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DIE SICH TRAUTEN

Barbara Rybol/AVE

Barbara Rybol/AVE

Die Zeremonie, die den historischen Akt besiegelte, dauerte nur fünf Minuten. Doch keinem der zahlreichen Beobachter in der prunkvollen Salle Murat des Elysée-Palasts blieb die Feierlichkeit des Augenblicks an jenem kalten Dienstagabend in Paris verborgen. Man spürte den Windhauch der Geschichte, auch wenn viele Anwesende sich nicht so richtig schlüssig waren, ob sich das Blatt nun endgültig zum Guten oder zum Schlechten wenden würde.

 

Eine uralte Rivalität

Es war der 22. Januar 1963, Punkt 17.40 Uhr, als die beiden Patriarchen Europas, Frankreichs Präsident Charles de Gaulle, 72, und der deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer, 87, an dem mit rotem Samt ausgeschlagenen Tisch Platz nahmen. Der General als Gastgeber und, wie man wohl sagen muss, auch als meisterlicher Regisseur großen Staatstheaters, saß in der Mitte, der Kanzler zur Rechten, Premierminister Georges Pompidou zur Linken, an den Enden dahinter etwas zurückgesetzt die beiden Außenminister Gerhard Schröder und Maurice Couve de Murville. Im Lichte der Lüster aus Baccarat-Kristall unterzeichneten die fünf jeweils viermal die gemeinsame deutsch-französische Erklärung und den Vertrag über die deutsch-französische Zusammenarbeit, um eine aus den Tiefen der Geschichte kommende, uralte Rivalität der beiden Völker diesseits und jenseits des Rheins zu beenden. Die französischen Dokumente lagen in einer roten, die deutschen in einer blauen Ledermappe.

Der Präsident war schon fertig, da stockte dem Kanzler kurz die Feder. Adenauer schien überrascht, als de Gaulle sich zu einer kleinen Ansprache erhob. „Es gibt keinen Menschen auf der Welt“, sagte der General mit betonter Wärme in der Stimme, „der nicht die kapitale Bedeutung dieses Aktes ermisst – nicht nur, weil damit nach einer langen Vergangenheit blutiger Kämpfe und Zwistigkeiten eine Seite der Geschichte umgewendet wird, sondern auch, weil das Tor in eine neue Zukunft für Deutschland und Frankreich, für Europa und die ganze Welt weit aufgestoßen ist.“

Leicht um Worte verlegen, erwiderte der Kanzler: „Sie haben in vollkommener Form die Gefühle aller ausgedrückt, die an diesem Werk mitgearbeitet haben. Ich habe dem nichts hinzuzufügen, jedes Ihrer Worte entspricht unseren Hoffnungen.“ Er wollte sich schon wieder setzen, da zog de Gaulle ihn mit langen Armen zur Akkolade, dem Bruderkuss, auf die linke und die rechte Wange heran. Dann wandte sich der Präsident dem deutschen Außenminister Schröder zu, der mit der ernsten Miene eines Trauzeugen dabei gesessen hatte. „Sie umarme ich nicht, Monsieur le Ministre“, – kleine Kunstpause, dann, mit feinem Lächeln – „noch nicht. Aber die Gefühle sind die gleichen.“ Jeder im Saal verstand die Anspielung. Der mit einem Händedruck abgefundene Schröder hatte bis zuletzt Vorbehalte gegen das Vertragswerk geltend gemacht; als ausgewiesener Atlantiker im Bonner Kabinett fürchtete er eine Störung im lebenswichtigen Verhältnis zu den USA. Wegen seiner gefährdeten Lage konnte das geteilte Deutschland keinesfalls auf den amerikanischen Schutz, auch und gerade wegen des nuklearen Schildes, verzichten. De Gaulle dagegen, der seine eigene atomare Force de frappe aufbaute, war bestrebt, Europa außen- und sicherheitspolitisch so weit wie möglich von der amerikanischen Vormacht zu emanzipieren.

 

Ein Europa der Staaten

Als der General nach der Unterzeichnung Adenauer aus dem Elysée hinausbegleitete, hörte der deutsche Dolmetscher Hermann Kusterer ihn zum Abschied noch sagen: „Das ist der Anfang der Integration, und das sagt niemand anderer als ich. Diesmal aber auf realer Grundlage, das heißt, den Staaten.“ Was damals für Kusterer recht kryptisch klang, meinte nichts anderes als eine politische Union, über die in der EU auch heute noch diskutiert wird, ohne dass sie schon wirklich erreicht worden wäre. Wenn das 1963 in der Sechsergemeinschaft der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) nicht möglich schien, dann sollten Frankreich und Deutschland nach dem Willen de Gaulles eben vorangehen und einen harten Kern bilden. Zusammen mit seinem Partner Adenauer wollte de Gaulle den deutsch-französischen Motor in Gang bringen, um mit dessen Antriebskraft Europa nach vorn zu bringen. Eine wirkliche Einheit („une entité réelle“) schien ihm nur als ein „Europa der Staaten“ sinnvoll, von einem supranationalen Europa der Völker, wie es vor allem die drei kleinen Benelux-Staaten befürworteten, hielt er nicht viel. Für die Brüsseler Kommission und das Europäische Parlament hatte der General eine kaum verhohlene Verachtung übrig.

