Wem darf man danken?

Wem darf man danken?

Nach meiner Radtour durchs konservative England war ich mit einem bitteren Nachgeschmack nach Frankreich zurückgekehrt. Ich hatte viele verbitterte Engländer getroffen, Opfer der gesellschaftlichen Verhärtung – Erbe der Ära Thatcher – und der Härten der Globalisierung. Und jeden Morgen klopft mit der Daily Mail der uralte Refrain des „Früher war alles besser“ an ihre Tür. Sie träumen von Unabhängigkeit, sind überzeugt, dass ihr Land auch allein stark genug ist: „Wir waren ein Empire, warum sollten wir uns nicht auch heute behaupten?“ Sie verbrämen ihre Vergangenheit, was die EU ihnen bringt – oder gebracht hat – sehen sie nicht. Die Meinungsbildung ist einseitig, für Gegenstandpunkte ist nicht viel Platz. Vor allem die älteren Briten haben den Eindruck, dass die EU von Deutschland gelenkt wird, und das erinnert sie an finstere Zeiten, die sie als Kinder miterlebt haben.

Um das Wählerverhalten besser zu verstehen, übermittelt mir meine Freundin Alex eine Grafik.

Die wesentlichsten Aufschlüsse daraus:

  • Die jungen Briten zwischen 18 und 24 haben mit 73% für den Verbleib gestimmt.
  • Die alten über 65 waren zu 60% für den Brexit.
  • Die Ober- und obere Mittelschicht waren mit 57% für den Verbleib.
  • Die sozial schwachen Schichten, vor allem Arbeiter und Arbeitslose, wollten zu 64% raus aus der EU.

„Es sind ganz klar die Alten und die Armen, denen wir das verdanken“, fasst Alex zusammen. Und den ländlichen Gebieten, wie aus dieser Karte hervorgeht.

In den glanzlosen Dörfern und Kleinstädten des ländlichen England waren sie überall, die rot-weißen Schilder mit der Aufforderung „Vote Leave“: an den Fenstern, hinter den Windschutzscheiben und an den verrosteten Anschlagstafeln entlang den Schnellstraßen. Ich hatte mich auf die Stimmen der Nordiren und der Schotten verlassen und darauf, dass nicht ganz England so denkt wie der Großteil jener, die ich auf meiner ohnehin zu kurzen Tour getroffen hatte. Dabei war klar, dass sich der Wind gegen die EU gedreht hatte. Und die Kampagne für den Brexit hatte haltlos im Müll gewühlt, schamlos Lager und Argumente vermischt, die Gräben vertieft und dem Kampf einzelner um die Macht Vorschub geleistet, ohne ans Gemeinwohl zu denken.    

Top Five der Dummheiten, Verdrehungen und Vermengungen im Rahmen der Brexit-Kampagne

Die EU führt jedes Jahr hunderte Normen ein, im Bemühen um eine Harmonisierung der Gesetzgebung ihrer 28 – in Kürze nur mehr 27 – Mitgliedsstaaten. Das ist eine der Grundlagen des Gemeinsamen Markts, der es Unternehmen ermöglicht, ein und das gleiche Produkt überall in der EU zu verkaufen. Es führt aber auch zu Unverständnis und Ablehnung vom Typ: „Die EU ist zu nichts anderem gut als uns die Farbe unserer Erdbeeren vorzuschreiben.“ Eine Auslese.

Zahllose solche Dummheiten und Verdrehungen sind im Umlauf. Auch deshalb, weil die EU-Befürworter ihnen nicht genügend widersprochen haben. Die meisten Medien haben nicht ausreichend oder schlecht darüber berichtet. Wäre es nicht an der Zeit, anders über die EU zu berichten? Und dafür, sich als EU-Bürger auch betroffen zu fühlen? Dem Bürger, heißt es, missfällt die Richtung, die Europa einschlägt. Und wenn sie sich endlich – via ihr Wahlrecht – für jenes Europa einsetzen würden, das sie sich wünschen? Die Wahlenthaltung bei den Europawahlen lag in Großbritannien 2009 wie 2014 bei ungefähr 65%. Der EU-Bürger, und vor allem der EU-Wähler, verhält sich wie die dümmste Katze der Welt:

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Moral: Schwer zu sagen, wem man für den Brexit wirklich danken darf. Sicher ist aber, dass zwei Tage danach das halbe Vereinigte Königreich der EU-Mitgliedschaft bereits nachweint. Wer nicht gewählt hat, hat jetzt sein Fett weg. Boris Johnson ist indessen in aller Ruhe zum Kricketspielen ins Wochenende gefahren. Hat er sich ja auch verdient, nach monatelangem, aufreibendem Wahlkampf.

Die Internet-User inspiriert der ganze Zirkus: Wenn ich Ihnen sage: „I’ll tell you what I want, what I really, really want”, antworten Sie mir einfach: „So tell me what you want, what you really, really want”.

Der Startschuss zum Wettlauf an die Macht ist gefallen. Wer wird es schaffen?