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Neue Energien anzapfen

Klimaschutz lohnt sich. Das stellen weltweit viele Projekte unter Beweis. ARTE zeigt im Vorfeld der 21. UN-Klimakonferenz in Paris in einem Schwerpunkt, warum die Energiewende dringend notwendig ist und wie sie nachhaltig gelingen kann.

Getty Images © Tim Robberts

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Heizen mit Kuhmilch? Fernwärme aus Strohballen? Zurück zur Natur bedeutet auf Samsø innovativ vorauszudenken. In nur zehn Jahren haben die Bauern auf der dänischen Ostseeinsel mit bisweilen unkonventionellen Ideen ein klimafreundliches Vorzeigeprojekt geschaffen. Samsø ist weltweit die erste CO2-neutrale Insel. Hier wird frische Kuhmilch über einen Wärmetauscher abgekühlt und die Abwärme für die Fußbodenheizung genutzt. Statt das Stroh auf dem Feld zu verbrennen, verkaufen es die Landwirte ans örtliche Heizkraftwerk. Die Einwohner betreiben gemeinsam Windkrafträder auf dem Land.

Es gibt einen Offshore-Windpark und eine Solaranlage. Wurde früher noch Öl importiert, wird heute mehr grüner Strom produziert als verbraucht. Der Überschuss wird ans Festland verkauft und kompensiert so den CO2-Ausstoß des Verkehrs. Künftig sollen E-Autos über die Insel surren und die Gastankfähre mit Biotreibstoff über die See gleiten.

Von der anfänglichen Skepsis der rund 3.700 Einwohner ist heute nichts mehr zu spüren. Die Energiewende ist gesellschaftlicher Konsens, nicht zuletzt weil sie für alle Bewohner, die an den Projekten teilhaben, gewinnbringend ist. Nachhaltige Erträge, günstigere Energiepreise, neue Arbeitsplatze – das sind selbst für Öko-Kritiker überzeugende Argumente.

„Was bringt es mir und meinem Umfeld? Dies mussten wir den Menschen klarmachen“, beschreibt Søren Hermansen, Direktor der Energieakademie auf Samsø, den Schlüssel zum Erfolg. Fast 100 Millionen Euro wurden in die Energiewende investiert. Jede Krone aus dem eigenen Geldbeutel steigerte die Akzeptanz der Projekte. „Sobald man einen Anteil besitzt, lärmen und stören Windräder weniger“, bemerkt Hermansen. Bis 2050 will nun ganz Dänemark Strom und Wärme ausschließlich nachhaltig produzieren.

Direkt hinter dem Strand liegt der Arbeitsplatz von Søren Hermansen, die Samsø Energiakademi, ein futuristisches Gebäude im Langhausstil der Wikinger. Einst nutzten die kriegerischen Seefahrer das Eiland als Versammlungsort. Heute treffen sich hier Klimaexperten und Politiker aus aller Welt, um mehr über das erfolgreiche Zusammenspiel von Ökologie und Ökonomie zu erfahren.

Denn Weitblick, Umdenken und schnelles Handeln sind dringend notwendig. Vor der industriellen Revolution lag die CO2-Konzentration der Atmosphäre bei etwa 280 parts per million (ppm), Anfang 2015 überstieg sie die 400-ppm-Marke. Die Folge: Die Temperaturen erklimmen immer neue Höchstwerte. Gleich zwei Mal wurde diesen Sommer die höchste in Deutschland je gemessene Temperatur von 40,3 °C erreicht. 2014 war global das wärmste Jahr seit dem Beginn regelmäßiger Messungen. 2015 könnte diesen Rekord sogar noch übertreffen. „14 der 15 weltweit wärmsten Jahre wurden in diesem Jahrhundert beobachtet“, resümiert Michel Jarraud, Generalsekretär der World Meteorological Organization.

Der vom Menschen verursachte Klimawandel schreitet rasant voran: Seit 1880 stieg die globale Temperatur um 0,85 °C. Das klingt nach wenig, hat aber gravierende Auswirkungen. Besonders wird dies an den polaren Regionen deutlich: Das sommerliche Meereis der Arktis und das grönländische Eisschild gehen zunehmend zurück. Die Gletscher der Westantarktis rutschen immer schneller ins Meer. Zusammen mit wärmeren Ozeanen führt dies zu einem Anstieg des Meeresspiegels. Von 1901 bis 2010 erhöhte sich der Pegel bereits um 19 Zentimeter. Jedes Jahr kommen drei Millimeter hinzu.

