Areva & Uramin: Der unsichtbare Financier (1/2)

Areva & Uramin: Der unsichtbare Financier (1/2)

Im Mittelpunkt der mysteriösen Affäre, die die französische Atomindustrie überschattet, steht ein Gespenst: Der Gründer von Uramin, der kanadische Financier Stephen Dattels. Er hatte zu einem Spottpreis Uranvorkommen in Afrika erworben. 2007 verkaufte er sie für 1,8 Milliarden Euro an den französischen Atomriesen Areva weiter. Fast zehn Jahre später sind die Minen verlassen. Bis heute ist dort kein Gramm Uran gefördert worden. Der französische Atomriese Areva, am Rande des Ruins, wurde kürzlich zerschlagen. Drei Untersuchungsrichter ermitteln derzeit in der Affäre. Im Visier: Ex-Areva-Chefin Anne Lauvergeon und ihr Ehemann Olivier Fric. Gegen sie wurde ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Stephen Dattels, der Uramin an Areva verkaufte, ist seinerseits unauffindbar. Er bemüht sich,  im Internet jede Spur zu tilgen. Nicht einmal ein Foto ist von ihm zu finden.

ARTE recherchiert über den unsichtbaren Financier und die verlorene Ehre der französischen Atomindustrie.

Das ist in den vorherigen Episoden passiert:

Als Areva 2007 Uramin erwarb, dachte das Unternehmen, es habe ein Bombengeschäft gemacht. Die drei Minen sollten den Uran-Bedarf von Areva decken. Dafür zahlte der französische Atomriese 1,8 Milliarden Euro. 1,2 zusätzliche Milliarden wurden investiert, um die Produktionsstätten auf Vordermann zu bringen. Der Haken: Bis heute wurde kein Gramm Uran aus den Minen gefördert. Der Skandal kostete der Geschäftsführerin Anne Lauvergeon ihren Posten. Gegen „Atomic Anne“ wurde am 13. Mai 2016 ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Ein Mann bleibt unterdessen unbehelligt: Stephen Dattels, der den Uramin-Areva-Kauf initierte und dabei ein kleines Vermögen verdiente.  

EPISODE 5

Die neue Führungsriege von Areva schweigt über den Uramin-Skandal. Unterdessen wurde ein Ermittlungsverfahren gegen Anne Lauvergeon und ihren Ehemann Olivier Fric eingeleitet. Der Mann, den bisher niemand behelligt, ist Stephen Dattels. Er hat die Uran-Minen an Areva verkauft.

Mehr dazu 

Wer ist Stephen Dattels? Wie weit sind die Ermittlungen fortgeschritten? Finden Sie hier eine Zusammenfassung der Geschichte von Uramin und das Porträt des „unsichtbaren Financiers“. Schließlich blickt ARTE hinter die Kulissen der drei Ermittlungsverfahren und der Argumente, die Anne Lauvergeon zu ihrer Verteidigung vorbringt.

Die überaus kurze Geschichte von Uramin

Die Geschichte des Unternehmens Uramin und seines Kaufs durch Areva ist Gegenstand des Buches „A Team Enriched“ von Dr. Lestyn Adams und André Morall, erschienen 2008 bei Brandmining, dem Verlag von André Morall. Das Vorwort stammt von Stephen Dattels. Das Buch ist heute vergriffen, seine Autoren wollen es nicht kommentieren.

Uramin wurde 2004 gegründet und 2007 in einem im Juni bekanntgegebenen öffentlichen Kaufangebot von Areva erworben. Laut dem Buch „A Team Enriched“, das im Auftrag der Uramin-Gründer und Aktionäre geschrieben wurde, fanden die ersten Kontakte zwischen den beiden Unternehmen aber bereits im Oktober 2005 statt.

Der Anfang: Das Treffen zwischen Lugan und Dattels

Die Geschichte beginnt im August 2004 mit der Gründung einer Gesellschaft namens Beranjou durch den australischen Geologen Adrian Lungan. Seine Logik ist einfach: Im Kontext der Renaissance der Atomenergie erscheint die Erschließung neuer Uranvorkommen als ein potenziell einträgliches Geschäft.

Doch Lungan verfügt nicht über das nötige Startkapital. Er macht sich also auf die Suche nach einem Geldgeber. Im Dezember 2004 trifft er Stephen Dattels, einen kanadischen Financier, der weltweit in der Bergbauindustrie mitmischt. Im Februar 2005 gründet Dattels seinerseits die Gesellschaft Uranco, die einen Monat später Beranjou für 300.000 Dollar aufkauft. Lungan wird Aktionär bei Uranco. 

