Auf der Suche nach Perspektiven

Auf der Suche nach Perspektiven

Unter den Asylsuchenden hat sich der Anteil unbegleiteter Kinder seit 2014 verdoppelt. Welche Rolle kann die Generation junger Flüchtlinge in Zukunft in unserer Gesellschaft einnehmen?

Daniel tritt freundlich in Erscheinung, er legt Wert auf ein gepflegtes Äußeres. In diesem zuvorkommenden, jungen Mann steckt eine mutige Persönlichkeit. Daniel nimmt an politischen Kundgebungen teil und entscheidet sich bewusst, mit seinem Gesicht und seinem richtigen Namen vor die Kamera zu treten. Das ist sein Beitrag um mitzuhelfen, die Situation in Eritrea zu erklären und die vielen Vorurteile gegenüber seinen Landsleuten abzubauen.

Nach nur eineinhalb Jahren in seiner neuen Heimat hat Daniel die Sprache gelernt, Asyl erhalten und eine Lehrstelle als Schreiner begonnen. Er betont mehrmals, dass er nach Selbstständigkeit strebe. Geld interessiere ihn nicht, vielmehr liebäugelt er damit, einst in sein Heimatland zurückzukehren und sein dazu gewonnenes Wissen weiterzugeben.

Daniel ist ein gutes Beispiel dafür, welche Fähigkeiten gerade junge Flüchtlinge mitbringen können: Persönlichkeit und Willensstärke. Es sind Merkmale, die auch Katrin Pfrunder meint, wenn sie von den Fähigkeiten und Stärken spricht, die diese jungen Reisenden auszeichnen: „Sie bringen eine sehr hohe Selbständigkeit mit, die eine riesige Ressource darstellt. Nicht nur für die Kinder selbst und für ihr Leben, sondern auch für unsere Gesellschaft.“ Wichtige Voraussetzung sei aber, fügt sie an, dass die Gesellschaft Möglichkeiten finde, den Jugendlichen eine entsprechende Chance zu bieten.

„Die Jugendlichen bringen eine sehr hohe Selbständigkeit mit, die eine riesige Ressource darstellt. Nicht nur für die Kinder selbst und für ihr Leben, sondern auch für unsere Gesellschaft.“

Katrin Pfrunder, Mitglied Geschäftsleitung Zentrum Bäregg GmbH

Zum Abbau der Vorurteile, die gegenüber der eritreischen Gemeinde vorherrschen, muss laut Abdulrazek Seid insbesondere die Diaspora aktiver werden und intensive Aufklärungsarbeit betreiben. Viele Menschen in Europa wüssten nicht, welche Probleme Eritrea hätte.

Der Menschenrechtsaktivist sieht aber positive Signale. Im Oktober 2016 wurde in Zürich ein Podiumsgespräch mit Experten durchgeführt (Blackbox Eritrea). Im Dezember fand in Bern eine Kundgebung statt, in der die schweizerische Regierung aufgefordert wurde, die Verschärfung der Asylpolitik im Umgang mit eritreischen Flüchtlingen rückgängig zu machen.

Ein starkes Zeichen sieht Seid aber vor allem in der Tatsache, dass sich immer mehr Eritreer trauen, an die Öffentlichkeit zu gehen. Einem von verschiedenen Verbänden organisierten Aufruf, sich gegen das Regime und für den UNO-Menschenrechtsbericht zu positionieren, folgten im Juni 2016 über 10.000 Exil-Eritreer aus ganz Europa (Al Jazeera berichtete aus Genf).

Noch vor ein paar Jahren war das anders. Damals traf Seid bei Kundgebungen auf ein paar wenige Landsleute. Die Angst vor den Agenten des eritreischen Geheimdienstes überwog damals noch.

Daniel, ehemaliger Besucher im Ankunftszentrum und anerkannter Flüchtling

Erst vor eineinhalb Jahren kam Daniel als asylsuchender Minderjähriger in den Kanton Bern. Er absolvierte das Programm der Zentrum Bäregg GmbH und gründete nach der Vollendung des 18. Lebensjahrs eine Wohngemeinschaft mit zwei eritreischen Freunden in Bern. 

Heute absolviert er eine Lehre als Schreiner und besucht daneben die Berufsschule. Seit Ende 2016 hat Daniel den B-Ausweis und ist als Flüchtling anerkannt.

In Eritrea ist Daniel in einer Bauernfamilie aufgewachsen. Der Betrieb auf dem Bauernhof ist aber mittlerweile eingestellt, weil mehrere Mitglieder der Familie ins Militär eingezogen wurden. Geprägt hat Daniel das Schicksal seines ältesten Bruders, der trotz guter Leistungen in der Schule in die Armee eingezogen wurde. Es war für ihn der Beweis, dass man ihn Eritrea als Jugendlicher keine Chance hat.

Impressum

Eine Serie von Jonas Dunkel. Kamera: Pierre Reischer. Schnitt: Dodo Hunziker. Farbkorrektur: Pierre Reischer. Protagonisten: Samuel*, Salam*, Daniel, Saeed Jallaway, Abdulrazek Seid, Katrin Pfrunder, Emanuel Rüfenacht. (*Namen der Redaktion bekannt). Übersetzungen: Saeed Jallaway, Rahel Fisehaye, Yonatan Gebreselassie. Produktion: DokLab GmbH (www.doklab.com). Produktionsassistenz: Lea Rindlisbacher. Leitung ARTE Info: Hugues Jardel. Redaktion ARTE Info: Hanna Peters; Produktion ARTE Info: Petra Mekaoui; Mit Genehmigung von: Zentrum Bäregg GmbH, Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB), Migrationsdienst Kanton Bern. Dank an: Martina Joss, Katrin Pfrunder, Samanta Secli, Daniela Enzler, Urs Schnell, Dunkel Design, Emika GmbH.

Eine Web-Serie im Auftrag von ARTE; © 2017 DokLab

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