Klimawandel, der Vietnam-Krieg von heute

Eine Reportage von Laure Siegel, Luke Duggleby & Hugo Leenhardt

Klimawandel, der Vietnam-Krieg von heute

Eine Reportage von Laure Siegel, Luke Duggleby & Hugo Leenhardt

Nach den Gräueln des Krieges steht Vietnam heute vor der größten Herausforderung des 21. Jahrhunderts: der Anpassung an den Klimawandel. Das langgezogene Land in Südostasien kämpft mit immer extremeren Trockenperioden, Stürmen und Überschwemmungen, aber auch mit längerfristigen Veränderungen wie der Erhöhung des Salzgehaltes in den Böden des Mekong-Deltas, der Küstenerosion und dem Anstieg des Meeresspiegels. Rasantes Wachstum, ungezügelte Urbanisierung und Industrialisierung ohne Rücksicht auf die Umwelt belasten die Ökosysteme zusätzlich. Der frenetische Bau von Staudämmen auf dem Mekong stellt die Ernährungssicherheit endgültig in Frage. Von Can Tho über Ho Chi Minh-Stadt bis hin zu den transnationalen Institutionen der Mekong-Region machen Forscher, Umweltschützer und Bauern mobil. Ihr Ziel: alternative Ansätze entwickeln, um Umweltschäden und deren sozio-ökonomischen Auswirkungen zu begrenzen und das Überleben der Bevölkerung dauerhaft zu sichern.

1. Kapitel

Das Mekong-Delta – ein klimatischer Notfall

Der Mekong, nach dem Amazonas der artenreichste Strom der Welt, schlängelt sich über 4.500 Kilometer quer durch Südostasien. Seit Jahrhunderten ist er die soziale und kulturelle Lebensader der Region. Er trägt schwimmende Häuser, Märkte und Festivals, ist Verkehrsweg, Fischreserve, Rückgrat der Hygiene und des Tourismus.
In Südvietnam fächert sich der Mekong zum weiten Delta auf, bevor er ins Südchinesische Meer mündet. Vor drei Jahrhunderten entstanden die ersten Dörfer auf dieser Feuchtebene, die so groß ist wie die Schweiz und damals von dichtem Wald bedeckt war. Zwischen 18 und 20 Millionen Menschen leben in den 12 Provinzen des Mekong-Deltas, drei Viertel von ihnen sind in der Landwirtschaft tätig.

Der Rhythmus des Stroms gestattet in der gesamten Region intensiven Reisanbau mit zwei bis drei Ernten im Jahr. Unzählige Drainage-Gräben, Dämme, Bewässerungskanäle und Schleusen machen das Delta zu einer der produktivsten Agrar-Regionen der Welt. 1997 wird Vietnam zum weltweit zweitgrößten Reisproduzenten nach Thailand, dank der Wahl von höchst ertragreichen Sorten und der hochentwickelten Infrastruktur. Der „Wunder-Reis“ bringt Wohlstand, der traditionelle Nassfeld-Anbau wird nach und nach zugunsten der Bewässerung aufgegeben.

2017 liegt Vietnam aber als Reis-Exporteur nur noch an fünfter Stelle hinter Indien, Thailand, den USA und Pakistan. Denn das Mekong-Delta kämpft mit einer Kombination von Problemen, die der Reisqualität schaden. Der Boden des Deltas funktioniert wie ein riesiger Schwamm: Er saugt das Wasser der Regenzeit auf und setzt es in der Trockenzeit wieder frei. Das Wasser ist also je nach Periode mehr oder weniger trüb. Salz ist seit jeher ein Element dieses besonderen Ökosystems. Doch seit einigen Jahren ist der Salzgehalt außer Kontrolle geraten.

Im Januar 2016 erlebte die Region die schlimmste Trockenperiode der jüngeren Geschichte. Ursachen sind El Niño, die mangelnde Regelmäßigkeit der Regenfälle und die vielen Staudämme auf den Mekong-Zuflüssen (siehe Kapitel 3). Der Wasserstand im Delta sinkt noch tiefer als bereits 2006, auf den tiefsten Stand seit 1926. So kann das Salzwasser die Hälfte der 2,2 Millionen Hektar Anbaufläche erreichen, die Ernten zerstören und die Trinkwasserquellen kontaminieren.

