Die verschlungenen Wege der Diplomatie

Die verschlungenen Wege der Diplomatie

Heute Morgen: kein Minister. Der offizielle Teil der Libanon-Mission ist beendet. Ramona Manescu ist nach Bukarest abgeflogen. „Ich muss dort unbedingt an einer Parteiversammlung teilnehmen“, sagte sie uns am Vorabend. In Rumänien gehört die Europaabgeordnete der Nationalliberalen Partei an.  

Die Abgeordneten der Delegation reisen ab, wie sie gekommen sind – jeder nach seinem Terminplan. Auf der Terrasse des Hotels Phoenicia rauchen Kristina Winberg und Marisa Matias die erste Zigarette des Tages und unterhalten sich über das ungeheuer dichte Programm dieser Mission.

Die Schwedin gibt zu, etwas überfordert zu sein von dem, was sie in den letzten 48 Stunden hier gesehen und gehört hat. „Ich habe hier viele Informationen erhalten und kehre jetzt gerne nach Hause zurück, um sie innerlich zu verarbeiten und auszuwerten. Ich weiß nicht, wie ich das alles analysieren soll und welche Lösung hier die richtige wäre. Aber ich bin mit dieser Reise sehr zufrieden. Ich wollte die Dinge mit eigenen Augen sehen und habe meiner Fraktion ungeheuer viel zu berichten.“  

Marisa Matias ist weniger zufrieden. Sie wollte syrische Abgeordnete treffen, zu denen sie Kontakte unterhält und die sie am Rande des offiziellen Programms eingeladen hatte.  Aber sie konnten nicht kommen. „Die EU hat ihre Beziehungen zu den syrischen Behörden abgebrochen, aber wir Abgeordnete haben unsere Kontakte zum syrischen Parlament aufrechterhalten.“ Und mit einem Hauch von Ironie fügt sie hinzu: „Wenn man nicht mehr mit Syrien reden kann, müsste man vielleicht ins Auge fassen, dieses Land, um das sich eigentlich die Maschrek-Delegation kümmern sollte, von der Liste zu streichen.“

Als die drei Europaabgeordneten gerade zur EU-Botschaft aufbrechen wollen, kommt es zu einem unvorhergesehenen Treffen. Jemand aus Syrien wartet auf sie. Marisa Matias ist überrascht. Wer der Mann ist, erfahren wir nicht, und auch diesmal fordert man uns auf, uns zurückzuziehen und Geduld zu üben. Später erfahren wir, dass es sich um einen sehr engen Berater von Baschar-al-Assad handelte, aber der Inhalt des Gesprächs bleibt geheim.   

Die EU-Abgeordneten und ihre Berater verbringen den Tag am Sitz der europäischen Delegation, dem Hauptquartier der europäischen Diplomatie im Libanon – eine dreistündige Sitzung mit der Sprecherin des UN-Sondergesandten in Syrien, Staffan de Mistura, einer Vertreterin des Welternährungsprogramms in Syrien und den dort tätigen europäischen Botschaftern, die sich aber fast alle gezwungen sahen, Damaskus zu verlassen und nach Beirut zu gehen.  

Eva Filipi, die letzte Diplomatin in Damaskus. Die tschechische Botschafterin ist der letzte Vertreter Europas, der sich noch in Damaskus aufhält. Ihre Frage an Marisa Matias: „Was hindert sie daran, Syrien zu besuchen? Es ist wichtig, den Dialog weiterzuführen – und warum sollte man nicht auch politische Vertreter Syriens ins EU-Parlament einladen?“

Eriko Hibi, Vertreterin des Welternährungsprogramms in Syrien: „In den ländlichen Gebieten leben noch sehr viele Syrer, die ihr Land und ihre Häuser nicht verlassen haben und ihr Bestes tun, um zu überleben. Man sieht dort fast nur noch Frauen und alte Menschen.“

Kwalah Mattar, Sprecherin des UN-Sondergesandten in Syrien: „Die Syrier sind nicht alle für oder gegen die Regierung. Es gibt eine riesige schweigende Mehrheit, die sich Veränderung erhofft und erwartet, und sich über das Weiterbestehen Syriens sorgt.“