Die Männer im Hintergrund

Die Männer im Hintergrund

EPISODE 3

Wer ist für diese Katastrophe verantwortlich? Wer profitiert davon? Einer der Protagonisten dieser Affäre ist der konservative französische Abgeordnete Patrick Balkany, ein enger Vertrauter von Nicolas Sarkozy, der zum Zeitpunkt der Investition in Milliardenhöhe französischer Staatspräsident war. Auch ein belgischer Milliardär ist in die Affäre verwickelt. Er agiert im Auftrag der französischen Staatsführung. Dabei geht es um zehntausende Dollar Schmiergeld in Zentralafrika.

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Welche Rolle spielt Patrick Balkany in der Affäre? Welche Haie gibt es in der Atomindustrie? Klicken Sie sich durch unsere Galerie, in der wir Ihnen wichtige Köpfe vorstellen und auf die undurchsichtige und sehr einträgliche Periode der Affäre in Zentralafrika blicken.

Balkany – Der unbequem gewordene Sarkozy-Freund

Das Auftauchen von Patrick Balkany, seit 30 Jahren ein Freund von Nicolas Sarkozy, in der UraMin-Geschichte und den damit zusammenhängenden Korruptionsvorwürfen in Zentralafrika gibt der Affäre eine politische Dimension.

Wie kann ein französischer Lokalpolitiker in die Korruptionsaffäre in Zentralafrika um die UraMin-Übernahme durch Areva verstrickt sein? Glaubt man der Klageschrift der Zentralafrikanischen Republik, so hat ihn Areva 2008 als Vermittler ins Spiel gebracht.

Patrick Balkany, 66 Jahre alt, ist seit zwölf Jahren Parlamentsabgeordneter und seit 1983 Bürgermeister der Pariser Vorstadt Levallois-Perret – mit einer Unterbrechung zwischen 1995 und 2001, Folge einer gerichtlichen Verurteilung und der damit verbundenen Nichtwählbarkeit. Balkany ist eine exzentrische und großspurige Figur. Er prahlt damit, einst Liebhaber von Brigitte Bardot gewesen zu sein, lebt auf großem Fuß und beschimpft Journalisten und politische Gegner gerne öffentlich. Vor allem aber ist er ein Jugendfreund von Nicolas Sarkozy, mit dem er den Geburtsort Neuilly und die ungarische Abstammung teilt. Glaubt man einer einschlägigen Webseite, so ist er als Abgeordneter nicht sonderlich aktiv. Umso umtriebiger ist er in seiner bedingungslosen Unterstützung für Nicolas Sarkozy auf dessen Weg zur Parteiführung der konservativen UMP und zu einer neuerlichen Kandidatur um die Präsidentschaft 2017 (Details, auf Französisch).

Patrick Balkany besitzt keine spezifischen Kompetenzen in der Kerntechnologie und bekleidet keine offizielle diplomatische oder wirtschaftliche Funktion. Was also führt ihn nach Zentralafrika? Der dortige Präsident François Bozizé verweigerte Areva 2007 die Abbaurechte für die Uranmine Bakouma, die der Konzern kurz zuvor teuer erstanden hatte. Der Streit wurde schließlich beigelegt, durch eine Vereinbarung, die neben anderen Auflagen Zahlungen von 60 Millionen Dollar an den Zentralafrikanischen Staat vorsah.

Am 14. September 2010 verlieh Präsident Bozizé Patrick Balkany den Verdienstorden der Zentralafrikanischen Republik. Kurz danach soll die Firma Areva Explo weitere Kommissionen in Höhe von 40 Millionen Dollar überwiesen haben, an Patrick Balkany, François Bozizé und Georges Forrest, einen ebenso als Mittelsmann aufgetretenen belgischen Geschäftsmann.

Auf die Klage des heutigen zentralafrikanischen Staats hin, der zufolge Bozizé die in dieser Affäre geflossenen Gelder anschließend veruntreut hat, leitete die Finanzstaatsanwaltschaft Vorermittlungen ein. Inzwischen ist der Fall bei einem unabhängigen Untersuchungsrichter gelandet. Dieser ist kein Unbekannter für Patrick Balkany. Renaud van Ruymbeke hat den Politiker bereits im Oktober 2013 in einer anderen Affäre wegen Korruption und Geldwäsche unter Anklage gestellt. In diesem Fall geht es um das enorme Vermögen, das der Politiker und seine Frau Isabelle angehäuft haben.

Aus dem Besitz eines 1983 gekauften Hauses in Giverny – 1.000 Quadratmeter auf vier Etagen, mit Park, Swimmingpool, Hammam, Tennisplatz, Gymnastikraum und Bar – macht das Paar kein Geheimnis. Dagegen hat Isabelle Balkany erst bei ihrer persönlichen Anklageerhebung eingestanden, dass sie die wahre Besitzerin der Villa „Pamplemousse“ im Steuerparadies der Antillen-Insel Saint-Martin ist. Der Besitz dieses Anwesens mit fünf Zimmern, gigantischem Swimmingpool und einem Hektar Park war hinter einer komplexen Montage von Offshore-Firmen verborgen. Dass sie auch den Riad Dar Gyucy in Marrakesch besitzen, bestreiten die Balkanys bis heute – obwohl sie sich regelmäßig in dem Haus mit zehn Zimmern, drei Salons, riesigem Park, Swimmingpool, zwei Küchen und einem knappen Dutzend Vollzeitangestellten aufhielten. Offiziell heißt der glückliche Besitzer, nach Auflösung einer ebenso komplizierten Offshore-Montage, Jean-Pierre Aubry. Er leitete früher den Stab des Bürgermeisters von Levallois-Perret und wird von den Richtern verdächtigt, als bloßer Strohmann zu fungieren.

