Bakouma, eine Uranmine um jeden Preis

Bakouma, eine Uranmine um jeden Preis

EPISODE 2

Eine Reise nach Bakouma, zur scheinbar vielversprechendsten Lagerstätte von UraMin. Heute gleicht der Ort einer Geisterstadt. Areva hat seine Verpflichtungen verletzt und den Ort verlassen. Nie hat der Konzern dort auch nur ein einziges Gramm Uran abgebaut. Zudem ist die örtliche Bevölkerung nun auch vermutlich radioaktiver Verseuchung ausgesetzt. Wir zeigen Ihnen Exklusiv-Bilder dieses Standorts, der inmitten eines Bürgerkriegslandes liegt.

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Anne Lauvergeon im Porträt. Lernen Sie „die eiserne Lady in der Atomindustrie“ kennen. Wie hat sie für den Kauf von UraMin im Jahr 2007 argumentiert?

Atomic Anne, die Iron Lady der Atomindustrie

Die Medien verehrten sie, das Magazin Forbes reihte sie unter die mächtigsten Frauen der Welt ein: Anne Lauvergeon hat Areva 2001 geschaffen und zehn Jahre lang geführt. Dass sie so lange am Ruder blieb, verdankt sie dem politischen Rückhalt aus dem rechten wie aus dem linken Lager.

Anne Lauvergeon ist ein Ausnahmefall: eine der ganz wenigen Frauen in Spitzenpositionen der Wirtschaftssphäre in Frankreich und die einzige, die einen multinationalen Konzern geleitet hat. Und das, obwohl sie nicht aus der hohen Business-Bourgeoisie stammt, sondern aus der Mittelschicht der französischen Provinz: Ihr Vater war Geschichtslehrer in Orléans. Am 2. August 1959 in Dijon geboren, hat sie sich durch ihre bloße Kompetenz zur mächtigen und unter rechten wie linken Regierungen auch gefürchteten Konzernchefin hochgearbeitet.

In der Zeit, in der sie fast allmächtig war, und bis zum Ende ihrer Herrschaft als Vorsitzende des Direktoriums von Areva 2011, blendete sie ihre Umgebung. Hochgewachsen, schlank und blond verstand es „Atomic Anne“, wie die Medien sie bewundernd getauft hatten, ganz hervorragend, die Naive oder die Brave zu spielen, um ihre Gegner anschließend in die Knie zu zwingen.

Wer nicht nur ihre weiblichen Formen wahrnimmt, dem sticht sofort ein anderer Zug ins Auge, der ihre Aura wesentlich mit erklärt: ihre außerordentliche Fähigkeit, die Macht, im Wortsinn, zu „verkörpern“. Hinter der falschen Unschuld steckt ein bis zur Brutalität entschlossener Charakter. Nicht einfach, dieser faszinierenden Persönlichkeit etwas abzuschlagen.

Beeindruckend war auch ihr Werdegang: die Pariser Eliteschule École normale supérieure (ENS), Abschluss in Physik, Mitglied des Corps des mines, einer Ingenieurskorporation, die in der jüngeren Vergangenheit über Jahrzehnte hinweg aus dem Hintergrund die Geschicke Frankreichs mit lenkte – Anne Lauvergeon galt lange als Verkörperung ihrer Zukunft.

1990 wird die Musterschülerin Nachfolgerin von Jacques Attali im Elysée-Palast, an der Seite des alten sozialistischen Präsidenten François Mitterand. Mit Dreißig und völlig unbekannt tritt sie ins Präsidentenkabinett ein, entschärft alle Minen, umgeht alle Fallen, eliminiert die Konkurrenten und wird „Sherpa“, sprich diplomatische Beraterin.

Bis 1995 kämpft Anne Lauvergeon für die Interessen des Präsidenten Mitterand, ganz besonders während der zwei Jahre, in denen er die Macht mit dem konservativen Ministerpräsidenten Edouard Balladur teilen muss. Und als sich Mitterands Krebsleiden verschlimmert, tut sie alles, um den Eindruck aufrecht zu erhalten, dass er uneingeschränkt weiter regiert. Die Sozialisten haben bis heute das Gefühl, ihr für diese Jahre etwas schuldig zu sein.