 

Eine Vision und ihre Kritiker

Gerade diese Vision des großen Franzosen schürten jedoch auf deutscher Seite Zweifel und Bedenken. Der historische Vertrag wurde vor 50 Jahren keineswegs einhellig als Durchbruch gefeiert. Er stieß vielmehr auf heftigen Widerstand von vielen Seiten und löste mancherorts sogar einen Aufschrei der Empörung aus. De Gaulle hatte erst acht Tage vor der Unterzeichnung Großbritanniens Beitritt zur EWG, den die anderen fünf Mitgliedsländer unterstützten, ziemlich rüde zurückgewiesen („England ist eine Insel, England kann nichts dafür, aber ich auch nicht“). Er hielt England für das Trojanische Pferd der USA, forderte eine Reform der NATO, lehnte die von Washington vorgeschlagene „multilaterale Streitmacht“ unter dem amerikanischen Atomschirm ab und wünschte für Europa eine eigenständige Rolle in der Weltpolitik. Verfolgte er mit dem Elysée-Vertrag die geheime Absicht, die BRD aus dem westlichen Bündnis herauszulösen und sie mit ihrer Wirtschaftskraft sowie ihrer konventionellen Streitmacht an Frankreich zu ketten?

Diese Interpretation ginge vermutlich zu weit, aber klar ist, dass de Gaulle und Adenauer die öffentliche Meinung falsch eingeschätzt hatten. Die Unsicherheit war groß – so sehr, dass der Deutsche Bundestag dem Vertrag bei der Ratifizierung eine Präambel voranstellte, in der er die enge Partnerschaft zwischen Europa und den Vereinigten Staaten von Amerika festhielt und die Einigung Europas unter Einbeziehung Großbritanniens forderte. Diese einseitige Präambel hatte zwar keine Rechtsbindung, widersprach aber in de Gaulles Augen dramatisch dem Geist des im Elysée unterzeichneten Textes. Der Präsident war tief enttäuscht, vor Abgeordneten der Nationalversammlung sinnierte er: „Die Verträge sind wie die Rosen und die Mädchen, sie blühen nur einen Morgen.“

 

Eine unumkehrbare Aussöhnung

Der Rosenzüchter und passionierte Gärtner Adenauer tröstete ihn beim nächsten Treffen Anfang Juli 1963 in Bonn: „Die Rose ist die ausdauerndste Pflanze, die wir haben. Sie hält jeden Winter durch.“ Der weise Alte, der kurz danach, im Oktober 1963, zurücktrat, sollte Recht behalten. Sein Lebenswerk war vollendet, der Elysée-Vertrag blühte ständig neu auf, trotz mancher Frostperioden bis heute. Seine Unterzeichnung vor 50 Jahren war die Sternstunde deutsch-französischer Freundschaft. Zwischen Bonn und Paris war die Nachkriegszeit definitiv zu Ende gegangen. Im Elysée hatten de Gaulle und Adenauer die deutsch-französische Aussöhnung unumkehrbar festgeschrieben und sich zugleich einen einzigartigen Ausbruch emotionaler Zuneigung gestattet. Franzosen und Deutsche sahen sich danach mit anderen, neuen Augen.

 

ROMAIN LEICK FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

ARTE-GASTAUTOR: ROMAIN LEICK IST AUTOR IM KULTURRESSORT DES „SPIEGEL“. ER WAR LEITER DES AUSLANDSRESSORTS UND VON 2000 BIS 2005 KORRESPONDENT IN PARIS

 

 

50 JAHRE DEUTSCH-FRANZÖSISCHE FREUNDSCHAFT

 

Die Annäherung

2.7.1948

Das Deutsch-Französische Institut (dfi) wird in Ludwigsburg gegründet – mit dem Ziel, „die deutsch-französische Verständigung auf allen Gebieten des geistigen und öffentlichen Lebens zu fördern“ (§1 der Satzung).

 

Partnerstädte

1950

Die Städte Montbéliard und Ludwigsburg schlie-ßen den ersten deutsch-französischen
Partnerschaftsvertrag. Mittlerweile gibt es über 2.200 Städtepartnerschaften zwischen beiden Län-
dern, so viel wie nirgends sonst auf der Welt.

 

Saarvertrag

27.10.1956

Als Reaktion auf ein Referendum unterzeichnen die Bundesrepublik Deutschland und Frankreich den Luxemburger Saarvertrag, der die sukzessive politische und wirtschaftliche Rückkehr des Saarlandes zu Deutschland festschreibt.

 

Römische Verträge

25.3.1957

In den Römischen Verträgen einigen sich Frankreich, die Bundesrepublik, aber auch Italien, die
Niederlande, Belgien und Luxemburg auf die Errichtung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und der Europäischen Atomgemeinschaft.

 

Gottesdienst Reims

8.7.1962

Bundeskanzler Konrad Adenauer und der französische Staatspräsident Charles de Gaulle besuchen einen Gottesdienst in der Kathedrale von Reims, mit dem die Versöhnung beider Nationen nach den Leiden zweier Weltkriege bekundet wird.

