FILM

Wir lieben de Funès

 

(c) ARTE

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Cholerisch, pedantisch, tyrannisch – aber immer liebenswert: Der Schauspieler Louis de Funès wäre im Juli 100 geworden. Der Meister der wilden Gestik und Mimik ging in die Kinogeschichte ein – und lehrte die Deutschen, die Franzosen zu lieben.

Im Dezember 2008 wusste das Pariser Magazin „Paris Match“ Skurriles über die deutsche Kanzlerin zu berichten: Angela Merkel schaue sich gerade auf ihrem DVD-Player die Filme von Louis de Funès an, um Präsident Nicolas Sarkozy besser zu verstehen. Die Meldung war eine Ente, die auf ein Merkel-Porträt im Magazin „Spiegel“ zurückging. Der Autor hatte die Leidenschaft der Kanzlerin für Louis-de-Funès-Filme mit den Worten kommentiert: „Hibbelige Franzosen interessieren Merkel seit dem Amtsantritt von Nicolas Sarkozy sehr.“

Es mag Ähnlichkeiten zwischen de Funès und dem damaligen französischen Präsidenten Sarkozy geben. Die Körpergröße oder das Temperament etwa. Um den wichtigsten Partner Deutschlands in der Europapolitik besser zu verstehen, standen Angela Merkel indes andere Mittel zur Verfügung. Aber die Anekdote ist bezeichnend: Louis de Funès prägte das deutsch-französische Verhältnis nicht nur so nachhaltig, dass seine Filme hierzulande jedem ein Begriff sind – er brachte den Deutschen die Franzosen tatsächlich näher.

Heilsame Komik

Selten überwindet nationaler Humor Landesgrenzen. Dass de Funès das Mitte der 1960er Jahre, nur zwei Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, gelang, ist sensationell. Als der Schauspieler mit „Der Gendarm von Saint Tropez“ nach dem Pariser Theaterfolg „Oscar“ auch auf der Leinwand in Frankreich und kurz danach in Deutschland seinen Durchbruch schaffte, da waren gegenseitige Ressentiments noch immer weit verbreitet. Im Krieg hatte die deutsche Propaganda das Bild des französischen „Erbfeindes“ gepflegt, während die französische Seite den „sale boche“, den Drecksdeutschen, beschwor. Plötzlich zeigten deutsche Kinos einen kleinen, polternden Franzosen, der die Deutschen zum Lachen brachte. Für die deutsch-französischen Beziehungen wurden seine Filme fast so heilsam wie der Élysée-Vertrag.

Der cholerische Untertan

Das Erfolgsgeheimnis von Louis de Funès lässt sich anhand des Gendarmen erklären, einer Figur, die in seinen späteren Filmen in vielen Facetten wieder auftaucht. Der Polizist Ludovic Cruchot ist ein cholerischer Kleingeist, der unnachgiebig und mit großer Leidenschaft Ordnungswidrigkeiten und Nudisten verfolgt. Er buckelt nach oben und tritt nach unten – eine Variation der „Untertanen-Mentalität“, die Heinrich Mann einst als typische Geisteshaltung des deutschen Kaiserreichs beschrieb. Dem deutschen Publikum gab sie die Gelegenheit, sich über einen Charakterzug zu amüsieren, der das eigene Schicksal stark geprägt hatte. Es war eine Form der Befreiung.

Der Gendarm Cruchot zählt zweifelsohne zu den unsympathischsten komischen Charakteren der Filmgeschichte, aber Louis de Funès machte ihn durch seine unermüdliche Verbissenheit liebenswert. In Verbindung mit seinen Grimassen – angeblich schaffte er 40 pro Minute – eroberte er sich in Deutschland wie in vielen anderen Ländern Europas eine treue Fangemeinde.

