Die Ankläger

Die Ankläger

Episode 1

Ein französischer Abgeordneter, der Ex-Berater eines afrikanischen Staatschefs, ein Privatdetektiv und Whistleblower, sowie ein dem Geheimdienstmilieu nahestehender Krimiautor enthüllen die Hintergründe des UraMin-Deals von 2007. Auf dieser drei Milliarden Euro-Transaktion lastet heute ein schwerer Korruptions-Verdacht. Der Kauf von UraMin ist zweifellos einer der Gründe für den wirtschaftlichen Niedergang des Areva-Konzerns, der vor kurzem Rekordeinbußen eingestehen musste.

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Grafiken über die friedliche Nutzung der Atomenergie finden Sie weiter unten. Außerdem haben wir für Sie weitere erklärende Elemente zur Rolle von Areva in der Atom-Branche und zur finanziellen Sackgasse, in der sich der Konzern befindet, zusammengestellt. Eine Karte zeigt die Standorte des Konzerns in Afrika. Zwei Info-Kästen enthalten Informationen zum Areva-Alptraum der EPR-Anlagen, die die größten Kernreaktoren des Unternehmens sind, sowie Informationen zur Zukunft der Atomindustrie.

Areva – In der wirtschaftlichen Sackgasse

Ein Nettoverlust von 4,8 Milliarden Euro für 2014, mehr als 600 Millionen Defizit beim Eigenkapital, 7,2 Milliarden Euro Schulden… Areva ist so gut wie pleite.

Wie konnte der Konzern in diese Lage kommen? Zwei Faktoren erklären die Schwierigkeiten im Wesentlichen: Der erste sind die Fehlinvestitionen in Uranminen. UraMin ist dabei der schwerste, aber nicht der einzige Fall (Einzelheiten, auf Französisch). Der zweite sind die katastrophalen Probleme, Verzögerungen und die Kostenexplosion beim Bau des Europäischen Druckwasserreaktors (EPR) in Finnland und im französischen Flamanville.

Dazu kommt der ungünstige Kontext nach der Atomkatastrophe in Fukushima im März 2011. Bis zu diesem Datum waren die charismatische Areva-Chefin Anne Lauvergeon und mit ihr so gut wie alle französischen Politiker felsenfest von einer goldenen Zukunft der Atomenergie überzeugt und gingen davon aus, dass sich der neue Druckwasserreaktor EPR weltweit hervorragend verkaufen würde.

Im Vorfeld dieses erwarteten Geschäfts investierte Areva massiv in alle Bereiche der Atomenergie. Anne Lauvergeon wollte die gesamte Produktionskette für Kernenergie kontrollieren, vom Abbau des Uranerzes bis hin zur Wiederaufbereitung. Der Großteil dieser Investitionen ging ins Leere, weil die meisten potenziellen EPR-Kunden ihre Atomenergie-Projekte unter dem Eindruck der Katastrophe von Fukushima aufgegeben haben.

Deshalb steht der Areva-Konzern heute nicht nur mit überdimensionierten Anlagen da, sondern auch mit schweren Schulden, die er zur Finanzierung der inzwischen unrentabel gewordenen Investitionen aufgenommen hat. Er darf zudem kaum hoffen, dass in absehbarer Zeit Geld in die Kassen kommt. Die neue Konzernführung hat inzwischen die Streichung von 6.000 Stellen weltweit angekündigt, davon 3 bis 4.000 in Frankreich. Gespräche haben auch auf höchster Staatsebene stattgefunden, um es EDF zu ermöglichen AREVA NP, die Abteilung, die sich um die Konzeption und die Herstellung der Atomreaktoren kümmert, teilweise oder gänzlich zu erwerben. Laut der französischen Zeitung „Les Echos“ hat EDF rund 2 Milliarden Euro angeboten, obwohl dieser Unternehmenszweig laut AREVA rund 3 Milliarden Euro wert sein soll.