 

Elysée-Vertrag

22.1.1963

Mit dem „Vertrag über die deutsch-französische Zusammenarbeit“, auch Elysée-Vertrag genannt,
vereinbaren Adenauer und de Gaulle eine verstärkte Zusammenarbeit beider Regierungen in der Außen- und Verteidigungspolitik wie auch in Jugendfragen.

 

Erstes Gipfeltreffen

JULI 1963

Erstes Gipfeltreffen in Bonn: Auf Grundlage der Vereinbarungen im Elysée-Vertrag finden zweimal jährlich Gipfeltreffen statt. Die Gründung des Deutsch-Französischen Jugendwerks (DFJW) soll „die Bande zwischen der Jugend beider Länder enger gestalten“.

 

„Göttingen“

1964

Die französische Sängerin Barbara komponiert das Chanson „Göttingen“, das als Beitrag zur Völkerverständigung verstanden wird. Seit 2002 gehört das Lied zum offiziellen Schulprogramm der französischen Vor- und Grundschulen.

 

Koordinatoren

12.7.1967

Beim 10. Deutsch-Französischen Gipfeltreffen wird die Ernennung eines „Koordinators der deutsch-französischen Beziehungen bei jeder Regierung“ vereinbart. Schwerpunkt ist das Engagement für die regionale und grenzüberschreitende Zusammenarbeit.

 

Projekt Airbus

13.3.1969

Beim 13. Deutsch-Französischen Gipfeltreffen in Bonn beschließen beide Regierungen die Gründung und gemeinsame Produktion des Airbus als Gegengewicht zur Vorherrschaft des US-Konkurrenten Boeing.

 

AbiBac

10.2.1972

Deutschland und Frankreich unterzeichnen ein Abkommen über die Errichtung deutsch-französischer Gymnasien und die Schaffung des deutsch-französischen Abiturs („AbiBac“)sowie dessen Anerkennung in beiden Ländern.

 

Gründung CIRAC

1982

In Paris wird das CIRAC, ein Forschungs- und Informationszentrum zur deutschen Wirtschaft und Gesellschaft, gegründet, um das Wissen über Deutschland auf den Gebieten des öffentlichen Lebens zu vertiefen.

 

Gedenken Verdun

22.9.1984

Staatspräsident François Mitterrand und Bundeskanzler Helmut Kohl besuchen gemeinsam einen deutschen und französischen Soldatenfriedhof in Verdun und gedenken Hand in Hand der in beiden Weltkriegen gefallenen Soldaten.

 

25 Jahre Elysée

22.1.1988

Anlässlich des 25. Jahrestages des Elysée-Vertrags werden in Paris die Protokolle zur Schaffung des Deutsch-Französischen Sicherheits- und Verteidigungsrats und des Deutsch-Französischen Wirtschafts- und Finanzrats unterzeichnet.

 

Brigade

2.10.1989

In Böblingen wird die Deutsch-Französische Brigade aufgestellt. Diese binationale Infanteriebrigade aus französischen und deutschen Truppen wird am 1. Oktober 1993 in das Eurokorps eingebunden.

 

Gründung ARTE

2.10.1990

Ein Staatsvertrag zwischen Frankreich und den zehn westdeutschen Bundesländern sowie West-Berlin leitet die Gründung von ARTE (Association Relative à la Télévision Européenne) ein. Der deutsch-französische Kulturkanal geht am 30. Mai 1992 auf Sendung.

 

Evian-Treffen

SEPTEMBER 1992

Ab 1992 treffen jedes Jahr im Herbst im französischen Evian Vorstandsvorsitzende der größten deutschen und französischen Unternehmen zusammen, um politische und wirtschaftliche Fragen zu diskutieren.

 

Hochschule

5.5.2000

Die Deutsch-Französische Hochschule (DFH) mit Verwaltungssitz in Saarbrücken wird gegründet. Die DFH ist ein Verbund von 180 Partnerhochschulen aus Deutschland, Frankreich und (bei trinationalen Studiengängen) anderen europäischen Ländern.

 

Geschichtsbuch

10.7.2006

Auf Anregung des Deutsch-Französischen Jugendparlaments erscheint der erste Band eines gemeinsamen Geschichtsbuchs für die Oberstufe. Es ist weltweit das erste in zwei Staaten inhaltlich identische Schulbuch.

 

Agenda 2020

4.2.2010

Mit der Deutsch-Französischen Agenda 2020 verabschieden Bundeskanzlerin Merkel und Staatspräsident Sarkozy eine politische Absichtserklärung, die die Zusammenarbeit beider Länder stärken soll und 80 konkrete Projekte umfasst.

 

Gedenkfeier Reims

8.7.2012

Bei der Gedenkfeier in der Kathedrale von Reims erinnern Angela Merkel und François Hollande an den Elysée-Vertrag vor 50 Jahren. Am 22.9.2012 eröffneten sie das Deutsch-Französische Jahr in Ludwigsburg.

 

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Kategorien: Januar 2013