Reich, laut und schön

Unterwegs mit der Hardcoreband Direwolves

Eine Serie von Donatien Huet

Reich, laut und schön

Unterwegs mit der Hardcoreband Direwolves

Eine Serie von Donatien Huet

Lesezeit: 15 min

Das Hellfest, das weltgrößte Festival extremer Musik, belagert vom 19. bis zum 21. Juni Clisson. 150.000 Besucher zieht es in die Weinstadt bei Nantes. Im Schatten der Top-Acts existiert ein verkanntes, dafür aber umso lebendigeres Metal-, Punk- und Hardcore-Universum leidenschaftlich engagierter Amateurbands.

ARTE Journal hat eine von ihnen auf ihrer Tour durch Frankreich und die Schweiz begleitet: die fünf Musiker der Direwolves aus dem bretonischen Lorient. Von 15. bis zum 19. Juni widmet unsere Mittagsausgabe der Band eine Reportagereihe, die es auch hier im Web in erweiterter Fassung gibt.

Hellfest, 10. Geburtstag

Einmal im Jahr verwandelt sich das verschlafene Dörfchen Clisson zur Hauptstadt der Metal-Szene. Mitzuerleben auch auf ARTE Concert vom 19. bis zum 21. Juni.

Etappe 1

Lorient, der Heimathafen

Die Geschichte des Quintetts Direwolves beginnt im Jahr des Herrn 2011. Und wie so oft, ist sie das Ergebnis zweier Zutaten:

Eine felsenfeste Freundschaft: Mit Ausnahme des Sängers Pierre, der aus Brest stammt, haben Benjamin, Jean, Mathieu und Yann-Maël – alle zwischen 28 und 30 Jahre alt – zusammen die Schulbank gedrückt und schon früher viel zusammen unternommen. Man kennt und schätzt sich, was offensichtlich entscheidend ist, wie uns der Bassist Benjamin anvertraut: „Eine Band ist wie eine Ehe – zu fünft“.

Ein förderliches Umfeld: Die Stadt Lorient mit ihren städtischen Proberäumen, die für jedermann offen stehen, sowie die Bretagne – keltisches Land mit einigen Konzertsälen für moderne Musik und vielen Konzertcafés – sind bekannt für ihre ziemlich lebendige alternative Musikszene.

Nach vier Jahren, zwei veröffentlichten Platten und an die 100 Konzerten begaben sich die Direwolves zwischen dem 13. und 17. Mai dieses Jahres auf ihre sechste Tournee, von Fontenay-Le-Comte in der Vendée über Straßburg und Genf bis nach Nantes.

Die Urlaubszeiten der fünf Künstler unter einen Hut bringen, die fast alle einen normalen Job haben, eine Tour mit den Promotern vor Ort abstimmen, die zuweilen mit Anfragen überlastet sind, immer vorausgesetzt, man zahlt am Ende nicht noch drauf: Eine Tournee in den Nebenströmungen der Musik zu stemmen, ist nicht unbedingt ein reines Vergnügen.

Die Direwolves (wörtlich übersetzt „die düsteren Wölfe“) sind Caniden, die das Nordamerika des Pleistozäns bewohnten und vor ca. 10.000 Jahren ausgestorben sind, ist in Wikipedia nachzulesen. Sie sind auch das Wappen des Hauses Stark in der Fernsehserie Game of Thrones.

„Eine Band ist wie eine Ehe – zu fünft.

Etappe 2

Angeheitert in Fontenay-Le-Comte

„Die Dinge kontrollieren, statt sich von ihnen kontrollieren zu lassen“, sagte Ian MacKaye, Sänger der Kultband Minor Threat. Voranschreiten, ohne von irgendjemanden etwas zu erwarten, Handelnder und nicht nur Konsument seiner Musik sein, generell unabhängig von der Plattenindustrie auftreten: Wie auch sein nächster Verwandter, der Punk, ist Hardcore stark geprägt von der „Do-it-yourself“-Philosophie.

Wie kann man sich in diese Szene einbringen? Indem man Bands oder Labels gründet oder Konzerte organisiert, wie an jenem Mittwoch in Fontenay-Le-Comte in der Vendée. Drei Bands (die Stinky Bollocks aus Nantes, Another Bloodshed aus La Rochelle und eben die Direwolves), eine Bar mit Rock-Atmosphäre und dem richtigen Barbesitzer, ein Facebook-Event: viel braucht es nicht, um ein Liveact auf die Beine zu stellen. Ob mit oder ohne Publikum ist anscheinend egal, genauso wie die Bezahlung: Für 25 Minuten Show bekommen die Direwolves bescheidene 45 Euro. Ihnen zuzuhören ist nicht das, was eigentlich zählt. „Was die Ehrlichkeit dieser Musikszene ausmacht, ist, dass sie mit Geld nichts am Hut hat“, so Benjamin. „Wir und die anderen wollen einfach nur unsere Leidenschaft für Musik ausleben.“

En savoir plus

„Die Ethik des Hardcore (L’éthique du hardcore)“, ein Artikel der Philosophin Catherine Guesde, veröffentlicht 2012 in der wissenschaftlichen Revue Multitudes.

Das soziale Netzwerk Facebook – ein wertvolles Promotion-Tool.
Etappe 3

Lockerer Abend in Paris

Tourneen selbständig zu planen, ohne Tourmanager, nur mit „fettem Adressbuch“, als einzigem Vermittler, bedeutet manchmal Abende ohne Shows. Aber in Folge 3 werden Sie sehen: Die Direwolves wissen genau, wie sie ihre Leerlaufzeiten zu füllen haben.

