Allein in der Fremde

Erstes Kapitel

Allein in der Fremde

Erstes Kapitel

Unbegleitete minderjährige Flüchtende sind besonders verletzlich. Ihre Flucht nach Europa dauert oft mehrere Jahre. In der Schweiz unterhält der Kanton Bern ein spezifisches Betreuungsprogramm für ankommende Minderjährige.

Sanfte Hügellandschaften, einsame Bauernhöfe und weitläufige Tannenwälder: Huttwil im Kanton Bern liegt inmitten der typischen Landschaft des Emmentals. Einen Kilometer vom Dorf entfernt steht ein Sportareal. Seitdem 2015 die Asylgesuche von Minderjährigen die Aufnahmekapazitäten der Behörden gesprengt haben, ist hier das Ankunftszentrum für unbegleitete minderjährige Asylsuchende untergebracht. Eine vergleichbare Einrichtung gibt es zu diesem Zeitpunkt in der Schweiz nicht. 

Die Jugendlichen verbringen hier zwischen vier und sechs Wochen, ehe sie auf die Gemeinden des Kantons verteilt werden.

Für jeden Ankommenden gilt die gleiche Prozedur. Die persönlichen Kleider werden in einen Sack gepackt und heiß gewaschen. Nicht waschbare Gegenstände werden während 24 Stunden eingefroren. Es sind Maßnahmen gegen die hartnäckigen Krätzemilben, die mit den Flüchtenden mitreisen.

Aus Kleiderspenden erhalten die Jugendlichen ein Shirt, einen Pulli, eine Hose, eine Jacke und Schuhe. Als Startpaket gibt es ein Hygienebeutel mit Zahnbürste, ein Handtuch, Sandaletten und frischer Unterwäsche.

Nach einer mühsamen, mehrjährigen Flucht von Eritrea nach Europa macht sich bei den Jugendlichen bei der Ankunft oft ein Gefühl der Erleichterung breit. Katrin Pfrunder von der Zentrum Bäregg GmbH beobachtet, „dass sich fast schon euphorische Gefühle einstellen, weil sie denken ‚Jetzt bin ich in Sicherheit, jetzt bin ich angekommen und jetzt kann es richtig losgehen‘. Aus unserer Erfahrung kommt der kritische Moment erst später.“

Das Wohnheim des Ankunftszentrums in Huttwil, Kanton Bern.

Fluchtwege aus Eritrea

Eritrea ist eines der am schnellsten sich leerenden Länder der Welt. 2015 schätzte das UN-Flüchtlingshilfswerk die Zahl der monatlich aus dem Land Fliehenden auf 5.000. Eine Viertelmillion befindet sich in Flüchtlingslagern in den Nachbarländern Sudan und Äthiopien.

Die Haupt-Fluchtroute führt durch die Sahara ins krisengeschüttelte Libyen, über das Mittelmeer nach Italien. 2016 wurden in Italien 20.718 Migranten aus Eritrea registriert, die über das Mittelmeer kamen. Damit belegt das Land Rang 2 im Ranking nach Herkunftsländern hinter Nigeria.

Eine andere Fluchtroute führt entlang dem Roten Meer über Ägypten nach Israel. Ähnlich wie in Libyen sind die Flüchtenden auf der Sinai-Halbinsel Menschenhändlern, Folter, Ausbeutung und Vergewaltigungen ausgesetzt.

Fluchtwege aus Eritrea

Anmerkung zur Graphik: Die Spalte der Asylsuchenden unter 18 Jahren ist nicht gleichbedeutend mit „unbegleiteten Minderjährigen“.

Eritreische Diaspora: Warum die Schweiz?

Laut dem ‚Eritreischen Medienbund‘ leben rund 30.000 Eritreer in der Schweiz. Eritrea stellt seit zehn Jahren das wichtigste Herkunftsland dar.

Ein Grund dafür ist, dass die Schweiz von 2006 bis 2016 eine liberale Asylpolitik gegenüber Eritreern angewendet hat. Die zuständige Kommission hatte die Dienstverweigerung und das Desertieren als Asylgrund anerkannt. Mit einer Revision dieser Rechtspraxis im Juni 2016 wurde die Ausgangslage für Eritreer schwieriger, insbesondere für Minderjährige, die noch keinen Militärdienst verrichten mussten (siehe Kapitel 3).

Von der Grenze ins Ankunftszentrum

Die erste Station eines geflüchteten Jugendlichen ist eines von acht Empfangs- und Verfahrenszentren, die in der Schweiz existieren.

Die meisten jungen Eritreer, die über das Mittelmeer in die Schweiz kommen, beantragen im Empfangszentrum an der italienischen Grenze erstmals Asyl. In diesem Zentrum werden medizinische Untersuchungen durchgeführt, es findet eine Registrierung statt sowie eine erste Anhörung zu den Asylgründen.

Anschließend werden die Jugendlichen auf die Kantone verteilt. 

Samuel*, 17-jähriger Asylsuchender aus Eritrea

Samuel hat die Schule in der 6. Klasse in Eritrea verlassen, um seiner kranken Schwester zu helfen. Seine Eltern sind früh gestorben. Als Schulabbrecher kam er während sechs Monaten ins Gefängnis. Bei Schulabbrechern, Schulschwänzern und Kindern mit negativen Verhaltensmustern greift als Sanktion der Einzug ins Militär und damit verbunden als erster Schritt der Gang ins Gefängnis (siehe Kapitel 4).

Der heute 17-jährige Samuel ist seit drei Monaten in der Schweiz und neu im Ankunftszentrum. Zu Hause in Eritrea ist für ihn in diesen Tagen eine Rekrutierung für den sogenannten Nationaldienst eingetroffen. Samuel wird gesucht und das bereitet ihm Sorgen, weil er genau weiß, dass er mit seiner Flucht Angehörige in Gefahr bringt. 

*Samuels richtiger Name ist der Redaktion bekannt