Areva & Uramin: Der unsichtbare Financier (2/2)

Areva & Uramin: Der unsichtbare Financier (2/2)

EPISODE 6

Aufbruch nach London, wo Stephen Dattels anscheinend lebt und mehrere seiner Firmen ansässig sind. Überall lässt man uns warten. Es scheint unmöglich, eine Spur des Geschäftsmanns zu finden. Doch dann spielt uns eine Quelle ein Dokument zu.

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In der letzten Folge hat Slug News den belgischen Banquier Daniel Wouters getroffen. Er hat den Kauf von Uramin abgewickelt und noch bis 2011 für Areva gearbeitet. Finden Sie hier das Porträt von Wouters, der Stephen Dattels nahe und im Zentrum des Skandals um Areva steht. Schließlich erklären wir, warum die Zukunft der französischen Atomindustrie alles andere als rosig aussieht.

Stephen Dattels, der unsichtbare Financier

Der belgische Bankier Daniel Wouters, der den Uramin-Aufkauf für Areva verhandelt hat, ist eine der zentralen Figuren der Affäre. Die Justiz ermittelt vor allem über seine finanziellen Verbindungen mit dem Uramin-Gründer Stephen Dattels.

Daniel Wouters ist der Mann, in dem die Affäre Gestalt annimmt. Der belgische Ex-Bankier, Ende 2006 von Areva rekrutiert, um den Erwerb von neuen Uran-Vorkommen zu verhandeln, hat den zweifelhaften Uramin-Deal abgeschlossen. Problematisch ist, dass er über seine eigene Firma Swala auch selbst Geschäftsbeziehungen zu Stephen Dattels hatte. Zudem wurde er nach seinem Abgang bei Areva Chef des Unternehmens Global Tin, an dem Stephen Dattels Anteile hält. Diese Verbindungen zwischen dem Käufer und dem Verkäufer von Uramin wecken natürlich den Verdacht einer Absprache.

Zur Entlastung von Daniel Wouters ist anzuführen, dass er das besagte Geschäft nicht selbst eingefädelt hat. Das Buch A Team Enriched, das im Auftrag der Gründer und Aktionäre von Uramin geschrieben wurde, datiert die ersten Kontakte zwischen Uramin und Areva auf den Herbst 2005, ein Jahr vor der Einstellung von Wouters. Diese Kontakte wurden im Jahr 2006 fortgesetzt und führten im Oktober zu einer Zwischenvereinbarung, die es Areva gestattete, die Finanzen von Uramin zu überprüfen (vgl. den Artikel zur Geschichte von Uramin in diesem Dossier).

So wurde Daniel Wouters eingestellt
Ende 2006 hat Areva dann Daniel Wouters eingestellt. Stellt sich die Frage, warum ein Unternehmen wie Areva, das intern bereits über hoch qualifizierte Fachleute verfügt, einen außenstehenden Verhandler engagiert. Anne Lauvergeon erklärt diese Ungereimtheit damit, dass die Führungsriege der Abteilung Bergbau den nötigen Ausbau der Förderkapazitäten in ihren Augen nicht offensiv genug vorantrieb. Sie habe deshalb nach einem auf diesen Bereich spezialisierten Bankier gesucht. Weil es davon, wie sie weiter versichert, nicht viele gebe, habe sie bei ihrem Ehemann, Unternehmensberater im Bergbau- und Energiesektor, Rat gesucht. Laut Aussage des Ehepaares hat Olivier Fric in der Folge von einem Bekannten den Lebenslauf von Daniel Wouters erhalten und an seine Frau weitergeleitet. Persönlich getroffen habe er Wouters erst nach dessen Eintritt bei Areva.

Laut Lebenslauf ist Daniel Wouters für die Mission qualifiziert. Er arbeitet zu dem Zeitpunkt in der Abteilung „Strukturierte Finanzierung“ der belgisch-niederländischen Bankengruppe Fortis. Zuvor war er mehrere Jahre bei Belgolaise tätig, einer auf das Bergbaugeschäft in Afrika spezialisierten Fortis-Tochter.