Wie das Unternehmen Uranco zu Uramin wurde

Die Rollenverteilung ist klar: Dattels sucht nach Geldgebern, um das Kapital der jungen Firma aufzustocken, Lungan macht sich auf die Jagd nach Schürfrechten in Afrika. Im Juli 2005 erwirbt Uranco die Abbaurechte für die Mine von Trekkopje in Namibia. Anschließend kauft Uranco in Südafrika zusammen mit dem Geschäftsmann Matiki Chikala, der gute Kontakte zum ANC unterhält, die Rechte am Uranvorkommen von Ryst Kuil.

Stephen Dattels nimmt indessen seine Freunde an Bord. Jim Mellon, zu diesem Zeitpunkt von der südkoreanischen Justiz verfolgt, und die Firma Galahad, im Besitz von Ian Watson und Jim Slater, werden Uranco-Teilhaber. Im September 2005 wird Uranco zu Uramin. Im November 2005 ernennt Uramin dann den ghanaischen Geschäftsmann Sam Jonah, einen Vertrauten von Präsident Tabo Mbeki, zum Aufsichtsratsvorsitzenden.  

Areva / Uramin: Erste Kontakt werden gepflegt

Im Oktober 2005 stellt Stephen Dattels am Areva-Sitz in Paris der Areva-Führung seine Junior-Firma vor. Ab diesem Zeitpunkt sind die Kontakte regelmäßig. Laut den Autoren des Buches kommt es im ersten Halbjahr und im Herbst 2006 zu mehreren Treffen, die am 27. Oktober 2006 zur Unterzeichnung eines geheimen Vertrags führten, der es Areva im Rahmen seiner Sorgfaltspflicht erlaubte, die Bücher von Uramin zu prüfen. Ende 2006 engagiert Areva dann, nach einem sechsmonatigem Rekrutierungsverfahren, den belgischen Bankier Daniel Wouters als Chef-Unterhändler für die Erwerbungen im Bergbau-Bereich.

Parallel dazu hat Uramin seinen Börsengang vorbereitet. Ab April 2006 ist die Firma an der Londoner Risikokapitalbörse AIM eingetragen, ab Ende 2006 dann auch an der Bergbau-Börse von Toronto. Uramin informiert die Börsen dabei zu keinem Zeitpunkt über seine bereits weit fortgeschrittenen Verhandlungen mit Areva, wohl aber, im Mai 2006, über den Erwerb von 90 Prozent der Schürfrechte am Uranvorkommen Bakouma in der Zentralafrikanischen Republik.

Areva kauft Uramin auf

Im März 2007 verkauft Uramin Aktien an eine Investorengruppe, darunter Areva, das auf diese Weise fünf Prozent der Uramin-Anteile erwirbt. Einige Tage später macht die Financial Times diese vertrauliche Transaktion publik. Nach mehreren Treffen im Frühjahr einigen sich Uramin und Areva schließlich bei einem zweitägigen Seminar im Juni auf die Bedingungen für ein öffentliches Kaufangebot. Am 18. Juni setzt der Uramin-Aufsichtsrat dann den Schlusspunkt, indem er bekannt gibt, er habe ein öffentliches Kaufangebot von Areva in Höhe von 2,5 Milliarden Dollar (1,8 Milliarden Euro) angenommen.

