und Fauna leiden. Ist die Vegetation erst vernichtet, schwindet die Tierwelt und der naturhungrige Mensch zieht weiter zum nächsten Biotop.

Gefahrenraum Alpen

Das Problem ist also die Zahl. Wenn immer mehr Städter ein und dasselbe Gebiet als Sportarena nutzen, entsteht bei Heimat- und Alpenschützern die Vorstellung einer Plage, die über Flur und Felsen kommt. Es geht dabei nicht nur um die Felsen-Schaumkresse, es geht vielmehr um eine verträgliche Begegnung von Mensch und Berg. Ich bin kein Ökochonder und weiß, dass nur Entbehrung und Gefahr das Regulativ sein können, um die Alpen zu befrieden. Im Naturzustand allerdings wären die Alpen ein einziger Gefahrenraum, für uns Menschen nicht bewohnbar. So interessant der Gedanke sein mag, den Alpen ihre ursprüngliche Wildnis zurückzugeben und diese vor den Menschen zu schützen, das Erbe, die Bergkultur, ginge verloren. Naturschutz impliziert im Gebirge auch den Schutz des Menschen vor der Natur. Und weil das Leben am Berg auf Dauer nur möglich bleibt, wenn alle Nutzungsformen nachhaltig gestaltet werden, gehört dort, wo die Nutzer ihren Lebensraum zerstören, auch der Schutz der Natur vor den Menschen dazu.

Es reicht aber nicht, größere Flächen der Alpen unter Schutz zu stellen. Es gilt, die Dynamik der Natur zu respektieren und die Dominanz des Menschen über die Alpennatur zu relativieren – ob im Arbeits- und Freizeitraum oder im Ödland. Heimat- und Naturschutzorganisationen sind allein daran zu messen, was sie in die Bergkultur einbringen, nicht daran, was sie verhindern oder an Fundamentalismus auf ihre Fahnen geschrieben haben.

 Reinhold Messner für das ARTE Magazin

 

Reinhold Messner, 71, ist einer der bekanntesten Extrembergsteiger der Welt. Im Jahr 1978 bezwang er mit Peter Habeler als Erster ohne Flaschensauerstoff den Gipfel des Mount Everest. Er stand als erster Mensch auf den Gipfeln aller Achttausender. Jetzt engagiert sich der Südtiroler als Buchautor und Museumsbetreiber für den Erhalt der Berge.

 

ARTE THEMA
Rummelplatz Alpen
Gesellschaftsdoku
Dienstag, 1.3., um 20.15 Uhr

Kategorien: März 2016