Die Bedeutung des Mekong-Deltas für die vietnamesische Wirtschaft:
  • 12% des Staatsgebiets und 19% der Bevölkerung
  • 50% der Reisproduktion
  • 65% der Aquakultur
  • 70% der Obstproduktion
  • 95% der Reisexporte
  • 60% der Fischexporte

(Quelle: Mekong River Commission – 2017)

Salzgehalt im Delta während der schweren Trockenheit im Winter 2015-2016 (die Reispflanzen ertragen höchstens 4 Gramm pro Liter)

Quelle: Ministerium für Landwirtschaft und rurale Entwicklung, Vietnamesische Akademie für Wasserressourcen

Das Delta, nur ein bis zwei Meter über Null liegend, zählt laut WWF auch zu den weltweit am stärksten vom Anstieg des Meeresspiegels bedrohten Gebieten: „Bereits ein Anstieg von nur einem Meter könnte allein im Mekong-Delta neun für die Artenvielfalt kritische und bereits durch die menschliche Aktivität geschwächte Zonen beträchtlich schädigen.

Im Worst-Case-Szenario eines Anstiegs von einem Meter gegenüber dem Niveau von 1986 bis zum Jahr 2100 wären alle rot gefärbten Gebiete – also ein Drittel des Deltas – dauerhaft vom Meer überflutet und damit nicht mehr bebau- und bewohnbar.

Quelle: Ministerium für Landwirtschaft und rurale Entwicklung, Vietnamesische Akademie für Wasserressourcen

Andere Studien relativieren diese Annahme zwar und gelangen zum Schluss, dass das Meer bis Ende des Jahrhunderts um maximal 77 Zentimeter steigen wird. Doch es gibt ein zweites Phänomen, das die Experten noch mehr beunruhigt: Das Delta senkt sich ab.

Seit seiner wirtschaftlichen Öffnung Ende der 1980er-Jahre hat Vietnam Millionen Kubikmeter Süßwasser abgepumpt, um die mit der Modernisierung steigenden Bedürfnisse an Trinkwasser und Süßwasser für Landwirtschaft und Aquakultur zu decken. Das führt dazu, dass sich das Delta jährlich um ein bis vier Zentimeter absenkt, drei oder vier Mal so schnell, wie der Meeresspiegel steigt.

Die erste Karte ist ein Computer-Modell der Absenkung des Deltas zwischen 1991 und 2016. Die zweite Karte zeigt die Beschleunigung der Absenkung während des Jahres 2015.

Quelle: Auswirkungen von 25 Jahren Grundwasserentzug auf die Absenkung des Mekong-Deltas

Für ein durch Jahrzehnte von Krieg und Hunger traumatisiertes Land wie Vietnam ist Ernährungssicherheit ohne intensiven Reisanbau unvorstellbar. Duong Van Ni, Forscher an der Universität von Can Tho, hat selbst während des Kriegs mit einer Schale Reis pro Tag überlebt. Doch er meint, es sei höchste Zeit, diese Monokultur aufzugeben: „Wir müssen unsere Kulturen diversifizieren, weniger Chemie einsetzen und Wasser sparen. Die derzeitige Strategie, immer mehr Reis und andere exportierbare Produkte anzubauen, ist langfristig nicht überlebensfähig.“

Duong Van Ni studiert die Auswirkungen des Klimawandels seit Ende der 1990er-Jahre. „Mir ist klar geworden, dass unsere Bauern ganz konkret davon betroffen sind. Sie waren seit mehreren Jahren mit Missernten konfrontiert, obwohl sie nach dem althergebrachten Modell arbeiteten, zur richtigen Zeit aussäten und ernteten.“

Seine Schlussfolgerungen beruhen auf der regelmäßigen und intensiven Beobachtung der Bauern: „Der Klimawandel, das sind nicht die Mega-Stürme, die man im Fernsehen sieht, sondern die vielen kleinen individuellen Katastrophen, die Menschen, die nicht mehr schlafen können, weil sie wissen, dass das Essen nicht bis zum Ende des Jahres reichen wird.“