Konzerte oder nicht – die fünf Bretonen genießen die Momente auf der Straße. „Die Tourneen reißen uns komplett aus der monotonen Alltagsroutine heraus. Wenn wir wieder nach Hause kommen, brauchen wir immer etwas Zeit, uns wieder in den Alltag einzugewöhnen“, gesteht Yann-Maël, der Schlagzeuger. „Wenn ich nach Lorient zurückkomme, sind die Begegnungen das, was bleibt“, sagt Jean, der Gitarrist. „Das Publikum, die Organisatoren, die Leute, bei denen man schläft“, bekräftigt der Bassist Benjamin: „Jeder Tag auf Tour ist eine Entdeckung. Man lernt neue Städte und Menschen kennen. Das sind immer gute Überraschungen.“ Und Pierre, der Sänger, sagt abschließend: „Von unseren Tourneen erwarten wir uns vor allem menschliche Begegnungen.“

Die Direwolves auf Tour, vom 13. bis 17. Mai 2015
Etappe 4

Vinyl, der richtige Groove

Es ist kein Geheimnis. Vinyl geriet nach dem Aufkommen der Compact Disc 1982 fast in Vergessenheit, liegt heute aber wieder in den Regalen aus: Seit einigen Jahren zieht ihr Verkauf wieder an. „In den Milieus extremer Musik war Vinyl nie tot“, sagt Matthias Jungbluth, der junge Chef von Throatruiner Records, der die ersten beiden Platten der Direwolves produziert hat.

Das bretonische Label führt eine große Auswahl an Vinylplatten sowie eine freie Download-Plattform. „Ich wollte von Anfang an alles dafür tun, dass die Bands nicht nur lokal oder national bekannt bleiben, das macht heutzutage überhaupt keinen Sinn“, erklärt Matthias. „Mit dem Gratisdownload können die Leute die Bands des Labels anhören, egal, wo sie auf der Welt gerade sind. Und die Bands können Konzerttermine im Ausland abchecken.“

Niedrige Gagen, hohe Preise für Benzin und Autobahnmaut: Finanziell kommt eine Hardcore-Band auf Tour üblicherweise schwer über die Runden. Mit dem Gratisdownload verdienen sie per Definition kein Geld, und so setzen sie auf Merchandising, um ihre Kassen – ein wenig – zu füllen. Daher die visuell sehr gelungenen Vinyls und T-Shirts.

„Für jedes ihrer Alben sind die Direwolves mit ihren Texten und mit sehr präzisen literarischen Bezügen zu uns gekommen. Und wir haben uns intensiv bemüht, all das grafisch möglichst passend auszudrücken“, erzählt der Illustrator Adrien Havet des Pariser Duos Førtifem gegenüber ARTE Journal. „Der Band hatten es Gravuren ganz besonders angetan. Für das erste Album haben wir uns vom Tantalos-Mythos inspirieren lassen, für das zweite von 20.000 Meilen unter dem Meer. Diese atmosphärische Bildsprache soll ein Gegengewicht zur Intensität und der Gewalt der Musik schaffen.“

Matthias Jungbluth

Junger Chef des Labels Throatruiner-Records und gleichzeitig Sänger der Band Calvaiire.

"Me from myself, to banish"

Die erste EP der Direwolves, veröffentlicht im Oktober 2012 bei Throatruiner.

"Aegri somnia"

Die erste LP der Direwolves, veröffentlicht im März 2014 bei Throatruiner.

Etappe 5

Rückkoppelungen im Elsass

Folgende Frage reizt jeden außenstehenden Journalisten, der extreme Musik dechiffrieren will: Wie lässt sich dieses Musikuniversum für ein großes Publikum hörbar machen? Wie lässt sich dieses aggressive Musikgenre vermitteln, dessen Bedeutung von Nicht-Insidern nur selten erfasst wird? Dieses Geheimnis lüften die Direwolves in der letzten Folge unserer Serie selbst.

„Wir versuchen, die Intensität des Punkrocks mit dem schwereren Aspekt von Metal zu vermischen, indem wir noch Melodien mit reinbringen“, erklärt Benjamin. „Jeder von uns hat seine eigenen Einflüsse – Metal, Punk, Hardcore, Blues, Folk… – und bringt in unsere Kompositionen seine eigenen Musikstile mit ein. Das Ergebnis? Eine effektvolle Musik, die anmacht“, ergänzt Mathieu. Und wenn man die Direwolves in die vielen Musikgenres, Unter-Genres und Unter-Unter-Genres des Punk und Metal einordnen wollte, dann irgendwo im Randbereich von Hardcore und Crust, wegen der kurzen Stücke, des hohen Schlagzeugtempos, des Heul-Gesangs, der beißenden, verzerrten Gitarrenriffs und des immer präsenten Basses.

Das Anprangern von sozialen Missständen, Anarchismus, Individualismus, Ökologie, Tierschutz, Veganismus: Hardcore ist zudem eine sehr engagierte künstlerische Bewegung, die von mehreren Strömungen beeinflusst wird. Die Direwolves verweigern sich dennoch jeglicher Etikettierung. „Wir wollen keine Message rüberbringen, sondern eher eine Stimmung“, erläutert Jean. „Unser Ziel ist, dass die Leute durch die Musik Emotionen empfinden, nicht durch politische Slogans oder sonst was.“

Hören Sie das Album von Direwolves an

Wir sind absolut keine engagierte Band, eine Band ist eher ein tägliches Engagement.

Team

Autor: Donatien Huet
Bild: Thomas Vollherbst
Ton: Jean-Claude Amann
Schnitt: Florence Touly

Zusätzliche Bilder

Hrímnir
Direwolves
Førtifem

© ARTE G.E.I.E 2018