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Nach dem Terror

Vor einem Jahr wurden die Redaktionsräume der Satirezeitung „Charlie Hebdo“ angegriffen. Im November starben über 130 Menschen bei den Anschlägen von Paris. Wie lebt man weiter?

Illustration: © Olimpia Zagnoli

Illustration: © Olimpia Zagnoli

Sollten wir aufhören zu sein, wie wir sind? Nach den Anschlägen im Januar 2015 wurde uns – neben „Wie geht’s?“ – sehr oft auch die Frage gestellt: „Wie könnt ihr nur weitermachen?“ Komischerweise hatte ich mich dies nie gefragt. Wie weiter arbeiten, schreiben, zeichnen, denken, wenn es das Wesen der Arbeit selbst ist, das angegriffen wurde?
Die Antwort liegt vielleicht in einer anderen Frage: Was hätten wir sonst tun sollen? Wie könnte man aufhören, das zu sein, was man ist? „Charlie Hebdo“ einzustellen hätte nicht nur den Terroristen recht gegeben, die die Zeitschrift mit Gewalt zum Schweigen bringen wollten. Es hätte auch uns unrecht getan. Wir sind Journalisten, Karikaturisten, Autoren, aber wir sind auch Demokraten, Laizisten, Universalisten, Antirassisten, Feministen, Genussmenschen, Lachende – und Blasphemisten, denn Blasphemie ist nichts anderes als Protest gegen Macht. Gewiss, wir vereinen alles, was der islamische Totalitarismus hasst. Aber dafür können wir nichts. Das aufzugeben, was wir sind, heißt aufhören zu leben.
Die Ereignisse vom 13. November haben das noch verdeutlicht. Diesmal haben die Mörder eine Stadt angegriffen, die in ihren Augen „die Perversion“ verkörpert. Eine Stadt, in der sich Menschen in Bars und Restaurants treffen, um zu reden, zu lachen und zu weinen. Eine Stadt, in der Menschen ins Theater gehen, Konzerte besuchen, bei Fußballspielen ihre Mannschaft anfeuern. Eine Stadt, wie es sie überall gibt, im Süden und Norden, im Osten und Westen.
Die Terroristen leerten ihre Magazine nicht in den schicken Bars der Champs-Élysées, sie haben nicht das „Moulin Rouge“ oder andere vermeintlich „perverse“ Wahrzeichen von Paris angegriffen. Sie griffen Stadtteile an, wie es sie in allen großen Städten dieser Welt gibt. In Berlin, in Rom, in Oslo und in Lagos, in Singapur, in Tokio, in Mexiko und in Neu-Delhi. Es ist falsch zu sagen, der IS habe den „westlichen“ Lebensstil angegriffen. Überall auf der Erde, von den Tiefen des Amazonas- Regenwaldes, über den asiatischen Dschungel bis in die afrikanische Savanne versammeln sich Frauen und Männer, um zu reden und zu lachen, zu trinken und zu tanzen. Manche kicken auch mal einen Fußball. Es ist die Menschlichkeit im eigentlichen Sinn, die angegriffen wurde. Der IS wollte das Menschliche in uns töten. Doch wie könnten wir aufhören, Mensch zu sein? Manche haben versucht, den An- schlag auf „Charlie Hebdo“ zu rechtfertigen, ja sogar zu entschuldigen.
Wir hätten es „so gewollt“ mit unseren blasphemischen Zeichnungen und unserer sogenannten Islamophobie. Für viele französische Intellektuelle sowie für Teile der Linksextremisten ist jeder „islamfeindlich“, der sich weigert, dem Diktat der religiösen Würdenträger und totalitären Staatschefs zu folgen, die verkünden, dass muslimische Frauen und Männer nicht die gleichen universellen Rechte wie wir anstreben.
Es war das Gleiche mit den Anschlägen in Paris: Es hieß, der IS bestrafe Frankreich für die Intervention in Syrien – dabei steuern wir nur fünf Prozent der Streitkräfte vor Ort bei. Ohne Zweifel, man wird andere Entschuldigungen für die nächsten Anschläge der Terrormiliz IS finden, wo auch immer sie passieren werden. Seien sie geopolitisch, soziologisch, philosophisch, man wird schon einen Grund finden.

Bezeichnenderweise wurde noch nicht einmal versucht, eine Erklärung für die Geiselnahme und das Blutbad im koscheren Supermarkt „Hyper Cacher“ in Paris am 9. Januar zu suchen. Auch nicht für die Morde im Jüdischen Museum in Brüssel im Mai 2014. Als ob sich diese Massaker von selbst verstehen würden. Wir sind so sehr daran gewöhnt, dass Juden getötet werden, weil sie Juden sind. Und auch wenn sie davon Abstand nehmen würden, jüdisch zu sein, es würde nichts ändern: Der Henker entscheidet, wer Jude ist.
Heute hat der Henker beschlossen, dass wir alle Juden sind. Aufhören, wir selbst zu sein, wird uns nicht vor Terrorismus und Totalitarismus schützen. Uns zu ändern, wäre sinnlos. Der IS braucht keinen Grund, um uns zu töten. Lasst uns also weitermachen!

Gérard Biard

Gérard Biard übernahm als Chefredakteur nach dem Anschlag auf „Charlie Hebdo“ die Leitung der Satirezeitung. Am 7. Januar 2015 waren zwei Attentäter, die sich zur Terrororganisation al-Qaida bekannten, in die Redaktionsräume eingedrungen und hatten elf Menschen erschossen, darunter den damaligen Chefredakteur Stéphane Charbonnier. Biard war am Tag des Anschlags in London.

 

THEMA SPEZIAL:

Die Attentate von Paris

Je suis Charlie, je suis Paris
Gesellschaftsdoku
Dienstag, 5.1., 20.15 Uhr

Kategorien: Januar 2016