Von der Straße an die Macht

Die Herausforderung Podemos

Eine Webreportage von Marion Touboul & Joseph Gordillo

Von der Straße an die Macht

Die Herausforderung Podemos

Eine Webreportage von Marion Touboul & Joseph Gordillo

Am 13. Juni 2015 fegt die Woge Podemos über Spanien hinweg. Die radikale linke Partei erobert die Rathäuser der vier wichtigsten Städte des Landes: Madrid, Barcelona, Valencia, Saragossa.

In Madrid zieht Manuela Carmena, 71 Jahre und Richterin im Ruhestand, dank einem Wahlbündnis ins Rathaus ein. Es vereint Podemos und andere Gruppen der „Indignados“, der Protestbewegung, die ab Frühling 2011 gegen die rigide Sparpolitik demonstrierte, mit der die Regierung auf die Finanz- und Wirtschaftskrise reagierte.

In vier Jahren haben es die „Indignados“ von der Straße an die Macht geschafft. Unter Führung des charismatischen Pablo Iglesias, eines Freundes von Alexis Tsipras, ist Podemos ihr politisches Sprachrohr.

Bei den Parlamentswahlen im Dezember 2015 steht die junge, antiliberale Partei vor ihrer nächsten Herausforderung, sich landesweit durchzusetzen. Podemos, als „Internet-Partei“ bezeichnet, führt einen intensiven Wahlkampf, vor allem in den Sozialen Netzwerken, mit Unterstützung eines Teams von jungen Web-Grafikern. Ob das für einen Erfolg reicht, ist unsicher. Eine andere, ebenso junge Partei liegt in den Umfragen Kopf an Kopf mit Podemos: die Ciudadanos („Die Bürger“). Sie verfolgen den gleichen Grundansatz: eine wirklich bürgerorientierte Politik.

Der Aufstieg dieser neuen Kräfte bricht das Monopol der beiden klassischen, post-franquistischen Parteien, der konservativen Volkspartei (PP) und der Sozialistischen Partei Spaniens (PSOE). Haben die „Indignados“ das Ende des traditionellen Zwei-Parteien-Systems in Spanien eingeläutet? Die Frage der Neuorganisation der Politik zählt neben dem Kampf gegen Korruption, Arbeitslosigkeit und Zwangsräumungen zu den Herausforderungen an die nächste Regierung.

Nicht nur die spanischen Wähler verfolgen aufmerksam, was in Madrid geschieht: Ganz Europa beobachtet die spanische Hauptstadt, dieses neue Versuchslabor radikal linker Politik.

Manuela Carmena
Pablo Iglesias
Erstes Kapitel

Madrid – Unter dem Einfluss von Podemos

Das plötzliche Auftauchen von Podemos hat die politische Szene in Spanien aufgemischt. Seit 2014 rollt eine lilafarbene Welle – die Farbe der Partei – über die Arbeiterviertel bis ins Madrider Stadtzentrum, hinein in das Rathaus, wo die extreme Linke seit dem Frühjahr regiert. Wird die junge antiliberale Partei auch bei den Parlamentswahlen am 20. Dezember 2015 als Siegerin hervorgehen? Welche Erwartungen haben die Spanier? Ein Stimmungstest in sechs Madrider Stadtvierteln:

Klicken Sie auf die einzelnen Stadtviertel, um die Reportagen anzusehen. 

 

Zweites Kapitel

Podemos vs. Ciudadanos – Ein Krieg in Bildern

Seit der Gründung 2014 gilt Podemos in Spanien als die „Internet-Partei“. Die Mitglieder nutzen die sozialen Netzwerke zur Schaffung von hunderten Bürgergruppen, die sich überall im Land versammeln und konkrete Aktionen organisieren. Unterbringung von Zwangsräumungsopfern, Besetzung von leer stehenden Gebäuden, die zu Sozial- und Kulturzentren umfunktioniert werden, Essensausgaben – bürgernahe Arbeit, die auf den Erfahrungen der Indignados-Bewegung von 2011 aufbaut. Ein weiteres Modell sind die Obama-Wahlkämpfe: Die Partei setzt auf moderne Kommunikation und baut gezielt ein Pop-Image auf. Bei den Kommunalwahlen zeigte sich Manuela Carmena, inzwischen Bürgermeisterin von Madrid, etwa auf Postern im Andy-Wahrhol-Stil mit dem Slogan: „Manuela Carmena… Yes, we can!“

Podemos will alle Spanier, die eine Erneuerung der Demokratie wünschen, zur Internet-Community vereinen. Der Podemos-Wahlkampf beruht nicht nur auf dem politischen Programm, sondern ist stark auf die Persönlichkeit des Spitzenkandidaten Pablo Iglesias zugeschnitten: 36 Jahre jung, Politologe, aus dem Madrider Arbeiterviertel Vallecas stammend, feiner Hipster-Bart, Pferdeschwanz, rhetorisch brillant, bekannt geworden durch den Lokalsender von Vallecas, dessen Diskussionssendung „La Tuerka“ er von 2010 bis 2013 moderierte.

Der Erfolg von Podemos inspirierte 2015 eine andere Partei: Ciudadanos, die „Partei der Bürger“, gegründet vor zehn Jahren in Katalonien, seit Anfang 2015 landesweit vertreten. Auch diese Partei, die sich selbst als wirtschaftsliberal und Mitte-rechts ortet, nutzt die Sozialen Netzwerke als Mittel der politischen Organisation. Mit Erfolg: Laut Voraussagen zu den Parlamentswahlen liegt sie, Kopf an Kopf mit Podemos, an dritter Stelle, knapp hinter der Volkspartei und den Sozialisten.

Podemos und Ciudadanos liefern sich einen regelrechten Image-Krieg der Bilder. Mit originellen Farben und jungen Kandidaten wollen sie das politische Monopol brechen, das die beiden Großparteien – Konservative und Sozialisten – seit dem Ende der Franco-Diktatur innehaben. Ihre PR-Schlacht ist Teil eines größeren Umbruchs: der Ablösung der Printmedien durch die digitalen Medien. Die beiden Jungparteien setzen bei der Verbreitung ihrer Ideen nicht mehr auf die Druckerpresse, sondern auf den Mausklick, der jedem Wähler ihr politisches Projekt und ihre Kandidaten unmittelbar zugänglich macht.

Die Web-Grafiker der beiden Parteien gestatten uns einen Blick in die Kulissen ihrer Werkstatt:

Alejandro Cerezo ist einer der drei Podemos-Grafiker. Der 30-Jährige ist seit einem Jahr Parteimitglied.
Fernando de Páramo ist der Kommunikationschef von Ciudadanos. Der 28-jährige Anwalt hatte die Idee, die Meetings seiner Partei am Modell der TED-Konferenzen in den USA auszurichten.
Drittes Kapitel

Und wenn Podemos morgen gewinnen würde?

Und was, wenn Podemos die Parlamentswahlen am 20. Dezember gewinnen würde und Pablo Iglesias Regierungschef würde? Albtraum für die einen – Wunschtraum für die anderen. Wir haben uns in den Straßen von Madrid umgehört.