Winter is coming

Winter is coming

 

Seit die Briten für „Leave“ gestimmt haben, hat die Erde bereits einmal die Sonne umkreist, hat sich Emmanuel Macron vom jugendlichen Unbekannten zum französischen Staatspräsidenten gemausert, hat Donald Trump mit einem Handstreich alle Bemühungen der restlichen Länder dieser Welt zum Kampf gegen die Klimaerwärmung sabotiert. Kurz: Es ist einiges passiert. Nur die eigentliche Brexit-Schlacht, die hat noch nicht einmal begonnen. Seit Monaten wetzen die beiden Lager ihre Messer, sammeln Munition und feilen an Argumenten und Verhandlungsstrategien. Diese Woche ist es soweit: Winter is coming! Glauben zumindest die Brexit-Verhandler, die seit Montag zu einwöchigen Gesprächen in Brüssel versammelt sind. Denn diesmal soll es – endlich – zur Sache gehen.

Aber bevor wir die „Game of Thrones“-Metapher weiterspinnen – die Sie höchstwahrscheinlich erkannt haben – kommen wir kurz auf den US-Präsidenten zu sprechen, das ist ja immer unterhaltsam.

Trump, der Freund, der nur dein Bestes will

Anfang Juli fand in Hamburg der G20 statt, das Gipfeltreffen der 19 wichtigsten Industrienationen plus EU. Anders gesagt, die Schwergewichte der Welt. Und das war vielleicht das letzte Mal, dass die Briten dabei waren…

Die Briten hatten große Erwartungen: Sie hofften, dass ihre Premierministerin Rückgrat zeigen und mit dem US-Potentaten in Sachen Klima mal Klartext reden würde. Waren sie doch schon im Juni gründlich enttäuscht, als sich Theresa May abseilte und nicht einmal die internationale Protestnote unterschreiben wollte, mit der Frankreich, Deutschland und Italien Trumps Kehrtwendung einhellig verurteilten.

Zum „Hasenfuß“, „Feigling“ und noch Blumigerem hatten britische Journalisten May dafür erklärt. Keine Frage: Sie wünschten sich von Herzen, dass sie diesmal die heiße Kartoffel nicht einfach fallen lassen würde. Und was kam am Ende raus? Die arme Theresa ist derart überarbeitet, dass sie leider nicht die Zeit fand, das Thema anzusprechen. Aha.

Es lag vielleicht auch daran, dass sie und Trump viel Zeit darauf verwendeten, über ein künftiges britisch-amerikanisches Handelsabkommen zu diskutieren. Ein weniger riskantes Thema. Trump erklärte sogar: „Wir arbeiten an einem Handelsabkommen, das sehr bedeutend, umfassend und für beide Länder fantastisch sein wird. Und ich glaube, wir werden uns sehr rasch einig werden.“ Da verkauft er allerdings die Katze im Sack. Denn solange Großbritannien noch EU-Mitglied ist, darf es gar kein solches Abkommen abschließen. Aber Nebensächlichkeiten dieser Art stören Donald nicht weiter.

Das Tüpfelchen auf dem I aber ist, dass Donald sein ach so produktives Gespräch mit Theresa zum Anlass nahm, sich zu einem offiziellen Besuch in London einzuladen. Nur ist das britische Protokoll glasklar: Ein offizieller Staatsbesuch beinhaltet zwingend einen Empfang bei der Königin. Davon wollen die Briten aber nichts hören. Bereits mehr als 1,8 Millionen mitfühlende Untertanen haben eine Petition unterzeichnet, die Ihrer Majestät ein Tète-à-Tête mit dem ungehobelten Yankee ersparen will. Gleichzeitig ist man ein wenig enttäuscht: Vom Unterhaltungswert her verspräche die Begegnung einiges.