„Der Klimawandel, das sind nicht die Mega-Stürme, die man im Fernsehen sieht, sondern die vielen kleinen individuellen Katastrophen …“

Video: Der Mann, der das Mekong-Delta retten wollte

Der Universitätsprofessor ruft dazu auf, lokales Wissen zu reaktivieren: „In 30 Jahren Krieg sind so viele Menschen umgesiedelt worden, dass heute keiner mehr weiß, wie der Boden funktioniert, auf dem er lebt. Das schlimmste am Krieg sind nicht die Toten sondern die Zerstörung unserer Kultur, unseres Verhältnisses zur Natur. Ich bringe den Leuten nicht die Wissenschaft bei, sondern das Überleben.“ Wir haben ihn dabei begleitet:

2013 hat die Regierung den „Plan für das Mekong-Delta“ erlassen. Er soll die regionale Wirtschaft retten, durch den Bau von Dämmen, von Reservoirs für Süßwasser und Körner, durch neue Kanäle, durch die Erhöhung der Häuser und die Begleitung der Bauern bei der Umstellung auf ein neues Agrarmodell. Ende 2017 wurde er um eine Resolution ergänzt, in der sich der Staat verpflichtet, „die Entwicklung des Deltas auf nachhaltige und sichere Weise fortzuführen, auf der Grundlage einer qualitativ hochwertigen Landwirtschaft, gepaart mit Dienstleistungen, Öko-Tourismus und dem Aufbau einer umweltverträglichen Industrie, vor allem zur Verarbeitung landwirtschaftlicher Produkte.“

Duong Van Ni und seine Kollegen ihrerseits haben das „Drachen-Institut“ gegründet, getauft nach dem vietnamesischen Namen des Mekong – Cửu Long, Neun Drachen – die neun Mündungsarme des Stroms. Ihr nächstes Etappenziel ist der Aufbau eines weltweiten Netzwerks zur Beobachtung von Flussdeltas durch den Zusammenschluss von acht Forschungszentren, zum Mississippi in den USA, dem Nil in Ägypten, dem Perlfluss in China, dem Ganges in Indien und Bangladesch, der Donau in der Ukraine, dem Amazonas in Brasilien und dem Irrawaddy in Myanmar. „Alles, was wir den Deltas antun, wird Auswirkungen über Jahrzehnte haben. Der Klimawechsel ist nur ein Problem. Wir müssen auch Armut, Globalisierung, Industrialisierung und Migrationsbewegungen einbeziehen. Nachhaltigkeit und Anpassung sind die Schlüsselworte zur Rettung der Stromdeltas.“

Die Insel Jean-Charles vor der Küste des US-Bundesstaats Louisiana kämpft mit den gleichen Problemen: steigender Salzgehalt, Küstenerosion und Absenkung. Sie ist inzwischen unbewohnbar, die letzten Einwohner wurden aufs Festland umgesiedelt. Sie gelten als die ersten amerikanischen Klima-Flüchtlinge. Bis Ende des Jahrhunderts könnte es 13 Millionen Amerikanern ähnlich ergehen.

2. Kapitel

Vietnam zwischen Wirtschaftswachstum und Umweltschutz

Ganz Europa stöhnt diesen Sommer unter der Hitze, Kalifornien kämpft mit den größten Waldbränden seiner Geschichte: Der Klimawandel macht wieder von sich reden.

Der WWF hatte bereits 2009 festgestellt, dass Vietnam zu den zehn exponiertesten Staaten gehört. Grund dafür ist die außerordentlich lange Küste: 3.400 Kilometer, 15 Prozent des Staatsgebietes. Dazu kommen die hohe Abhängigkeit von der Landwirtschaft und das relativ niedrige Entwicklungsniveau der ländlichen Regionen. Die großen Unterschiede in Klima, Topographie und spezifischen Risiken innerhalb des Landes erschweren die Entwicklung einer einheitlichen Anpassungsstrategie. Trotzdem beweist Vietnam seit einem Jahrzehnt einen echten Willen, den Klimawandel in seiner Entwicklungspolitik zu berücksichtigen.

