Operation gelungen, Patient tot?

Operation gelungen, Patient tot?

Heute, das Rezept für einen gelungenen Brexit: Man nehme 2 kg Spaltpilz, mische 500 g Überheblichkeit dazu würze das Ganze mit einer guten Prise Fremdenfeindlichkeit.

Schon die Gleichung „UK“ war komplex: England + Wales + Schottland + Nordirland = Vereinigtes Königreich. Und dann traten die vier Völker 1973, mehr oder weniger bereitwillig, in die damalige EWG ein. „Identität“ ist in Großbritannien von allem Anfang an keine allzu klare Sache.

Noch komplexer ist das britische Mosaik durch die Immigration geworden. Mit einem Ausländeranteil von rund zehn Prozent liegt Großbritannien zwar im Durchschnitt seiner europäischen Nachbarn, in der Brexit-Kampagne war der durch die EU geschaffene Immigrationsdruck aber das wohl ausschlaggebende Argument. Die Abkürzung „Zu viele Ausländer, die uns die Jobs stehlen“ hat latenten Rassismus aktiviert – ein bewusstes Spiel mit niedrigen Instinkten. Dazu kommt die Überheblichkeit der Eliten, die Brexit-Befürworter pauschal als Hinterwäldler abgetan haben. Und wer sich ignoriert, unverstanden, aus der öffentlichen Debatte ausgeschlossen fühlt, neigt zu Trotzreaktionen.

Das Ergebnis ist ein gleich mehrfach gespaltenes Land. Zur alten Spaltung zwischen den vier Nationalgefühlen kommt die zwischen „Leave“- und „Remain“-Wählern, die zwischen ausländischen Bewohnern, die nicht abstimmen durften und britischen Staatsbürgern, die abstimmen wollten, die zwischen sozial schwächeren Schichten und den Tradern der City, die zwischen dem ländlichen Großbritannien und den Großstädten, die zwischen fest Angestellten und jenen, die sich mit unsicheren Billigjobs begnügen müssen.

Auf politischer Ebene ist die Bilanz nicht erfreulicher: Sowohl die Labour Party – von einem Krieg der Clans bedroht – als auch die Konservativen stehen auf der Verliererseite, die einzigen Gewinner sind die Ukip und Nigel Farage, der – gewohnt taktvoll – eine Woche nach der Ermordung der EU-freundlichen Labour-Abgeordneten Jo Cox erklärte: „Wir haben so gut wie kampflos gewonnen, ohne dass auch nur ein Schuss gefallen wäre.“ Sie dreht sich sicher im Grabe um, auch um nicht mit ansehen zu müssen, was ihrem Land widerfährt:

Erste, indirekte Konsequenz: Anstieg ausländerfeindlicher Zwischenfälle

Die sozialen Netzwerke führen Bilanz: Auf Facebook berichten Anonyme über ausländerfeindliche Äußerungen in der Öffentlichkeit. Unter dem Hashtag #PostRefRacism häufen sich Fotos und Videos.

Am Tag nach dem Brexit analysierte die Süddeutsche den innerbritischen Aspekt des Brexit.

„Europa, heißt es, sei eigentlich nur eine Nebenfrage, im Zentrum stehe die Frage der britischen Identität: Wer sind wir, wer wollen wir im 21. Jahrhundert sein? Nach der Kampagne, in der oft der Hass dominiert habe, gäbe es zumindest ein positives Ergebnis: die Briten wüssten jetzt, dass sie ihre Identität neu definieren müssen.“

Jo Cox

Und dann diese drei jungen Männer in einer S-Bahn in der Vorstadt von Manchester. In aggressivem Ton beschimpfen sie einen anderen Fahrgast, grundlos. „Raus aus diesem Zug“, sagt einer, „und halt die Klappe, du bist ja nicht mal Engländer. Geh zurück nach Afrika, du Kasperle. Die Ausländer gehören alle ausgewiesen!“

„Wie alt bist du denn“, antwortet der Mann, „18, 19? Du hast keine Ahnung und bist nicht grade schlau. Ich bin länger in England als du.“

Zum Glück unterstützen andere Fahrgäste den Angegriffenen. In Bristol wurden vier Personen verurteilt, nachdem sie die Klinke einer Moschee mit Bacon-Scheiben eingewickelt haben. Ein Mann hat sogar ein vierjähriges Mädchen asiatischer Abstammung angegriffen und ihm falschen Kot ins Gesicht geschmiert: wohl das Ekelhafteste…-…bislang.

Zweite Konsequenz: Das Gespenst der Abspaltung
„Hallo, wir sind weg!“

Eine klare Absage von Nicolas Sturgeon, am Tag nach der Brexit-Entscheidung. Und die schottische Premierministerin wiederholt seither unermüdlich, dass ihr einziges Mandat darin bestehe, den Willen der Schotten umzusetzen. Und die haben geschlossen für den Verbleib in der EU gestimmt. Für die Organisatorin des gescheiterten Unabhängigkeitsreferendums von vor zwei Jahren ist der Brexit eine neue Gelegenheit, sich von einer zu aufdringlichen Zentralregierung loszusagen. Eine Umfrage  zwei Tage nach dem Brexit-Votum gibt ihr Recht:  52% der Schotten sind für die Unabhängigkeit ihres Landes.

