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Reise nach Autistan

© Cinétévé

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Sie leben in ihrer eigenen Welt, sind von der unseren allzu oft ausgeschlossen: Autisten. Ein Interview darüber, was sich in unserer Gesellschaft ändern muss – mit einem, der es wissen muss: Josef Schovanec, Autor und Autist.

 

Promovierter Philosoph, erfolgreicher Autor und gefragter Redner zum Thema Autismus: Josef Schovanec ist heute in der Gesellschaft angekommen. Früher hätte, wie der Asperger-Autist sagt, niemand nur einen müden Cent auf ihn gewettet. Er lernte spät sprechen, wiederholte stets gleiche Ausdrücke, brauchte Routine. Das Unwissen von Ärzten über Autismus hat seine Kindheit erschwert, aber auch sein Engagement für die Inklusion von Autisten bestärkt. Anlässlich des Welt-Autismus-Tags am 2. April hat uns der reiselustige Polyglott ein Interview während seines Aufenthalts im Oman gegeben. Dabei erklärte er uns, wie Autisten und Nicht-Autisten voneinander das Leben lernen können.

 

ARTE: Sie sprechen von einem Universum namens „Autistan“. Wie muss man sich dieses vorstellen?

Josef Schovanec: Man muss es sich nicht vorstellen, man kann es einfach besuchen. Es ist sehr lehrreich und kann exotischer sein als ein fernes Land. Manchmal beginnt es vor der eigenen Haustür. Jeder kann autistische Nachbarn haben, schließlich ist ein Prozent der Gesellschaft davon betroffen.

ARTE: Sie sind zurzeit auf einer längeren Reise im Oman. Was führt Sie dahin?

Josef Schovanec: Seit einigen Jahren verbringe ich einen Teil des Winters im Orient, um Sprachkurse zu belegen und mich weiterzubilden. Der Südoman ist das Land des Weihrauchs, ein Mosaik aus Arabien und den Antillen, mit dem Duft von Sansibar. In der Regenzeit blüht hier die Wüste.

ARTE: Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen Ihrem Faible für ferne Länder und Kulturen und dem bei Ihnen diagnostizierten Autismus?

Josef Schovanec: Wenn man seinen Platz nirgendwo findet, sucht man ihn anderswo. Ich verstehe die Ängste der sogenannten Normalen, die möglichst schnell die Komfortzone ihrer vier Wände wiederfinden wollen. Außenseiter haben insofern Glück, als ihnen kein Ort wirklich gehört.

ARTE: Können Sie Autismus definieren?

Josef Schovanec: Mediziner sprechen von einer genetischen Besonderheit, die mangelnde soziale Interaktion und fehlende Empathie verursacht. Für mich ist Autismus ein anderer Blick auf die Welt.

ARTE: Wie sieht Ihre Welt aus?

Josef Schovanec: Genauso wie Ihre, nur aus einer anderen Perspektive betrachtet. Vielleicht detailreicher, bunter. Wenn man in einen Wald geht und sich nicht mit Pilzen auskennt, sieht man keine. Geht man den gleichen Weg mit einem Pilzexperten, ist man überwältigt.

ARTE: Wie war Ihre Kindheit mit diesem Syndrom?

Josef Schovanec: Schwer. Weniger wegen des Autismus als wegen der Unkenntnis der Menschen. In den 1980er Jahren gab es weltweit nur wenige Autismus-Experten. Ich bekam jahrelang eine chemische Keule verpasst. Für die vielen Medikamente gab es keine wirkliche Begründung, und Besserung brachten sie auch nicht.

ARTE: Hatten Sie es als hochbegabter Asperger-Autist im Leben einfacher als andere Autisten?

Josef Schovanec: Diese Unterscheidung wird heute nicht mehr gemacht, was ich als großen Vorteil sehe. Man kann nicht mehr sagen, dass es der kleine Paul, ein Kind mit Asperger-Syndrom, weit bringen wird, während der kleine Peter, ein einfacher Autist, keine Chance hat. Dieses Schubladendenken hat viel Schaden angerichtet.

ARTE: Fielen Sie als Kind in der Schule auf?

Josef Schovanec: Ich war ein guter Schüler, muss aber manchmal ein Ärgernis gewesen sein. Ich korrigierte die Lehrer, ohne Absicht, oft auf brutale Weise. Als meine Lehrerin und ich einmal zu unterschiedlichen Messergebnissen kamen, hatte ich eine einfache Erklärung: Ihre Hände würden wegen ihres hohen Alters zittern, deswegen die verschiedenen Resultate. Sie war nicht wirklich begeistert …

ARTE: Trotz dieser Erlebnisse sind Sie ein Verfechter der Inklusion autistischer Kinder.

Josef Schovanec: Natürlich. Kein Kind, ob autistisch oder nicht, kann sich entfalten ohne zu lernen. Wie sollen autistische Kinder sonst zu lebenstüchtigen Erwachsenen werden? Eine autistische Freundin sagte einmal, ein autistisches Kind gehöre allein deshalb in die reguläre Schule, weil die anderen so die Chance bekämen, es kennenzulernen.

ARTE: Was können Autisten und Nicht-Autisten voneinander lernen?

Josef Schovanec: Ganz einfach: das Leben. Es wäre schrecklich, wenn wir alle Klone voneinander wären. Als Kind habe ich in der Schweiz gelebt. In der Präambel der Schweizer Verfassung steht am Schluss etwas, was mir sehr gefällt: „… dass die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen.“ Dieses Verständnis sollte doch die Basis unseres Zusammenlebens sein.

ARTE: Sie haben einmal gesagt, im Autismus gebe es Opfer und Überlebende. Wie meinen Sie das?

Josef Schovanec: Früher dachte man, dass Autisten sabbernde Monster sind, die wild um sich schlagen würden. Auch heute noch landen viele Autisten im Abfalleimer der Gesellschaft. Manche enden in der Psychiatrie, andere auf der Straße und andere wiederum nehmen sich das Leben. Wie viele Autisten haben eine richtige Arbeit? In Frankreich so gut wie keiner. Und noch einmal: Es liegt nicht am Autismus selbst. Hier ist die Gesellschaft gefragt.

 

Katja Ernst für das ARTE Magazin

 

ARTE Interview

Josef Schovanec

Der 1981 in Frankreich geborene Josef Schovanec ist promovierter Philosoph, Erforscher orientalischer Kulturen und Autor. Er engagiert sich für Autisten und lebt bei Paris

 

ARTE PLUS

Welt-Autismus-Tag

Im Jahr 2008 hat die UNO den 2. April zum Welt-Autismus-Tag erklärt. Ziele sind die weltweite Sensibilisierung für das Thema Autismus sowie die Verbesserung der Lage von Betroffenen. So machen etwa Veranstaltungen darauf aufmerksam, dass die Früherkennung und geeignete Forschungs- sowie Interventionsmaßnahmen für die Entwicklung der Autisten von großer Bedeutung sind. Internationales Symbol des Autismus sind farbige Puzzles.

 

 

ARTE Wissenschaftsdoku

Hilfe bei Autismus? Die Rolle der Bakterien, Freitag · 27.3. · 21.45

ARTE Themenabend

Autisten – Integration Fehlanzeige?, Dienstag · 31.3. · 22.15

Mehr Informationen kurz vor Ausstrahlung unter arte.tv/autismus

 

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Kategorien: März 2015