Mayday, mayday, eine Frau zur Errettung des Königreichs!

Mayday, mayday, eine Frau zur Errettung des Königreichs!

Der Tanz der Kandidat(inn)en

Wenn du in Urlaub warst, hast du wahrscheinlich die Express-Ernennung von Theresa May zur Premierministerin verpasst. Daher hier nochmal für dich zusammengefasst:

24. Juni: Cameron kündigt seinen Rücktritt innerhalb von 3 Monaten an. Für seine Minister beginnt der Wettlauf um die Nachfolge: Wer wird der Nächste?

In den folgenden Tagen erscheinen die Bewerber in der Presse:

  • Stephen Crabb (Arbeitsminister)
  • Andrea Leadsom (Ministerin für Energie)
  • Liam Cox (Verteidigungsminister)
  • Theresa May (Innenministerin)
  • Michael Gove (Justizminister)

aber kein Boris Johnson, wie in der vorigen Folge erläutert.

 

verfasst mit Mélanie Chenouard

Aber warum wird keine Parlamentswahl angesetzt?

Es stimmt, die Opposition fordert das schon. Nun ja, es ist nicht unbedingt die Idee des Jahrhunderts, wenn man sich vor Augen hält, wie sehr die Labour Partei derzeit zerstritten ist (Corbyngate verpflichtet)… Aber zurzeit verwirft Theresa May die Idee von einer Parlamentswahl – sie ist auch nicht verpflichtet, eine abzuhalten. Sie wurde Chefin der Konservativen, und die haben die letzten Parlamentswahlen gewonnen.


 

Erst treffen die Abgeordneten der Tories eine Vorauswahl, dann bestimmen die 150.000 Mitglieder der Tories im Sommer einen der beiden Finalisten zum Premierminister.

5. Juli, erster Wahlgang unter den Abgeordneten der Tories: Liam Fox scheidet aus, Stephen Crabb zieht sich zurück und erklärt seine Unterstützung für die Favoritin Theresa May.

8. Juli, zweiter Wahlgang: Die Partei nominiert zwei Kandidatinnen für das Amt des Regierungschefs: Andrea Leadsom (84 von 329 Stimmen) und Theresa May (199 von 329 Stimmen). Michael Gove ist mit 46 Stimmen OUT.

11. Juli, am Morgen: MAY-DAY! Im Kampf um den Posten als Chefin der konservativen Regierungspartei gibt ihre Konkurrentin Andrea Leadsom auf. Ihre Begründung? „Es liegt im Interesse unseres Landes, unverzüglich einen starken Premierminister zu ernennen, der auf eine breite Unterstützung zählen kann“. Sie überlässt das Feld also May. 

13. Juli: In 10 Downing Street packt Cameron seine Siebensachen und reicht bei der Queen seinen Rücktritt ein. Zur gleichen Stunde betritt Theresa May den Buckingham Palace und schlägt Elisabeth II., wie vom Protokoll vorgesehen, eine Regierung vor. Sie ist der 13. Regierungschef, den die Königin akzeptiert. 

Cruella May an der Macht!

Frau am Steuer

Der Tanz der Kandidaten um den Posten des Premierministers endet mit dem K.o.-Sieg Theresa Mays über ihre übrigen Kollegen.

Und weil die Briten bisher nur eine Premierministerin hatten, an die sie noch traumatische Erinnerungen haben, ist man mit Vergleichen schnell bei der Hand. Erneut sucht der Geist Maggie Thatchers die Leitartikler weltweit heim.

Man hat Sie als „Erfolgsfrau“ beschrieben: aber WAIT, würde man so auch einen Mann nennen? „Erfolgsmann!“ Nicht doch, das gehört per se schon zu den politischen XY-Chromosomen.

Viel erhellender wird es nicht. Theresa hat kein Kind, also schließt man zwingend, dass sie sich ihrer Arbeit widme. Hat schon mal jemand ähnliche Reflexionen über Kanzler Kiesinger in Deutschland angestellt? Oder über Frankreichs Wirtschaftsminister Emmanuel Macron?

Theresa May ist kinderlos, sicher, aber sie hat immer noch eine Vagina. Und, naja, in der Politik, macht das noch immer einen Unterschied. Was viele Medien diskret vermerkten, indem sie May auf klischeehafteste Attribute reduzierten: so hört man etwa auf France Info äußerst ulkige Anekdoten. „Vor einigen Jahren, sorgte sie mit spitzen Absätzen mit sexy Leopardenmuster für Aufsehen und hat die Queen wohl auch schon mal in Overknee-Stiefeln gegrüßt.“ Im Ernst? Ein echtes Fashion-Victim? Es ist gemeinhin bekannt: eine Frau definiert sich über ihre Klamotten und nicht ihre Meinung! Für Deutschland erinnert das an Angela Merkels Dekolleteekleid in der Oper und für Frankreich an das Kleid mit Blumenmuster von Cécile Duflot. Wie Sie sehen: mit den Jahren macht die Debatte Fortschritte.

