Wut der Enttäuschung

Wut der Enttäuschung

88% der Elektrizität in Polen wird aus Kohle gewonnen. Die Politiker haben immer betont, wie wichtig die Kohle für die Sicherheit der polnischen Energieversorgung ist. Doch die Aussagen decken sich längst nicht mehr mit den Fakten, dem Niedergang des Kohlebergbaus.

In Oberschlesien fühlen sich die Menschen nicht so sehr als Polen – man ist vor allem schlesisch. In der Region, die nach dem Zweiten Weltkrieg Polen zugesprochen wurde, identifizieren sich die Bewohner eng mit der Zeche, deren Fördertürme die Landschaft prägen. Für das kommunistische Regime waren die Schlesier von großer Bedeutung: Der Kohlebergbau verhieß wertvolle Dollars – Kohle war für Polen das Exportgut schlechthin.

Die Bergleute genossen deshalb lange Zeit einen Sonderstatus: die höchsten Löhne landesweit, vorzeitiger Ruhestand oder spezielle Geschäfte mit Haushaltsgeräten, die für Normalsterbliche unerschwinglich waren. In ihren schwarzen, mit goldenen Hämmern verzierten Uniformen genossen die Bergmänner hohes Ansehen. „Mancher Sportler oder Prominenter erhielt sogar den Ehrentitel des Bergmannes, obwohl er kein einziges Mal unter Tage war“, erklärt Andrzej Chalupka mit bitterem Lächeln.

Der ehemalige Bergmann ging 1993 in den Ruhestand, als die Zeche Gottwald in der Stadtmitte von Katowice, geschlossen wurde. Heute ziert ein großes „S“ den alten Förderturm des Bergwerks, auf dessen Gelände mittlerweile eine Shoppingmall steht – das Symbol der Marktwirtschaft.

„Mancher Sportler oder Prominenter erhielt sogar den Ehrentitel des Bergmannes, obwohl er kein einziges Mal unter Tage war.“

Andrzej Chalupka, ehemaliger Bergmann

Erste Krise vor 25 Jahren

In den 1990er-Jahren gibt es ein grausames Erwachen für die Bergbauindustrie, die plötzlich rentabel wirtschaften soll. Die Regierung wirbt für die Übernahme durch private Unternehmen und zahlt astronomische Summen für Frühverrentungen, um die Zahl der Angestellten zu reduzieren. Von der halben Million polnischer Bergarbeiter am Ende des Kommunismus’ sind heute weniger als 100.000 übrig.

Die geschlossenen Minen (in rot), die in der Schließung sich befindenden Minen (in gelb), die staatlichen Minen (in grün) und die privaten Minen (in blau).

Die Bergarbeiter kämpfen verzweifelt um ihre Privilegien. Aus dem ehemaligen Kohleexportland wird plötzlich ein Importland: „Die Kohle aus der Tschechischen Republik ist qualitativ hochwertiger, und Russland verfügt über fantastische geologische Bedingungen, wodurch sie die Kohle viel billiger verkaufen können“, erklärt Jerzy Markowski, der von 1995 bis 1997 Wirtschafts- und Energieminister in Polen war.

Den Gnadenstoß versetzt ihnen schließlich die USA. Mit der Entdeckung von Schiefergas beginnen die Amerikaner, sich auf die neue Energiequelle zu konzentrieren und kehren der Kohle den Rücken. Die USA exportieren ihre Kohle-Überschüsse massenhaft in die ganze Welt. Das Resultat: Der Preis für das schwarze Gold stürzt in Europa ab. In Polen ist die Kompania Weglowa sogar gezwungen, mit Verlust zu verkaufen, um mit den amerikanischen Preisen mitzuhalten.

Zechen mit Personalüberschuss

Die polnische Kohle ist auch deshalb nicht mehr wettbewerbsfähig, weil die veralteten staatlichen Bergwerke extrem kostenintensive Ungetüme sind: „Die Lohnkosten betragen 60 Prozent der Gesamtkosten. Es dürfte aber nur halb so viel sein!“, bemängelt Jerzy Markowski. In den Zechen arbeiten sehr viele mit: zwischen drei- und sechstausend Angestellte pro Zeche. Doch das wahre Problem sei ein anderes, erklärt der ehemalige Minister: „In Australien wird die Kohle über Tage abgetragen. In Polen muss man dagegen immer tiefer graben, um überhaupt welche zu finden.

Die Zeche Wieczorek in Nikiszowiec wurde schon vor fast zweihundert Jahren erbaut. Sicherheitsingenieur Marek Braszczok bestätigt, dass man dort immer tiefer graben muss, um auf eine Ader zu stoßen. Also sind auch Wieczoreks Tage gezählt.

„Die Kohle aus der Tschechischen Republik ist qualitativ hochwertiger, und Russland verfügt über fantastische geologische Bedingungen, wodurch sie die Kohle viel billiger verkaufen können.“

Jerzy Markowski, ehemaliger Wirtschafts- und Energieminister Polens

„Die Lohnkosten betragen 60 Prozent der Gesamtkosten. Es dürfte aber nur halb so viel sein!“

Jerzy Markowski, ehemaliger Wirtschafts- und Energieminister Polens

Warum Wieczorek schließen wird

Für Marek Braczszok ist die Privatisierung der einzige Ausweg. Dieser Meinung ist auch der ehemalige Minister: „Den staatlichen Bergbau wird es in fünf oder sechs Jahren nicht mehr geben. Die Regierung weiß nicht, was sie unternehmen soll. Es fehlt an Mitteln, um die Produktion zu modernisieren. Aber bei uns liegen noch 200 Millionen Tonnen Kohle unter der Erde. Die einzige Lösung sind private Investoren.“

Für die Bergleute bedeutet die Übernahme durch private Unternehmen vor allem weitere Verluste von Arbeitsplätzen. „Die Bergwerke werden nicht aus der Region verschwinden, aber sie werden schrumpfen. Wir befinden uns in einem langwierigen und schmerzhaften Privatisierungsprozess“, diagnostiziert Agata Zygmunt, sie ist Soziologin der Universität Katowice. „Das Problem in Schlesien ist, dass die Bergwerke für viele Städte lange Zeit wie Mütter sorgten, und eine andere Industrie gibt es hier nicht. Wenn der Bergbau verschwindet, bleibt hier nichts übrig.“

„Den staatlichen Bergbau wird es in fünf oder sechs Jahren nicht mehr geben.“

Jerzy Markowski, ehemaliger Minister