Die Areva-Uramin-Affäre in fünf Punkten
  • Drei Milliarden Euro: So viel hat der vom französischen Staat kontrollierte Atom-Riese Areva in den Jahren 2007 bis 2010 für Uran-Minen in Afrika ausgegeben: 1,8 Milliarden für den Kauf der kanadischen Firma Uramin, die über die Schürfrechte verfügte, plus 1,2 Milliarden für vorbereitende Arbeiten. Kein Gramm Uran-Erz wurde in diesen Minen je abgebaut.
  • Drei gerichtliche Ermittlungsverfahren laufen derzeit im Rahmen der Uramin-Affäre in Frankreich. Das erste soll abklären, ob der Uramin-Kauf eine betrügerische Operation und ob er von Schmiergeldzahlungen begleitet war. Das zweite untersucht den gegen Anne Lauvergeon erhobenen Vorwurf der Bilanzfälschung. Das dritte betrifft eine Teilepisode in der Zentralafrikanischen Republik, wo Areva verdächtigt wird, sich den Zugang zu seiner Mine durch Schmiergeldzahlungen in zweistelliger Millionenhöhe erkauft zu haben.
  • „Atomic Anne“, ihr Ehemann Olivier Fric und die anderen. Gegen Anne Lauvergeon läuft seit dem 13. Mai ein Ermittlungsverfahren. Sie soll die Konten beschönigt und falsche Informationen an die Märkte weitergegeben haben. Ihr Ehemann Olivier Fric wird bereits offiziell der Geldwäsche und eines Insidergeschäfts beschuldigt. Seinem Partner wird vorgeworfen, am Rande des Uramin-Deals zwielichtige Geschäfte abgeschlossen zu haben. Die Untersuchungsrichter haben weitere Beteiligte vorgeladen. 
  • Stephen Dattels, der kanadische Financier, der Uramin gegründet und dann verkauft hat, ist das größte Fragezeichen in der Affäre. Hat er einfach nur ein fantastisches Geschäft gemacht? Oder war er die Zentralfigur einer groß angelegten Betrugs- und Korruptionsaktion? Während die Untersuchungsrichter nach Antworten suchen, ist der zwielichtige Geschäftsmann unauffindbar und löscht die Spuren seiner Existenz im Internet.
  • Das Ende der Atomindustrie? Areva trägt schwer an der Uramin-Affäre, vor allem aber am Fiasko des EPR, dem Druckwasserreaktor der dritten Generation. Die beiden EPR-Baustellen in Finnland und Nordfrankreich verschlingen Milliarden, ein Bauabschluss ist immer noch nicht in Sicht. Areva, 2001 unter Leitung von Anne Lauvergeon geschaffen, um alle Teilbereiche der Atomindustrie vom Uranabbau bis zur Wiederaufbereitung in einem Konzern zu vereinen, wurde im Vorjahr zerschlagen. Der Staat hat Areva gezwungen, seine Kernaktivität, den Reaktorbau, an EDF abzugeben. Damit platzt auch der Traum vom weltweiten Triumph der französischen Atomindustrie. Denn EDF steht selbst vor einem Schuldenberg und muss zudem in den nächsten 15 Jahren bis zu 100 Milliarden Euro in die Überholung seiner alternden Atommeiler investieren, um auf eine Laufzeitverlängerung hoffen zu können. Düstere Aussichten.
Bakouma in der Zentralafrikanischen Republik

Stephen Dattels, der unsichtbare Financier

Der kanadische Uramin-Gründer ist eine äußerst diskrete Figur. Es gibt nicht ein öffentliches Foto von ihm, niemand aus seiner Umgebung will über ihn reden.

Wie sieht Stephen Dattels* aus? Ist er groß, klein, mager oder dick, bärtig oder glatzköpfig? Trägt er eine Brille und den grauen Anzug des Durchschnittsgeschäftsmanns? Ist er jovial oder eiskalt wie Michael Douglas alias Gordon Gekko im Börsenthriller „Wall Street“? Wir wissen es nicht. Wir haben Menschen angerufen, die ihn kennen, und jene gefragt, die mit ihm zu tun hatten, wie etwa Daniel Wouters, der den Uramin-Deal für Areva ausgehandelt hat. Keiner wollte Auskunft geben.

Dattels, der Geschäftsmann ohne Gesicht

Kanadier, Financier, Jahrgang 1948 – mehr als die offizielle Biografie auf der eigenen Website ist von der Zentralfigur des Uramin-Skandals auch im Internet nicht zu erfahren. Kein einziges Foto von ihm, obwohl er ein sehr reicher Mann ist. Gerade mal ein Bild von seiner Frau Jennifer, bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung. Was steckt hinter dieser extremen Diskretion eines Mannes, der immerhin drei Milliarden-Deals in der Bergbauindustrie abgewickelt hat: den Uramin-Verkauf an Areva für 1,8 Milliarden Dollar, die Gründung und den Verkauf der Bergbau-Gruppe Oriel für eine Milliarde Dollar und den Verkauf eines weiteren Uranvorkommens in Namibia an China, für 1,5 Milliarden Dollar.

Ein so erfolgreicher Geschäftsmann könnte es auf die Titelseite der Businessmagazine bringen und sich wie der Amerikaner Warren Buffet als Guru verehren lassen. Das tut Stephen Dattels nicht. Als hätten seine Geschäfte, allen voran die Operation Uramin, auch etwas Fragliches, eine Schattenseite, die das Licht einer zu intensiven Berichterstattung scheuen müsste. Als hätte Stephen Dattels etwas zu verbergen. Verschwiegenheit als Goldene Regel einer Welt im Halbdunkel: vielleicht die wesentlichste Lektion, die er von seinen Lehrmeistern übernommen hat.

Barrick Gold: Dattels erster großer Erfolg 

Nach einem Jura-Abschluss und ersten Schritten in einer kanadischen Consulting-Firma, landet Stephen Dattels 1982 bei Barrick Gold. Dort erlernt er die Grundlagen des „Business“ und klettert in fünf Jahren die Karriereleiter bis zum Finanzdirektor hoch. In seiner offiziellen Biografie auf seiner persönlichen Webseite spricht er nur von seinen erfolgreichen Börsenoperationen für Barrick Gold, die den Wert des Unternehmens, wie er bescheiden feststellt, verzehnfacht hätten. Über die Schattenseiten von Barrick Gold verliert er kein Wort.

