Verhandlungen für eine nachhaltige Zukunft der Mekong-Region

Verhandlungen für eine nachhaltige Zukunft der Mekong-Region

Die Lebensweise von 60 Millionen Menschen, die direkt von den natürlichen Ressourcen des Mekong-Beckens abhängen, ist auch vom Bau Dutzender Staudämme am Mekong und seinen Zuflüssen bedroht. Sie sollen den wachsenden Wasser- und Strombedarf befriedigen. Ein Großprojekt mit elf Staudämmen am Unterlauf des Mekong sorgt derzeit für Spannungen zwischen den Anrainerländern.

„International Rivers“ https://www.internationalrivers.org/

1995 wurde die Mekong-Strom-Kommission (MRC) gegründet. Ihre Mission ist die Koordination der Verwaltung und Nutzung der Ressourcen des Mekong-Beckens. Die Notwendigkeit einer grenzüberschreitenden Kooperation wurde klar, als China begann, den Oberlauf des Mekong aufzustauen, ohne die Länder am Unterlauf zu konsultieren. Seit zehn Jahren investieren thailändische, malaysische, koreanische, französische, vor allem aber chinesische Unternehmen massiv in den Ausbau der Infrastruktur der Region.

2009 beauftragte die MRC den Ökologen Nguyen Huu Thien und zwanzig weitere Experten mit einer Studie zur Umweltverträglichkeit der geplanten elf Staustufen am Unterlauf des Mekong. Die Experten empfahlen, das gigantische Projekt um zehn Jahre aufzuschieben. Begründung: Das Wissen über den Strom reiche nicht aus, um eine so unumkehrbare Entscheidung zu treffen, die die Artenvielfalt in unabsehbarem Ausmaß schädigen könne.

„Die Staudämme im chinesischen Flussverlauf haben die Sedimentablagerung im Unterlauf bereits fast um die Hälfte verringert, von 160 Millionen Tonnen im Jahr 1992 auf nur mehr 75 Tonnen im Jahr 2014. Die elf neuen Staustufen würden sie noch einmal halbieren. Der dadurch verursachte Mangel an Nährschlamm würde die Artenvielfalt schwer beeinträchtigen: Die Mangroven würden verschwinden, die Wasserqualität würde drastisch sinken, Vögel und Fische in Massen sterben“, erklärt Nguyen Huu Thien.

Die Empfehlungen wurden in den Wind geschlagen, da in der MRC nur die Staaten am Unterlauf (Thailand, Laos, Kambodscha und Vietnam) vertreten sind und die Kommission nur eine beratende Rolle hat. Zwei Staudämme am Hauptstrom sind bereits in Bau, Dutzende weitere an den Zuflüssen in Planung. Sie drohen den artenreichen Strom in eine Serie von mehr oder weniger toten Stauseen zu verwandeln.

Interview mit Nguyen Huu Thien:

„Die Staudämme im chinesischen Flussverlauf haben die Sedimentablagerung im Unterlauf bereits fast um die Hälfte verringert, von 160 Millionen Tonnen im Jahr 1992 auf nur mehr 75 Tonnen im Jahr 2014. Die elf neuen Staustufen würden sie noch einmal halbieren.“

Laut einer Studie aus Thailand würde der bis 2030 geplante Bau von insgesamt 40 Staustufen am Mekong und seinen Zuflüssen für die vier Mitgliedsländer der MRC Verluste in Höhe von 6,4 Milliarden Euro und eine Verarmung der Bevölkerung nach sich ziehen. Kambodscha wird allein mit dem Bau der elf Staudämme am Hauptstrom – zwei auf eigenem Staatsgebiet und neun in Laos – bis 2040 die Hälfte der heutigen Fisch-Biomasse einbüßen.

Seit 20 Jahren setzt das kleine, abgeschlossene Laos auf sein Wasserkraft-Potenzial und hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2025 zur „Batterie von Südostasien“ zu werden und Strom aus Wasserkraft zu seiner Haupteinnahmequelle auszubauen. Die Hälfte des so erzeugten Stroms, den die Regierung als Waffe im Kampf gegen die Armut anpreist, soll an die Nachbarn verkauft werden. Eine Reportage von einer der Großbaustellen in einem Tal nördlich von Luang Prabang.