Der Winter kommt

Schluss jetzt mit Trump, zurück zum eigentlichen Thema: Es ist etwas im Busch an diesem 17. Juli. Nein, nicht der Start der Staffel sieben von „Game of Thrones“ oder der World Emoji Day (zum Glück lesen Sie diese Zeilen, sonst wäre Ihnen dieses wichtige Event noch entgangen)! Sondern die Verhandlungen zum Brexit, die die „27+1“ wieder aufgenommen haben. Auf dem Programm stehen so Nebensächlichkeiten wie die Höhe der Rechnung, die die Briten begleichen müssen. Zu diesem Thema waren ja wahrhaft astronomische Gerüchte im Umlauf. Trotzdem gab der britische Finanzminister Philipp Hammond am Sonntag, den 16. Juli, dem Vortag der Eröffnung der Feindseligkeiten, eine Erklärung ab, die des Hauses Lennister würdig ist:

„Wir sind kein Land, das seine Schulden flieht.“

Kommt einem irgendwie bekannt vor…

 

Bei solchen Referenzen ist es also nicht weiter wunderlich, dass die Kämpfe um den Thron und Dolchstöße von hinten zum guten Ton gehören. So enthüllte die Daily Mail am selben Sonntag ein angebliches „Geheim-Memorandum“, aus dem hervorgehe, dass Frankreich die feste Absicht verfolge, Großbritannien im Zuge der Brexit-Verhandlungen zu ruinieren. Bei näherem Hinsehen entpuppt sich das ominöse „Geheim-Memorandum“ als ein Opus von Jeremy Browne, in dem der Abgeordnete der Liberal Democrats und Ex-Staatssekretär für Inneres seine persönliche Einschätzung kundtut. Ohne die Glaubwürdigkeit dieses Gentleman in Zweifel ziehen zu wollen: Wenn man aus jeder Meinungsäußerung eines französischen Parlamentsabgeordneten gleich eine Breaking News machen wollte, stünde uns einiges bevor.

Besagter Jeremy Browne hat Anfang Juli mehrere Brexit-Verhandler, sowie den Gouverneur der französischen Notenbank getroffen und dabei die Gewissheit erlangt, dass Paris „aktiv darum bemüht ist, den britischen Finanzsektor zu vernichten“. Nicht mehr und nicht weniger. Die Fäden des Komplotts zieht Browne zufolge Emmanuel Macron. Dafür hat er auch einen Beweis: der schärfere Ton Macrons seit seiner Wahl zum Staatspräsidenten.

Zum Schluss drei Kurzinfos – die Sie morgen wohl vergessen haben

In der Rubrik „Die halten uns wirklich für Vollpfosten“

Vermutlich sagt Ihnen der Name Dominic Cummings nicht viel. Nun, es handelt sich um einen der Strategen des Brexit: Er leitete die Kampagne für das „Leave“… und dann wurde er widersprüchlich. Anfang Juli verlautete er in einer Erklärung, das ganze Referendum sei „eine hirnrissige Idee“ gewesen und es könne gut sein, dass sich der Brexit als „Irrtum für Großbritannien“ erweise. Das hätte ihm auch mal früher einfallen können, oder?

Wenn man noch dazu weiß, dass Mr. Cummings hinter dem Lügenslogan auf den Londoner Bussen steckt, die besagen, dass das Vereinigte Königreich 350 Millionen Pfund jede Woche der EU schenkt, dann könnte man fast bedauern, dass körperliche Züchtigung verboten ist.

BoJo, dezent wie immer

Der für sein diplomatisches Feingefühl berühmte britische Außenminister Boris Johnson ist mit seinem Kollegen im Finanzressort nur selten einer Meinung. Das bestätigt sich einmal mehr beim Thema Scheidungskosten für London. Johnson erklärte dazu kürzlich: „Da können die lange warten.“

Alles klar, Boris, Küsschen!

EasyJet fliegt nach Österreich

Wissen, wann sich der Wind dreht, das gehört für ein Flugunternehmen zum Basis-Knowhow. Mangelndes Gespür dafür kann man EasyJet nicht nachsagen. Ein Drittel der Flüge des britischen Low-Cost-Champions heben von EU-Flughäfen ab. Nach dem Brexit würde das eine Sondergenehmigung aus Brüssel erfordern. Deshalb gründet der Billigflieger schon mal vorsorglich eine neue Gesellschaft mit Sitz in Österreich. Großbritannien geht, EasyJet kommt.