Barrick Gold, ein Bergbauunternehmen im Goldsektor, wurde Mitte der 1970er-Jahre von dem berühmt-berüchtigten saudi-arabischen Mittelsmann und Waffenhändler Adnan Kashoggi gegründet, zusammen mit Partnern aus der CIA, darunter George Bush Senior. In seinem Dunstkreis taucht auch Ted Shakley auf, der legendäre Boss der Geheimoperationen der US-Nachrichtendienste. Zu eben dem Zeitpunkt, als Dattels dort die Finanzabteilung leitet, ist Barrick Gold indirekt in den „Irangate“ verstrickt, einen der größten Skandale der Reagan-Jahre. Auf eine persönliche Verwicklung von Dattels gibt es keine Hinweise, seine Name wurde in der Affäre nie genannt. 

Eine Grundregel, die er in diesem obskuren Milieu zweifellos gelernt hat, befolgt Stephen Dattels offenbar bis heute: Hinterlasse keine Spuren!

Nach seinem Ausscheiden bei Barrick Gold macht sich Stephen Dattels selbständig. Der Start ist eher mühsam. Einziger Erfolg: 1996 verkauft er für 130 Millionen Kanadische Dollar eine Goldmine an die Gruppe Ashanti, damals von Samuel Jonah geleitet, der später dem Aufsichtsrat von Uramin vorsitzen wird. Die übrigen Geschäfte laufen weniger gut und zwingen ihn Ende der 1990er-Jahre, Kanada den Rücken zu kehren und sich in London niederzulassen.

Java Gold & Weda Bay: Zwei zwielichtige Unternehmen

Schon bevor er mit Areva das große Los zog, hatte Stephen Dattels eine zwielichtige Operation auf dem Konto: die Affäre Java Gold. Stephen Dattels war Mit-Gründer und Teilhaber dieses Bergbauunternehmens, das an der Börse von Toronto eingetragen war. Er verließ die Firma, kurz bevor die dortige Börsenaufsicht aufdeckte, dass Java Gold bewusst mit falschen Informationen Investoren geködert hatte. Sein Partner wurde in Folge des Betrugs angeklagt, verstarb aber vor dem Prozess. Stephen Dattels selbst wurde in der Affäre offenbar nicht belangt. 

Erst Ende 2005 macht Stephen Dattels dann wieder von sich reden. Über seine Geschäftsbank Regent Merchant Bancorp wickelt er den Verkauf der indonesischen Bergbaufirma Weda Bay ab. Der Käufer heißt Eramet und ist der französische Leader im Nickel-Abbau. Die Kontrolle über Eramet teilen sich Areva und die Familienholding Aubert & Duval.

Weda Bay, auf einer verlorenen indonesischen Insel, gilt als viel versprechendes Nickel-Vorkommen. Eramet hat kurz zuvor die Schürfgenehmigung im letzten erschlossenen Nickel-Abbaugebiet von Neukaledonien verloren und braucht dringend Ersatz.
Im März 2006 kauft Eramet deshalb für 275 Millionen Dollar die Mine von Weda Bay. Die Hauptnutznießer sind Stephen Dattels und sein Partner Jim Mellon, der sich einige Wochen vor dem Deal massiv bei Weda Bay eingekauft hatte.

Ein Jahr später wird der Eramet-Chef Jacques Bacardats urplötzlich abgesetzt. Zum Nachfolger ernennt der Aufsichtsrat einen Vertrauten von Anne Lauvergeon. Bis heute, zehn Jahre später, wurde in Weda Bay nicht ein Gramm Nickel gefördert, der Abbau ist dort nie richtig angelaufen. Die Parallelen mit Uramin sind auffällig.

Das Vermögen von Stephen Dattels

16 Monate später räumt Stephen Dattels, immer noch mit seinem Partner Jim Mellon, den Jackpot ab, mit dem Verkauf von Uramin an Areva für 2,5 Milliarden Dollar (1,8 Milliarden Euro) – auch wenn der Gewinn, den der Hauptarchitekt der Operation offiziell einstreicht, bescheiden scheint. Jim Mellon erklärte einer englischen Zeitung gegenüber, er und Dattels hätten sich 130 Millionen Dollar geteilt. Die Sunday Times schätzte das Vermögen von Dattels 2009 auf 52 Millionen Pfund, etwa 62,5 Millionen Euro – wenig im Vergleich zu den umgesetzten Summen.

