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Das andere Afghanistan

(c) Claire Billet

(c) Claire Billet

 

Wer war Mullah Omar? Auf der Suche nach dem letzten Talibanchef, der in seinem Leben nur ein einziges Mal gefilmt wurde, zeigen drei Journalistinnen ein unbekanntes Afghanistan. Ein persönlicher Blick auf ein Land in Aufruhr. Regisseurin Claire Billet im Interview.

 

ARTE: Warum wollten Sie die Geschichte Mullah Omars erzählen? Von ihm ist kaum noch die Rede.

Claire Billet: Mullah Omar war jener Mann, der als Talibanchef dem Westen als Feindbild gedient hat. Hierzulande gilt er als „Mann mit dem Herzen aus Stein“, als böser, blutrünstiger Fundamentalist – und diese Dämonisierung trug dazu bei, westliche Militärinterventionen zu legitimieren.

ARTE: Im Film zeigen Sie einem seiner Vertrauten einige der wenigen Fotos Mullah Omars. Die Hälfte davon schiebt er beiseite: Das sei er gar nicht …

Claire Billet: Afghanistan ist ein Land der mündlichen Überlieferung. Deshalb wollten wir vor Ort herausfinden, ob unsere Fotos und damit auch unsere Vorstellungen von Mullah Omar und seinem Land der Wahrheit entsprechen.

ARTE: Was wissen Sie nach Ihren Recherchen über den Menschen Mullah Omar?

Claire Billet: Mullah Omar ist ein einfacher, fast schon gewöhnlicher Afghane. Er hat es von einer Koranschule aus dem hintersten Winkel des Landes bis an die Spitze des afghanischen Staates geschafft – ein Staat, der Jahre voller Instabilität und Kriege hinter sich hatte. Nach zehn Jahren sowjetischer Besatzung folgte 1989 der Bürgerkrieg zwischen verfeindeten Mudschaheddin-Gruppen. Das Land war sowohl politisch als auch wirtschaftlich am Boden. Mullah Omars Machtergreifung 1996 kam vielen Afghanen deshalb einer Erlösung gleich. Die Bevölkerung hätte jedes Regime unterstützt. Die Taliban waren Allahs Männer. Sie setzten auf brutalste Weise eine Art Ordnung durch. Und die Leute waren sehr gläubig. Mullah Omar repräsentierte das Gegenteil der afghanischen Elite, ob kommunistisch oder königlich. Er selbst hatte nie damit gerechnet, sein Land zu führen und war Der Kampfeinsatz der NATO in Afghanistan läuft zum Jahresende aus. Lediglich 12.500 ausländische Soldaten sollen nach einem neuen Sicherheitsabkommen am Hindukusch stationiert bleiben. Vor diesem Hintergrund erkundet der ARTE-Themenabend die Entwicklungen des Landes in den letzten 35 Jahren, darin der Dokumentarfilm „Der letzte Kalif von Afghanistan“. Fernab gewohnter medialer Bilderwelten vermittelt er ein anderes Bild Afghanistans. In Burkas gehüllt, ausgerüstet mit unauffälligen Kameras, begeben sich drei Journalistinnen, unter ihnen Claire Billet, auf die Suche nach Mullah Omar, dem letzten Talibanführer, der nach dem Sturz des Regimes 2001 bis heute verschwunden ist. Ein Interview über die Begegnung mit den Taliban.

ARTE: Warum wollten Sie die Geschichte Mullah Omars erzählen? Von ihm ist kaum noch die Rede.

Claire Billet: Mullah Omar war jener Mann, der als Talibanchef dem Westen als Feindbild gedient hat. Hierzulande gilt er als „Mann mit dem Herzen aus Stein“, als böser, blutrünstiger Fundamentalist – und diese Dämonisierung trug dazu bei, westliche Militärinterventionen zu legitimieren.

ARTE: Im Film zeigen Sie einem seiner Vertrauten einige der wenigen Fotos Mullah Omars. Die Hälfte davon schiebt er beiseite: Das sei er gar nicht …

Claire Billet: Afghanistan ist ein Land der mündlichen Überlieferung. Deshalb wollten wir vor Ort herausfinden, ob unsere Fotos und damit auch unsere Vorstellungen von Mullah Omar und seinem Land der Wahrheit entsprechen.

(c) Leslie Knott

(c) Leslie Knott

ARTE: Was wissen Sie nach Ihren Recherchen über den Menschen Mullah Omar?

