Das Herkunftsland Eritrea

Das Herkunftsland Eritrea

2015 haben jeden Monat rund 5.000 Eritreer ihr Land verlassen. 2016 spricht die Untersuchungskommission der UNO von systematischen Verbrechen gegen die Menschlichkeit. In Internierungslagern und Militäreinrichtungen gehören Folter, Sklaverei, Vergewaltigungen und Tötungen zum Alltag.

In Eritrea gibt es kaum eine Familie, die nicht direkt unter dem totalitären Regime leidet. Daniel erzählt, wie sein älterer Bruder eines Tages ins Militär einberufen wurde. Seither hat er ihn nicht wieder gesehen. Samuel musste die Schule abbrechen, um seine kranke Schwester zu pflegen. Die Eltern waren bereits verstorben und der Mann der Schwester leistete Militärdienst. Der sogenannte Nationaldienst ist unbefristet, kann aber unter Umständen bis zum 50. Lebensjahr dauern. Der Militärdienst und die nicht vorhandene Möglichkeit, seine Zukunft frei zu gestalten, ist der Hauptgrund für die Migrationswelle aus Eritrea. Das gilt insbesondere für die Minderjährigen.

Die Kinder haben in diesem System keine Wahl. In der 12. Klasse werden sie automatisch ins „Nationale Trainingszentrum“ in Sawa eingezogen. Die 12. Klasse wird als Teil des Nationaldienstes absolviert, die Studentinnen und Studenten befinden sich unter militärischer Obhut. (Quelle: UNHCR) Unter Umstände können bereits Minderjährige in den Nationaldienst rekrutiert werden. Darüber berichten übereinstimmende Quellen, wie die Organisation „Child Soldier International“ oder die Schweizerische Flüchtlingshilfe schon 2011 zusammengefasst haben. In diese Kategorie fallen etwa Schulabbrecher wie Samuel,  mutmaßliche Kleinkriminelle oder illegal Ausreisende.

„Die Kinder sehen, dass sie keine Zukunft haben“, erklärt der Menschenrechtsaktivist Abdulrazek Seid. Sie sähen, dass ältere Familienangehörige mehr als zwanzig Jahre im Militär sind. „Wenn der Militärdienst befristet wäre“, ist er überzeugt, „würde niemand das Land verlassen.“

Eine Alternative zum Militärdienst gibt es nicht. Selbst die Hochschule des Landes, ehemals die Universität, ist dem Militär unterstellt. Wer sich querstellt, die strengen Regeln nicht befolgt oder einen Fluchtversuch unternimmt, findet sich in einem der Gefängnisse wieder. Diese Erfahrung hat Abdulrazek Seid gemacht, aber auch die Minderjährigen Samuel und Salam. Salam zählt die Namen der Gefängnisse auf. Sie sind berüchtigt und für ausländische Delegationen nicht zugänglich. Der UNO-Menschenrechtsbericht von 2016 (Link als PDF) führt auf, dass nicht nur in Internierungslagern und Gefängnissen, sondern auch in allen anderen Militäreinrichtungen Folter, Sklaverei, Vergewaltigungen und Tötungen zum Alltag gehören.

Notizen zu Eritrea
  • 1991 – Erkämpfung der Unabhängigkeit von Äthiopien
  • 1993 – Unabhängigkeit durch eine von der UNO überwachten Volksabstimmung
  • Seit 1993 gab es keine Volksabstimmung mehr
  • Seither ist Isaias Afewerki alleiniger Machthaber. Er ist zugleich Präsident, Regierungschef und Vorsitzender der einzig legalen Partei, der People’s Front for Democracy and Justice (PFDJ)
  • 1997 – Eine Verfassung wird entworfen, jedoch nie implementiert
  • Seit 2001 gibt es keine unabhängige Presse mehr
  • 2016 – Tausende Eritreer sind als politische Gefangene inhaftiert: ohne Anklage und ohne Prozess. Die Inhaftierten gelten als Verschwundene.

„Die Flüchtlinge – viele von ihnen verlassen das Land als Kinder – fliehen vor einem System, das breit angelegter Zwangsarbeit gleichkommt und den Betroffenen jede Selbstbestimmung über wesentliche Lebensbereiche raubt.“

(Michelle Kagari, Vizedirektorin von Amnesty International im Regionalbüro Ostafrika)

In Berichten von Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International wird aufgezeigt, dass die Inhaftierten in Containern mitten in der Wüste eingesperrt sind. Sie sind extremer Hitze und Kälte ausgesetzt. Nicht wenige Menschen sterben bei diesen Haftbedingungen.

Den Inhaftierten werden sämtliche Rechte abgesprochen. Sie sind der totalen Willkür ausgesetzt. Darum gelten die Inhaftierten als Verschwundene, die man nie wieder zu Gesicht bekommt. Die UNO geht von 10.000 politischen Gefangenen aus. Seid sagt, es wären deutlich mehr.

Willkür gilt nicht nur für die Inhaftierten, sondern auch für unbescholtene Bürger. Samuel beschreibt die Situation, nicht aus dem eigenen Viertel gehen zu können, ohne sich einer latenten Gefahr auszusetzen. Daniel spricht von „Wachsamkeit“ und „voller Konzentration“, wenn man aus dem Haus gehe.

In Eritrea herrsche ein Klima des Stresses und der Angst, bestätigen Samuel und Daniel. Damit meinen sie Polizeikontrollen, aber auch spontane Razzien der eritreischen Behörden, die in Protokollen des UNHCR als Round-ups (Giffas) beschrieben werden. Bei diesen Aktionen werden wehrdiensttaugliche Personen zwangsrekrutiert. Zeitpunkt und Ort dieser Razzien seien unvorhersehbar.

Link Hinweise

UNO-Menschenrechtsbericht vom Mai 2015.

Der Bericht von Amnesty International „Just Deserters: Why indefinite national service in Eritrea has created a generation of refugees“ (2015) stützt sich auf 72 ausführliche Interviews mit eritreischen Flüchtlingen in der Schweiz und in Italien.

EASO Bericht vom Mai 2015 (Europäisches Unterstützungsbüro für Asylfragen)

Abdulrazek Seid, Menschenrechtsaktivist und Präsident von "Eritrean youth movement for change in Switzerland"

Abdulrazek Seid ist in ganz Europa unterwegs, um Aufklärungsarbeit zu verrichten. Als Präsident des „Eritrean youth movement for change in Switzerland“ ist Seid weltweit mit Bewegungen und Aktivisten vernetzt, die ähnliche Ziele verfolgen. Sein Ziel ist es, diese unterschiedlichen Gruppierungen zu einen.

Als Schüler verbrachte Seid mehr als ein Jahr im Gefängnis. Als Grund wurden seine kritischen politischen Ansichten geltend gemacht. Diese Erfahrung bewog ihn zur Flucht nach Europa. Er sieht es als Berufung an, die Menschen auf die Missstände in seinem Land aufmerksam zu machen.