Der Ursprung der Mittel, mit dem diese Anwesen erworben wurden, bleibt rätselhaft. Ermittelt wird auch wegen einer mutmaßlichen Schmiergeldzahlung von mehreren Millionen Euro, die die Balkanys 2007 von einem saudischen Geschäftsmann erhalten haben sollen. Es ging dabei um den letztlich aufgegebenen Bau von Bürotürmen in Levallois. Die Fahnder haben eine weitere Überweisung, von angeblich fünf Millionen Dollar, im Visier. Die Information darüber kommt von… Georges Forrest, dem auch in die Zentralafrika-Affäre verwickelten Belgier. Patrick Balkany soll ihm 2008 in einem anderen Zusammenhang Türen in Namibia geöffnet haben. Vielleicht gelingt es dem Untersuchungsrichter Van Ruymbeke, eine Verbindung zwischen all diesen Affären aufzudecken und noch ein weiteres Rätsel zu lösen: Der einfache Abgeordnete Patrick Balkany reiste von 2007 bis 2012 mit einem Diplomatenpass, der ihm jegliche Grenzkontrolle ersparte. Die Frage ist, warum er in den Genuss dieses Privilegs kam, das üblicherweise hochgestellten offiziellen Diplomaten vorbehalten ist. Zu ihnen gehört Balkany sicher nicht, auch wenn er Nicolas Sarkozy während dessen Präsidentschaft auf allen Afrika-Reisen begleitet hat.

Die Justiz hat sich auch schon zu anderen Gelegenheiten den Kopf über Balkany zerbrochen. 2009 stießen die Fahnder bei Ermittlungen über eine korsische Gang, die unter der Hand den Pariser Spieltempel Wagram kontrollierte, zu ihrer Überraschung auf eine Verbindung mit dem Rathaus von Levallois-Perret. Jean Testanière, der das – inzwischen auf verwaltungsgerichtliche Anweisung geschlossene – Casino Wagram für die Banditen aus Korsika leitete, stand in einem mutmaßlich fiktiven Angestelltenverhältnis zur Stadt Levallois. Er wurde von ihr für Dienstleistungen entlohnt, darunter die „psychologische Vorbereitung und Motivation der Spitzensportler im olympischen Leistungszentrum“. Auch in diesem Zusammenhang wird wegen  „Veruntreuung öffentlicher Gelder“ ermittelt.

Der Anwalt von Balkany, Grégoire Lafargue, leugnet jede Veruntreuung und spricht von einer „regelrechten Verfolgung“ seines Klienten „durch die Justiz“. Patrick Balkany selbst antwortete auf die Frage, wie er sich nach der Anklageerhebung fühle: „Wer sich nichts vorzuwerfen hat, fühlt sich gut.“

Am 18. März 2015 hat das Büro der Nationalversammlung auf Ansuchen der Justiz einstimmig quer durch alle politischen Lager die Aufhebung der Immunität Balkanys beschlossen. Er ist im Mai 2015 bis zum Abschluss der Ermittlungen unter gerichtliche Kontrolle gestellt wurden und hat seinen Reisepass abgeben müssen. Im bürgerlichen Lager fragt man sich inzwischen scheinheilig, warum Nicolas Sarkozy seinen Freund Patrick Balkany immer unterstützt hat.

Patrick Balkany und Nicolas Sarkozy (1983)
Patrick Balkany

Der Abgeordnete des Département Hauts-de-Seine und Bürgermeister von Levallois-Perret ist eine exzentrische und laute Persönlichkeit.

François Bozizé

Der ehemalige Präsident der Zentralafrikanischen Republik (2005-2013) hat verhindert, dass Areva eine Abbaugenehmigung für die Uranmine von Bakouma bekommt, obwohl der Konzern bereits teuer dafür bezahlt hatte.

Renaud Van Ruymbeke

Infolge einer Klage der Zentralafrikanischen Republik wurde im November eine gerichtliche Voruntersuchung eingeleitet und ein Untersuchungsrichter eingeschaltet: Renaud van Ruymbeke ist für Patrick Balkany kein Unbekannter…

Das Haus in Giverny

Aus dem Besitz eines 1983 gekauften Hauses in Giverny – 1.000 Quadratmeter auf vier Etagen – macht das Paar kein Geheimnis.

Die Villa "Pamplemousse"

Isabelle Balkany hat erst bei ihrer persönlichen Anklageerhebung eingestanden, dass sie die wahre Besitzerin der Villa „Pamplemousse“ ist.

