Das Mekong-Delta – ein klimatischer Notfall

Das Mekong-Delta – ein klimatischer Notfall

Der Mekong, nach dem Amazonas der artenreichste Strom der Welt, schlängelt sich über 4.500 Kilometer quer durch Südostasien. Seit Jahrhunderten ist er die soziale und kulturelle Lebensader der Region. Er trägt schwimmende Häuser, Märkte und Festivals, ist Verkehrsweg, Fischreserve, Rückgrat der Hygiene und des Tourismus.
In Südvietnam fächert sich der Mekong zum weiten Delta auf, bevor er ins Südchinesische Meer mündet. Vor drei Jahrhunderten entstanden die ersten Dörfer auf dieser Feuchtebene, die so groß ist wie die Schweiz und damals von dichtem Wald bedeckt war. Zwischen 18 und 20 Millionen Menschen leben in den 12 Provinzen des Mekong-Deltas, drei Viertel von ihnen sind in der Landwirtschaft tätig.

Der Rhythmus des Stroms gestattet in der gesamten Region intensiven Reisanbau mit zwei bis drei Ernten im Jahr. Unzählige Drainage-Gräben, Dämme, Bewässerungskanäle und Schleusen machen das Delta zu einer der produktivsten Agrar-Regionen der Welt. 1997 wird Vietnam zum weltweit zweitgrößten Reisproduzenten nach Thailand, dank der Wahl von höchst ertragreichen Sorten und der hochentwickelten Infrastruktur. Der „Wunder-Reis“ bringt Wohlstand, der traditionelle Nassfeld-Anbau wird nach und nach zugunsten der Bewässerung aufgegeben.

2017 liegt Vietnam aber als Reis-Exporteur nur noch an fünfter Stelle hinter Indien, Thailand, den USA und Pakistan. Denn das Mekong-Delta kämpft mit einer Kombination von Problemen, die der Reisqualität schaden. Der Boden des Deltas funktioniert wie ein riesiger Schwamm: Er saugt das Wasser der Regenzeit auf und setzt es in der Trockenzeit wieder frei. Das Wasser ist also je nach Periode mehr oder weniger trüb. Salz ist seit jeher ein Element dieses besonderen Ökosystems. Doch seit einigen Jahren ist der Salzgehalt außer Kontrolle geraten.

Im Januar 2016 erlebte die Region die schlimmste Trockenperiode der jüngeren Geschichte. Ursachen sind El Niño, die mangelnde Regelmäßigkeit der Regenfälle und die vielen Staudämme auf den Mekong-Zuflüssen (siehe Kapitel 3). Der Wasserstand im Delta sinkt noch tiefer als bereits 2006, auf den tiefsten Stand seit 1926. So kann das Salzwasser die Hälfte der 2,2 Millionen Hektar Anbaufläche erreichen, die Ernten zerstören und die Trinkwasserquellen kontaminieren.

Die Bedeutung des Mekong-Deltas für die vietnamesische Wirtschaft:
  • 12% des Staatsgebiets und 19% der Bevölkerung
  • 50% der Reisproduktion
  • 65% der Aquakultur
  • 70% der Obstproduktion
  • 95% der Reisexporte
  • 60% der Fischexporte

(Quelle: Mekong River Commission – 2017)

Salzgehalt im Delta während der schweren Trockenheit im Winter 2015-2016 (die Reispflanzen ertragen höchstens 4 Gramm pro Liter)

Quelle: Ministerium für Landwirtschaft und rurale Entwicklung, Vietnamesische Akademie für Wasserressourcen

Das Delta, nur ein bis zwei Meter über Null liegend, zählt laut WWF auch zu den weltweit am stärksten vom Anstieg des Meeresspiegels bedrohten Gebieten: „Bereits ein Anstieg von nur einem Meter könnte allein im Mekong-Delta neun für die Artenvielfalt kritische und bereits durch die menschliche Aktivität geschwächte Zonen beträchtlich schädigen.

Im Worst-Case-Szenario eines Anstiegs von einem Meter gegenüber dem Niveau von 1986 bis zum Jahr 2100 wären alle rot gefärbten Gebiete – also ein Drittel des Deltas – dauerhaft vom Meer überflutet und damit nicht mehr bebau- und bewohnbar.

Quelle: Ministerium für Landwirtschaft und rurale Entwicklung, Vietnamesische Akademie für Wasserressourcen

Andere Studien relativieren diese Annahme zwar und gelangen zum Schluss, dass das Meer bis Ende des Jahrhunderts um maximal 77 Zentimeter steigen wird. Doch es gibt ein zweites Phänomen, das die Experten noch mehr beunruhigt: Das Delta senkt sich ab.

Seit seiner wirtschaftlichen Öffnung Ende der 1980er-Jahre hat Vietnam Millionen Kubikmeter Süßwasser abgepumpt, um die mit der Modernisierung steigenden Bedürfnisse an Trinkwasser und Süßwasser für Landwirtschaft und Aquakultur zu decken. Das führt dazu, dass sich das Delta jährlich um ein bis vier Zentimeter absenkt, drei oder vier Mal so schnell, wie der Meeresspiegel steigt.