Das Verhältnis der Franzosen zu den Deutschen war mehrfach explizit Thema in den Filmen von Louis de Funès, zum ersten Mal in dem wenig bekannten Film „Zwei Mann, ein Schwein und die Nacht von Paris“ von 1956. In ihm mimt de Funès einen Metzger, der unter deutscher Besatzung Schwarzhandel betreibt.

Hitler im Edelrestaurant

Legendär wurde die Hitler-Parodie von Louis de Funès aus „Scharfe Kurven für Madame“ (1966). Der Komiker spielt hier Monsieur Septime, den Besitzer eines Pariser Edelrestaurants. Als Septime, ein typischer De-Funès-Tyrann, von einem deutschen Gast nach einem Rezept gefragt wird, beginnt er, auf Deutsch die Zutaten aufzuzählen. Dabei steigert sich seine Stimme immer mehr in jenes Crescendo hinein, das so markant für Hitlers Rhetorik war. Am Ende brüllt er den eingeschüchterten Gast an: „Muskatnuss, Herr Müller!“ Just in dem Moment zeichnet ein Schatten den typischen Hitler-Schnauzer und -Scheitel auf Septimes Gesicht. Der Film wurde ein Erfolg. Die Franzosen lachten über die Persiflierung Hitlers und die Deutschen über die Parodie und die vermeintliche Fixierung der Franzosen auf Hitler, die de Funès aufs Korn nimmt.

1966 kam ein weiterer De-Funès-Film in die Kinos, der den Nationalsozialismus zum Thema machte: „La grande vadrouille“. In Deutschland wurde er unter dem Titel „Drei Bruchpiloten in Paris“, später als „Die große Sause“ bekannt. In ihm verhilft de Funès als Dirigent im Jahr 1942 gemeinsam mit einem Maler drei über Frankreich abgeschossenen britischen Bomberpiloten zur Flucht vor den Nazis. In dieser Rolle spricht der Schauspieler im Original auch ein paar deutsche Sätze. Der Film lockte in Frankreich 17 Millionen Menschen ins Kino – ein Besucherrekord, der erst 50 Jahre später von „Willkommen bei den Sch’tis“ gebrochen werden sollte. Auch in Deutschland wurde der Film so begeistert aufgenommen, dass er 1974 in neuer Fassung noch einmal ins Kino kam. Die deutsche Filmkritik dagegen behandelte Louis de Funès ähnlich snobistisch wie andere Komiker. Insbesondere in den 1970er Jahren war bei vielen Rezensenten alles Leichte verpönt. Neue Filme des Franzosen wurde eher herablassend kommentiert oder – wie im Standardwerk „Geschichte des Films“ von 1978 –  erst gar nicht erwähnt.

Der kleine große Komiker

Das Publikum ließ sich davon nicht stören. Auch in Deutschland hat Louis de Funès ganze Generationen geprägt. Während sich die Älteren über die Prüderie des „Gendarmen von Saint Tropez“ amüsierten, begeisterten sich die Jüngeren für den Schurken „Fantomas“ oder für die Effekte der Kohlsuppe in „Louis und seine außerirdischen Kohlköpfe“. Als „Fufu“, wie die Franzosen de Funès nannten, 1983 starb, trauerten auch in Deutschland viele um den kleinen großen Komiker. Hintergründiger Humor gepaart mit mimischem Talent: Heute werden seine Filme in zahlreichen Internetforen gefeiert.

Miriam Hollstein für das ARTE Magazin

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Louis de Funès

Louis Germain David de Funès de Galarza wurde 1914 in Courbevoie als Sohn spanischer Einwanderer geboren. Er schlug sich als Pianist und mit Nebenrollen durch, bis ihm spät, 1961/62, der Durchbruch mit der Theaterkomödie „Oscar“ gelang. Berühmt wurde er 1964 mit dem Film „Der Gendarm von St. Tropez“. Louis de Funès hatte zwei Söhne; 1983 starb er in Nantes an seinem dritten Herzinfarkt

 

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Alles tanzt nach meiner Pfeife

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Kategorien: Juni 2014