Reicht diese Strategie zur Rettung des Konzerns? Die Frage stellt sich umso dringlicher, als neue Probleme beim EPR in Flamanville Zweifel daran aufkommen lassen, ob Areva überhaupt fähig sein wird, dem Energieversorger EDF einen funktionstüchtigen Reaktor dieses Typs zu liefern. Es könnte gut sein, dass dieser neue Zwischenfall das endgültige Aus für den EPR und Areva bedeutet.

Anne Lauvergeon

Die charismatische Areva-Chefin Anne Lauvergeon

Flamanville

Die Probleme, die am EPR von Flamanville aufgetaucht sind, lassen Zweifel an der Kapazität Arevas aufkommen, einen betriebsfähigen Reaktor an EDF zu verkaufen.

Der Albtraum EPR

Finnland, Olkiluoto, für den Energieversorger TVO: Der Vertrag über ein schlüsselfertig geliefertes Atomkraftwerk, für 3 Milliarden Euro, wurde am 18. Dezember 2003 unterzeichnet. Der Reaktor sollte 2009 ans Netz gehen. Areva verbuchte bis 2014 für diesen Vertrag zusätzliche Aufwendungen von 4 Milliarden Euro, die Gesamtkosten erreichen damit 7 Milliarden. Einen Teil dieser Zusatzkosten hat Areva vor einem internationalen Schiedsgericht eingeklagt, mit dem Argument, sie gingen auf Verzögerungen bei der Validierung technischer Vorlagen durch die TVO und die finnische Atomaufsichtsbehörde zurück. Der französische Rechnungshof ist zudem der Ansicht, die abgebuchten Aufwendungen von Areva deckten nicht die gesamten Kosten des Projekts ab. Der Reaktor wird frühestens 2016 ans Netz gehen können.

Frankreich, Flamanville, für EDF: Der 2004 unterzeichnete Vertrag geht ebenso von Baukosten in Höhe von 3 Milliarden Euro aus. Die Baugenehmigung wurde erst 2007 erteilt, der Reaktor sollte 2012 fertig sein. Es traten aber immer wieder Probleme auf. So hatte etwa die Firma Bouygues größte Mühe, Betonfundamente zu liefern, die den geltenden Sicherheitsnormen entsprachen. Die Folge waren auch hier Verzögerung und Zusatzkosten. Ende 2014 betrugen die Gesamtkosten 8,5 Milliarden, die Fertigstellung war für 2016 vorgesehen. Inzwischen meldeten Areva und EDF jedoch der Atomaufsichtsbehörde Schwachstellen im Stahl der Reaktordruckkammer, die das Herz des Reaktors enthält. Eine Reihe von Tests muss nun abklären, ob die Kammer den geltenden Sicherheitsnormen entspricht. Wie lange das dauern wird, ist nicht bekannt. Areva und EDF haben ihre Absicht mitgeteilt, den Bau fortzusetzen. Sollten die Tests jedoch ein echtes Risiko bestätigen, dass Risse in der Reaktorkammer auftreten, müsste diese ersetzt werden. Das würde aber eine nochmalige Verzögerung von mehreren Jahren und weitere Mehrkosten bedeuten, die einen Bauabschluss fast unmöglich erscheinen lassen.

China, Taishan, für CGNPC: Der Vertrag sieht die Lieferung von zwei EPR-Reaktoren für je 4 Milliarden Euro vor. EDF ist mit 30 Prozent in die CGNPC-Tochter eingestiegen, die die Reaktoren baut und betreiben soll. Die ursprünglich für 2013 geplante Lieferung wurde bereits auf 2016 verschoben. Über diese Baustelle sind kaum Informationen verfügbar. Sie könnte aber ebenfalls von dem Problem mit der Reaktordruckkammer betroffen sein, da die Kammern von Taishan wie die von Flamanville zumindest teilweise von Areva hergestellt wurden.

Großbritannien, Hinkley Point für EDF: Im Oktober 2013 einigte sich EDF mit der britischen Regierung auf einen Tarif für den Strom aus zwei zu bauenden EPR-Reaktoren. Sie sollen in Hinkley Point entstehen, einem der EDF-Atomkraftwerke in Großbritannien. Areva hält 10 Prozent in dem Konsortium, das für dieses Projekt gegründet wurde, kontrolliert wird es mit 45 oder 50 Prozent von EDF, den Rest sollen chinesische Investoren übernehmen. Die Gesamtkosten sind mit knapp 19 Milliarden Euro veranschlagt, davon 8,2 Milliarden für jeden der beiden Reaktoren. EDF hat noch nicht entschieden, ob die Reaktoren tatsächlich gebaut werden.

