Männer im Berg

Männer im Berg

130 Jahre Bergbau, und dann ist plötzlich alles vorbei. Am Ende der langen Liste mit Bergwerken, die stillgelegt werden, steht Kazimierz-Juliusz. Auch diese Zeche wird wegen mangelnder Rentabilität geschlossen.

Alles beginnt im August 2014. Die Löhne lassen auf sich warten – das Bergwerk Kazimierz-Juliusz ist mit 100 Millionen Zlotys (25 Millionen Euro) im Minus – 20 Millionen Zlotys schuldet es seinen Angestellten.

Es ist Sommer, und auch unter Tage erhitzen sich die Gemüter: „Wir spürten, dass sich die finanzielle Lage der Zeche von Tag zu Tag verschlechterte“, berichtet Wlodzimierz, der dort seit 27 Jahren als Bergwerks-Elektriker arbeitet. Angesichts der drohenden Pleite weigern er und seine Kumpel sich schließlich, wieder über Tage zu gehen.

Bergmann Wlodzimierz kritisiert die maßlose Verschwendung in den Staatsunternehmen. Er wirft der Verwaltung vor, die Mittel der historischen Zeche nicht kompetent verwaltet zu haben.

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Eine viertägige Sitzblockade in den staubig-heißen Stollen – das muss man erst einmal wagen. Durch den Protest wird die Produktion blockiert. 832 Bergarbeiter beschließen, an diesem Tag unter Tage zu bleiben – trotz des Risikos, deswegen entlassen zu werden: „Wir hatten nichts zu verlieren, wir hätten unseren Job sowieso verloren.“ Obwohl sich die Lage unter Tage mit jedem Tag verschlechtert, reagiert die Verwaltung zunächst nicht.

Schließlich gibt es einen Kompromiss mit der staatlichen Aktiengesellschaft Katowicki Holding Węglowy (KHW), zu der auch Kazimierz-Juliusz gehört. Die Zeche wird geschlossen. Dafür bekommen die 815 Angestellten die Garantie, eine Stelle in einem anderen Bergwerk der Holding in der Region zu bekommen.

"Unsere Kleider waren feucht, einige von uns erlitten epileptische Anfälle. Am Ende haben alle auf dieser Bergmannjacke unterschrieben", erklärt der Chef der Gewerkschaft Sierpen80.
Interview mit Bergmann Wlodzimierz in Kazimierz-Juliusz.

Kazimierz-Juliusz ist kein Einzelfall

In Polen besitzen zwei staatliche Bergbaukonzerne, die KHW und die Kompania Weglowa, sämtliche Bergwerke des Landes. Im Januar 2015 blockieren massive Streiks die Kohleproduktion in ganz Schlesien. Die Angestellten haben aus den Medien erfahren, dass es in der Kompania Weglowa massive Umstrukturierungen geben soll. Das erklärte Ziel des größten Kohleproduzenten in der EU mit 60.00 Angestellten: Die Hälfte seiner 15 Zechen sollen in den nächsten fünf Jahren geschlossen werden.

"Nicht weinen, Papa!" - Das haushohe Graffiti in einem Arbeiterviertel von Katowice erregte große Aufmerksamkeit. Es zeigt die vergrößerte Zeichnung eines kleinen Mädchens, dessen Vater seine Stelle als Bergmann verloren hat.

Der Druck der Streiks zahlt sich aus. Im Februar 2015 rudert die Regierung, Hauptaktionär der Kompania Weglowa, zurück und willigt ein, vier der bedrohten Bergwerke doch nicht zu schließen. Im selben Jahr sind noch Wahlen, und niemand will die vier Millionen Stimmen der Schlesier riskieren…

Doch mit dem Status Quo ist auch niemandem geholfen. Die Regierung zögert, den mächtigen Industriezweig anzutasten, verliert aber gleichzeitig das Vertrauen der Bergleute. Und in der Zwischenzeit werden die Schulden der Bergwerke immer höher.