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Im Meer der Gleichgültigkeit

© Jörg Hülsmann

© Jörg Hülsmann

In den 1970er Jahren flüchtete die Familie der italienischen Schriftstellerin Igiaba Scego von Somalia nach Europa. Die Geschichte, die sie erzählt, ist eine Anklage gegen den Kontinent, der das Sterben vor seinen Toren zulässt.

 

„Mit einem Flugzeug kamen sie nach Italien, mein Vater und meine Mutter. Nicht in einem schäbigen Kahn, sondern an Bord eines Linienfluges. In den 1970er Jahren konnten Menschen, die wie meine Eltern aus dem fernen Süden kamen, eines: reisen. Seelenverkäufer, Schleuser, Schiffbruch oder Haie, die dich zum Fressen gern haben? Fehlanzeige. Ihr gesamtes Hab und Gut hatten meine Eltern verloren – in gerade einmal 36 Stunden: Als 1969 das Regime von Siad Barre in Somalia die Macht an sich riss, zögerten sie nicht lange. Sie mussten ihre Haut retten, und so suchten sie spontan Zuflucht in Italien, um hier ein neues Leben zu beginnen. Mein Vater war in Somalia ein wohlhabender Mann; er kam aus der Politik, aber nach dem Putsch hatte er keinen Cent mehr in der Tasche. Heute würde er wohl ein Boot aus Libyen nehmen müssen. Es gibt keinen anderen Weg nach Europa, wenn du aus Afrika kommst und nicht zur Elite gehörst. Vor gut vierzig Jahren war das anders. Ich hatte Verwandte, die kamen und gingen, Vettern, die auf Ölplattformen in Libyen arbeiteten. Und einen Bruder, Ibrahim, der Student war – in einem Land, das damals Tschechoslowakei hieß. Immer wieder kam er zu uns nach Rom, und in den Semesterferien reiste er nach Somalia zurück, wo ein Teil der Familie geblieben war, trotz Diktatur. Wenn ich die Reisen meines Bruders Ibrahim auf ein Blatt zeichnen müsste, es wäre ein einziges Gewirr aus Linien, die Mogadischu mit Prag verbinden, mit Umwegen über Rom.

 

Für Europäer bedeutet Reisen Freiheit. Du steigst in einen Zug, ein Flugzeug, ein Auto, auf ein Kreuzfahrtschiff oder einfach auf ein Fahrrad. Die Möglichkeiten sind grenzenlos. Das waren sie auch für Ibrahim, damals, 1970, trotz des Eisernen Vorhangs. Natürlich konnte er nicht überall hin. Doch es war ihm möglich zu reisen, dank eines Visa-Systems, das den somalischen Pass nicht als Toilettenpapier abstempelte. Wenn du heute aus dem Süden kommst, besteht deine Reise aus einer einzigen Geraden. Sie führt immer nur vorwärts, nie zurück. Es gibt weder Visa noch humanitäre Korridore. Es ist dein Problem, wenn in deinem Land Diktatur oder Krieg herrschen. Europa schaut dir nicht in die Augen, du bist doch nur lästig. Aus Mogadischu, Kabul oder Damaskus führt der Weg immer nur in eine Richtung: nach vorne, Schritt für Schritt, unweigerlich. Inzwischen wissen wir nur allzu gut, dass diese Gerade Schnittstellen hat: mit Schleppern, Sklavenhändlern, korrupten Polizisten, Terroristen, Vergewaltigern. Ein düsteres Schicksal wird dir zuteil. Du bist für schuldig befunden – nicht weil du etwas Bestimmtes getan hast, sondern weil du von einem bestimmten Ort kommst. Reisen ist ein Vorrecht des Nordens, der sich zunehmend isoliert und taub wird. Wirst du auf der falschen Seite der Erde geboren, bekommst du nichts geschenkt. Als ich heute über die x-te Tragödie im Kanal von Sizilien nachdachte, in diesem Mittelmeer der Verwesung, voll von Körpern, die es verschlungen hat, habe ich mir laut die Frage gestellt: Wann nahm dieser Albtraum seinen Anfang? Und vor allem: Warum habe ich das nicht bemerkt?

