FILM

„Weil ich frei sein will“

ZDF © Wesleyan University Cinema Archive

ZDF © Wesleyan University Cinema Archive

Ungeheure Schauspiellust, unbändiger Freiheitsdrang: Ingrid Bergman wäre im August 100 geworden. Ein Dokumentarfilm gibt nun mit bisher unveröffentlichten privaten Fotos, Filmen und Tagebucheinträgen exklusive Einblicke in ihr Leben.

Als Ingrid Bergman die Sätze sagt, die ihr Leben erklären sollen, lacht sie. Aber ihre Augen lachen nicht mit: diese Augen, aus denen die Emotionen sonst so hervorsprühen – Trauer, Liebe, nackte Panik. Filme wie „Casablanca“, „Berüchtigt“ oder „Die Kaktusblüte“ wurden durch sie noch größer. Und plötzlich scheinen sie sich fast verstecken zu wollen. Wenn man, wie Kritiker es jahrzehntelang taten, von der „beseelten Schönheit“ der Schwedin spricht, von ihrer unprätentiösen Vitalität und der persönlichen Integrität, dann meint man auch und vor allem ihre Augen.


Eine sehr frühe Feministin


Die Sätze also. Es ist eine der ersten Szenen im Dokumentarfilm „Ich bin Ingrid Bergman“, der dieses Jahr in Cannes seine Premiere feierte. November 1980, die Schauspielerin sitzt in der amerikanischen „Merv Griffin Show“, 65 ist sie inzwischen, und resümiert ihren bisherigen Weg: Schweden, wo alles anfing, von dort für zehn Jahre nach Hollywood, dann acht Jahre Italien, dann Paris, jetzt London. Ein Weg voller Brüche. Mit quasi jeder neuen Station trat auch ein neuer Mann, eine neue Liebe in Bergmans Leben. Mit jeder ließ sie, zumindest phasenweise, ihre Kinder zurück. Und all das fasst sie jetzt zusammen: „Ich will keine Wurzeln.“ Und auf die irritierte Nachfrage des Moderators nach dem Warum: „Weil ich frei sein will.“ Frei zu sein, das hieß für Ingrid Bergman ja vor allem: frei arbeiten zu können. Es hieß, dass sie die Familie, ihre Ehemänner, die Kinder, die Wohnorte, dass sie all das ihrer Karriere unterordnete. Selbst heute würde eine Frau, die so lebt, wohl noch Argwohn hervorrufen. Damals war eine solche Haltung schlicht revolutionär. „Ingrid Bergman war an sich nicht politisch“, sagt Stig Björkman, der Regisseur des Films. „Aber man kann sie als sehr frühe Feministin bezeichnen. Sie lebte, wie sich das sonst nur Männer herausnahmen.“

 

ZDF © Warner Bros.

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Das ist denn auch der eine Teil ihres Lebens, den sein Film zeigt: die Schauspielerin als Getriebene, die förmlich einzugehen schien, wenn sie nicht arbeiten konnte. Die sich zuerst im zu kleinen Schweden und später wohl auch in zu kleinen Familienstrukturen eingeengt fühlte. Es ist der Teil, der zumeist in der Öffentlichkeit spielte und damit vor allem im prüden Amerika für Entrüstung sorgte: Ingrid Bergman, die ihren ersten Mann und ihre Tochter Pia in Schweden und später in den USA zurücklässt, um zu arbeiten. Ingrid Bergman, die 1949 nach Italien geht, um mit Roberto Rossellini den Film „Stromboli“ zu drehen. Die dort eine Affäre mit dem Regisseur beginnt, schwanger wird, ihren Mann verlässt, Rossellini heiratet und mit ihm insgesamt drei Kinder bekommt – Roberto und die Zwillinge Ingrid und Isabella. 1957 wird auch diese Ehe nach sieben Jahren geschieden.


Sackhüpfen mit den Kindern


Der andere Teil ist der, der Björkmans Film so außergewöhnlich macht. Der Regisseur hat unzählige Briefe gesichtet, die Bergman an enge Freundinnen geschrieben hatte. Dazu die Tagebücher der Schauspielerin und umfangreiches privates Film- und Fotomaterial: Bergman, wie sie strahlend im Pool planscht. Beim Sackhüpfen mit ihren Kindern. Vertraute Momente mit ihren Männern, Urlaube mit der Patchwork-Familie. Man sieht eine unbeschwerte Frau, die jene Zeit aufzuholen versucht, in der sie nicht da war – mehr Freundin als Mutter.
Ein großer Teil des Materials war bislang unveröffentlicht. In der Art, wie Björkman es kuratiert, ergibt sich ein beinahe irritierend privater Blick in Bergmans Leben: „Ich habe so sehr versucht, mit Roberto zu leben“, schreibt sie etwa in einem Brief an Ruth Roberts, ihre Englischlehrerin. „Aber ich weiß, dass mein Leben sich verändert hat. Er hat mich verlassen (…) Und ich fühle mich seltsam erleichtert.“ Viel von dem Material hat Bergman selbst aufgenommen. Noch wichtiger ist aber: Sie selbst hat alles aufgehoben, hat es auf all ihren Reisen und Umzügen immer mitgenommen. Sogar ihre ersten Tagebücher – sie fing mit dem Schreiben an, da war sie gerade zehn Jahre alt – sind so erhalten geblieben. „Ihre Mutter starb, als Bergman drei Jahre alt war. Ihr Vater zehn Jahre später“, sagt Regisseur Björkman. „Erinnerungen aufzuheben war wohl ihr Weg, sich ihrer Familie nah zu fühlen.“