Eine vor kurzem eingetretene Katastrophe könnte jedoch das Ende für das gigantische Staudammbau-Programm in ganz Südostasien einläuten. Am 23. Juli 2018 stürzte in der laotischen Provinz Attapeu ein Hilfsdamm, der zum koreanischen Projekt von Xepian-Xe Nam Noy gehörte, nach starken Monsunregen ein. Fünf Milliarden Kubikmeter Wasser überfluteten die Dörfer der Umgebung und verursachten Überschwemmungen bis ins benachbarte Kambodscha. In Laos verloren 6.600 Familien ihr Zuhause, in Kambodscha weitere 5.000. Hunderte Menschen sind bis heute verschollen.

„Die Planer sollten eigentlich Notfall-Szenarien und Evakuierungspläne für den Fall von Dammbrüchen haben. Nach der Katastrophe von Xepian Xe Nam Noy zu urteilen, ist das aber nicht der Fall. Uns bereitet die Sicherheit all dieser Staudämme große Sorge. Wenn Kambodscha den Staudamm von Sambour wirklich baut, besteht die Gefahr, dass er bei einem Bruch eines höher gelegenen Damms in einem Dominoeffekt selbst einstürzt. Besonders der Damm von Sayabouri ist gefährdet, weil er genau auf einer Verwerfung liegt“, kommentiert Nguyen Huu Thien.

Die seit einigen Jahren immer massivere Repression gegen die Medien in Südostasien führt dazu, dass sich solche Katastrophen meist ohne Augenzeugen abspielen. Zwei junge Laotinnen haben es trotzdem geschafft, in die von der Armee abgeschirmte Zone vorzudringen. Sie fanden ein chaotisches No-Man’s-Land vor, mit zahlreichen Leichen im Schlamm und sich selbst überlassenen ÜberlebendenEine von ihnen, Yae, eine schwangere junge Frau, dem Ertrinken um Haaresbreite entgangen und in einem von der Armee bewachten Lager gelandet, berichtet:

„Wir nehmen, was wir finden, um uns eine Unterlage zum Schlafen zu machen, aber manche müssen auf der nackten Erde schlafen. Aber die meisten von uns finden sowieso keinen Schlaf. Wir weinen bloß. Unsere Häuser fehlen uns, unsere Angehörigen fehlen uns, wir wissen, wir haben alles verloren. Mein Körper ist erschöpft, mein Kopf ist erschöpft. Und wer wird für all das Unglück die Verantwortung übernehmen?“

Laut Schätzungen der Asiatische Entwicklungsbank müssen die Länder der Asien-Pazifik-Region bis 2030 insgesamt 21 Milliarden Euro, also 1,4 Milliarden Euro pro Jahr, in die Infrastruktur investieren, wenn sie ihr Wachstum bewahren, die Armut beseitigen und die Anpassung an den Klimawandel schaffen wollen. Gleichzeitig bedrohen aber die beschriebenen Großprojekte das Überleben von mehreren hundert Millionen ohnehin schon benachteiligten Bewohnern des Mekong-Beckens. Die französische Forscherin Sophie Boisseau du Rocher beschreibt das Dilemma in ihrem Buch „Südostasien in der Falle“ so: „Wie lassen sich langfristiger gesellschaftlicher Aufbau und Demokratisierung mit dem kurzzeitigen, unabweisbaren, aber Ungleichheiten verschärfenden Zwang zur wirtschaftlichen Entwicklung vereinbaren?“

„Wir nehmen, was wir finden, um uns eine Unterlage zum Schlafen zu machen, aber manche müssen auf der nackten Erde schlafen. Aber die meisten von uns finden sowieso keinen Schlaf. Wir weinen bloß. Unsere Häuser fehlen uns, unsere Angehörigen fehlen uns, wir wissen, wir haben alles verloren.“