DER KRIEG IM KOPF

Keine Couch, kein lederner Ohrensessel und auch kein Feng-Shui-Gärtchen auf dem Schreibtisch – die Therapie findet in einem Raum statt, der auch als Hobbykeller eines Computerfreaks durchgehen könnte. Dem Patienten kann das egal sein, er sitzt in seiner eigenen Welt. Eine Videobrille erzeugt ein dreidimensionales Computerbild vor seinen Augen, Kopfhörer liefern die Geräusche. Ein Basslautsprecher unter der Sitzfläche kann sogar den Stuhl erbeben lassen. Platz darauf nehmen fast ausnahmslos junge Männer mit kurz geschorenen Haaren und in Flecktarn-Uniformen. Seit ein paar Jahren schicken US-Forscher Soldaten in einen virtuellen Irak. Nicht als Training für den Kampf, sondern damit sie im zivilen Leben wieder zurecht kommen. Längst ist der Soldat, den die Bilder vom Schlachtfeld auch in der Heimat nicht mehr loslassen, zur Figur der Popkultur geworden. Der Vietnamkrieg machte das Ringen mit dem Trauma zum Dauerthema des Kinos, etwa in "Deer Hunter", "Apocalypse Now" oder "Geboren am 4. Juli". Das jüngste Beispiel ist Ari Folmans Animationsfilm "Waltz with Bashir".

Die Panik kommt nach dem Krieg. Schon Kleinigkeiten können in der Heimat den Krieg in den Köpfen wieder anstoßen: ein leerer Plastikkanister am Straßenrand – Erschrecken. Ein Einkaufszentrum voller Menschen – schwitzige Hände. Der Knall eines zerplatzenden Luftballons – Panik. "Posttraumatische Belastungsstörung" (PTBS) nennen Psychologen es, wenn die Erinnerungen an dramatische Erlebnisse Menschen krank machen und einschränken, etwa im Beruf oder in persönlichen Beziehungen. Symptome wie Albträume, Erinnerungsblitze, Schlafstörungen und Anspannung ereilen PTBS-Patienten noch lange nach ihrem Militäreinsatz und können sie bis zum Äußersten treiben.
Täglich 18 Kriegsheimkehrer nehmen sich nach Angaben der US-Veteranenbehörde das Leben, über 6.500 im Jahr. Das sind doppelt so viele Suizide, wie im Durchschnitt der Bevölkerung. Nicht hinter jedem Freitod steckt PTBS und auch nicht jeder Veteran leidet unter dem Syndrom. Doch seit 2003 werden die Krankenzahlen stetig weiter nach oben korrigiert. Einige Experten schätzen die PTBS-Quote heute auf über 30 Prozent. Das Washingtoner Verteidigungsministerium steckt deswegen seit vier Jahren Förderdollars in Forschungsprojekte, bei denen Patienten mit Hilfe von Hightech in eine virtuelle Realität (VR) eintauchen.