Die Tätigkeit bei Belgolaise hat ihm einen zweifelhaften Ruf eingetragen: Die belgische Justiz verdächtigte die Bank der Geldwäsche, das Gericht sprach sie aber letztlich frei.
Unseren Informationen zufolge verlief die Einstellung von Wouters in durchaus klassischen Bahnen. Der belgische Bankier hat mehrere Mitglieder der Areva-Generaldirektion getroffen, die seine Einstellung absegneten.

So wurde Daniel Wouters eingestellt
Was den Uramin-Deal selbst angeht, meldet der damalige Areva-Sicherheits-Chef Admiral d’Arbonneau heute Zweifel an der Regularität des Vorgangs ab. Er versichert etwa, dass er über dieses Geschäft nicht informiert wurde. Daniel Wouters hat aber offenbar nicht allein agiert, sondern als Leiter einer Gruppe von mehreren Verhandlern. Zudem sollen die Rechtsabteilung und die Technische Abteilung von Areva, sowie Berater der Rothschild-Bank beteiligt gewesen sein.

Die entscheidende Unklarheit bleiben aber die Beziehungen zwischen Daniel Wouters und dem Uramin-Gründer Stephen Dattels. Laut unseren Recherchen besaß Wouters noch bei seinem Areva-Eintritt die Firma Swala, die auf die Erschließung von Goldvorkommen in Afrika spezialisiert ist. Dass Stephen Dattels dann, wenn auch erst ein Jahr nach dem Uramin-Deal, Anteile an Swala gekauft hat, wirft Fragen auf. Zum Beispiel die, ob die damit verbundene Kapital-Stärkung nicht eine diskrete Gegenleistung für erwiesene Dienste beim Uramin-Verkauf sein könnte.

Ein weiteres Verdachtsmoment ist, dass Wouters 2011 Areva verließ, um die Leitung von Global Tin zu übernehmen, einer Firma, zu deren Aktionären Stephen Dattels gehört. Die Ablösung von Anne Lauvergeon als Areva-Chefin durch Luc Orel kann nicht das Motiv für das Ausscheiden von Wouters gewesen sein, weil sie erst im Juni angekündigt wurde. Global Tin, spezialisiert auf die Erschließung von Zinn-Vorkommen, hatte allerdings wenig Erfolg, Wouters blieb dort nicht lange Chef. Offenbar bringt er den Unternehmen, für die er arbeitet, nicht gerade Glück.

Wir haben mehrmals direkt mit Daniel Wouters gesprochen, telefonisch und bei ihm zu Hause. Die Veröffentlichung dieser Gespräche im Wortlaut hat er jedoch abgelehnt.

Daniel Wouters

Hat die französische Atomindustrie noch eine Zukunft?

Um Areva vor dem drohenden Ruin zu retten, wird die Sparte Reaktorbau und Wartung an den Energieanbieter EDF ausgelagert. Die Zukunftsaussichten sind auch für ihn düster.

Fünfzehn Jahre nach der Gründung von Areva durch die Fusion von Cogema (Uranabbau, Uranaufbereitung und Wiederaufbereitung von abgenutzten Brennstäben) und Framatome (Reaktorbau, Wartung und Dienstleistungen für Energieversorger) ist der französische Atomriese gezwungen, die Sparte Reaktorbau und Wartung an EDF abzugeben. Laut dem im Juni 2015 geschlossenen und Ende Januar 2016 bestätigten Abkommen wird der Energieversorger zwischen 50 und 75 Prozent des Kapitals von Areva NP übernehmen, dessen Wert auf 2,5 Milliarden Euro angesetzt ist.

Die Operation hat rein finanzielle Gründe: Es geht darum, Areva vor der Pleite zu bewahren, ohne allzu astronomische Summen einzuschießen. Das nötige Frischkapital für das ehemalige Flaggschiff der französischen Atomindustrie wird vom Staat kommen: höchstens fünf Milliarden Euro bis spätestens Anfang 2017.

Die dunkle Zukunft der französischen Atomindustrie
EDF übernimmt mit der Sparte Reaktorbau aber auch die Probleme, mit denen Areva seit 2011 kämpft. Die Wartung und die Dienstleistungen für Energieversorger könnten zumindest in den nächsten Jahren für relativ stabilen Umsatz sorgen. Das Sorgenkind ist der Reaktorbau als solcher: Außer einem Projekt für zwei EPR-Reaktoren in Großbritannien sind die Auftragsbücher zum Verzweifeln leer.