Nach zwei kurzen Ausflügen ins Milieu der Geschäftsbanken (Lazard) und der Industrie (Alcatel) kehrt Anne Lauvergeon 1999 in die staatliche Sphäre zurück. Der sozialistische Ministerpräsident Lionel Jospin ernennt sie zur Chefin der Cogema, einer Filiale des staatlichen Kommissariats für Atomenergie, die auf Uranbergbau und Wiederaufbereitung verbrauchter Brennelemente spezialisiert ist.

Die Fäden bei ihrer Ernennung zieht die Führungsriege des Corps des mines. Die Vertreter der Ingenieurskorporation haben Wirtschaftsminister Strauss-Kahn dazu überredet, ihr die Leitung des staatlichen Unternehmens anzuvertrauen.

Die meisten Beobachter betrachten diese Bestellung als eine Belohnung für geleistete Dienste. Dass sie ein mächtiges Sprungbrett sein wird, sieht niemand voraus. Doch der Corps des mines und die Regierung verfolgen ein gemeinsames strategisches Ziel: die Übernahme von Framatome, einem Unternehmen, das Atomkraftwerke konzipiert und baut und 1981 der Verstaatlichung entgangen ist. Bei Framatome geben die Ingenieure der Ponts et chaussées den Ton an, der zweiten großen technischen Eliteschule, deren Korporation von je her mit dem Corps des mines um die Vorherrschaft in der Atomindustrie kämpft.

Nach zwei Jahren Manövrieren hinter den Kulissen setzt Anne Lauvergeon die Fusion von Cogema und Framatome durch. Den dadurch entstandenen Konzern tauft sie Areva; der Name bezieht sich ihrer eigenen Aussage nach sowohl auf die spanische Zisterzienserabtei Arevalo als auch auf „arevo“, das armenische Wort für Sonne.

Die wichtigste Konsequenz dieser Fusion ist die Revision einer Regelung, die intern als das „Yalta der Atomindustrie“ bezeichnet wurde. Sie war 1970, nach einem schweren Zwischenfall im Atomkraftwerk Saint-Laurent-des-Eaux, von der Regierung beschlossen worden und hatte die Kontrolle über die Atomkraftwerke dem Energieversorger EDF und den Ingenieuren der Ponts et chaussées übertragen. Mit der Ausgliederung von Framatome aus dem EDF-Konzern und seiner Übernahme wird Anne Lauvergeons Gruppe Areva zum unabhängigen Akteur – und der Corps des mines zur tonangebenden Korporation in der Atomindustrie.

In den folgenden zehn Jahren tut Anne Lauvergeon alles, um Areva zum Global Player zu machen. Der Konzern entwickelt in einer Partnerschaft mit Siemens eine neue Reaktorgeneration, den EPR. Im Dezember 2003 zieht Areva in Finnland einen ersten Bauauftrag an Land. Siebzehn Jahre nach dem Super-GAU von Tschernobyl sehen viele diesen Vertrag als Besiegelung einer Renaissance der Kernenergie.
Anne Lauvergeon macht sich zur weltweiten Handelsvertreterin in Sachen EPR, im Glauben an eine strahlende Zukunft. Es ist die Zeit der großen Hoffnungen, wie der auf ein Jahrhundertgeschäft mit Mbekas Südafrika, der den Bau von zehn bis zwölf EPR-Meilern in Aussicht stellt. Vor dem Hintergrund des immer unabweisbarer werdenden Klimawechsels erscheint die Atomenergie als vernünftige Alternative, die eine erhebliche Senkung der Treibhausgas-Emissionen gestattet.

