GESELLSCHAFT

Die 7 Leben des Gunter Sachs

 

(c) Jay Ullal/Stern

(c) Jay Ullal/Stern

 

Als Playboy war Gunter Sachs bekannt, als Wissenschaftler,
Familienmensch oder Fotograf weniger. Er lebte und
liebte intensiv und hatte sein Leben bis zum Schluss selbst unter Kontrolle.
Eine neue Doku bei ARTE ist dem Lebenskünstler auf der Spur. Ein Porträt in sieben Kapiteln.

 

Der Playboy

Es war das Deutschland der Nachkriegszeit und des Wiederaufbaus, als Gunter Sachs in Erscheinung trat. „Playboy“ war kein Attribut, für das einem die Sympathien zugeflogen wären. Sachs hatte alles, was beneidenswert war: Er war vermögend, sah gut aus, war polyglott, perfekt gekleidet und von schönen Frauen umgeben. Er liebte die Geschwindigkeit – auf dem Motorrad, seiner Münch Mammut, oder auf dem Cresta-Schlitten im Eiskanal von St. Moritz. Er war Sportsmann, betrieb physische Selbsterprobung auf exklusivem Niveau. Doch er war nicht der einzige Playboy der 1950er Jahre: Es gab den Prinzen Ali Khan, Porfirio Rubirosa oder Gianni Agnelli. In seiner Autobiografie von 2005 nennt Sachs die Playboys rückblickend „Ritter der verlorenen Zeit“, denn „eine ihrer Stärken bestand in echter Freundschaft zueinander ohne Missgunst und Neid“. Fünf der Ritter haben sich in ihren Sportautos zu Tode gefahren. Doch Leichtsinn war nicht der Stil eines Gunter Sachs.

 

Der Familienmensch

Der Kern des Wesens von Gunter Sachs waren Tugenden, die der Öffentlichkeit lange verborgen blieben: Verantwortungsbewusstsein und Mitgefühl, Diskretion und Großzügigkeit zeichneten ihn aus. Die Familie war für Gunter Sachs unantastbar, und so füllte er die Rolle des beschützenden Patriarchen aus. Hier lag sein emotionales Zentrum, auch wenn sich das mediale Interesse zunächst weiterhin an sein Leben in Luxus heftete. Früh, im Jahr 1958, musste Gunter Sachs den Tod seiner ersten Frau Anne-Marie – aus dieser Ehe stammt der Sohn Rolf – verkraften. Sein libertinäres Leben begann erst danach. Doch als eine seiner Freundinnen, Brigitte Laaff, lebensbedrohlich erkrankte, blieb er an ihrer Seite bis zur Heilung. Nach einer kurzen Ehe mit Brigitte Bardot von 1966 bis 1969 heiratete er im selben Jahr die Schwedin Mirja Larsson, mit der er die Söhne Christian Gunnar und Claus Alexander hat. Das Paar war 42 Jahre lang zusammen – bis zu Sachs’ Freitod am 7. Mai 2011.

 

Der Wissenschaftler

Gunter Sachs studierte Mathematik in Lausanne. Eng befreundet war er mit dem englischen Physiker, Biochemiker und Medizin-Nobelpreisträger Francis Crick, der zusammen mit James Watson die Molekularstruktur der DNS entdeckt hatte. Sachs besuchte Crick immer wieder in dessen Institut im kalifornischen La Jolla und unterstützte es großzügig finanziell. Das Computer Center des Instituts ist nach Gunter Sachs benannt. Als er 1995 das „Institut zur empirischen und mathematischen Untersuchung des möglichen Wahrheitsgehaltes der Astrologie in Bezug auf das Verhalten von Menschen und deren Anlagen“ (IMWA) gründete, ging es ihm weniger um Sterndeutung, als vielmehr um den wissenschaftlichen Nachweis eines Zusammenhangs von Tierkreiszeichen und menschlichem Verhalten. 1997 veröffentlichte Sachs „Die Akte Astrologie“, einen Bestseller, in dem er seine These, mathematisch untermauert, in vielen Statistiken ausführt.

 

Der Unternehmer

(c) Nachlass Gunter Sachs/Estate Gunter Sachs

(c) Nachlass Gunter Sachs/Estate Gunter Sachs

Gunter Sachs’ Vater Willy gehörten die Kugellager- und Motorenwerke Fichtel & Sachs, seine Mutter Elinor von Opel kam aus der Autobauer-Dynastie. Der 25-jährige Gunter und sein älterer Bruder Ernst-Wilhelm traten nach dem Suizid ihres Vaters 1958 in die Führung des Konzerns ein. Ab 1976 veräußerten die Brüder ihre Anteile. Sachs’ unternehmerischer Geist hatte ihn derweil in den 1960ern eine Modekette gründen lassen: Die Micmac-Boutiquen waren vor allem erfolgreich, weil Sachs mit seinem Chic und Savoir-vivre dahinterstand. Anfang der 80er verkaufte er sie wieder. 1970 gehörte Sachs zu den Gründern des legendären Dracula Clubs in St. Moritz. Mit dem Verkauf von Werken aus seiner Kunstsammlung, deren Wert gestiegen war, machte er später noch einmal sehr kluge Geschäfte. 2013, knapp zwei Jahre nach seinem Tod, brachten einige Medien seinen Namen in Zusammenhang mit möglicher Steuerhinterziehung. Die Berichterstattung erwies sich als haltlos. 