Die meisten Spezialisten sehen für die Atomenergie nur noch in China eine Zukunft. Peking hält prinzipiell am Ausbau seines AKW-Parks fest, auch wenn mehrere Projekte vorerst auf Eis gelegt wurden. Laut Internationaler Atom-Energie-Organisation wird der Anteil des Atomstroms weltweit von 10 auf 4 Prozent sinken. Die wenigen Aufträge für neue Atomreaktoren werden im Grunde allerhöchstens die Schließungen ausgedienter bestehender Kraftwerke ausgleichen.

Dazu kommt, dass sich der EPR, das Areva-Modell, als zu komplex und teuer erweist, um den von China, Südkorea oder Japan angebotenen Lösungen gegenüber wettbewerbsfähig zu sein. Auch wenn EDF und Areva an einer ausgereifteren Generation des EPR arbeiten, werden seine hohen Kosten ein Handicap bleiben. Vor der Parlamentskommission zu den Kosten der Atomenergie im Frühjahr 2014 erklärten EDF-Führungskräfte, die Verbesserungen zielten darauf ab, die Baukosten auf etwa 6 Milliarden Euro zu drücken – gegenüber den 10,5 Milliarden, die der in Bau befindliche ERP von Flamanville bereits verschlungen hat.

Ist das Ziel von Areva NP, Atomkraftwerke stillzulegen?
Eine Alternative zum Bau neuer Reaktoren wäre eine Umorientierung von Areva NP auf den Rückbau stillgelegter Anlagen. Der Großteil der über 400 weltweit in Betrieb befindlichen Atommeiler steht kurz vor der Altersgrenze. Die wenigen bisher gemachten Erfahrungen zeigen, wie komplex der Rückbau ist. Das kleine Atomkraftwerk von Brennilis ging 1986 vom Netz und ist immer noch nicht abrissfähig. Nicht mehr als der Schnelle Brüter Superphénix, der seit 1998 stillgelegt ist.

Haupthindernis beim Rückbau ist die Radioaktivität des Baumaterials im Reaktorgebäude. Bei der Demontage des kleinsten Bauteils wird Radioaktivität freigesetzt, die zur Einstellung der Arbeiten zwingt. Das zeigt etwa der Dokumentarfilm „AKW-Rückbau – Zu welchem Preis?“ von Bernard Nicolas, den Arte 2013 ausstrahlte. Die USA fragen sich bereits, ob es nicht sinnvoller ist, die Anlagen zu ummanteln anstatt ihren Abriss anzustreben.

Die Neuorientierung der französischen Atomindustrie ist also ein langfristiges Problem. Zudem sieht EDF in Frankreich selbst bis 2030 keinen Reaktorneubau vor. Fragt sich nur, ob der Energieversorger die Mittel hat, Areva NP bis dahin am Leben zu erhalten.

Laut Internationaler Atom-Energie-Organisation wird der Anteil des Atomstroms weltweit von 10 auf 4 Prozent sinken.

Flamanville, ein Fass ohne Boden

Die Arbeiten auf der EPR-Baustelle von EDF im nordfranzösischen Flamanville gehen weiter. Doch es ist fraglich, ob der Reaktor je in Betrieb gehen kann. Denn an seinem Herzstück, dem Druckgefäß und dessen Deckkuppel, wurden Mängel entdeckt. Die Atomaufsichtsbehörde hat Tests angeordnet. Deren Ergebnis wird nicht vor Jahresende vorliegen.

Trotz der Bedenken der französischen Atomaufsichtsbehörde führt der Energieversorger EDF seine EPR-Baustelle im nordfranzösischen Flamanville weiter, ohne die Ergebnisse der angeordneten Zusatztests abzuwarten. Diese wurden nötig, nachdem Materialfehler im Stahl festgestellt wurden, aus dem der Boden und die Deckplatte des Reaktorbehälters bestehen.