Die Beziehungen zwischen Stephen Dattels und Areva sind mit diesem Deal aber noch nicht abgeschlossen. Der Atom-Riese und der äußerst diskrete kanadische Financier wickeln noch eine dritte Transaktion zusammen ab. Areva kauft 2009 die Anteile von Dattels an Marencia Energy auf, einem gleichfalls auf Uranabbau spezialisierten australischen Unternehmen, mit ebenso dürftigem Ergebnis wie bei Uramin.  

Neben seinen Geschäften mit den Franzosen behält Dattels stets die nordamerikanische Heimat im Auge. Im Juni 2009 überschreibt er der Stiftung Clinton zwei Millionen Aktien von Polo Ressources, einer seiner Holdings. Sie sind geschätzte 40.000 Dollar wert. Die Spende wird in einer Presseaussendung öffentlich gemacht.  

Zufall oder nicht: Einige Wochen später setzt sich, wie aus Wiki-Leaks-Dokumenten hervorgeht, der US-Botschafter in Bangladesh bei der dortigen Regierung dafür ein, dass sie einer Firma, an der Polo Ressources Anteile hält, eine Schürfgenehmigung erteilt. Der US-Journalist Peter Schweizer erzählt diese Episode in seinem Buch „Clinton Cash“

Stephen Dattels goldenes Zeitalter 

Die zweite Hälfte der 2000er-Jahre bringt Stephen Dattels ein weiteres einträgliches Geschäft. Nach dem Meisterstück Uramin gründet er mit dem russischen Milliardär Sergej Kurzin die Bergbau-Gruppe Oriel. 2008 verkauft er sie für 1,5 Milliarden Dollar an den Mechel-Steel-Konzern. Dattels hielt rund zehn Prozent der Oriel-Akten, muss also ein rundes Sümmchen eingestrichen haben.

Fast gleichzeitig kauft er sich bei Extract Resources ein, der Betreibergesellschaft einer Uran-Mine in Namibia. Deren Schürfrechte – und ihre Schulden dazu – übernimmt anschließend ein chinesischer Staatskonzern, für 2,2 Milliarden Dollar.

Nach diesen drei großen Transaktionen, die ihn reich gemacht haben, hätte sich Dattels zurückziehen können. Er hat es nicht getan, sondern weitere Geschäfte aufgezogen, allerdings mit weniger Glück.

Etwa mit Kuala Limited, an der Londoner Risikokapitalbörse AIM eingetragen. Das Unternehmen sollte ursprünglich in den Bergbau und die Energiewirtschaft in Asien investieren. Nach einigen erfolglosen Jahren hat es nicht nur den Namen gewechselt sondern auch das Betätigungsfeld: Es heißt jetzt sinnigerweise FastForward und ist auf Biotechnologie umgestiegen. Die PR-Strategie hat ein gewisser Jim Mellon in die Hand genommen, der zugleich einer der Hauptaktionäre wurde. Er verspricht jedem, der es hören will, dass er die neue Wunderformel für fantastische Gewinne entdeckt hat – bislang ohne viel Erfolg.

Dattels, der Philanthrop

Stephen Dattels lebt inzwischen wieder in Kanada und zeigt sich von der philanthropischen Seite. Er hat eine Stiftung für Umweltschutz gegründet und einer kanadischen Universität 1,5 Millionen Dollar gespendet, für den Aufbau eines spezifischen Studiengangs zum Wirtschaftsrecht in der Bergbauindustrie.

Trotz einer beeindruckenden Serie guter und zweifelhafter Geschäfte ist Stephen Dattels in Kanada bis heute weitgehend unbekannt. Alain Deneault, Autor mehrerer Bücher über die Skandale der Bergbauindustrie (vgl. sein Interview in diesem Dossier), kennt ihn ebenso wenig wie die kanadische Senatorin Céline Hervieux-Payette, die eine Untersuchung der Uramin-Affäre leitete. Abzuwarten bleibt, ob er seine fast perfekte Anonymität noch wird bewahren können, wenn ihn die französischen Untersuchungsrichter im Rahmen der Ermittlungen zum Fall Areva-Uramin verhört haben.

*Wir haben vergeblich versucht, Stephen Dattels auf verschiedenen Wegen zu erreichen. Insbesondere haben wir in London Guy Miller von der Agentur Peterhouse Corporate Finance getroffen. Sie berät FastForward, eine der Firmen des kanadischen Geschäftsmanns, in ihrer Kommunikation in Finanzangelegenheiten. Guy Miller hat uns versprochen, Stephen Dattels von unseren Recherchen in Kenntnis zu setzen und ihm unsere Kontaktdaten zu übermitteln.

Stephen Dattels hat sein Geschäft in den 1980er-Jahren bei Barrick Gold gelernt.

