Vietnam zwischen Wirtschaftswachstum und Umweltschutz

Vietnam zwischen Wirtschaftswachstum und Umweltschutz

Ganz Europa stöhnt diesen Sommer unter der Hitze, Kalifornien kämpft mit den größten Waldbränden seiner Geschichte: Der Klimawandel macht wieder von sich reden.

Der WWF hatte bereits 2009 festgestellt, dass Vietnam zu den zehn exponiertesten Staaten gehört. Grund dafür ist die außerordentlich lange Küste: 3.400 Kilometer, 15 Prozent des Staatsgebietes. Dazu kommen die hohe Abhängigkeit von der Landwirtschaft und das relativ niedrige Entwicklungsniveau der ländlichen Regionen. Die großen Unterschiede in Klima, Topographie und spezifischen Risiken innerhalb des Landes erschweren die Entwicklung einer einheitlichen Anpassungsstrategie. Trotzdem beweist Vietnam seit einem Jahrzehnt einen echten Willen, den Klimawandel in seiner Entwicklungspolitik zu berücksichtigen.

Rückblick in Stichworten auf die Geschichte der Umwelt-Frage in Vietnam:

Mit 6,7 Prozent im Jahr 2017 gehört Vietnam weltweit zu den Spitzenreitern beim Wirtschaftswachstum. Doch die rasante Entwicklung hat ihren Preis: Durch die Landflucht aufgeblasen, leiden die Ballungszentren unter chronischen Verkehrsproblemen, Staus und Rekordverschmutzung. Die ungezügelte Industrialisierung erschöpft die Böden, Abfall und Abwasser ersticken die Wasserläufe, das rasche Wachstum der Bevölkerung – 95 Millionen im Jahr 2017 – gefährdet die ökologischen Gleichgewichte.

„Der Klimawandel ist ein Feind, der uns nicht gegenübersteht, sondern in uns selbst ist. Denn wir tun Dinge, obwohl wir wissen, dass sie die Lage verschärfen.“ Hong Hoang hat in der Megalopole Ho Chi Minh-Stadt die Umweltschutzorganisation „Change Vietnam“ gegründet, eine der bedeutendsten im Land. Sie kämpft an drei Fronten: gegen den Schmuggel mit Wildtieren, zu dessen Drehscheiben Vietnam heute zählt; für erneuerbare Energiequellen, bislang trotz hohem Sonnen- und Wind-Potenzial wenig entwickelt; für die Begrenzung der Auswirkungen des Klimawandels durch nachhaltige Entwicklungsstrategien.

Interview mit Hong Hoang:

„Der Klimawandel ist ein Feind, der uns nicht gegenübersteht, sondern in uns selbst ist.“

Der Strombedarf in Vietnam wird sich in den nächsten zehn Jahren verdreifachen. Das Land setzt dabei auf Kohle. Die damit verbundenen Risiken beschreibt eine Studie der Universität Harvard so: „Im Jahr 2030 wird Vietnam das ASEAN-Land sein, das am stärksten unter der vorzeitigen Sterblichkeit infolge der Verschmutzung durch Kohlekraftwerke leiden wird. Die Verschmutzung durch Kohle wird zu geschätzten 20.000 zusätzlichen Todesfällen im Jahr führen, sprich fünf Mal so viel wie 2011.“ 

Immer mehr Vietnamesen bekommen die negativen Folgen der Kombination von Klimawandel und Industrialisierung zu spüren.

In den sozialen Netzwerken häufen sich Berichte wie dieses Video von April 2017. Es zeigt, wie 14 Häuser binnen einer Minute im Fluss Vam Nao versinken. Auch auf Facebook werden Umweltsünden immer öfter angeprangert.

Zugleich hat aber im April ein Berufungsgericht die 14-jährige Haftstrafe gegen den Blogger Hoàng Đức Bình bestätigt, der eine Protestaktion von Fischern gegen die Wasserverschmutzung durch das Unternehmen Formosa gefilmt hatte (siehe Chronologie). Er habe, heißt es im Urteil, „die demokratischen Freiheiten dazu missbraucht, Staatsinteressen zu schädigen“. Der Kampf für den Umweltschutz wird als Gefahr für die rasche Entwicklung betrachtet, an die sich Vietnam inzwischen gewöhnt hat. Trotz aller Risiken hat die allmählich wachsende Umweltschutzbewegung die Regierung kürzlich offen aufgefordert, ihre kurzzeitigen Entwicklungsziele zurückzuschrauben.

44 Prozent der Vietnamesen sind unter 24. Hong hofft auf die Jugend: „Wer weiß, was die Weltbank in einem Jahr interessiert? Ich baue lieber auf unsere eigene Kraft, auf unsere Bürger und die Mobilisierung unserer Unternehmen für eine Lösung der Umweltprobleme hier. Kein ausländischer Geldgeber wird ewig hier bleiben. Deshalb denken wir, dass wir unserem Land am besten bei der Anpassung und bei der Begrenzung der negativen Folgen des Klimawandels helfen können, indem wir die lokalen Umweltbewegungen stärken.“

„Ich baue lieber auf unsere eigene Kraft, auf unsere Bürger und die Mobilisierung unserer Unternehmen für eine Lösung der Umweltprobleme hier.“