Rückblick in Stichworten auf die Geschichte der Umwelt-Frage in Vietnam:

Mit 6,7 Prozent im Jahr 2017 gehört Vietnam weltweit zu den Spitzenreitern beim Wirtschaftswachstum. Doch die rasante Entwicklung hat ihren Preis: Durch die Landflucht aufgeblasen, leiden die Ballungszentren unter chronischen Verkehrsproblemen, Staus und Rekordverschmutzung. Die ungezügelte Industrialisierung erschöpft die Böden, Abfall und Abwasser ersticken die Wasserläufe, das rasche Wachstum der Bevölkerung – 95 Millionen im Jahr 2017 – gefährdet die ökologischen Gleichgewichte.

„Der Klimawandel ist ein Feind, der uns nicht gegenübersteht, sondern in uns selbst ist. Denn wir tun Dinge, obwohl wir wissen, dass sie die Lage verschärfen.“ Hong Hoang hat in der Megalopole Ho Chi Minh-Stadt die Umweltschutzorganisation „Change Vietnam“ gegründet, eine der bedeutendsten im Land. Sie kämpft an drei Fronten: gegen den Schmuggel mit Wildtieren, zu dessen Drehscheiben Vietnam heute zählt; für erneuerbare Energiequellen, bislang trotz hohem Sonnen- und Wind-Potenzial wenig entwickelt; für die Begrenzung der Auswirkungen des Klimawandels durch nachhaltige Entwicklungsstrategien.

Interview mit Hong Hoang:

„Der Klimawandel ist ein Feind, der uns nicht gegenübersteht, sondern in uns selbst ist.“

Der Strombedarf in Vietnam wird sich in den nächsten zehn Jahren verdreifachen. Das Land setzt dabei auf Kohle. Die damit verbundenen Risiken beschreibt eine Studie der Universität Harvard so: „Im Jahr 2030 wird Vietnam das ASEAN-Land sein, das am stärksten unter der vorzeitigen Sterblichkeit infolge der Verschmutzung durch Kohlekraftwerke leiden wird. Die Verschmutzung durch Kohle wird zu geschätzten 20.000 zusätzlichen Todesfällen im Jahr führen, sprich fünf Mal so viel wie 2011.“ 

Immer mehr Vietnamesen bekommen die negativen Folgen der Kombination von Klimawandel und Industrialisierung zu spüren.

In den sozialen Netzwerken häufen sich Berichte wie dieses Video von April 2017. Es zeigt, wie 14 Häuser binnen einer Minute im Fluss Vam Nao versinken. Auch auf Facebook werden Umweltsünden immer öfter angeprangert.

Zugleich hat aber im April ein Berufungsgericht die 14-jährige Haftstrafe gegen den Blogger Hoàng Đức Bình bestätigt, der eine Protestaktion von Fischern gegen die Wasserverschmutzung durch das Unternehmen Formosa gefilmt hatte (siehe Chronologie). Er habe, heißt es im Urteil, „die demokratischen Freiheiten dazu missbraucht, Staatsinteressen zu schädigen“. Der Kampf für den Umweltschutz wird als Gefahr für die rasche Entwicklung betrachtet, an die sich Vietnam inzwischen gewöhnt hat. Trotz aller Risiken hat die allmählich wachsende Umweltschutzbewegung die Regierung kürzlich offen aufgefordert, ihre kurzzeitigen Entwicklungsziele zurückzuschrauben.