Je stärker sich die Erde erwärmt, umso größer wird die Gefahr, dass Kipppunkte erreicht und daraufhin irreversible und extreme Ereignisse ausgelöst werden. „In der Westantarktis haben wir wahrscheinlich erstmals einen Kipppunkt überschritten“, stellt Anders Levermann, Leiter des Forschungsbereichs Nachhaltige Lösungsstrategien am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und Koautor des Sachstandsberichts des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) fest. Werden weitere Kipppunkte über- schritten, die zum Anstieg des Meeresspiegels führen, seien womöglich Städte wie New York, Tokio, Shanghai und Hamburg nicht mehr zu schützen. Ganze Inselnationen sind in ihrer Existenz bedroht. Die Regierung von Tuvalu beantragte als Erste bereits 2013 für alle Einwohner des Inselstaats im Pazifik Asyl in Neuseeland und Australien, allerdings mit wenig Erfolg.

WIE WARM WIRD ES?

Vor allem vom Verhalten der Menschen und dem damit verbundenen Treibhausausstoß hängt es ab, wie warm es künftig wird. Sollte der globale Temperaturanstieg mehr als 1,5 °C betragen oder sogar 2 °C überschreiten, befürchten Wissenschaftler, dass die Folgen des Klimawandels nicht mehr kontrolliert werden könnten.

Zwei Grad – nicht mehr. Dieses politische Ziel haben sich daher seit der Klimakonferenz der Vereinten Nationen (UN) 2009 in Kopenhagen viele Länder gesetzt. Auf dem G7-Gipfel im Juni 2015 bekannten sich die Regierungschefs erneut zur Einhaltung, verbunden mit der Hoffnung, nach mehreren gescheiterten Anläufen nun auf der Klimakonferenz (COP21) in Paris vom 30. November bis 11. Dezember 2015 eine verbindliche Einigung unter den 193 Mitgliedsstaaten herbeizuführen. „Was die Staaten für Paris an Emissionsreduktionen angekündigt haben, führt uns derzeit eher in Richtung drei Grad Erwärmung“, gibt Levermann jedoch zu bedenken. „Hier passen Anspruch und Wirklichkeit noch nicht zusammen.“

Immerhin: Die G7-Staaten bekräftigten, ihren Teil zum Klimafinanzierungsziel zu leisten, also bis 2020 rund 100 Milliarden US-Dollar jährlich für Klimaschutzprojekte in Entwicklungsländern aufzubringen. Denn die Diskussion um Klimaschutz ist immer auch eine Diskussion um Verteilungsgerechtigkeit, das Recht der ärmeren Nationen auf Entwicklung sowie die Verantwortung der Industrienationen, ihnen zu helfen.

WAS KOSTET DIE WELT?

Sind wir bereit, heute in die Zukunft zu investieren? „Der Erderwärmung muss die gleiche Aufmerksamkeit gewidmet werden wie Kriegen, Armut und der Verbreitung von Massenvernichtungswaffen“, mahnt der ehemalige UN-Generalsekretär Kofi Annan. „Die Verringerung von Emissionen kommt uns heute billiger als später der Kampf gegen ihre Folgen.“ Die UN-Agenda für nachhaltige Entwicklung bis 2030, die im September verabschiedet wurde, fordert auf, umgehend Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels und seiner Auswirkungen zu ergreifen.

Die Erderwärmung ist längst keine Glaubenssache mehr, sondern wissenschaftlich untermauert. Und sie wirft ethische Fragen auf. In seiner zweiten Enzyklika „Laudato si“ fordert Papst Franziskus den verantwortungsvollen Umgang mit der Natur. „Das Klima ist ein gemeinschaftliches Gut“, betont er. Der Vatikan hat erkannt: Klimawandel ist kein Luxusproblem. Vielmehr lei- den gerade arme Länder unter seinen Folgen. Nur durch eine langfristige Kostenrechnung und eine nachhaltige Energiepolitik kann er gebremst und die Folgen abgemildert werden.