Die erste Karte ist ein Computer-Modell der Absenkung des Deltas zwischen 1991 und 2016. Die zweite Karte zeigt die Beschleunigung der Absenkung während des Jahres 2015.

Quelle: Auswirkungen von 25 Jahren Grundwasserentzug auf die Absenkung des Mekong-Deltas

Für ein durch Jahrzehnte von Krieg und Hunger traumatisiertes Land wie Vietnam ist Ernährungssicherheit ohne intensiven Reisanbau unvorstellbar. Duong Van Ni, Forscher an der Universität von Can Tho, hat selbst während des Kriegs mit einer Schale Reis pro Tag überlebt. Doch er meint, es sei höchste Zeit, diese Monokultur aufzugeben: „Wir müssen unsere Kulturen diversifizieren, weniger Chemie einsetzen und Wasser sparen. Die derzeitige Strategie, immer mehr Reis und andere exportierbare Produkte anzubauen, ist langfristig nicht überlebensfähig.“

Duong Van Ni studiert die Auswirkungen des Klimawandels seit Ende der 1990er-Jahre. „Mir ist klar geworden, dass unsere Bauern ganz konkret davon betroffen sind. Sie waren seit mehreren Jahren mit Missernten konfrontiert, obwohl sie nach dem althergebrachten Modell arbeiteten, zur richtigen Zeit aussäten und ernteten.“

Seine Schlussfolgerungen beruhen auf der regelmäßigen und intensiven Beobachtung der Bauern: „Der Klimawandel, das sind nicht die Mega-Stürme, die man im Fernsehen sieht, sondern die vielen kleinen individuellen Katastrophen, die Menschen, die nicht mehr schlafen können, weil sie wissen, dass das Essen nicht bis zum Ende des Jahres reichen wird.“

„Der Klimawandel, das sind nicht die Mega-Stürme, die man im Fernsehen sieht, sondern die vielen kleinen individuellen Katastrophen …“

Video: Der Mann, der das Mekong-Delta retten wollte

Der Universitätsprofessor ruft dazu auf, lokales Wissen zu reaktivieren: „In 30 Jahren Krieg sind so viele Menschen umgesiedelt worden, dass heute keiner mehr weiß, wie der Boden funktioniert, auf dem er lebt. Das schlimmste am Krieg sind nicht die Toten sondern die Zerstörung unserer Kultur, unseres Verhältnisses zur Natur. Ich bringe den Leuten nicht die Wissenschaft bei, sondern das Überleben.“ Wir haben ihn dabei begleitet:

2013 hat die Regierung den „Plan für das Mekong-Delta“ erlassen. Er soll die regionale Wirtschaft retten, durch den Bau von Dämmen, von Reservoirs für Süßwasser und Körner, durch neue Kanäle, durch die Erhöhung der Häuser und die Begleitung der Bauern bei der Umstellung auf ein neues Agrarmodell. Ende 2017 wurde er um eine Resolution ergänzt, in der sich der Staat verpflichtet, „die Entwicklung des Deltas auf nachhaltige und sichere Weise fortzuführen, auf der Grundlage einer qualitativ hochwertigen Landwirtschaft, gepaart mit Dienstleistungen, Öko-Tourismus und dem Aufbau einer umweltverträglichen Industrie, vor allem zur Verarbeitung landwirtschaftlicher Produkte.“

Duong Van Ni und seine Kollegen ihrerseits haben das „Drachen-Institut“ gegründet, getauft nach dem vietnamesischen Namen des Mekong – Cửu Long, Neun Drachen – die neun Mündungsarme des Stroms. Ihr nächstes Etappenziel ist der Aufbau eines weltweiten Netzwerks zur Beobachtung von Flussdeltas durch den Zusammenschluss von acht Forschungszentren, zum Mississippi in den USA, dem Nil in Ägypten, dem Perlfluss in China, dem Ganges in Indien und Bangladesch, der Donau in der Ukraine, dem Amazonas in Brasilien und dem Irrawaddy in Myanmar. „Alles, was wir den Deltas antun, wird Auswirkungen über Jahrzehnte haben. Der Klimawechsel ist nur ein Problem. Wir müssen auch Armut, Globalisierung, Industrialisierung und Migrationsbewegungen einbeziehen. Nachhaltigkeit und Anpassung sind die Schlüsselworte zur Rettung der Stromdeltas.“

Die Insel Jean-Charles vor der Küste des US-Bundesstaats Louisiana kämpft mit den gleichen Problemen: steigender Salzgehalt, Küstenerosion und Absenkung. Sie ist inzwischen unbewohnbar, die letzten Einwohner wurden aufs Festland umgesiedelt. Sie gelten als die ersten amerikanischen Klima-Flüchtlinge. Bis Ende des Jahrhunderts könnte es 13 Millionen Amerikanern ähnlich ergehen.