Betreuung im Alltag

Betreuung im Alltag

Im schweizerischen Kanton Bern werden rund 500 unbegleitete Minderjährige in unterschiedlichen Wohnformen betreut. Sie erhalten eine altersgerechte Tagesstruktur, eine Gesundheitsversorgung und eine psychologische Betreuung. Außerdem wird ihnen eine Vertrauensperson zugewiesen.

Moosseedorf liegt 11 Fahrtminuten von Bern entfernt. Unmittelbar neben dem kleinen Bahnhof steht ein ehemaliger Bauernhof. Hier ist auf zwei Etagen eine Wohngemeinschaft mit elf asylsuchenden Mädchen eingemietet.

Die WG funktioniert mehrheitlich autonom. Die Freizeit können die Mädchen selbständig gestalten. Wenn sie am Wochenende wegfahren, hinterlassen sie bei der Betreuerin die Adresse sowie eine Telefonnummer. Für die Anliegen der Mädchen ist eine Betreuerin zuständig, auch nachts.

In der Wohngemeinschaft dominiert die Sprache Tigrinya, eine von neun gesprochenen Sprachen in Eritrea. Die mehrheitlich eritreisch-orthodoxen Mädchen reisen samstags nach Bern, um an der Messe teilzunehmen. In den Räumen und Zimmern kleben Maria und Jesus-Plakate. Vor- und nach dem Essen wird gebetet.

Die Stimmung ist harmonischer als im Ankunftszentrum, wo ein Kommen und Gehen herrscht. Die Mädchen sind schon mindestens eineinhalb Jahre im Land und verfügen über mehr Erfahrung mit der neuen Umgebung.

Die Wohngemeinschaft ist eine von mehreren möglichen Unterbringungsformen, welche die Zentrum Bäregg GmbH den jugendlichen Asylsuchenden anbietet. Daneben gibt es klassische Wohnheime, betreutes Wohnen oder die Unterbringung bei Gastfamilien oder Verwandten.

Die Zentrum Bäregg GmbH ist für die dem Kanton Bern zugewiesenen Kinder und Jugendlichen zuständig. Die Organisation hält sich strikt an die Vorgaben der UNO-Kinderrechtskonvention, wonach die besonderen Schutzbedürfnisse der unbegleiteten Asylsuchenden berücksichtigt, eine altersgerechte Unterbringung gefunden sowie eine schulische und berufliche Förderung gewährleistet werden müssen.

Entwicklungsgerechte Förderung bedeutet im Ankunftszentrum etwa, dass den asylsuchenden Jugendlichen erst einmal grundlegende Kompetenzen vermittelt werden. Wie begrüße ich einen Einheimischen auf der Straße? Wie interagieren Frauen und Männer miteinander? Wie löse ich ein Busticket oder wie funktioniert der Einkauf im Supermarkt? Aber auch die Funktionsweise des komplexen Asylsystems wird den Ankommenden vermittelt.

Bis zu ihrem 18. Lebensjahr werden die Kinder und Jugendlichen von einer ganzen Reihe von Ansprechpartnern begleitet. Neben den Betreuern im Wohnheim und den Lehrpersonen steht eine Fachstelle für die Gesundheitsversorgung bereit. Dazu kommen Rechtsbeistände, aber auch Fachkräfte für die psychologische Betreuung. Außerdem werden die Asylsuchenden bis zu ihrem 18. Lebensjahr von sogenannten „Case Managern“ begleitet. Etwa bei Umzügen in neue Wohnformen, bei Schulgesprächen oder der Aufnahme in Sportvereine.

Unterschiedliche AUFNAHMEQualität bei den Kantonen: Bern als vorzeigemodell

Laut dem Staatssekretariat für Migration kamen 2015 im Vergleich zum Vorjahr mehr als dreimal so viele unbegleitete minderjährige Asylsuchende in der Schweiz an. Die Kantone wurden von diesem rapiden Anstieg überrascht. Im Kanton Bern kamen pro Woche 30 neue Kinder an. Das Geld, das die Kantone vom Bund für die Kosten der Betreuung erhielten, reichte oft nicht aus. Gleichzeitig waren die Kantone gezwungen, die Strukturen aufgrund des Anstiegs auszubauen. So mussten zum Beispiel provisorische Unterkünfte gefunden werden.

In der Schweiz sind die Unterschiede in der Qualität der Betreuung zwischen den Kantonen groß. Auf diese Differenzen hat 2015 auch der UN-Kinderrechtsausschuss in einer Empfehlung hingewiesen. Für Kinder auf der Flucht sei es pure Glückssache, welche Konditionen sie je nach Kanton antreffen (dazu der Hinweis auf einen Bericht der Basellandschaftlichen Zeitung vom 10.9.2015).

Bern nimmt unter den Kantonen eine Vorreiterrolle ein. Aktuell werden im Kanton Bern knapp über 500 Kinder und Jugendliche betreut (Stand Januar 2017). Die Zentrum Bäregg GmbH hat im Januar 2016 im Sportzentrum Huttwil das bundesweite erste Ankunftszentrum für unbegleitete minderjährige Asylsuchende eröffnet (Bericht in der Berner Zeitung zur Eröffnung des Ankunftszentrums im Emmental). 

Salam*, 17-jährige Asylsuchende aus Eritrea

Salam ist in der Mädchen-WG in Moosseedorf untergebracht. Sie ist eine ruhige, nachdenkliche und kluge Person. Salam spricht offen über die negativen Gedanken, welche sie tagsüber und während der Nacht begleiten. Sie macht sich Sorgen um ihre Familie und um ihre Zukunft. Zurzeit wurde ihr ein humanitärer Ausweis zugesprochen, womit sie nur vorläufig aufgenommen ist.

Salam gibt an, drei Fluchtversuche aus Eritrea unternommen zu haben. Zweimal wurde sie erwischt und landete im Gefängnis. Immer wieder weist sie auf das Regime in Eritrea hin. Sie kann es nicht glauben, dass es Menschen gibt, die nicht einsehen, welche Probleme im Land herrschen. „Keiner will aus dem Land fliehen, im Gegenteil, wir lieben unsere Heimat“, sagt sie. Aber wenn es kein Recht gäbe, keine Möglichkeit zur Selbstbestimmung und nur das Militär als Zukunftsperspektive, hätten die Kinder keine andere Wahl.

*Salams richtiger Name ist der Redaktion bekannt