 

Der Kunstsammler

Gunter Sachs hatte den Blick für das Besondere – und er konnte sich Kunst leisten. Erstmals zeigte er 1967 Teile seiner Sammlung in der Münchner Villa Stuck, um die Idee eines „Modern Art Museum Munich“ zu befördern. Seit den 50ern hatte er systematisch Surrealismus, Informel oder den französischen Nouveau Réalisme gesammelt; Werke von Yves Tanguy, Jean Fautrier oder Arman, keine „Markt-Künstler“, sondern seine Wahl. Schon 1969 hatte Sachs seine Wohnung in St. Moritz von den Protagonisten der Pop-Art und der damaligen Avantgarde ausstatten lassen – von Andy Warhol, Roy Lichtenstein und Tom Wesselmann, von Michelangelo Pistoletto und Allen Jones. Als Sachs 1972 in seiner Galerie in Hamburg Warhol ausstellte – und, mangels Käufern, selbst Werke erwarb – war der amerikanische Pop-Superstar in Europa noch nicht angekommen. Sachs ist nicht mit dem Mainstream gegangen, er hat die Richtung für andere vorgegeben.

 

(c) Nachlass Gunter Sachs/Estate Gunter Sachs

(c) Nachlass Gunter Sachs/Estate Gunter Sachs

Der Frauenheld

Die Frauen liebten Gunter Sachs – und er begehrte, verehrte und liebte die Frauen: der homme à femmes schlechthin, der ihnen das Gefühl gab, einzigartig zu sein. Das hat er nicht zuletzt mit dem berühmten Hubschrauberflug bewiesen, bei dem er Rosen über das Anwesen von Brigitte Bardot in St. Tropez regnen ließ, um dann noch selbst vom Helikopter abzuspringen. Dass der Filmstar Bardot zugleich eine Trophäe gewesen sein mag, die Frankreich und Deutschland 1966 in Atem hielt, ist bekannt. Davor aber hatten schon andere schöne Frauen erfahren, wie es ist, von Gunter Sachs umschwärmt zu werden, etwa die persische Ex-Kaiserin Soraya, mit der Sachs im Sommer 1962 eine kurze Liaison hatte. Dann kam das schwedische Model Mirja Larsson – und blieb. Aber auch wer ihm noch viel später, als Mann von mehr als 70 Jahren, begegnet ist, versteht: Gunter Sachs’ Charme, seine Höflichkeit, seine scharfe Intelligenz und seine sanfte Ironie waren betörend.

 

Der Fotograf

Wissenschaftliches Interesse und technische Begabung brachten Gunter Sachs zum Film und zur Fotografie. 1969 drehte er in Liechtenstein einen Kurzfilm über die akrobatische Seite des Skisports: „Happening in White“. Für die preisgekrönte Dokumentation benutzte Sachs ungewöhnliche Aufnahmetechniken. Vor allem die damals neue Superzeitlupe erzeugte einzigartige, noch nicht gesehene Effekte. Doch es war die Fotografie, die Sachs zu seinem eigentlichen künstlerischen Feld machte. Für manche seiner Fotos experimentierte er ebenfalls mit extremen Belichtungszeiten – etwa wenn er den Flug von flüssiger Farbe über den Körper eines Models wie einen schwebenden Pinselstrich festhielt – und benutzte früh die digitale Technik. Seine Fotografien, die Landschaften wie surreale Körper erscheinen lassen oder perfekte Akte inszenieren, sind seinem unbedingten Bedürfnis nach Ästhetik verpflichtet. 1973 sorgte Sachs mit der ersten Aktaufnahme für die französische „Vogue“ für Aufsehen. Seine Fotografien wurden mit über 40 internationalen Ausstellungen gewürdigt.

 

Rose-Maria Gropp für das ARTE Magazin

Rose-Maria Gropp leitet das Ressort Kunstmarkt bei der „F.A.Z.“

 

ARTE Plus

Gunter Sachs

Ausstellung in Schweinfurt 

In der Kunsthalle Ernst-Sachs-Bad in Schweinfurt sind noch bis zum 30. März rund 160 Werke aus der berühmten Sammlung von Gunter Sachs zu sehen, darunter Roy Lichtenstein, Salvador Dalí und René Magritte. Auch Andy Warhols serielle Siebdrucke sind dort zu sehen, etwa von Brigitte Bardot, Marilyn Monroe und auch Gunter Sachs selbst. Die Ausstellung ist täglich (außer montags) von 10 bis 17 Uhr, am Donnerstag bis 21 Uhr geöffnet

Mehr Informationen unter www.kunsthalle-schweinfurt.de

 

ARTE Porträt 

Gunter Sachs, der Lebenskünstler 

So · 16.3. · 21.50

 

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Kategorien: März 2014