NEUER GLANZ IM BOLSCHOI

Denis Sneguirev

Denis Sneguirev

Das frisch restaurierte Moskauer Bolschoi-Theater beginnt die neue Spielzeit mit einer alten Tradition: Die Oper „Ruslan und Ludmilla“ des russischen Komponisten Michail Glinka eröffnet die erste Saison – ein Brauch aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Vor sechs Jahren zwang die Einsturzgefahr zur Renovierung des fast 200 Jahre alten Theaterbaus. Nun mündet die Mammutrestaurierung in einen Erfolg: Moskau weiht am 28. Oktober die modernisierte Hauptbühne des Theaters ein.

 

 

 

Der Generaldirektor Anatoly Iksanov hat bei den Sanierungsarbeiten erlebt, dass auch langsame Fortschritte zu Erfolgen führen: Die Bauarbeiten, die 2005 begannen, sollten ursprünglich 2008 abgeschlossen sein. Doch marode Fundamente, verschwundene Millionenbeträge und staatsanwaltschaftliche Ermittlungen bremsten die Arbeiten und ließen die Kosten laut Sprechern des Bolschoi auf knapp 520 Millionen Euro steigen, seriöse Medien berichten gar von einer Milliarde. Die größte Sorge bereitete den Ingenieuren die Einsturzgefahr des Theaters, dessen Grundmauern jetzt von mehr als 2.500 Betonpfeilern stabilisiert werden.

Im Innern brachten Restauratoren Stuck, Ornamente und Blattgoldverzierungen in Form. So darf die Opernwelt sich freuen, dass der Zuschauerraum bei der Gala am 28. Oktober wieder in altem Glanz erstrahlt, wenn Russlands Präsident Medwedew die Eröffnungsrede hält. Das Programm mit internationalen Stars wie Plácido Domingo, Angela Gheorghiu oder Nathalie Dessay wird anschließend Opern- und Ballettszenen russischer Komponisten zusammenfügen, die die Geschichte des Bolschoi erzählen. „Wir sehen das als Chance, die Welt mit russischen Werken vertraut zu machen, die im Ausland bislang kaum zu sehen waren“, sagt der international gefeierte Regisseur Dmitri Tcherniakov.

 

Die modernste Bühne der Welt. Tcherniakov schwärmt von der neuen Hauptbühne, deren sieben Plattformen sich heben und kippen lassen. Die neue Technik des Bolschoi, übersetzt „Großes Theater“, ermöglicht es, Dekors von bis zu einer Tonne Gewicht in rasender Geschwindigkeit ins Bild zu setzen. „Das Bolschoi ist jetzt ein im wahrsten Sinne des Wortes großes Theater“, sagt Projektleiter Wolf-Guido Pappen von einer deutschen Firma, die die Bühnentechnik lieferte.

Doch: Erneuert sich das Haus zukünftig auch künstlerisch? Die gewichtigen Traditionen des Bolschoi reichen zurück bis ins Jahr 1776, als in Moskau ein vom Zarenhof protegiertes Ensemble für Schau- und Singspiele gegründet wurde. Vier Jahre später entstand ein Theatergebäude am aktuellen Standort, das jedoch abbrannte. Der 1825 eingeweihte Nachfolgebau wurde Bolschoi-Theater getauft. Im Stil des russischen Klassizismus zählt dieser zu den schönsten Theaterbauten der Welt – sein herrschaftliches Portal ist sogar auf dem 100-Rubel-Schein zu bewundern.

Mehr als 1.000 Premieren hat das Bolschoi bisher erlebt. Doch selten wurde ein Auftakt mit so viel Spannung erwartet wie die kommende Gala zur Wiedereröffnung unter der Regie von Dmitri Tcherniakov. Sein Credo lautet: „Jede Oper sollte nicht im rein Dekorativen verharren, sondern einen Bezug zur Gegenwart bieten.“ Ein Spagat, der für Generaldirektor Anatoly Iksanov nicht immer einfach zu halten ist. Auf der Neuen Bühne, dem Interims-Spielort im Nachbarhaus, wurde 2005 eine zeitgemäße Inszenierung des Prokofjew-Balletts „Romeo und Julia“ von den Erben des Komponisten gerichtlich verboten. Auch Tcherniakov musste 2006 erleben, wie seine international hochgelobte Fassung des „Eugen Onegin“ in Moskau zum Skandal wurde, als ihm eine altgediente Starsopranistin die Schändung eines nationalen Heiligtums vorwarf.

 

Zwischen Innovation und Tradition. Anatoly Iksanov verfolgt daher künftig eine Doppelstrategie. Die Hauptbühne im Bolschoi will er traditionellen Inszenierungen vorbehalten, die Neue Bühne im Nebengebäude zum Spielort für Experimentelles machen. Choreograf Alexei Ratmansky, der mit Regisseur Tcherniakov die Eröffnunsgala im Oktober gestaltet, sieht dieses Vorhaben kritisch. Über seine Zeit als Ballettchef am Bolschoi von 2004 bis 2009 bilanzierte er: „Das Gewicht von Gewohnheit und Tradition war unermesslich.“

Einflussreiche Kreise bewirken, dass der kreative Rückstand des Bolschoi aus der Zeit hinter dem Eisernen Vorhang nur langsam aufgeholt wird. Das Moskauer Publikum gilt als gebildet, aber konservativ. „Viele halten an einer Opern-Ästhetik von vorgestern fest und glauben, sie wäre die einzige, die der Musik gerecht würde“, kritisiert Tcherniakov. Diese Haltung will er in der neuen Spielzeit ändern, indem er den Klassiker „Ruslan und Ludmilla“ im Stil russischer Opern pompös inszeniert, der Handlung aber eine zeitgemäße Perspektive gibt. Im Bereich des Balletts sollen künftig experimentierfreudige Gast-Choreografen wie Wayne McGregor und William Forsythe frischen Wind bringen. Facettenreiche Inszenierungen, faszinierende Flugszenen und hochflexible Lichteffekte – das Bolschoi wird künftig seine Tradition mit der modernsten Technik der Welt fortführen.

 

ARTE-GASTAUTOR: ROBERT ZSOLNAY FÜR DAS ARTE MAGAZIN

Kategorien: Oktober 2011