Inzwischen hat EDF, wie der Konzern Ende März bekanntgab, zwei Bauetappen abgeschlossen, die einen eventuellen Umbau des bemängelten Reaktorbodens fast unmöglich machen: die Installierung des Primär-Dampf-Kreislaufs und der Dampf-Generatoren, die den Strom erzeugen. Da diese Elemente fest mit dem Druckgefäß verschweißt sind, müssten sie zerstört werden, um das Gefäß selbst noch umbauen zu können.

Nur wenig später schlugen EDF und Areva der Atomaufsichtsbehörde noch umfangreichere Zusatztests vor, weil die Materialfehler vielleicht ausgedehnter sind, als ursprünglich angenommen. Die Bekanntgabe der Testergebnisse wurde auf Ende 2016 verschoben. Sollten sie bestätigen, dass das Druckgefäß aufgrund der Materialfehler die Sicherheitsstandards verfehlt, müsste die Atomaufsichtsbehörde die Aufgabe des Projekts verfügen. Fragt sich nur, ob der Staat als Hauptaktionär von EDF angesichts der bereits verschlungenen Unsummen und der ohnehin schon desaströsen Finanzen des Konzerns eine solche Entscheidung zulassen würde.

EDF am Rande des finanziellen Zusammenbruchs

Der staatliche Energieversorger EDF steht vor einer Lawine notwendiger Investitionen, steckt aber gleichzeitig jetzt schon in finanziellen Turbulenzen. Gründe dafür sind zum einen eine falsch angegangene und schlecht umgesetzte Auslandsexpansion, zum anderen ein viel zu lange künstlich niedrig gehaltener Strompreis.

Anfang Mai trat überraschend EDF-Finanzdirektor Thomas Piquemal zurück, wegen unüberbrückbarer Differenzen im Hinblick auf den Fahrplan des umstrittenen EPR-Baus in Großbritannien (vgl. den Artikel zu Hinkley Point in diesem Dossier). Sein Schritt hat Symptomwert. Einige Tage zuvor war er noch bemüht, bei der Vorstellung der Jahresbilanz 2015 an der Seite seines Generaldirektors Jean-Bernard Lévy eine gute Figur abzugeben. Trotz einer beruhigenden Rede war dem Finanzdirektor bereits sichtlich mulmig.

EDFs immense Schulden
Nicht zu Unrecht: Der Energie-Riese kann nicht länger über die Finanzkrise hinwegtäuschen, mit der er zu kämpfen hat. EDF steht mit dem Jahresabschluss 2015 vor einem Schuldenberg von 64 Milliarden Euro. Trotz einer leichten Verbesserung des Operativen Ergebnisses verfügt der Konzern nicht über die nötigen Kapitalreserven, um seine Investitionen und die Dividende für die Aktionäre zu finanzieren, muss sich also weiter verschulden.

Wie angespannt die Finanzlage ist, zeigt auch die Tatsache, dass der Staat – mit 85 Prozent Hauptaktionär – auf eine Bar-Überweisung seiner Dividende für 2015 in Höhe von 1,8 Milliarden Euro verzichtet und sich in Aktien hat auszahlen lassen. Wirtschaftsminister Emmanuel Macron hat kürzlich vor der Wirtschaftskommission des Parlaments bestätigt, dass der Staat diesen Auszahlungsmodus auch in den nächsten Jahren akzeptieren könnte, um dem Konzern zu helfen.

Er hat auch nicht ausgeschlossen, dass eine Kapitalaufstockung notwendig werden könnte, wie das Wirtschaftsblatt Les Echos am Tag der Bilanzvorstellung berichtete.

Die Gründe für die finanzielle Flaute
Die Finanzkrise bei EDF hat zwei Hauptgründe. Zum einen hat der Energieversorger in den Jahren 1998 bis 2008 bei Auslandsinvestitionen keine glückliche Hand bewiesen und dadurch zugleich an die 15 Milliarden Verluste eingefahren und seine Schulden so gut wie verdoppelt. Die noch in seinem Besitz befindlichen Auslandsfilialen erzielen zu dürftige Ergebnisse, um einen Schuldenabbau zu ermöglichen.

