JOHNNY SUPERSTAR

Drushba Pankow

Drushba Pankow

Da steht er, breitbeinig, langbeinig, in Anzug, Lack oder Leder, mit offenem Hemd. Der ganze Mann ist Rock-’n’-Roll-Attitüde: sexy, animalisch. Das Mikro hält er in der Hand, als gelte es sein Leben, der Blick ist brennend und ach so blau, diese Augen haben Sehnsucht und wahren Schmerz gesehen. Und wenn er dann rau zu singen anfängt, dieser virile Protz, dieses Tier auf der Bühne, und die Hüften kreisen lässt, fällt halb Frankreich in einen Taumel aus Hingabe und Verzückung.
Johnny Hallyday heißt der Musiker, der Massen von Franzosen seit Jahrzehnten in die Stadien treibt. Geboren wurde er 1943 als Jean-Philippe Smet, und seine Eltern, ein französisches Lanvin-Mannequin und ein belgischer Theatermann, interessierten sich nicht für ihn. Als Fünfjähriger war er mit der Tanztruppe seiner Tante „The Hallydays“ auf Tournee, als Johnny Hallyday erfand er sich neu und 50 Jahre später ist er immer noch da. Er gilt als Schwerstarbeiter, mit über 1.000 Liedern, unzähligen Tourneen, 20 Platin-Alben. 1960 wurde er berühmt, als er den amerikaskeptischen Franzosen das Unglaubliche brachte: den „Schock des Rock“, das amerikanische Lebensgefühl, indem er die US-Hits à la Française sang. Er war ein französischer Elvis und 1967 trat Jimi Hendrix in seinem Vorprogramm auf. Trotzdem blieb er immer dem Chanson treu. Charles Aznavour protegierte ihn, Intellektuelle erkannten ihn an. Er drehte Filme mit Godard, Chabrol, Costa-Gavras und Besson; Françoise Sagan und Jean-Jacques Goldman schrieben Texte für ihn, und wenn er Piaf röhrt, rührt er zu Tränen.

 

Legendär sind seine Megakonzerte, wie das unterm Eiffelturm am 10. Juni 2000 mit 650.000 Fans, Songs wie „Que je t’aime“ sind Hymnen – doch Deutsche können kaum verstehen, was Johnny für viele Franzosen ist. „Il les prend aux tripes“, „er fährt ihnen in die Eingeweide“, packt sie im Innersten mit seiner Inbrunst, seiner Riesenstimme, mit all seinen Songs über Lust, Verlust, Liebe und das Leben. Gelebt hat er ordentlich. Zuverlässig füllt er die Klatschpresse mit Geschichten über Abstürze, Mädchen und Motoren, seine Porsches, seine Waffen, seine Ehefrauen. Instinktgesteuert sei er, sagt er, und sein Leben eine Mischung aus Alptraum und Poesie. Ein solcher Satz ist Johnny pur.
Bis vor wenigen Jahren trat Frankreichs berühmtester Rocker, schon da eher ein Rock-Opa, besoffen im Fernsehen auf. Das, so Johnny, sei vorbei: dank Ehefrau Laetitia. Sie ist jung und blond. Man kann Johnny auch peinlich und belanglos finden? Egal. Er, der oft fälschlicherweise als Belgier gilt, ist in Frankreich ein Nationalheiligtum. Und nichts kann ihn stoppen. Am 15. Juni wird er 70. Na und? Er ist wieder auf Tournee, füllt die Stadien, ist und bleibt Johnny Superstar.

 

KATJA ERNST FÜR DAS ARTE MAGAZIN

ILLUSTRATION: DRUSHBA PANKOW

 

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Kategorien: Juni 2013