Zurückschießen ist nicht möglich. Ausgerechnet eine Behandlung, die an ein Ballerspiel erinnert? Auf den ersten Blick erscheint das geschmacklos, zumal mit der Expositionstherapie ein wirkungsvolles Mittel existiert: "Dabei erzählt der Patient sein Erlebnis dem Therapeuten wieder und wieder. Das ist nachgewiesenermaßen die wirksamste Behandlung für PTBS", sagt Albert Rizzo von der University of Southern California. Die Psychologie hinter dieser kognitiven Verhaltenstherapie: Viele Patienten versuchen krampfhaft, nicht über ihre Erlebnisse nachzudenken – bis ein äußerer Reiz das Kopfkino wieder startet. In der Behandlung hingegen führt das Sich-Aussetzen, die Exposition, zur Gewöhnung an die furchtbaren Erinnerungen und reduziert die emotionalen Reaktionen darauf. Doch Psychologe Rizzo weiß, dass ausgerechnet bei Militärangehörigen Vorurteile gegenüber der Psychotherapie weit verbreitet sind. Oft verweigerten sie sich gegenüber dem "Seelenklempner", der mit ihnen vermeintlich "über ihre Mutter sprechen" wolle.
Sitzungen mit dem von Rizzo entwickelten VR-System "Virtual Iraq" oder mit "IraqWorld" von Hunter Hoffman von der Universität Washington hingegen kommen bei Soldaten der Playstation-Generation gut an. Sie erleben darin etwa eine Patrouillenfahrt, einen belebten orientalischen Markt oder eine Hausdurchsuchung. Der Therapeut bestimmt am Computer Witterungsbedingungen, Objekte, Menschen und Aktionen, um die Szenen den Erinnerungen des Patienten anzunähern. "War es so?" – über schlichte Detailfragen kommen sie ins Gespräch. Zuerst beobachtet der Traumatisierte bloß, nach ein Paar Sitzungen kann er dann auch durch die Szene laufen oder fahren. Sein Therapeut kontrolliert Puls, Atemfrequenz, Schweißbildung und entscheidet, wann er per Mausklick für eine böse Überraschung sorgt: Schüsse oder eine Explosion. Eine Geruchsmaschine simuliert gar Dieselgeruch, Pulverdampf oder verbranntes Gummi.
Nur eines können die Veteranen in ihren virtuellen Szenarien nicht: zurückschießen. Weder mit dem Videospielcontroller in ihren Händen, noch mit jenen schwarzen Sturmgewehr-Attrappen, die in einigen Kliniken eingesetzt werden. Sie verfügen nur über Vorwärts- und Rückwärts-Knöpfe zur Steuerung der Bewegungsrichtung, nicht aber über einen Abzug.

Heilung aus der virtuellen Welt. An über 20 verschiedenen Kliniken und Forschungsinstituten in den USA wird "Virtual Iraq" bislang getestet, ebenso in Dänemark, Großbritannien, Israel, Kanada und Rumänien. "IraqWorld" wird in den USA und Spanien erprobt. Bei beiden Systemen sind die bisher veröffentlichten Ergebnisse positiv, wenngleich vorläufig. Neue Therapien an relativ kleinen Patientengruppen auszuprobieren, ist in der Psychotherapie zwar üblich, für den wissenschaftlichen Segen fehlt aber noch eine groß angelegte Vergleichsstudie. Die erste findet gerade am Stützpunkt Fort Lewis im Bundesstaat Washington statt.
Dass Therapien mit VR konventionellen Behandlungen überlegen sein können, wurde indes schon nachgewiesen: An der Cornell University in New York übten traumatisierte Überlebende aus dem World Trade Center mit einer Software erfolgreich, wieder ohne Angst enge Treppen hinunterzusteigen. Albert Rizzo hofft, dass in den nächsten fünf Jahren VR-Sitzungen zur Standardtherapie für Kriegstraumatisierte werden. "Der Krieg in Vietnam zeigte uns, dass Soldaten mit PTBS nicht etwa Feiglinge sind, sondern Menschen mit einem ernsthaften gesundheitlichen Problem", sagt er, "der Krieg im Irak, so schlimm er auch sein mag, gibt uns nun die Möglichkeit, an einer besseren Behandlungsmethode zu arbeiten."

STEFAN SCHMITT

ARTE PLUS

Mit Virtual Reality gegen die Angst Weitere Beispiele:
Bus-Attacke: VR-Therapie für israelische Opfer eines Anschlags auf einen Linienbus. Erdbeben: Griechische Schulkinder üben die Flucht im Erdbebenfall. Flug-, Höhen-, Spinnenangst: Psychologen behandeln mit VR. Afghanistan-Krieg: Forscher passen die Software "Virtual Iraq" an die Behandlung von Afghanistan-Veteranen an

Links:
Informationen zum Projekt "Virtual Iraq" gibt es unter www.vrpsych.ict.usc.edu/ptsd.html; die Website von Hunter Hoffmann an der University of Washington finden Sie unter: www.vrpain.com

Kategorien: März 2009