2006 wurde Anne Lauvergeon mit Unterstützung des konservativen Präsidenten Jacques Chirac als Areva-Chefin bestätigt. Mit der Wahl von Nicolas Sarkozy im Mai 2007 dreht sich der Wind. Der neue Präsident hat andere Pläne: Er will Areva mit dem Energie- und Transport-Spezialisten Alstom zusammenlegen und den neuen Konzern der Bouygues-Gruppe unterstellen. Anne Lauvergeon, die dieses Projekt ablehnt, schlägt das Ministerium aus, das ihr Sarkozy anbietet, und tut alles, was in ihrer Macht als Areva-Chefin steht, um den Angriff von Bouygues abzuwehren. Mit Erfolg: Im Sommer 2008 gibt Bouygues auf, auch wegen der um sich greifenden Finanzkrise, die eine Finanzierung einer Fusion dieser Größenordnung unmöglich erscheinen lässt.
Nicolas Sarkozy verzeiht der Areva-Vorsitzenden diesen Misserfolg nicht und setzt alles in Gang, um sie zu stürzen. Trotz aller Störmanöver bleibt Anne Lauvergeon aber bis zum Ende ihres Mandats im Juni 2011 im Amt.

Nach der Katastrophe von Fukushima im März 2011 glaubt sie sogar an eine Verlängerung ihres Vertrags. Der Unfall in Japan, der zweiten Hochburg der Kerntechnik, gibt ihrer Grundforderung nach mehr Sicherheit Gewicht und diskreditiert das Projekt des EDF-Konzerns, zusammen mit chinesischen Partnern eine Low-Cost-Variante der Atomenergie aufzubauen. Letztlich setzt sich aber doch Nicolas Sarkozy durch: Anne Lauvergeon wird nicht bestätigt, sondern, mit Zustimmung der Sozialisten, durch ihren Vizepräsidenten Luc Oursel ersetzt.

Vier Jahre nach ihrem Abgang ist die Bilanz alles andere als glänzend. Die Quasi-Pleite, vor der Areva steht, ist das Ergebnis ihrer letztlich gescheiterten Strategie. Massive Investitionen ohne ausreichendes Eigenkapital, der überteuerte Kauf von letztlich nicht abbaufähigen Uranminen, all das beruhte auf dem Glauben an den baldigen Verkauf von Dutzenden EPR-Reaktoren. Eine Rechnung, die nicht aufzugehen scheint, zumal zunehmend bezweifelt wird, dass Areva überhaupt fähig ist, diesen äußerst, und vielleicht zu komplexen Reaktor tatsächlich zu bauen.

Mit der Wahl des Sozialisten François Hollande, dem sie nahe steht, rechnete sich Anne Lauvergeon Chancen auf ein Comeback aus. Sie bleibt vorerst außen vor: Die laufenden Ermittlungsverfahren sind eine zu schwere Hypothek.

Anne Lauvergeon hat Areva 2001 geschaffen.
Unermüdlich bereist Anne Lauvergeon die Welt, um Atomtechnik von Areva, und vor allem den EPR zu verkaufen.
Die ehrgeizige Lauvergeon löste Jacques Attali in seiner Funktion als Berater des damaligen Präsidenten François Mitterand ab.
Nicolas Sarkozy hat mit allen Mitteln versucht, die Areva-Chefin loszuwerden.

Die Verteidigung von Areva

Im Folgenden geben wir im Wortlaut die bislang einzige Erklärung von Anne Lauvergeon zu dieser Affäre wider, eine offizielle Gegendarstellung, die sie dem Radiosender France Inter übermittelt hat:

„Sie behaupten, es gebe kein Uran in den Bergwerken von UraMin, insbesondere nicht in der Mine in Südafrika, und lassen zudem durchblicken, ich hätte Täuschungsmanöver unternommen, um eine Wertminderung zu verschleiern. All das ist völlig falsch: Areva hat niemals anliegende Grundstücke in Südafrika aufgekauft, die Mine selbst wurde Ende 2013 für 5 Millionen Dollar an die australische Firma Peninsula Energy verkauft. Diese hat das dortige Uranvorkommen kürzlich mit 25.000 Tonnen beziffert. Das ist das Dreifache der Schätzung von 2007.
Desweiteren übernehmen Sie das Roman-Szenario von Vincent Crouzet [„Radioactif“, ein 2014 im Verlag Belfond erschienener Kriminalroman, AdR], das jedoch aus mindestens vier Gründen völlig unrealistisch ist:

  • Areva hat jede Kommissionszahlung verboten.
  • Areva hat UraMin an der Börse von Toronto erworben, mittels eines Übernahmeangebots an über 6.000 Aktionäre, deren Identität uns, den Börsenregeln entsprechend, unbekannt war. Im Rahmen dieser Operation hätte also nicht einmal eine Zahlung versteckter Kommissionen erfolgen können.
  • Die Chronologie ist absurd: Die Ausschreibung von Südafrika für den Bau von Kernreaktoren erfolgte erst sechs Monate nach der UraMin-Übernahme.
  • Die Behauptung, ich hätte versucht, mit illegalen Mitteln einen Auftrag für den Bau von Kernreaktoren in Südafrika zu erhalten, ist umso unglaubwürdiger, als ich zum gleichen Zeitpunkt, im September 2007, den Verkauf von Kernreaktoren an das Gaddafi-Regime in Libyen abgelehnt habe.

Und zuletzt: Wer könnte sich vorstellen, dass ich Derartiges hätte absegnen können, wo ich doch permanent gegen jeden Versuch gekämpft habe, uns irgendwelche Mittelsmänner aufzuzwingen?“

Anne Lauvergeon wurde in den laufenden Ermittlungsverfahren bislang nicht einvernommen. Ihre Verteidigung hat aber eine Argumentation auf wirtschaftlicher Basis entwickelt. Jean-Pierre Versini, der Anwalt der ehemaligen Areva-Chefin, wollte sich vor der Kamera nicht äußern, hat aber der Info-Webseite Hexagones einige Erklärungen geliefert (Details, auf Französisch).

In seinen Augen hat Areva schlicht und einfach in gutem Glauben ein schlechtes Geschäft gemacht. „Die Behauptung, Areva habe leere Minen gekauft“, erklärt er, „ist ein schlechter Scherz. Fünf andere multinationale Unternehmen haben zwischen 2007 und 2011 Uranminen zu hohen Preisen gekauft und die gleiche Enttäuschung erlebt. Der Vorwurf, Frau Lauvergeon sei eine Betrügerin und Diebin, ist ein schlechter Scherz. Alle haben zu vergleichbar hohen Preisen gekauft, sie entsprachen dem damaligen Niveau der Aktienkurse für Uran. Das heute, im Nachhinein, zu be- und zu verurteilen, ist etwas zu einfach. Dazwischen liegen Fukushima und der Atomausstieg von Japan, Deutschland, China. Die Atomindustrie steckt in der Krise, das passiert in der Wirtschaft eben. Aber die Behauptung, Frau Lauvergeon habe ein Scheinunternehmen aufgezogen, um Geld abzuschöpfen, ist absurd.

Die Erklärung von Jean-Pierre Versini enthält alle Grundargumente der Verteidigungslinie von Areva:
Das UraMin-Geschäft ist demnach im Kontext steigender Uran-Kurse durch Verknappung der verfügbaren Ressourcen getätigt worden. Zwischen April 2006 und Juni 2007 ist der Preis für ein Pfund Uran von 40 auf 137 Dollar gestiegen. Die internationalen Akteure der Branche lieferten sich einen Wettlauf um das seltene Erz und wurden alle auf vergleichbare Weise ernüchtert.

Der UraMin-Deal ist laut dieser Argumentation nur durch unvorhersehbare äußere Einflüsse zur Fehlinvestition geworden. Hauptverantwortlich dafür ist die Katastrophe von Fukushima im März 2011. Sie hat unter anderem Deutschland zum Atomausstieg bewogen und die weltweiten Entwicklungsperspektiven der Atomenergie, bis dahin als klimafreundliche Alternative betrachtet, radikal verschlechtert.
Zudem – so ein weiteres Verteidigungsargument – seien betrügerische Manöver von vorne herein ausgeschlossen, weil der UraMin-Kauf nicht direkt, sondern über die Börse erfolgte.

Die Entscheidung dazu sei einhellig von allen Instanzen des Konzerns getroffen worden. Wenn in dieser Affäre Betrug im Spiel gewesen sei, dann könne dieser nur von skrupellosen Finanzhaien organisiert worden sein und Areva wäre nicht Täter sondern Opfer.