Verzweiflung, Hoffnung, Bangen

Verzweiflung, Hoffnung, Bangen

Ein Flüchtlingslager kann ein Ort der Verzweiflung sein und ein Ort der Hoffnung. Verzweiflung über all das, was man verloren hat, was man zurücklassen musste. Und Hoffnung auf ein besseres Morgen, auf ein Leben fernab von Krieg, Elend und Hunger. Am Wertvollsten ist aber etwas ganz anderes: Informationen.

Spielfeld. Jedem Österreicher ist der Name des Grenzorts bekannt. Spielfeld, eine Ansammlung von Bauernhäusern und Weingärten, eingebettet in einer Wald- und Hügellandschaft, war in den 1990er-Jahren noch ein Symbol für die Zerbrechlichkeit des europäischen Friedens. Während des Jugoslawien-Krieges flogen österreichische Kampfjets an der südsteirischen Grenze entlang, um ein Übergreifen des Konflikts zu verhindern. Wenig später strömten 90.000 Flüchtlinge, vor allem aus Bosnien, in das Land. Ab 2007 wurde der Ort zum Symbol der europäischen Einigung und der Reisefreiheit. Heute mutet diese Reisefreiheit durchaus bizarr an, wenn man als EU-Bürger leicht mehrmals die Grenze auf der Autobahn überqueren kann, während wenige Meter entfernt tausende Flüchtlinge stunden- und tagelang darauf warten, zu Fuß weitergehen zu dürfen.

Šentilj / Spielfeld ist auch ein Ort des Wartens, der Unsicherheit und des Bangens. Nichts ist bei Flüchtlingen so heiß begehrt wie Informationen. Smartphones und mobile Akkus sind auf der Flucht zwar die wichtigsten Utensilien, aber Sim-Karten funktionieren oft nur in einem Land, wenn überhaupt. Ashraf, ein junger Student aus Damaskus fragt mich, wie er seine kroatische internationale Sim-Karte aktivieren kann. Ich hab leider ebenso wenig Ahnung wie er. Dann fragt er mich:  „When can we cross the border? My brother lives in Frankfurt, how can I get there?“ Bald, antworte ich, dass auf der anderen Seite Busse warten, die sie weiterbringen. „Is Austria similiar to Germany? Should we stay there or go on?“, fragt Ahmed aus Aleppo. Es ist nicht leicht, auf all diese Fragen Antworten zu geben, ohne zu viel zu versprechen. Syrer haben gute Chancen auf Asyl, sage ich immer wieder – es wird nur alles lange dauern, sie müssen Geduld haben.

Rachid aus Marokko sitzt im Rollstuhl und fragt mich, ob sie in „Germany“ sein Bein operieren werden. Youssef will nach Belgien zu seinen Verwandten. Mohammed und sein Vater Ahmed aus Syrien erzählen mir von Schwierigkeiten mit Pakistanis und Afghanen. „There is no war in their country“, sagen sie. Auch Flüchtlinge sehen die Solidarität der Europäer als knappes Gut an.

„Spielfeld – ab 2007 ein Symbol der europäischen Einigung.“

Herkunftsländer

Im ersten Halbjahr 2015 kamen noch bis zu 50 Prozent der Asylwerber in Deutschland und Österreich aus Balkanstaaten wie Albanien und dem Kosovo. Durch die Verschärfung des Asylrechts und Kooperation mit den Ländern Südosteuropas hat sich diese Zahl stark verringert.

Mittlerweile kommen viel mehr Flüchtlinge aus den Bürgerkriegsländern Syrien und Irak (circa 50 respektive 7 Prozent der Asylwerber im Oktober in Deutschland) und Eritrea sowie eine steigende Zahl von Afghanen und Pakistanis, aber auch so manche Marokkaner und Palästinenser.

Während die drei erstgenannten aufgrund von Krieg und Verfolgung eine gute Chance auf Asyl in Europa haben, müssen Fliehende aus stabilen Staaten – ungeachtet ihrer wirtschaftlichen Situation – damit rechnen, wieder zurückgeschickt zu werden.

Mohammed und Ahmed, Flüchtlinge aus Syrien