Die Website von Stephen Dattels
Der saudische Geschäftsmann Adnan Khashoggi über "Irangate"
Screenshot der Website von Eramet

Die Website von Eramet erklärt, wie Nickel in der Weda Bay gewonnen wird.

Die Verteidigung von Anne Lauvergeon

Seit der Aufdeckung des Uramin-Skandals im Dezember 2011 ist Anne Lauvergeon keinen Millimeter von ihrer Verteidigungsstrategie abgewichen. Eine Analyse.

Eine Eigenschaft ist Anne Lauvergeon gewiss nicht abzusprechen: die Beständigkeit. Seit Areva am 12. Dezember 2011 überraschend eine Wertminderung in der Höhe von 1,5 Milliarden Euro im Zusammenahng mit dem Uramin-Kauf bekanntgab, ist die Ex-Areva Chefin nie von ihrer Verteidigungslinie abgewichen. Im Januar 2012 hat sie bei einer Pressekonferenz in Gegenwart ihres Anwalts Jean-Pierre Versini-Campinchi und ihres Ehemanns Olivier Fric ihre Version der Uramin-Affäre beschrieben.

Ihre Verteidigung folgt vier Achsen: die allgemeine Unternehmensstrategie von Areva; die Beziehungen zum Staat als Hauptaktionär; die Rahmenbedingungen für die Atomindustrie generell und die Preisentwicklung beim Uran; die Realität der von Uramin eingebrachten Uranvorkommen. Genau diese Elemente stellte Anne Lauvergeon auch in einem Interview mit der Zeitung Le Parisien am 30. März 2016 heraus, ergänzt mit Erklärungen zu ihrer Verteidigung gegen den Vorwurf der Bilanzfälschung, der Gegenstand einer der laufenden gerichtlichen Ermittlungsverfahren ist.

Die Unternehmensstrategie von Areva

Areva entstand im September 2001 aus der Fusion von Framatome und Cogema. Die Konzernführung wurde Anne Lauvergeon übertragen. In den ersten drei, vier Jahren galt es, die beiden Unternehmen strukturell zu verschmelzen und vor allem die Aktivitäten des früheren Framatome neu zu organisieren. Der Zusammenbruch des Atomenergiemarkts nach dem Super-Gau von Tschernobyl hatte die Framatome-Direktion zu einer Diversifizierung im Elektronikbereich bewegt. Die dazu neu geschaffene Sparte, FCI, sollte auf längere Sicht zum Kern des Konzerns werden. Nach dem Platzen der Internet-Börsenblase 2002 war FCI allerdings tief in die Verlustzone abgerutscht. Die Sparte wurde bis 2005 aus dem neu gegründeten Areva-Konzern ausgegliedert.

Zu diesem Zeitpunkt schien sich die Marktlage für die Atomindustrie zu bessern, zumal Areva 2003 einen EPR-Reaktor an Finnand verkauft hatte. Zudem lässt das wachsende Bewusstsein vom Klimawandel die Atomenergie als saubere Alternative zu fossilen Brennstoffen erscheinen. Mehrere Länder kündigen AKW-Projekte an. Experten rechnen mit dem Bau von mehreren hundert Atomreaktoren in den nächsten 15 bis 20 Jahren.

Angesichts dieser steigenden Nachfrage entscheidet sich Areava für eine Integral-Strategie: Der Konzern will den gesamten Zyklus kontrollieren, vom Uranabbau bis hin zur Wiederaufbereitung von ausgedientem Brennstoff. Das erfordert eine Stärkung und Erweiterung der Kompetenzen und eine internationale Expansion. Mit Unterstützung des Staates startet Areva ein Investitionsprogramm, das alle Teilsparten der Atomindustrie abdeckt. Diese Grundstrategie verfolgte auch Luc Oursel, der Anne Lauvergeon 2011 an der Konzernspitze ablöste, unverändert, wenn auch in bescheidenerem Rahmen, weiter.

Die Beziehungen zum Staat

Angesichts regelmäßiger Pannen und Pleiten von Unternehmen mit Staatsbeteiligung erscheint der Staat der öffentlichen Meinung als häufig zu passiver Zuschauer. Das ist er aber im Allgemeinen nicht und war es auch bei Areva nicht. Bei dieser Feststellung kann sich Anne Lauvergeon auf mehrere Projekte stützen, bei denen der Staat sein Veto einlege.