44 Prozent der Vietnamesen sind unter 24. Hong hofft auf die Jugend: „Wer weiß, was die Weltbank in einem Jahr interessiert? Ich baue lieber auf unsere eigene Kraft, auf unsere Bürger und die Mobilisierung unserer Unternehmen für eine Lösung der Umweltprobleme hier. Kein ausländischer Geldgeber wird ewig hier bleiben. Deshalb denken wir, dass wir unserem Land am besten bei der Anpassung und bei der Begrenzung der negativen Folgen des Klimawandels helfen können, indem wir die lokalen Umweltbewegungen stärken.“

„Ich baue lieber auf unsere eigene Kraft, auf unsere Bürger und die Mobilisierung unserer Unternehmen für eine Lösung der Umweltprobleme hier.“

3. Kapitel

Verhandlungen für eine nachhaltige Zukunft der Mekong-Region

Die Lebensweise von 60 Millionen Menschen, die direkt von den natürlichen Ressourcen des Mekong-Beckens abhängen, ist auch vom Bau Dutzender Staudämme am Mekong und seinen Zuflüssen bedroht. Sie sollen den wachsenden Wasser- und Strombedarf befriedigen. Ein Großprojekt mit elf Staudämmen am Unterlauf des Mekong sorgt derzeit für Spannungen zwischen den Anrainerländern.

„International Rivers“ https://www.internationalrivers.org/

1995 wurde die Mekong-Strom-Kommission (MRC) gegründet. Ihre Mission ist die Koordination der Verwaltung und Nutzung der Ressourcen des Mekong-Beckens. Die Notwendigkeit einer grenzüberschreitenden Kooperation wurde klar, als China begann, den Oberlauf des Mekong aufzustauen, ohne die Länder am Unterlauf zu konsultieren. Seit zehn Jahren investieren thailändische, malaysische, koreanische, französische, vor allem aber chinesische Unternehmen massiv in den Ausbau der Infrastruktur der Region.

2009 beauftragte die MRC den Ökologen Nguyen Huu Thien und zwanzig weitere Experten mit einer Studie zur Umweltverträglichkeit der geplanten elf Staustufen am Unterlauf des Mekong. Die Experten empfahlen, das gigantische Projekt um zehn Jahre aufzuschieben. Begründung: Das Wissen über den Strom reiche nicht aus, um eine so unumkehrbare Entscheidung zu treffen, die die Artenvielfalt in unabsehbarem Ausmaß schädigen könne.

„Die Staudämme im chinesischen Flussverlauf haben die Sedimentablagerung im Unterlauf bereits fast um die Hälfte verringert, von 160 Millionen Tonnen im Jahr 1992 auf nur mehr 75 Tonnen im Jahr 2014. Die elf neuen Staustufen würden sie noch einmal halbieren. Der dadurch verursachte Mangel an Nährschlamm würde die Artenvielfalt schwer beeinträchtigen: Die Mangroven würden verschwinden, die Wasserqualität würde drastisch sinken, Vögel und Fische in Massen sterben“, erklärt Nguyen Huu Thien.

Die Empfehlungen wurden in den Wind geschlagen, da in der MRC nur die Staaten am Unterlauf (Thailand, Laos, Kambodscha und Vietnam) vertreten sind und die Kommission nur eine beratende Rolle hat. Zwei Staudämme am Hauptstrom sind bereits in Bau, Dutzende weitere an den Zuflüssen in Planung. Sie drohen den artenreichen Strom in eine Serie von mehr oder weniger toten Stauseen zu verwandeln.

Interview mit Nguyen Huu Thien:

„Die Staudämme im chinesischen Flussverlauf haben die Sedimentablagerung im Unterlauf bereits fast um die Hälfte verringert, von 160 Millionen Tonnen im Jahr 1992 auf nur mehr 75 Tonnen im Jahr 2014. Die elf neuen Staustufen würden sie noch einmal halbieren.“

Laut einer Studie aus Thailand würde der bis 2030 geplante Bau von insgesamt 40 Staustufen am Mekong und seinen Zuflüssen für die vier Mitgliedsländer der MRC Verluste in Höhe von 6,4 Milliarden Euro und eine Verarmung der Bevölkerung nach sich ziehen. Kambodscha wird allein mit dem Bau der elf Staudämme am Hauptstrom – zwei auf eigenem Staatsgebiet und neun in Laos – bis 2040 die Hälfte der heutigen Fisch-Biomasse einbüßen.