Doch die schottische Wirtschaft ist sehr eng mit der englischen verflochten, und vor allem hat Edinburgh eine Trumpfkarte in der Hand: das Nordseeöl, das etwa der Hafenstadt Aberdeen einen Boom beschert und insgesamt an die 100.000 Jobs geschaffen hat.

Dritte Konsequenz: Die nur mehr 27, Selbstkritik und Zweifel
„Aber warum nur, John, warum?“

Pourquoi-Jooohn

Die britischen Identitätsprobleme stürzen auch die EU selbst in die Krise. Das hat auch etwas Gutes. Julian Assange zum Beispiel ist zufrieden:

„Die EU braucht dringendst Reformen. Aber die wird sie ohne einen Elektroschock nicht unternehmen. Vielleicht kann der Austritt des Dauerbremsers Großbritannien der Elektroschock werden, der echte Reformen in Richtung verstärkte politische Integration auslösen kann.“

Angesicht der schallenden Ohrfeige, die sie einstecken müssen, verurteilen die verbliebenen 27 den Verrat der Briten und bestellen Umfragen, die Europabegeisterung bestätigen sollen.

Bislang einzig positiver Punkt: Das Brexit-Votum hat Jean-Claude Juncker für 24 Stunden richtig cool gemacht. Und das ist kein kleines Ereignis. JCJ sorgt für einen echten Buzz, mit einem saftigen Tackle gegen die Ukip-Abgeordneten, die zum Grinsen ins Europaparlament gekommen waren.

Ich denke daran, was Stefan Zweig – etwas kompliziert, etwas altmodisch, aber sehr treffend – schon 1934 zu Europa sagte. Er sprach vom heiligen Egoismus des Nationalismus, der dem Gemeinsterblichen immer näher liegen wird als der heilige Altruismus der europäischen Idee. Ganz einfach, weil es leichter ist, zu begreifen, was einem gehört, als sich zu bemühen, den Nachbarn respektvoll und uneigennützig zu verstehen. Heute scheint die Idee Europa kaum noch jemanden anzusprechen. Genau das zeigt paradoxerweise noch die ach so europafreundliche Empörung der Medien über den Brexit-Beschluss. In Frankreich etwa herrscht durchgehend Schadenfreude über die Reue vieler Briten. So im Stil: „Seht ihr, die beißen sich schon in den Arsch!“ Beweise? Schauen Sie sich den Hashtag #Breget an.

 

Und wenn die Krankheit ansteckend wäre? Schließlich ist der Brexit das Symptom einer schlappen, wenn nicht kranken EU. Angesichts fehlender Heilmittel erfinden fidele Internet-User bereits griffige Kürzel für künftige Austritte.

„Frexit“ stammt von Marine Le Pen, der Führerin der französischen Rechtsradikalen. Nicht sehr originell. „Fradieu“ klingt wesentlich romantischer. Deutlich uneleganter ist „Fruckoff“. Hier einige Vorschläge für den Rest der EU:

  • Noraway
  • Byegium
  • Departugal
  • Italeave
  • Finish
  • Nethermind
  • Austria la Vista
  • Polend
  • Lossembourg
  • Extonia
  • Donemark
  • Swedone
  • Czechout
  • Donegary
  • Latervia…

Und was bleibt am Ende? Germlonely!

Nicola Sturgeon, Rebellin (Schottische Premierministerin)

„Wir Schotten stehen vor der Perspektive, gegen unseren Willen aus der EU gezerrt zu werden. Das ist demokratisch unannehmbar. Deshalb bestätige ich, dass wir zum Schutz unserer EU-Mitgliedschaft unverzüglich daran gehen werden, die gesetzlichen Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass ein neues Unabhängigkeitsreferendum stattfinden kann, wenn und wann das schottische Parlament es entscheidet.“

Und noch eine Konsequenz: Börsenturbulenzen

24. Juni: Auweia, Brexit! Ein bitteres Erwachen für die Finanzmärkte.

30. Juni. Die EU bald ein Risikopartner? Standard and Poor’s stuft die Union wegen des Brexit von AA+ auf AA zurück.

1. Juli: Wie der Phönix aus der Asche! Der FTSE, der Index der 100 bestnotierten britischen Unternehmen an der Londoner Börse, der nach dem Brexit stark eingebrochen war, hat die 6.500-Punkte-Schwelle überschritten und steht wieder so hoch wie seit August 2015 nicht mehr. Er kommt damit besser weg als der Pariser CAC40 oder der DAX in Frankfurt.

4. bis 8. Juli: Eine schwarze Woche für den Immobilienmarkt. Sechs Finanzgruppen, die auf Geschäftsimmobilien-Aktien spezialisiert sind, müssen vorübergehend den Handel einstellen. Panik bei den Investoren.

5. Juli: Die Währung bleibt im Keller. Das Pfund Sterling erreicht seinen tiefsten Stand gegenüber dem Dollar seit 31 Jahren.

19. Juli: Der IWF tackelt die EU. Der Internationale Währungsfonds senkt seine Wachstumsprognose für die Eurozone. Demnach dürfte der Brexit das Wachstum für 2017 auf 1,4% drücken.