So verbot 2003 Wirtschaftsminister Francis Mer Areva den Erwerb der dänischen Gruppe Bonus, spezialisiert auf Windenergie, weil dem Staat der Preis von 350 Millionen Euro überhöht erscheint. Die später von Siemens gekauften Dänen haben wesentlich dazu beigetragen, den deutschen Konzern zu einem der Global Players im Bereich Erneuerbare Energien zu machen.
2005 untersagt Wirtschaftsminister Thierry Breton Areva weitere Gebote im Kampf um die Kontrolle über Olympic Dam, eine der größten Uranminen Australiens. Sie wurde letztlich von BHP Billiton erworben und steht heute für etwa 4 Prozent der weltweiten Uranproduktion. Thierry Breton verhinderte auch 2007, vor der Präsidentschaftswahl, die Übernahme von REpower, spezialisiert auf Erneuerbare Energien, obwohl Areva in dem Unternehmen bereits Anteile hielt. Die Begründung: die Furcht vor einer Börsenblase in der Öko-Energie.

Was den Uramin-Kauf angeht, steht die Frage im Mittelpunkt, ob Areva die staatlichen Aufsichtsorgane zureichend informiert hat. Laut Anne Lauvergeon haben die zuständigen Stellen alle nötigen Dokumente erhalten. Vertrauliche Informationen, die in die Medien gelangt sind, lassen aber den Eindruck entstehen, dass der Konzern nur jene Informationen weitergegeben hat, die für das Projekt sprachen. Wenn tatsächlich nicht alle verfügbaren Informationen weitergegeben wurden, stellt sich die Frage: Nachlässigkeit oder aktiver Wille zur Täuschung? Die Antwort wird die Justiz geben müssen.

Die Rahmenbedingungen: Die Bösenblase in der Atomindustrie

Ab 2004/2005 erholt sich der Sektor Atomenergie zusehends. Zahlreiche Länder kündigen den Bau von neuen AKWs oder ihr Interesse an einem Einstieg in die Atomenergie an, darunter westliche Staaten wie Italien, Großbritannien, Frankreich, Finnland oder die USA, afrikanische Staaten wie Südafrika oder Libyen, Nahost-Länder wie die Vereinigten Arabischen Emirate oder Jordanien und asiatische Länder wie Indien. Die Strategen bei Areva und EDF rechnen mit dem Bau von mehreren hundert Reaktoren in den nächsten 15 bis 20 Jahren. Areva hofft auf Verträge für mindestens 20 Reaktoren bis 2020.

Diese Renaissance der Atomenergie führt in der zweiten Jahreshälfte 2006 zu einer Explosion des Börsenkurses für Uran. Innerhalb weniger Wochen steigt der Uranpreis von 40 auf fast 140 Dollar pro Pfund und mit ihm die Aktienkurse der Uran-Abbaugesellschaften.

Uramin: Minen ohne Uran?

Zur Rechtfertigung des Uramin-Kaufs verweist Anne Lauvergeon zunächst darauf, dass die existierenden Beteiligungen an Abbau-Unternehmen am Ablaufen waren und es angesichts der Marktbelebung dringend nötig war, sich Uran-Reserven zu sichern. Diese Agumente sind stichhaltig.

Areva ist damals zwar an der neuen kanadischen Uranmine Cigar Lake beteiligt. Deren Erschließung ist aber durch einen Wassereinbruch plötzlich gestoppt worden und niemand kann voraussagen, wann die Arbeiten fortgesetzt werden können. Daneben verhandelt Areva über Schürfrechte in Kasachstan, dem neuen Eldorado der Uranförderung. Doch angesichts erbitterter Konkurrenz ist es fraglich, ob der französische Konzern sich dort die nötigen Reserven sichern kann.

Areva wendet sich also einer Alternativlösung zu: dem Kauf einer Junior-Firma im Uranabbau. Junior-Firmen sind Unternehmen, die Erschließungs- und Abbaugenehmigungen erwerben, aber selbst nicht die finanziellen Mittel haben, sie zu nutzen, und sie deshalb an einen der großen Akteure weiterverkaufen wollen. Von den an der Börse zu diesem Zeitpunkt gehandelten Juniors ist Uramin der einzige, der für Areva erschwinglich ist.
Die Entscheidung für diese Strategie erklärt sich aber auch durch den unbedingten Willen von Anne Lauvergeon, den gesamten Uran-Zyklus von Anfang bis zum Ende allein zu kontrollieren. Es gab eine weitere Alternative: Abkommen mit anderen Bergbau-Konzernen. Dafür entschied sich Areva übrigens in Kanada, durch ein Joint-Venture mit Cameco, dem Weltmarktführer im Uranabbau, zur Ausbeutung des Vorkommens von Cigar Lake.