Seit 20 Jahren setzt das kleine, abgeschlossene Laos auf sein Wasserkraft-Potenzial und hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2025 zur „Batterie von Südostasien“ zu werden und Strom aus Wasserkraft zu seiner Haupteinnahmequelle auszubauen. Die Hälfte des so erzeugten Stroms, den die Regierung als Waffe im Kampf gegen die Armut anpreist, soll an die Nachbarn verkauft werden. Eine Reportage von einer der Großbaustellen in einem Tal nördlich von Luang Prabang.

Eine vor kurzem eingetretene Katastrophe könnte jedoch das Ende für das gigantische Staudammbau-Programm in ganz Südostasien einläuten. Am 23. Juli 2018 stürzte in der laotischen Provinz Attapeu ein Hilfsdamm, der zum koreanischen Projekt von Xepian-Xe Nam Noy gehörte, nach starken Monsunregen ein. Fünf Milliarden Kubikmeter Wasser überfluteten die Dörfer der Umgebung und verursachten Überschwemmungen bis ins benachbarte Kambodscha. In Laos verloren 6.600 Familien ihr Zuhause, in Kambodscha weitere 5.000. Hunderte Menschen sind bis heute verschollen.

„Die Planer sollten eigentlich Notfall-Szenarien und Evakuierungspläne für den Fall von Dammbrüchen haben. Nach der Katastrophe von Xepian Xe Nam Noy zu urteilen, ist das aber nicht der Fall. Uns bereitet die Sicherheit all dieser Staudämme große Sorge. Wenn Kambodscha den Staudamm von Sambour wirklich baut, besteht die Gefahr, dass er bei einem Bruch eines höher gelegenen Damms in einem Dominoeffekt selbst einstürzt. Besonders der Damm von Sayabouri ist gefährdet, weil er genau auf einer Verwerfung liegt“, kommentiert Nguyen Huu Thien.

Die seit einigen Jahren immer massivere Repression gegen die Medien in Südostasien führt dazu, dass sich solche Katastrophen meist ohne Augenzeugen abspielen. Zwei junge Laotinnen haben es trotzdem geschafft, in die von der Armee abgeschirmte Zone vorzudringen. Sie fanden ein chaotisches No-Man’s-Land vor, mit zahlreichen Leichen im Schlamm und sich selbst überlassenen ÜberlebendenEine von ihnen, Yae, eine schwangere junge Frau, dem Ertrinken um Haaresbreite entgangen und in einem von der Armee bewachten Lager gelandet, berichtet:

„Wir nehmen, was wir finden, um uns eine Unterlage zum Schlafen zu machen, aber manche müssen auf der nackten Erde schlafen. Aber die meisten von uns finden sowieso keinen Schlaf. Wir weinen bloß. Unsere Häuser fehlen uns, unsere Angehörigen fehlen uns, wir wissen, wir haben alles verloren. Mein Körper ist erschöpft, mein Kopf ist erschöpft. Und wer wird für all das Unglück die Verantwortung übernehmen?“

Laut Schätzungen der Asiatische Entwicklungsbank müssen die Länder der Asien-Pazifik-Region bis 2030 insgesamt 21 Milliarden Euro, also 1,4 Milliarden Euro pro Jahr, in die Infrastruktur investieren, wenn sie ihr Wachstum bewahren, die Armut beseitigen und die Anpassung an den Klimawandel schaffen wollen. Gleichzeitig bedrohen aber die beschriebenen Großprojekte das Überleben von mehreren hundert Millionen ohnehin schon benachteiligten Bewohnern des Mekong-Beckens. Die französische Forscherin Sophie Boisseau du Rocher beschreibt das Dilemma in ihrem Buch „Südostasien in der Falle“ so: „Wie lassen sich langfristiger gesellschaftlicher Aufbau und Demokratisierung mit dem kurzzeitigen, unabweisbaren, aber Ungleichheiten verschärfenden Zwang zur wirtschaftlichen Entwicklung vereinbaren?“

„Wir nehmen, was wir finden, um uns eine Unterlage zum Schlafen zu machen, aber manche müssen auf der nackten Erde schlafen. Aber die meisten von uns finden sowieso keinen Schlaf. Wir weinen bloß. Unsere Häuser fehlen uns, unsere Angehörigen fehlen uns, wir wissen, wir haben alles verloren.“