Der Sitz von Areva in Courbevoie.
Was ist EPR?

Abkürzung „EPR“ für „European Pressurized Water Reactor“

Der EPR wurde in den 1990er-Jahren von Framatome und Siemens gemeinsam entwickelt, mit Unterstützung von EDF (Électricité de France) und deutschen Energieversorgern. Die von Framatome und Siemens zu diesem Zweck gegründete gemeinsame Filiale wurde 2008, nach dem Rückzug von Siemens aus der Atomenergie, zu 100 % zur Areva-Tochter.

Technik

Der EPR ist wie die anderen Kernreaktoren in Frankreich seit den 70er Jahren ein Druckwasserreaktor. Drei Punkte unterscheiden ihn aber wesentlich von den früheren Generationen:

– Die Leistung: Die Nennleistung des EPR beträgt 1600 MW, gegenüber den 900 bis 1450 MW der bereits laufenden Reaktoren.

– Die Sicherheit: Der EPR verfügt über redundante Sicherheitssysteme und einen Core-Catcher, ein spezielles Auffang-System für den Reaktorkern im Falle einer Kernschmelze.

– Die Laufzeit: Der EPR soll 60 Jahre lang halten, gegenüber den maximal 40 Jahren der gegenwärtigen Reaktoren.

Laut Angaben von Areva, dem Nachfolgeunternehmen von Framatome, in der Kommerzialisierungsphase des EPR Anfang der 2000er Jahre: 3 Milliarden Euro, gegenüber geschätzten 1,5 Milliarden für jeden der 58 bereits in Betrieb befindlichen französischen Reaktoren.

Die Zukunft der Atomindustrie und die Energiewende

Das EDF-Modernisierungsprogramm

Da EDF nicht über die nötigen Mittel verfügt, um sie zu ersetzen, soll ihre Laufzeit auf 60 Jahre verlängert werden. Dazu ist ein Modernisierungsprogramm vorgesehen, dessen Kosten bis 2028 mit 55 Milliarden Euro veranschlagt werden. Dieses Programm schließt einen Teil der nach Fukushima von der Atomaufsichtsbehörde vorgeschriebenen Maßnahmen ein, die die Reaktorsicherheit im Fall von Erdbeben und Überschwemmungen erhöhen sollen.

Stellungnahme der Atomaufsichtsbehörde, die einen Reaktor jederzeit aus Sicherheitsgründen abstellen kann, zu den Plänen von EDF:

– Der entsprechende Antrag wird geprüft und mit den bestehenden Auflagen für eine Laufzeitverlängerung um zehn Jahre abgeglichen. Die endgültige Entscheidung wird jedoch für jeden einzelnen Reaktor getrennt getroffen und wird von den Ergebnissen der vierten Zehnjahres-Inspektion abhängen. (Alle Reaktoren werden alle zehn Jahre auf Herz und Nieren geprüft, bevor der Weiterbetrieb genehmigt wird.)

– Die Atomaufsichtsbehörde behält sich das Recht vor, unabhängig vom EDF-Modernisierungsprogramm alle Maßnahmen vorzuschreiben, die ihr für einen Weiterbetrieb notwendig erscheinen. Die Rechnung für EDF könnte also am Ende höher ausfallen als die angesetzten 55 Milliarden.

Bei ihrer Anhörung vor der parlamentarischen Untersuchungskommission zu den Kosten der Atomenergie haben die beiden anerkannten Kernphysiker Monique und Raymond Sené vor einer Laufzeitverlängerung der aktiven Reaktoren gewarnt. Ihrer Ansicht nach kann niemand die Qualität des Stahls der Reaktordruckkammern garantieren – ein Punkt, bei dem bereits in 15 Reaktoren erhebliche Probleme aufgetreten sind.