Dabei hat jede Region naturgegeben andere Optionen, um regenerative Energien zu nutzen. So versorgt sich Island schon heute autark mit Strom aus Erdwärme und Wasserkraft. Die Kanareninsel El Hierro deckt ihren Energiebedarf rund um die Uhr mit Wind-Wasser-Kraft. Tokelau hat die Stromversorgung aller drei Pazifikatolle komplett auf Photovoltaik umgestellt. Die schottischen Orkney-Inseln experimentieren mit der Dynamik von Ebbe und Flut sowie der Energiegewinnung durch Meereswellen.

Nicht nur auf abgelegenen Inseln, sondern auch im vernetzten urbanen Raum ist Nachhaltigkeit das Gebot der Stunde. Weltweit entstehen klimaneutrale Siedlungen wie die Bahnstadt in Heidelberg, eine der größten europäischen Passivhaussiedlungen, oder die Stad van de Zon in Westfriesland. Noch schleppend ist hingegen der Baufortschritt von Megaprojekten wie der CO2-neutralen Wissenschaftsstadt Masdar im ölreichen Abu Dhabi oder der Eco-City am Rande der chinesischen Hafenmetropole Tianjin mit geplanten 350.000 Einwohnern.

Im Kleinen leisten aber schon heute viele ihren Beitrag zum Klimaschutz. So wie Ernst Ulrich von Weizsäcker, Ko-Präsident des Club of Rome, der in einem Passivhaus lebt. Fahrräder stehen unter dem Vordach, die siebenköpfige Familie teilt sich ein Auto. Leidenschaftlich plädiert der Pionier der Umweltforschung für langfristiges Denken und mehr Ressourceneffizienz durch technologischen Fortschritt: „Alle glauben, wenn man Klimaschutz macht, wird man ärmer. Die Effizienzrevolution macht Länder und Firmen aber wettbewerbsfähiger und reicher. “

 

Sabine Schlosser für das ARTE Magazin

 

ARTE Schwerpunkt: Ernstfall Klima

Mit offenen Karten (Geopolit. Magazin)
ab Samstag, 21.11. | 14.25

+/–5 Meter (Dokumentarfilm)
Samstag, 21.11. | 20.15 | Seite 16

Eine Frage des Gewissens: Ingenhoven und grüne Architektur (Gesellschaftsdoku
)
Sonntag, 22.11. | 17.35

Der Smaragdwald (Abenteuerfilm)
Sonntag, 22.11. | 20.15

Inseln der Zukunft (Dokureihe)
ab Montag, 23.11. | 19.30 arte.tv/inselnderzukunft

Xenius (Wissensmagazin)
ab Montag, 23.11. | 8.30 + 17.00

Klimapolitik: Wann, wenn nicht jetzt? (Dokumentarfilm)
Dienstag, 24.11. | 20.15

Operation Klima – Die interaktive Umweltdoku
Dienstag, 24.11. | 22.00
info.arte.tv/de/operation-klima

Energiequelle Methan – Hoffnung oder Alptraum? (Dokumentarfilm
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Dienstag, 24.11. | 22.55

Mit Bio in die Zukunft
(Gesellschaftsdoku) Dienstag, 24.11. | 00.15

Klimawandel – Woher kommen die Zahlen? (Wissenschaftsdoku)
Freitag, 27.11. | ab 21.45

Polar Sea 360° – Per Anhalter durch die Arktis (Dokureihe)
ab Montag, 23.11. | 16.20 future.arte.tv/de/polarsea360

ARTE Thementag: Wetter
Samstag, 28.11.

Product: XYZ
Kurzfilmreihe | ab 10.45

Hurrikan – Im Auge des Sturms
Dokureihe | ab 10.50

Wetter und Architektur: Bauen für die Zukunft
Wissenschaftsdoku | 16.15

Extremwetter – Wie gut sind wir vorbereitet
Wissenschaftsdoku | 18.00

Wo unser Wetter entsteht – Auf Tour mit Sven Plöger
Dokumentarfilm | 20.15

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Kategorien: November 2015