aurore.schaller@arte.tv

INSEL DER ALTEN

100 Jahre alt werden und bis zum Schluss gesund und munter bleiben – wenn es nach Henrikje van Andel – Schipper geht, ist das Rezept dafür denkbar einfach: eingelegten Hering essen, täglich ein Glas Orangen-saft trinken und "immer schön weiter atmen". Die alte Dame musste es wissen. Schließlich war die Nieder-länderin laut Guinness-Buch der Rekorde nicht nur eine Zeit lang der älteste Mensch der Welt – sie blieb bis zu ihrem Tod mit 115 Jahren auch weitgehend von typischen Anzeichen des Alterns verschont.

Seit Jahrzehnten versuchen Forscher, dem Geheimnis eines langen, gesunden Lebens auf die Spur zu kommen. Mit gentechnischen Kunstgriffen haben sie die Lebensspanne von Mäusen um das Sechs- und die von Hefekulturen sogar um das Zehnfache verlängert. Erst kürzlich entdeckte Bradley Willcox vom Pacific Health Research Institute auf Hawaii das Gen namens FOXO3A, das in einer ganz bestimmten Variante die Wahrscheinlichkeit des Menschen, 100 zu werden, verdoppeln oder gar verdreifachen kann. Doch für die meisten Altersforscher steht inzwischen fest: Wie lange wir von körperlichen und geistigen Gebrechen verschont bleiben, ist weniger eine Frage der Gene als des Lebensstils. Zwar deuten mehrere Studien darauf hin, dass die Abstammung eine Rolle spielt und dass bestimmte Gene die Langlebigkeit gezielt fördern können – insgesamt betrachtet wird die Lebensdauer aber gerade einmal zu 20 bis 30 Prozent durch das Erbgut bestimmt.
Entscheidend ist vielmehr der richtige Umgang mit dem Körper. Die Anleitung hierzu liefert die Okinawa Centenarian Study, eine der bedeutendsten Studien zu diesem Thema. Seit 1976 untersuchen amerikanische und japanische Forscher darin, welche Faktoren die Bevölkerung der japanischen Insel-gruppe Okinawa vitaler und zäher machen als den Rest der Menschheit. Nirgendwo sonst auf der Welt leben so viele 100-Jährige wie auf dem Eiland im Pazifik. Fast 600 der 1,3 Millionen Bewohner haben hier bereits ihr zweites Lebensjahrhundert erreicht. Im Verhältnis zur Einwohnerzahl sind das mehr als sechs-mal so viele Menschen wie in den USA. Viele von ihnen sind rüstig und sehen um etliche Jahre jünger aus, als sie sind. Herzattacken sowie Brust-, Eierstock- und Prostatakrebs treten nur ein Viertel so häufig auf wie in anderen Industriestaaten.

Inzwischen verstehen Forscher auch, warum: Aufgrund jahrhundertealter Traditionen leben insbesondere die älteren Einwohner Okinawas noch heute nach Regeln, die Zellforscher, Gerontologen, Genetiker und Psychologen inzwischen übereinstimmend als beste Rezepte gegen Vergreisung und Verwirrung ausgemacht haben: Viele der Senioren halten sich mit regelmäßiger Bewegung sowohl körperlich als auch geistig fit. Okinawaner sind begeisterte Hobbygärtner, gehen gerne zu Fuß und pflegen von Kindesbeinen an einen religiösen Tanz, der dem Tai-Chi ähnelt. Zudem ernähren sie sich vorbildlich. Ihr Essen ist fett- und salzarm, außerdem reich an Früchten und Gemüse, deren hoher Gehalt an Ballaststoffen und antioxidativen Substanzen vor Krebs, Herzkrankheiten und Schlaganfall schützt. Vor allem aber folgen die meisten von ihnen einer alten japanischen Weisheit namens "hara hachi bu": Statt sich bei jeder Mahlzeit den Bauch vollzuschlagen, essen die Einwohner Okinawas nur bis zu dem Punkt, an dem sie zu etwa 80 Prozent satt sind. Im Schnitt nehmen sie auf diese Weise täglich nicht mehr als 1.800 Kalorien zu sich – rund ein Viertel weniger als ein deutscher Mann im Durchschnitt isst.

In der Tat ist strikte Kalorienreduktion bis heute eines der wirksamsten Rezepte für ein langes Leben. Gibt man etwa Nagern dauerhaft nur 60 bis 75 Prozent der normalen Futtermenge zu fressen, so erhöht sich ihre Lebenserwartung um 30 bis 50 Prozent.
Den Spaß am Leben lassen sich die betagten Insulaner jedenfalls auch angesichts ihrer enthalt-samen Ernährung nicht nehmen. Wie die Okinawa Centenarian Study zeigt, sind viele der 90- und 100-Jährigen mit ihrem Dasein ausgesprochen zufrieden – ganz im Gegensatz zu vielen Senioren in westlichen Gesellschaften, wo ein nicht unerheblicher Teil der alten Menschen an Depressionen leidet und nicht wenige Selbstmord begehen. Mindestens ebenso wichtig wie Ernährung und Bewegung für das lange Leben der Okinawaner ist nämlich noch etwas ganz anderes: das Gefühl, von ihren Mitmenschen geachtet und gebraucht zu werden. Bis heute haben die Inselbewohner einen ausgeprägten Gemeinschaftssinn und sorgen dafür, dass jedes Mitglied der Gesellschaft – vom jüngsten bis zum ältesten – mit Respekt und Wertschätzung behandelt wird.
Ein starkes und dauerhaftes soziales Netzwerk, bestehend aus einer großen Familie und vielen guten Freunden, mit denen man Freud und Leid teilen kann, kennen übrigens nicht nur die Bewohner Okinawas. Auch auf Sardinien oder in Neuschottland, den beiden anderen Hochburgen der Langlebigkeit, haben sich viele kleine Oasen der Gemeinschaft erhalten, in denen alte Menschen nach wie vor Ansprache, Hilfe und Unterstützung bei jüngeren Leuten finden.
Und sollte es mit dem Gemeinschaftssinn doch einmal hapern, finden viele Okinawaner immer noch Halt in der Religion. Mit ihren traditionellen Tänzen stärken sie nämlich nicht nur ihren Körper. Sie kultivieren damit auch ihre Spiritualität. Vielleicht, räumt selbst der an strengen wissenschaftlichen Kriterien
orientierte Altersforscher Willcox ein, ist es am Ende genau das, "was ihnen doch eine Extra-Portion Gesundheit beschert".

CORNELIA STOLZE

ARTE PLUS

BERÜHMTE 100-JÄHRIGE:
Johannes Heesters, Sänger und Entertainer (*1903), Claude Lévi-Strauss, Anthropologe und Philosoph (*1908), Elisabeth Bowles-Lyon – "Queen Mum", Monarchin (1900-2002), Ernst Jünger, Schriftsteller (1895-1998), Bob Hope, Komiker (1903-2003), Leni Riefenstahl, Regisseurin und Fotografin (1902-2003),
Hans Georg Gadamer, Philosoph (1900-2002)

Kategorien: Januar 2009