Anne Lauvergeon unterstreicht auch, dass die mit Uramin erworbenen Minen im Gegensatz zu den Behauptungen in den Medien sehr wohl Uran enthielten. Das ist richtig. Doch die Areva-Chefin weiß auch, dass die vorhandene Gesamtmenge an Uran nicht das wesentliche Kriterium für die Bewertung einer Mine ist. Entscheidend ist der Urangehalt, also die Menge Uran, die aus einer Tonne Erz gewonnen werden kann. Denn: Je höher der Urangehalt, desto geringer die Produktionskosten.

Der Urangehalt der von Uramin eingebrachten Vorkommen ist allerdings bescheiden. Es war also klar, dass der Abbau aufgrund der hohen Produktionskosten nur dann rentabel sein würde, wenn der Uran-Boom an der Börse anhielt. Ebenso klar war, dass sich die Erschließung in mindestens zwei von drei Fällen schwierig gestalten würde: In Namibia musste erst eine Entsalzungsfabrik gebaut werden, um die für den Abbau notwendige Wasserversorgung zu sichern. Für die Mine in Zentralafrika mussten sämtliche Zugangs- und Transportwege erst gebaut werden, in einem Gebiet, das bewaffnete Banditen unsicher machten.

Julian Poniewierski, ein geologischer Gutachter, der Uramin 2006 für einen seiner Kunden unter die Lupe nahm, hat diesem vom Kauf der Firma abgeraten, weil er selbst im Falle eines sehr günstigen Preises nicht amortisierbar sei. Das erklärte er 2012 auf einer Infomationswebsite für die Bergbauindustrie.

Über diese Informationen musste auch Areva verfügen, hatten doch auch die Geologen der Vorgängerfirma Cogema die Uramin-Vorkommen in den Jahrzehnten zuvor analysiert. Areva hätte also mit größter Vorsicht an den Deal herangehen müssen. Das war offenbar nicht der Fall: Admiral d’Abonneau, früher Kommandant der französischen Atom-U-Boote, damals Sicherheitschef bei Areva, erklärte, er selbst sei vom Uramin-Projekt nicht informiert worden und habe in der Folge erfahren, dass auch die konzerninternen Geologen nicht einbezogen waren.

Die Areva-Generaldirektion begnügte sich offenbar mit den Analysen der Geschäftsbank Rothschild und denen des Gutachterbüros SRK, das im Auftrag von Uramin arbeitete. An Zeit für die Erstellung eines hausinternen Gutachtens fehlte es dabei mit Sicherheit nicht. Die ersten Kontakte zwischen Areva und Uramin fanden im Herbst 2005 statt, also eineinhalb Jahre vor dem öffentlichen Kaufangebot an der Börse.

Diese Analyse des Deals beweist natürlich nicht, dass es sich um ein betrügerisches Manöver zur Anlegung einer Schwarzen Kasse zur Bestechung von in- oder ausländischen Entscheidungsträgern gehandelt hat. Sie zeigen jedoch, dass die Fehlinvestition durchaus vermeidbar war. Warum die Areva-Führung sie trotzdem nicht vermieden hat, muss jetzt die Justiz klären.

Anne Lauvergeon im Mai 2014

© AFP / Kenzo Tribouillard

„Dattels hat ein Bombengeschäft gemacht. Und?“

Der Uramin-Kauf durch Areva sei im damaligen Kontext gerechtfertigt gewesen, die daraus entstandenen Verluste seien nie verschleiert worden: Das erklärte Jean-Pierre Versini, der Anwalt von Anne Lauvergeon, in einem Interview, das geführt wurde, bevor ein Ermittlungsverfahren gegen ihn eingeleitet wurde.

Die Baustelle des Kernkraftwerks von Olkiluoto in Finnland. Zwei Reaktoren sind dort derzeit in Betrieb. Seit 2004 wird ein dritter Reaktor gebaut, ein sogenannter EPR, den ersten, den Areva auf den Markt gebracht hat. (© Anne Hautefeuille / AFP)

Der verfängliche Ehemann von Anne Lauvergeon

Gegen Olivier Fric, den Ehemann von Anne Lauvergeon, läuft ein Verfahren wegen Verdachts auf Insidergeschäfte mit Uramin-Aktien kurz vor dem Aufkauf durch Areva 2007. In einem Interview, das er uns vor der Anklageerhebung gegeben hatte, wies er diesen Vorwurf zurück.

Der Anwalt von Anne Lauvergeon, Jean-Pierre Versini

© Citizenside / Aurélien Morissard / AFP

Anne Lauvergeon: „Wir haben dem Staat mehrere Projekte für strategische Erwerbungen vorgelegt. Er hat sie abgelehnt.“ (Le Parisien, 30. März 2016)

Anne Lauvergeon: „Zwischen 2007 und 2011 haben fünf weitere Atom-Multis Uranminen zu hohen Preisen gekauft und ähnliche Verluste eingefahren.“ (Le Parisien, 30. März 2016)