Claire Billet: Mullah Omar ist ein einfacher, fast schon gewöhnlicher Afghane. Er hat es von einer Koranschule aus dem hintersten Winkel des Landes bis an die Spitze des afghanischen Staates geschafft – ein Staat, der Jahre voller Instabilität und Kriege hinter sich hatte. Nach zehn Jahren sowjetischer Besatzung folgte 1989 der Bürgerkrieg zwischen verfeindeten Mudschaheddin-Gruppen. Das Land war sowohl politisch als auch wirtschaftlich am Boden. Mullah Omars Machtergreifung 1996 kam vielen Afghanen deshalb einer Erlösung gleich. Die Bevölkerung hätte jedes Regime unterstützt. Die Taliban waren Allahs Männer. Sie setzten auf brutalste Weise eine Art Ordnung durch. Und die Leute waren sehr gläubig. Mullah Omar repräsentierte das Gegenteil der afghanischen Elite, ob kommunistisch oder königlich. Er selbst hatte nie damit gerechnet, sein Land zu führen und war dafür überhaupt nicht ausgebildet. Er sah sich als guter, reiner Gottesgesandter, der sein Volk vor den tyrannischen Kriegsherren schützen wollte.

ARTE: Besteht nicht das Risiko, dass Sie mit Ihrem Film die Taliban verharmlosen?

Claire Billet: Jedes Mal, wenn ich einen Film über die Taliban drehe, fragt man mich, ob ich am Stockholm-Syndrom leide. Es geht hier nicht um eine Verharmlosung der Taliban. Natürlich haben die Taliban Kriegsverbrechen begangen, über die man nicht hinwegsehen kann. Doch soll der Film vor allem die andere Seite Afghanistans zeigen – nicht die unserer Nachrichtensender, die das Land nur als gefährliche Kampfzone zeigen, in dem der Westen die Demokratie gegen ihre Gegner verteidigt.

ARTE: Wie sieht „Ihr“ Afghanistan aus?

Claire Billet: Wir sind auf die Menschen zugegangen, haben in ihren Häusern gedreht – und haben eine andere, relativ entspannte Lebenswelt kennengelernt: Afghanistan lebt eben auch von der Schönheit der afghanischen Gesänge, dem Humor seiner Menschen und ihrem Versuch, ein Leben inmitten eines Kriegsgebietes zu führen. All das, was man selten zu Gesicht bekommt.

ARTE: War es für Sie beim Dreh von Vorteil, eine Frau zu sein?

Claire Billet: Ja, manchmal ist es einfacher, da ich so auch Zugang zu dem Teil der Bevölkerung habe, der sonst im öffentlichen Raum nicht zu sehen sind – den Frauen. Außerdem beschützt mich die afghanische Gesellschaft mehr als einen westlichen Mann, der aber trotz allem einen natürlicheren Umgang mit den Afghanen führen kann. Ich muss stets Haltung bewahren und darauf achten, in ländlichen Gebieten die Männer auf der Straße nicht anzulächeln, um Missverständnissen vorzubeugen. Diese Selbstkontrolle kann ermüdend sein.

ARTE: Sie tragen beim Filmen zum Teil eine Burka …

Claire Billet: Auch wenn wir die Kampfzonen in der Regel gemieden haben, ist bei unseren Aufnahmen das Artilleriefeuer im Hintergrund zu hören. In Regionen, wo wir leicht zum Angriffsziel von Dieben oder politischen Geiselnehmern hätten werden können, versteckte uns die Burka.

ARTE: Im Film sind viele Nahaufnahmen und Porträts zu sehen und weniger Landschaften. Warum?

Claire Billet: Das liegt an den oft chaotischen Drehbedingungen. Es war manchmal einfach zu riskant, zum Drehen anzuhalten. Aber die Porträtaufnahmen haben wir auch ganz bewusst gewählt, um die Afghanen – auch die Taliban – aus nächster Nähe zu zeigen, ihnen ein Gesicht zu geben. Es geht darum zu verdeutlichen: Schaut her, derjenige, den wir immer als Feind wahrnehmen, ist auch ein Mensch. Das mag vielleicht naiv klingen, aber ein neuer Blick auf die Dinge ermöglicht vielleicht, die politische Richtung, die die westlichen Regierungen zur Zeit in Kriegsfragen einschlagen, besser zu hinterfragen.

ARTE: Warum sind Sie immer wieder in Kriegsgebieten unterwegs?

Claire Billet: Nach meiner Ausbildung als Journalistin zog es mich gerade in Kriegsgebiete wie Afghanistan. Krieg ist immer scheußlich und ich komme aus einer Familie von Widerständlern. Ich wollte wissen, was Männer dazu treibt, zu den Waffen zu greifen.

Pierre-Olivier für das ARTE Magazin

 

ARTE INTERVIEW

CLAIRE BILLET

Claire Billet, 1981 in Versailles geboren, besuchte die Pariser Journalistenschule. Sie verbrachte insgesamt fünf Jahre in Afghanistan, wo sie Reportagen über die Taliban drehte

 

ARTE Themenabend

AFGHANISTAN, EIN LAND IN AUFRUHR

Dienstag · 11.11.

Der letzte Kalif von Afghanistan

Dokumentarfilm · 20.15

Debatte · 21.15

Countdown Afghanistan

Gesellschaftsdoku · 21.25

Der Afghanistan-Krieg verändert die Welt

Geschichtsdoku · 22.25

Mehr informationen kurz vor Ausstrahlung hier

 

 

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Kategorien: November 2014