Zudem hatte sie als Frau zwischen 1999 und 2010 auch auf sie zugeschnittene Posten inne: Nacheinander war sie zuständig für Umwelt, Familie, Kultur, Frauenrechte und für Arbeit – große Klassiker, solche Portfolios für Mädels in der Politik!

Glücklicherweise stellte Theresa ihr Können unter Beweis: Sechs Jahre auf dem undankbaren Posten des Inneren. Mit rigoroser Einwanderer-Politik gewinnt sie bei den Konservativen an Popularität: keine Flüchtlingsquoten, Aussetzung der Familienzusammenführung für einkommensschwache Ausländer: Theresa May bleibt hart und gewinnt immer mehr an Glaubwürdigkeit, steigt in der Partei auf und wird eine ihrer schillerndsten, weil unnachgiebigsten Figuren.

Ich finde, sie hat den „Swag“ . Wenigstens der erste Satz ihrer Rede als Kandidatin. „My pitch is very simple, I’m Theresa May and I think I’m the best person to be Prime Minister“ („Meine Strategie ist sehr einfach, ich bin Theresa May und ich denke ich bin die beste Person für den Posten als Premierminister“). Bäm – das macht Eindruck. Simpel, effizient. Gut, die Rede dauert dann noch 17 Minuten. Und ist schon nüchterner gehalten. Aber sie hat ein Gespür für Punchlines, wie Journalisten sie lieben.

Die Hintergründe einer Entgleisung: Warum Leadsoms überhasteter Rückzug?

Um die konservativen Wähler zu überzeugen, fährt „die Outsiderin“ Andrea Leadsom ohne zu Zögern schweres Geschütz auf.

„Mutter zu sein, verschafft mir May gegenüber einen Vorteil“.

PAF. Am 9. Juli trifft Andrea Leadsom ihre Gegnerin mitten ins Gesicht, denn May kann keine Kinder bekommen. Damit tritt sie voll ins Fettnäpfchen. Wie allgemein bekannt, muss man als kompetente Politikerin, gleichzeitig auch Herrin der Windeln sein. Eine achtbare Frau ist süß, aufmerksam, wohlwollend, kurz: eine echte Mama, eben.

Mrs. Leadsom macht Schlagzeilen: Sie reduziert nicht nur mit sexistischen Klischees die Frau auf ihre Rolle als Mutter, sondern beleidigt überdies auch Theresa May und alle Frauen, die keine Kinder haben oder bekommen können; Ein Schlag unter die Gürtellinie, der sowohl schäbig ist, sexistisch und äußerst trampelhaft. Aber warum, zum Teufel, hat sie das gesagt? Antwort: Weil – so Andrea Leadsom – man sich aufrichtiger um die Zukunft des Landes sorgt, wenn man Kinder hat. Natürlich reagiert die Netzgemeinde und der Hashtag „as a mother“ („als Mutter“) lässt nicht lange auf sich warten.

 

(und dann, fertig mit blöden Wortspiele !)

Theresa May wird oft mit Angela Merkel verglichen. Nicht etwa wegen ihrer Frisur (das wäre unter der Gürtellinie – aber mich erstaunt eigentlich gar nichts mehr), doch beide werden in die gleiche Kategorie gepackt: „strenge Frauen der Politik, Pfarrerstöchter, mit einem Hang zum einfachen Leben.“ 

Eine pro-Remain – auf dem Papier

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass die Tories nun einer Kandidatin aus dem pro-Remain-Lager zutrauen, Großbritannien zum EU-Austritt zu führen. Seltsam. Sind die Briten etwa auf den Kopf gefallen?

Man muss sagen, Mays pro-Remain-Kampagne schmolz schneller als Eis in der Sonne.

Sie wollte ihren Kumpel David unterstützen und kämpfte deshalb für einen „Remain“, anders gesagt, „aus Loyalität gegenüber der Regierung“. Aber in ihrem tiefsten Inneren ist Mrs. May nicht unbedingt ein großer EU-Fan. Beim Thema Einwanderung deckt sich ihre Haltung sogar eher mit den Positionen der knallharten Brexit-Befürworter.

Im Sommer 2013 war sie als damalige Innenministerin für eine naja, sagen wir mal charmante Kampagne gegen Einwanderung verantwortlich – in Gestalt wohlmeinender Plakate:

„Sie sind illegal in Großbritannien? Reisen Sie aus oder Sie laufen Gefahr verhaftet zu werden. Schicken Sie „Ausreise“ an die 78070 für Tipps und unentgeltliche Unterstützung für ihre Reisedokumente.“

Anfang Juli erinnerten sich viele auf Twitter an diese liebevolle Initiative Theresa Mays.