Zum anderen hat der Staat aus politischen Gründen den Strompreis seit 30 Jahren künstlich niedrig gehalten, obwohl die Kosten laufend steigen. Laut Rechnungshof lagen die Produktionskosten für Atomstrom 2010 noch bei 49,6 Euro pro Mwh, Ende 2014 bereits bei 62,6 Euro pro Mwh. Je älter ein Atommeiler wird, desto teurer wird seine Instandhaltung. Zudem hat EDF Anfang der 2000er-Jahre bei der Wartung gespart. Das rächt sich jetzt, weil die Anlagen dadurch noch schneller gealtert sind.

In dieser finanziell schon höchst angespannten Situation muss EDF in nächster Zukunft enorme Investitionen stemmen. Erster Punkt: eine Generalüberholung der laufenden französischen AKWs, Vorbedingung für eine erhoffte Laufzeitverlängerung über die 40-Jahr-Grenze hinaus. EDF veranschlagt dafür 52 Milliarden Euro in den nächsten zwölf Jahren, der Rechnungshof dagegen schätzt die Kosten auf 100 Milliarden in den nächsten 15 Jahren. Und dabei sind die Ausgaben für zusätzliche Sicherheitsauflagen, die die Atomsicherheitsbehörde für eine Laufzeitverlängerung vorschreiben könnte, noch nicht eingerechnet.

Wie kann EDF gerettet werden?
Zweitens muss EDF die rund zwei Milliarden Euro für den Kauf der Sparte Reaktorbau und Entwicklung von Areva aufbringen.

Und schließlich hat sich EDF verpflichtet, in Großbritannien für 23 Milliarden Euro zwei EPR-Reaktoren zu bauen. Diese Investition wird zwar von einem chinesischen Partner mitfinanziert, das Risiko trägt aber überwiegend EDF.
Der Energieversorger und der Staat versichern, dass der Konzern das alles schaffen kann. EDF verweist auf Beteiligungen in der Höhe von 18 Milliarden Euro, die verkauft werden können, um die Schuldenlast zu erleichtern oder Investitionen zu finanzieren. Ganz so einfach dürfte aber auch das nicht sein. Die EDF-Anteile an RTE sollten zwar relativ leicht einen Käufer finden, bei den Anteilen am US-AKW-Betreiber American Constellation ist das wesentlich fraglicher. Und schließlich klafft zwischen diesen 18 Milliarden und den 64 Milliarden Schulden und 120 Milliarden notwendigen Investitionen in den nächsten 15 Jahren eine ziemlich beängstigende Lücke.

Zur finanziellen Absicherung von EDF erscheint also eine auf 5 bis 10 Milliarden geschätzte Kapitalaufstockung ebenso unabwendbar wie eine wesentliche Tariferhöhung. Dabei ist der Spielraum angesichts sinkender En-Gros-Preise auf dem Strommarkt allerdings begrenzt. EDF wird also auch um massive Sanierungsmaßnahmen zur Senkung seiner Fixkosten nicht herumkommen. Für 2016 wurde bereits der Abbau von 3.500 Stellen angekündigt. Und diese Abmagerungskur wird sich wohl über mehrere Jahre fortsetzen.

Schuldenberg von 64 Milliarden Euro.

Hinkley Point, Uramin Version EDF?

2008 hat EDF für fast 16 Milliarden Euro den britischen AKW-Betreiber British Energy gekauft. Das hat sich als schlechtes Geschäft erwiesen: Die britischen Atommeiler sind veraltet, eigentlich Auslaufmodelle. Stellt sich die Frage, warum der französische Staat als Hauptaktionär von EDF diesen Deal genehmigt hat.

Kommt nach dem Uramin-Skandal bei Areva nun der British-Energy-Skandal bei EDF? British Energy, der Betreiber der acht britischen Atomkraftwerke mit 15 Meilern, 14 davon gasgekühlte AGR-Reaktoren und ein Druckwasser-Reaktor, wurde 2008 für 12 Milliarden Pfund (15,6 Milliarden Euro) von EDF aufgekauft. Die Rechtfertigung für den Deal – ein Gegengeschäft, nämlich der Bau von vier EPR-Reaktoren im Auftrag der britischen Regierung – wurde damals nicht in Zweifel gezogen. Dabei hätte schon ein etwas genaueres Studium des Projekts den Staat dazu bewegen können, das Geschäft nicht abzusegnen.