Der Riad Dar Gyucy

Dass sie auch den Riad Dar Gyucy in Marrakesch besitzen, bestreiten die Balkanys bis heute – obwohl sie sich regelmäßig in dem Haus aufhielten.

Nicolas Sarkozy und Patrick Balkany (2009)

Die weiteren Protagonisten der Affäre

Im Krimi um die UraMin-Übernahme durch Areva mischt eine Reihe von internationalen Geschäftsleuten mit, gegen die unterschiedliche Verdachtsmomente vorliegen.

Das Kapitel Zentralafrika

Ein höchst verwickeltes Kapitel der Affäre um die UraMin-Übernahme durch Areva spielt in der Zentralafrikanischen Republik. Areva wird verdächtigt, dort mehreren Protagonisten, darunter dem damaligen Präsidenten François Bozizé und dem konservativen französischen Abgeordneten und Sarkozy-Freund Patrick Balkany, Schmiergeld gezahlt zu haben, um die Abbaugenehmigungen für die teuer gekaufte Uranmine von Bakouma zu erhalten.

Mit der UraMin-Übernahme 2007 war Areva im Prinzip Besitzer der fünf Uranvorkommen im zentralafrikanischen Bakouma geworden. Diese waren bereits nach dem Zweiten Weltkrieg entdeckt, von der damaligen Kolonialmacht Frankreich genutzt und in den 1960er-Jahren vom französischen Kommissariat für Atomenergie gründlich exploriert worden. In den 1970er-Jahren war der Uranabbau allerdings ein erstes Mal als unrentabel eingestellt worden. Bakouma liegt 900 Kilometer von Bangui entfernt, mitten im Busch.

Laut der Klage, die die Zentralafrikanische Republik nach dem Sturz von Präsident Bozizé 2013 in Paris eingereicht hat, war bereits der Verkauf der Minen durch Zentralafrika an UraMin 2006 unter verdächtigen Umständen erfolgt. Bozizé, heißt es in der Klage, habe schon damals 20 Millionen Dollar erhalten, die ihm jetzt ein bequemes Exil sicherten. Nach der UraMin-Übernahme durch Areva, zu einem – offiziell aufgrund des explodierenden Börsenkurses für Uran – fünfmal höheren Preis, habe der verärgerte Bozizé Areva wissen lassen, dass er dem Konzern die Abbaurechte zu verweigern gedenke.
Areva hat daraufhin Patrick Balkany eingeschaltet, einen konservativen französischen Abgeordneten und Vertrauten des damaligen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy, sowie mehrere andere Mittelsmänner, insbesondere den belgischen Geschäftsmann Georges Forrest.

Deren Vermittlung führt schließlich zu einer Vereinbarung, die Areva und die Zentralafrikanische Republik am 1. August 2008 in Bangui unterzeichnen. Sie sieht die sofortige Zahlung von 10 Millionen Euro vor, dazu weitere 50 Millionen Euro später auf fällige Abgaben anrechenbare Vorauszahlung, aufgeteilt auf die Jahre 2008 bis 2012, sowie eine Beteiligung Zentralafrikas an künftigen Profiten in Höhe von zwei Prozent.
Georges Forrest erhält in der Folge mehrere Aufträge für seine eigene Firma, darunter für die Energieversorgung von Bakouma.

Die Angelegenheit ist damit aber noch nicht ganz erledigt. Denn der milliardenschwere pakistanische Geschäftsmann und Bozizé-Berater Saifee Durbar blockiert, diesmal nach Angaben von Areva, die Abbaurechte unter diversen Vorwänden weiter. Areva schickt mehrmals Verhandlungsdelegationen und erklärt sich, laut Klageschrift der Zentralafrikanischen Republik, am Ende zu weiteren Zahlungen bereit, über deren Höhe keine Angaben gemacht werden.

2010 scheint die Frage dann aber endgültig geklärt zu sein: Am 14. September erhält Patrick Balkany von Präsident Bozizé den Verdienstorden der Zentralafrikanischen Republik.

Der Uranabbau ist bis heute nicht aufgenommen worden. Seit 2012 ist Areva nicht mehr vor Ort, der Standort wurde anschließend von Rebellen geplündert und ist heute komplett verlassen.

Die Zentralafrikanische Republik beschuldigt den gestürzten Präsidenten François Bozizé und mehrere seiner Angehörigen heute, sie hätten bei dieser Operation, die sich für Areva als wirtschaftliches Debakel erwiesen hat, Schmiergelder in zweistelliger Millionenhöhe eingestrichen und ins Ausland geschafft. Sie behauptet zudem, es seien – über die bereits erwähnten Zahlungen hinaus – weitere 40 Millionen Dollar geflossen, und zwar an François Bozizé, Patrick Balkany und Georges Forrest. Gekommen seien sie von Areva Explo, einer 2009 gegründeten gemeinsamen Gesellschaft von Areva und… Georges Forrest.

Bozizé habe schon damals 20 Millionen Dollar erhalten, die ihm jetzt ein bequemes Exil sicherten.

Der Uranabbau ist bislang nicht aufgenommen worden. Seit 2012 ist Areva nicht mehr vor Ort und ist heute komplett verlassen.