 

Seit 1988 verschlingt das Mittelmeer Männer und Frauen auf der Flucht. Ein Jahr später fiel die Berliner Mauer. Wie glücklich ich damals war – so sehr, dass ich kaum mitbekam, wie klammheimlich eine neue Mauer aus Wasser entstand. Was passierte, habe ich erst 2003 verstanden. Vor Sizilien waren 13 Menschen ertrunken. 13 junge Somalier, die vor einem Krieg geflohen waren, der in ihrem Land tobte. 13 – die Chiffre wurde zur Mahnung. Ich erinnere mich an die Begräbniszeremonie, die die Stadt Rom zusammen mit somalischen Mitbürgern abhielt. Ein zutiefst gespaltenes Land war zusammengekommen, an einem wolkenverhangenen Oktobertag, und wurde im Angesicht der Toten zu einer Gemeinschaft. Die Somalier weinten und mit ihnen weinten die Römer, im Schmerz vereint.

 

Heute passiert etwas ganz anderes. Es ist nicht nur Gleichgültigkeit – ich fürchte, dass etwas viel Schrecklicheres unsere Seele gepackt hat. Am eigenen Leib erlebt habe ich das diesen Sommer in Hargeysa, einer Stadt im Norden von Somalia. Eine Dame erzählte mir, vielmehr gestand sie mir, fast beschämt, dass ihr Neffe während des Tahrib – der Reise nach Europa – gestorben sei: ‚Sein Boot hat ihn verschlungen.‘ Sie war völlig niedergeschlagen und meinte fast beschwörend: ‚Unsere Kinder sagen uns nicht, wenn sie gehen. Ich hatte ihm an jenem Tag sein Abendessen vorbereitet – er hat es nie gegessen.‘ Seit diesem Tag träume ich oft von Booten mit Zähnen, die ihre jungen Insassen an den Knöcheln packen und auffressen, wie einst Kronos seine Kinder. In meinen Träumen ist da dieses Boot mit riesigen Hauern, so groß wie Elefantenstoßzähne. Ich fühle mich hilflos, schlimmer noch: Ich bin eine Mörderin, weil mein Kontinent, Europa, keinen Finger rührt, um diese Tragödien auf offener See systematisch anzugehen.

 

Ich frage mich allerdings, ob das Wort ,Tragödie‘ überhaupt angebracht ist. Nach 25 Jahren kann man nur noch von fahrlässiger Tötung reden; vor allem, nachdem die Operation Mare Nostrum eingestellt wurde. Es war die bewusste Entscheidung unseres Kontinents, lieber Grenzen zu kontrollieren als Menschenleben zu retten. Keiner von uns ist auf die Straße gegangen, damit Mare Nostrum wieder aufgenommen wird; keiner hat für eine strukturelle Lösung des Problems demonstriert. Uns trifft die gleiche Schuld wie unsere Regierungen. Enrico Calamai, der als italienischer Vizekonsul im Argentinien der 1970er viele Menschen aus den Fängen von Videlas Militärdiktatur gerettet hat, sagt über die toten Flüchtlinge im Mittelmeer: ,Das sind die neuen Desaparecidos, die neuen Verschwundenen. Dieser Ausdruck ist weder rhetorische Floskel noch Polemik: Die Desaparición ist eine Massenvernichtung. Und die Öffentlichkeit kann nicht sagen, davon nichts gewusst zu haben.“

 

Auszug aus einem text von Igiaba Scego, erschienen auf www.internazionale.it. übersetzung: Martin Will

 

 

ARTE Gastautorin: Igiaba Scego

Igiaba Scego, geb. 1974 in Rom, ist italienische Schriftstellerin somalischer Herkunft. Sie schreibt für zahlreiche italienische Medien zum Thema Migration und kultureller Dialog

 

 

ARTE Themenabend

STÖSST EUROPA
AN SEINE GRENZEN?

Dienstag · 9.6. · 20.15

Gelobte Länder · Dokumentarfilm · 20.15

Zurück zum Schlagbaum? · Dokumentarfilm · 22.15

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ARTE Reportage Spezial

Samstag · 20.6. · 16.55

Die Piroge – Boot der Hoffnung · Drama
Mittwoch · 24.6. · 20.15

Mehr Informationen kurz vor Ausstrahlung unter arte.tv/immigration

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Kategorien: Juni 2015