EDF machte in den Unterlagen des Jahres 2008 kein Geheimnis aus dem bedenklichen Zustand der britischen Anlagen. Das Dossier zeigt, dass die tatsächliche Leistung 2008 auf 51 Prozent der theoretischen Leistung gesunken war. Dieses Schlüsselkriterium für AKWs hatte sich seit langem laufend verschlechtert: 2006 waren es 68 Prozent gewesen, 2004 immerhin noch 77 Prozent, obgleich auch diese bereits deutlich unter dem internationalen Durchschnitt von über 80 Prozent lagen.

Grund dafür war eine Reihe von Pannen, die zu Produktionsausfällen durch Stilllegungen führten. Zudem durften mehrere Reaktoren, darunter die beiden in Hinkley Point, wegen Mängeln der Druckgefäße aus Sicherheitsgründen nicht auf voller Leistung laufen. EDF konnte die Leistung der britischen AKWs in den letzten Jahren zwar wesentlich steeigern, die Meiler bleiben aber anfällig. Das hat Auswirkungen auf die finanziellen Resultate der britischen EDF-Tochter EDF Energy. Nach mehreren Jahren mit äußerst bescheidenen Ergebnissen schien sich die Lage zuletzt endlich etwas zu verbessern.

Trotzdem bleibt die Frage: Warum hat EDF 2008 so viel Geld für das wenig rentable und finanziell gefährdete Unternehmen ausgegeben? Die Erklärung sind die vier EPR-Projekte, die im Gegenzug vereinbart wurden. Sie verweisen zugleich auf den zweiten Schwachpunkt der britischen Atomstrom-Industrie: Sieben der acht AKWs stehen kurz vor dem Ende ihrer Laufzeit. Der Druckwasser-Reaktor Sizewell B, der ab 1995 gebaut wurde, darf bis 2035 laufen. Alle anderen Meiler hatten theoretisch so gut wie ausgedient und sollten eigentlich zwischen 2014 und 2023 vom Netz.

British Energy konnte zwar eine Laufzeitverlängerung erreichen, aber nur für einige Jahre. Im Lauf des nächsten Jahrzehnts müssen sie endgültig abgeschaltet werden. Anders gesagt, EDF hat mit British Energy 15 Reaktoren gekauft, von denen 14 bestenfalls noch 15 Jahre laufen dürfen.

Diese Tatsache macht das Projekt der beiden EPR-Reaktoren in Hinkley Point für EDF zur Schicksalsfrage: Entweder sie werden gebaut, was immer das auch kosten wird – derzeit sind das geschätzte 23 Milliarden Euro. Oder aber das Projekt wird begraben, und EDF büßt in den kommenden zehn Jahren den Großteil seiner Produktionsmittel in Großbritannien ein. Das aber käme dem Eingeständnis gleich, dass EDF sich 2008 umsonst in Höhe von 11 Milliarden Pfund verschuldet und 15,6 Milliarden Euro letztlich zum Fenster hinaus geworfen hat. Ein Eingeständnis, das unweigerlich die unangenehme Frage aufwerfen würde, warum dieser Deal zu einem unverständlich hohem Preis überhaupt abgeschlossen wurde.

Slug News

Autor: Etienne Huver
Schnitt: Xavier Gaillard
Kamera: Etienne Huver, Boris Heger
Musik: Parigo
Produktionsleitung: Ariane Korac
Produktion: Marina Ladous, Lorenzo Benedetti, Guillaume Dimitri, Aram Attar
Mit Dank an Guillaume Griffoni, Quentin Eiden, François Pilet, Boris Heger, Romeo Langlois, César et Thomas Barthelemy, Eric Watter, Marine G. und Johnny Vianney Bissakonou.

Hexagones

Thierry Lévêque, Thierry Gadault

ARTE GEIE

Marco Nassivera, Hugues Jardel, Mathieu Boch, Stefanie Hintzmann, Donatien Huet, Loïc Bertrand, Angèle Müller, Eliane Bernhardt, Céline Broggi, Laurence Apprederisse

Design

Pan !

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