Und erst neulich vertrat Theresa May bei einer Rede im Herbst 2015 die Meinung, „massenhafte Zuwanderung mache eine geeinte Gesellschaft unmöglich“. Man versteht nun besser, warum Theresa May nicht unbedingt ein Anhänger verbindlicher Brüsseler Aufnahmequoten für Flüchtlinge ist.

Um das Land „out of he EU“ Zu führen, schart Theresa Helfer um sich. Darunter sind:

 

  • Andrea ‚Muster-Mama‘ im Umweltministerium

Doch, doch! Theresa May hat diejenige ausgewählt, die sie liebevoll angegriffen hat, weil sie als Umweltministerin keinen Nachwuchs hatte. Aber seien Sie unbesorgt, Andrea hat sich bei Theresa entschuldigt, und die Premierministerin hat ihr gnädig verziehen. Nein, das ist keine Episode aus einer Realityshow.

Für viele andere aber ist die Pille dagegen schon schwerer zu verdauen. Umso mehr, weil Andrea Leadsom als Umweltministerin durchaus umstritten ist. Sie hatte die brillante Idee, 2011 für ein Gesetz zur Hetzjagd zu stimmen und für den Verkauf von 258.000 Hektar öffentlicher Wälder. Und als i-Tüpfelchen hat Andrea Leadsom kürzlich auch noch die Existenz des Klimawandels angezweifelt. „Gibt es den Klimawandel wirklich?“, fragte sie in aller Unschuld.

Zudem scheint Andrea Leadsom alles daran zu setzen, das bisschen Popularität, das ihr noch bleibt, zu zertrümmern. Kurz nach ihrer Ernennung leistete sie sich folgende Bemerkung: „Männer sollten nicht eingestellt werden, um Kinder zu betreuen.“ Warum? Naja, „das könnten ja schließlich Pädophile sein“… Shitstorm auf Twitter und massenhafte Rücktrittsforderungen.

fleche-noire

 

 

  • Philip Hammond, der coole Haushaltsminister

Die neue Premierministerin hat auch Philip Hammond zum Schatzkanzler ernannt (Finanzminister). Sie ließ also George Osborne, die zweite Hälfte des Tandems Cameron, abblitzen.

Am Tag nach seiner Ernennung sorgte Philipp Hammond für eine Überraschung: Er ließ wissen, über keinen besonderen Sparplan und auch keinen Nothaushalt für den Brexit zu verfügen. Wenigstens einer, der das Ganze entspannt sieht.

  • David (Davis) gegen Goliath, derjenige, der den Kampf um den Brexit anführen muss

Grundsätzlich dachte man, David habe in seinem Leben nicht viel Glück gehabt – mit seinem Vor- und einem Nachnamen, die sich zum Verwechseln ähneln. Und jetzt muss er auch noch den Brexit planen. David Davis wird mit Brüssel verhandeln. Ein eingefleischter Europafeind. Zur Info, sein Spitzname ist „Mister No“. Das zeigt schon, wofür er steht.

  • Robert Goodwill, der Einwanderungsbulle

Sein Familienname bedeutet „guter Wille“, worauf die Netzgemeinde mit süßlicher Ironie immer wieder anspielt.

Last but not least :

  • der liebe Boris ist auch wieder da und will alle verschaukeln.

Nein, Sie träumen nicht. Der Typ, der dem Brexit zum Sieg verhalf und dann wacker das Schiff verließ, wurde am Ende Minister in der Regierung May. Und – aufgepasst – er wird auch noch Außenminister. Es stimmt, bekanntermaßen ist BoJo ein außerordentlich geschickter Diplomat. Testen Sie selbst: Wären Sie ein besserer Außenminister als „Boxit“ Johnson?

Was aussieht, wie eine Beförderung für BoJo, könnte sich am Ende als vergiftetes Geschenk erweisen. Die eigentlichen Verhandlungen um den Brexit leiten ein eigens gegründetes Ministerium und das Kabinett des Premierministers. Und seien sie versichert: Der Handel obliegt nicht mehr seinem Ressort – sondern dem seines Kollegen Liam Fox.

Was, also, bleibt für ihn übrig? Das Ministerium für Irrtümer und Fettnäpfchen? Das verspricht ja einiges an Stoff für diesen Blog – Theresa sei Dank!

"Die spinnen, die Engländer!"
Teresa May oder Theresa May?

Achten Sie auf Ihre Orthographie wenn Sie in Zukunft den Namen der neuen Regierungschefin schreiben!

teresamay

Sie hat eine zwar sympathische, aber ziemlich spärlich bekleidete Namensvetterin: die Schauspielerin Teresa May, die in Erotik-Filmen auftritt.

Theresas Ernennung zur Premierministerin trug nun auch zur Popularität von Teresa ohne –h bei. Denn genau an diesem Tag hat sie eine beachtliche Anzahl an Followern auf Twitter dazu gewonnen.

Diese Kinder, die "Politik spielen" haben die Situation gut zusammengefasst:

Wären Sie ein besserer Außenminister als Boris „Brexit“ Johnson? Machen Sie hier den Test!