Die Stollen der Armen

Die Stollen der Armen

Hundert Kilometer nördlich von Katowice, in einem engen Tal nahe der tschechischen Grenze, liegt die Stadt Walbrzych. Hier wurden die Zechen schon in den Neunzigern stillgelegt. Die ehemaligen Bergarbeiter haben keine Arbeit mehr gefunden. Jetzt arbeiten sie wieder unter Tage – allerdings in illegalen Stollen.

In Walbrzych ist die Kohle überall. Oft liegen die Adern direkt unter der Erdoberfläche. Man muss nicht tief graben, bis man auf den schwarzen Fels stößt. Metallische Schläge dringen aus einer Grube unweit des Weges. Der 23-jährige Janrek, ausgestattet mit Handschuhen und Stützgürtel, hat seine „Schicht“ für heute beendet. Gemeinsam mit dem 51-jährigen Roman Janiszek befördert er die Kohle-Eimer an die Oberfläche und kippt sie in die Leinensäcke.

Es ist 18 Uhr – seine Ablösung kommt. Ein weißer Lieferwagen hält, und fünf Männer steigen aus. „Drei von ihnen kommen aus dem Gefängnis“, raunt Roman. Gestern war die Polizei hier, also sind sie auf der Hut. Wird man auf frischer Tat ertappt, muss man 5.000 Zlotys (1250€) Strafe für illegalen Kohleabbau bezahlen, und die Tagesausbeute wird auch beschlagnahmt. Bei wiederholtem Vergehen droht eine Gefängnisstrafe.

Jarek lädt die Ausbeute einer Nacht und eines Tages in den Kofferraum: vier bis fünfzig Kilo schwere Säcke. In einem richtigen Bergwerk hat er noch nie gearbeitet – Roman war dagegen bis zum bitteren Ende dort.

Neben Katowice war Walbrzych die zweite große Kohlestadt in Polen. Alle drei Steinkohlebergwerke Victoria, Walbrzych und Thorez der 110.000-Einwohner-Stadt wurden zwischen 1992 et 1998 geschlossen – sie haben den Übergang zur Marktwirtschaft nicht überlebt. Wenige Monate später tauchten die ersten bedaszyby, die sogenannten „Armenstollen“, auf.

Roman Janiszek, 54 Jahre alt, illegaler Minenarbeiter.

„Früher war Walbrzych eine sehr lebendige Stadt“ erklärt Roman bedauernd. „Die Zeche bezahlte für alles: Sportanlagen, Kultur, Schule“. Heute sind die Straßen leer; übrig geblieben sind nur noch die Häuser mit den kohlschwarzen Fassaden und das ‚Hotel Sudety'“, das den Namen des nahe liegenden Gebirges trägt. Das zehnstöckige Gebäude verströmt den einstigen Abglanz der Stadt. In dem Hotel mit höchstem sowjetischem Standard logierten Bergarbeiter aus anderen kommunistischen Ländern, die in Walbrzych Ferien machten. 1999 wurde es geschlossen.

Richard, 52 Jahre alt, ehemaliger illegaler Minenarbeiter.

Richard, 52 Jahre, ist ehemaliger Bergmann – er sortierte die Kohle über Tage. Von 2003 bis 2005 grub er in illegalen Stollen nach Kohle. „Diese Leute wollen nur ihr Brot verdienen“, erklärt Roman Janiszek. „Als die Bergwerke geschlossen wurden, hat die Stadtverwaltung von Walbrzych ein spezielles Gewerbegebiet eröffnet. Die Unternehmen müssen dort niedrigere Steuern bezahlen. Aber dort verdient man zwischen 1000 und 1500 Zlotys [zwischen 230 und 350 Euro] im Monat. Davon kann man hier nicht leben.“

Repressionen durch die Polizei

2014 identifizierte die Polizei 186 illegale Bergarbeiter und stellte zahlreiche illegale Stollen sicher. Etwa fünfzig Personen werden regelmäßig wegen illegalem Kohleabbau verhaftet. Laut Roman sind es deutlich mehr – etwa 3.000, „vor allem im Winter, wenn man Kohle zum Heizen braucht.“ Aber auch für den professionellen Schmuggel: Die Kohle wird über Zwischenhändler verkauft. So kann man „150 bis 200 Zlotys (40 bis 50 €) pro Tag verdienen“,  bestätigt ein anderer Arbeiter. Die Kohle wird auf dem Schwarzmarkt 40 Prozent günstiger als im Geschäft verkauft oder mit Lastwagen bis nach Breslau, der Hauptstadt Niederschlesiens, gebracht.

Nach mehreren, durch illegale Stollen unter den Straßen der Stadt verursachte Erdrutschen und tödlichen Unfällen hat die Stadtverwaltung 2012 eine Sondereinheit der Polizei gegründet, die sich speziell dem Kampf gegen den illegalen Abbau widmet.

Die Arbeitslosenquote in Walbrzych, in Breslau und gesamthaft in Polen.

Die Polizeikontrollen hindern die Menschen nicht daran, den riskanten und illegalen Abbau fortzusetzen. Binnen weniger Jahre hat sich das Gesicht der Region komplett verändert. „Es ist jetzt keine Bergarbeiterstadt mehr, sondern eine Stadt von Bergarbeitern im Ruhestand“, meint Roman Janiszek nachdenklich. „Hier ist die Situation ganz einfach: Ein Viertel der Bewohner arbeitete in der Zeche. Die restlichen drei Viertel waren ihre Frau und die beiden Kinder. Und allen ging es gut. Heute sind die Familien implodiert, und es gibt keine gut bezahlte Arbeit mehr. Warum sollten die Jungen noch hier bleiben?“