Keine Zukunft für junge Leute

Keine Zukunft für junge Leute

Vom einfachen Bergmann bis zum Betriebswirt – alle wollten im Bergwerk arbeiten, weil dort ein gutes Einkommen und ein sicherer Arbeitsplatz winkten. Heute müssen die Jungen mitansehen, wie sich der Traumberuf ihrer Väter in Luft auflöst.

Bergmann von Generation zu Generation – so war das einmal hier. Neuerdings raten die Väter ihren Söhnen allerdings dringend davon ab, in ihre Fußstapfen zu treten. Trotzdem entscheiden sich viele Junge immer noch für den Kohlebergbau – weil sie auf das Geld angewiesen sind.

Der 27-jährige Michal Piotrowski hat drei Jahre lang für seinen Abschluss als Logistik-Ingenieur studiert. Den Beruf wollte er nie ausüben. „Meine Frau wurde schwanger und wir brauchten Geld. Mit einem Durchschnittsgehalt hätte ich nie die Miete für unsere Wohnung und die Lebenshaltungskosten für die Familie bezahlen können. Für die Jungen ist es sehr schwer, in Polen eine Stelle zu finden, die vernünftig bezahlt wird“, erklärt er. In der Zeche verdient ein junger Mann 3.000 Zlotys netto im Monat (750 Euro). „Das ist mehr als ich für jeden anderen Job bekommen würde. Und es ist ein stabiles Einkommen.“

„Für die Jungen ist es sehr schwer, in Polen eine Stelle zu finden, die vernünftig bezahlt wird.“

Michal Piotrowski, junger Minenarbeiter

Vor drei Jahren wurde Michal in der Zeche Makoszowy angestellt, die der polnischen Gesellschaft KHW angehört. Auch dort hat die Krise bereits ihre Spuren hinterlassen. Seine Zeche gehört zu den Bergwerken, die Anfang Sommer 2015 umstrukturiert werden sollen. „Nach den Wahlen wird man sie schließen“, da ist er sich ganz sicher. Als einer von 250 „geretteten“ Bergarbeitern von insgesamt 1.400 Angestellten hat er in einer nahe gelegenen Zeche eine vergleichbare Stelle bekommen.

„Am Anfang habe ich meine Arbeit geliebt, aber das ist jetzt nicht mehr so. Jeder weiß, dass der Sektor stirbt und man durchforstet ständig das Internet nach Informationen über Schließungen.“ Michal ist auch bei Twitter und schildert die aktuelle Lage der polnischen Bergwerke in seinem Blog „Junger Bergmann“. „In Polen gibt es kaum Informationen über den Beruf. Und wenn die Journalisten aus Warschau über die Bergleute schreiben, dann geht es immer nur darum, wie viel sie den Staat kosten. Darüber gibt es jede Menge Artikel!“

„In meinem Blog beschreibe ich den Alltag der Bergarbeiter, um ein Gegenbild zu den herrschenden Klischees über unseren Beruf zu zeichnen.“

Michal Piotrowski, junger Minenarbeiter

Michal, Minenarbeiter in Sosnica-Makoszowy

Seit zwei Jahren keine Stipendien mehr

In Katowice bildet die renommierte Schlesische Technische Universität auch weiterhin Bergbauingenieure aus. Der 24-jährige Rafal Baranowski macht gerade seinen Master in Bergbautechnologie. Der junge Mann hat bereits einen Vertrag mit der KHW abgeschlossen. 4.000 Zlotys (1000€) Anfangsgehalt, später bekommt er 6.000 (1500€).

Er ist einer von wenigen: 

Rafal wohnt noch bei seinen Eltern in der Nähe der Zeche Debiensko, am Stadtrand von Katowice. „Mein Vater hat dort bis zur Schließung der Zeche in den 2000er-Jahren gearbeitet. Dann bekam er drei Jahre ‚bezahlten Urlaub‘ bis zur Rente.“ Rafal kann sich nicht vorstellen, einen anderen Beruf auszuüben… es muss ja nicht unbedingt in seiner Gegend sein.

„Früher haben die Kompania Weglowa und KHW Stipendien an Studierende vergeben, damit sie bei ihnen arbeiten. Seit zwei Jahren gibt es das nicht mehr.“

Rafal Baranowski, angehender Bergbauingenieur

Das Ausland lockt

Adrian Wawrzynia, Studentenvertreter der Technischen Universität erklärt, viele seiner Kommilitonen träumten davon, in einem kanadischen, amerikanischen oder australischen Bergwerk zu arbeiten. „Das Problem ist, dass die jungen Leute hier keine Management-Positionen bekommen. Und die Manager denken wie vor 20 Jahren.“

Adrian Wawrzynia, Studentenvertreter an der Schlesischen Technischen Universität

Die Bergwerke in Schlesien sind die heißen Eisen der polnischen Wahlen. Kurz vor den Parlamentswahlen im Oktober 2015 wurde die Debatte über ihre Rettung erneut zum Leben erweckt. Konservative wie Liberale versprechen hochheilig, die staatlichen Bergwerke zu retten, um die energetische Sicherheit Polens zu garantieren. Doch für die jungen Bergleute hat niemand eine wirkliche Lösung: „Wir glauben den Politikern nicht mehr. Sie kennen die Probleme der Bergwerke, aber sie haben alles nur noch schlimmer gemacht“, schimpft Michal Piotrowski. „Wenn sie vor fünf Jahren nur zwei oder drei Bergwerke der Kompania Węglowa geschlossen hätten, wäre das für die anderen Zechen die Rettung gewesen. Sie tun einfach nichts, und irgendwann wird die Bombe explodieren.“

Impressum

„Die Minen der Welt“ (Mineurs du monde) ist ein von der Region Nord-Pas de Calais im Jahr 2010 eröffnetes Projekt. Es ist eine Wertschätzung gegenüber der Arbeit der Minenarbeiter und gleichzeitig eine Art Nachruf auf die Kohlenreviere Frankreichs, Europas und der Welt.

Das Projekt ist aus einer Partnerschaft mit der Journalisten-Hochschule und der politikwissenschaftlichen Fakultät von Lille entstanden. Im Rahmen von „Bourses Reporters“ wird den Studentinnen und Studenten jedes Jahr angeboten, eine Multimedia-Reportage in einem Kohlewerk der Welt zu realisieren.

ARTE Info ist Partner dieses Projekt und strahlt die Arbeiten der drei Gruppen aus dem Jahr 2015 aus.

© ARTE G.E.I.E 2018