ZDF © Wesleyan University Cinema Archive

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„Sollen wir einen Film über Mama drehen?“


Nach dem Krebstod der Schauspielerin 1982 ging das Material an das Ingrid-Bergman-Archiv in Connecticut. Es war die Idee von Tochter Isabella Rossellini, aus den Briefen und Tagebüchern nun einen Film zu machen. Gut viereinhalb Jahre ist das her. Die Schauspielerin war gerade Jury-Präsidentin der Berlinale und saß dort bei einem Abendessen am selben Tisch wie Stig Björkman. „Ich hatte sie zuvor noch nie getroffen und kann nur vermuten, dass sie meine Arbeit kannte“, erzählt der Regisseur. „Jedenfalls drehte sie sich plötzlich zu mir und sagte: ‚Sollen wir einen Film über Mama drehen?‘“. „Ich empfand das als gewaltigen Vertrauensvorschuss.“ Auch die anderen Kinder zeigten sich überaus hilfsbereit. „Alle willigten sofort ein, mir vollen Zugang zum Archiv zu geben“, sagt Björkman.
Das, was er dort gefunden hat, also das, was Bergman in ihren intimsten Momenten aufgeschrieben und gefilmt hat, gibt Ton und Handlung des Films an: „Ich dachte, die Briefe und Tagebucheinträge würden bestimmt einen faszinierenden Einblick in die Welt von Film und Theater geben“, erklärt Isabella Rossellini im Film. „Als ich sie dann las, merkte ich: Es ging eigentlich nur um uns Kinder.“


Der charmanteste Mensch der Welt


Also rückt Björkman auch diese weiter in den Fokus, führt lange Interviews. Und zeigt auch hier ein intimes Familienbild: Kinder, die ihren Frieden mit der so häufig abwesenden Mutter gefunden haben. Kinder, die aber auch erzählen, wie sie tagelang nichts aßen, als die Schauspielerin mal wieder ging. Kaum war Bergman von Rossellini geschieden, steuerte sie bereits in die Ehe mit dem schwedischen Produzenten Lars Schmidt. „Warum nur wollte sie nicht mit uns leben?“, fragt Pia Lindström in Erinnerung an jene Zeit. „Ich vermute mal, wir waren nicht so unterhaltsam.“ Bergman selbst schrieb damals, endlich den Richtigen gefunden zu haben: „Wir sind uns so ähnlich. Ich bin so hoffnungsvoll. Ich denke, die jüngeren Kinder werden ihn akzeptieren. Pia wird wohl aufgebrachter sein.“ Man kann sich diesen Zeilen schwer entziehen. Auch die Kinder können das nicht: Was sie vermisst habe, sei nicht Bergman als Mutter gewesen, sagt Pia Lindström. Es war der Mensch. „Sie war so entzückend offenherzig. Ich habe mein Leben lang danach geschmachtet, mehr davon zu bekommen.“ Und Isabella Rossellini sagt: „Wenn ich meine Mutter in einem Wort beschreiben müsste, wäre es ‚Charme‘. Sie war der charmanteste Mensch der Welt.“ Und ihre Augen blitzen. Sie hat sie von ihrer Mutter geerbt.

 

Jakob Biazza für das ARTE Magazin

ARTE PLUS

INGRID BERGMAN

FILMOGRAFIE

„Herbstsonate“ (1978, R: Ingmar Bergman);
„Mord im Orient-Expreß“ (1974, R: Sidney Lumet);
„Die Kaktusblüte“ (1969, R: Gene Saks);
„Indiskret“ (1958, R: Stanley Donen);
„Anastasia“ (1956, R: Anatole Litvak);
„Weiße Margeriten“ (1956, R: Jean Renoir);
„Angst“ (1954, R: Roberto Rossellini);
„Reise in Italien“ (1953, R. Rossellini);
„Europa 51“ (1952, R: R. Rossellini);
„Stromboli“ (1950, R: R. Rossellini);
„Sklavin des Herzens“ (1949, R: Alfred Hitchcock);
„Berüchtigt“ (1946, R: Alfred Hitchcock);
„Ich kämpfe um Dich“ (1945, R: Alfred Hitchcock);
„Das Haus der Lady Alquist“ (1944, R: George Cukor);
„Casablanca“ (1942, R: Michael Curtiz)

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(Auswahl)

ARTE HOMMAGE

100. GEBURTSTAG INGRID BERGMAN

SONNTAG · 30.8.

CASABLANCA
SPIELFILM
SONNTAG · 30.8. · 20.15

ICH BIN INGRID BERGMAN
DOKUMENTARFILM
SONNTAG · 30.8. · 21.45

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Kategorien: August 2015