Katzenjammer

Katzenjammer

52 Prozent, mitten ins Gesicht

Es ist Morgen. An sich schon ein heikler Moment. Dein Radiowecker geht an, es ist 8 Uhr, und du hörst, dass der Brexit gewonnen hat. Mann, das darf doch nicht wahr sein! Du vergräbst dich wieder ins Kissen. Gestern, um 23 Uhr 23, hatte die letzte Eilmeldung noch das „Remain“ vorne gesehen, und du warst mit dem Gedanken eingeschlafen: „Da haben mich diese Idioten also umsonst zu meiner Radtour getrieben und sind doch noch vernünftig geworden.“ Mann, das darf doch nicht wahr sein! Acht Uhr Morgens und der Albtraum nimmt kein Ende…

Dieser Morgen ist wie ein Comeback von Mr Bean, zurück aus den 90er-Jahren, sichtlich in Hochform.

Und jeder hat eine Meinung. Wirklich jeder. Dein Kollege vor der Kaffeemaschine, deine Tischnachbarin beim Mittagessen: „Ich glaub’s immer noch nicht, hätte nie gedacht, dass das so laufen könnte.“ Die Kerle am Sandwich-Stand am Bahnhof: „Fehlt nur noch, dass sie die Fußball-EM gewinnen.“

Sogar deine alten kommunistischen Freunde: „Im Grunde frage ich mich, was ich selbst gewählt hätte. Ich meine, bei dem neoliberalen Kurs der EU…“

Und natürlich deine Mutter, überaus konstruktiv in ihrer Kritik: „Sollen sie sich doch verziehen, diese britischen Hohlköpfe, die brauchen wir ohnehin nicht.“ So beginnen Debatten mit Niveau.

Großbritannien stürzt im Laufe des Vormittags in eine politische und wirtschaftliche Krise. Den ganzen Tag über heulen die Medien über den Zusammenbruch der Börsen. Frankreich wirkt wie ein einziger erhobener Zeigefinger: „Der Brexit stürzt die Märkte in Panik, wir hatten euch gewarnt!“

Alex, meine Freundin aus Oxford, steht unter Schock: „Ich kann es nicht glauben. Eine Schande, was wir da getan haben.“

image

Berührend, wie sie sich selbst in die kollektive Katastrophe einschließt, obwohl sie sich seit Wochen aktiv für das Remain eingesetzt hat. Ihr EU-feindlicher Bruder provoziert: „Er hat mir eine SMS geschickt: ‚Happy Independence Day!‘ Ich habe nicht geantwortet. Es ist besser, wir beruhigen uns erst mal alle zwei.“ Die nächsten Sonntagsmahlzeiten am Familientisch versprechen, lustig zu werden.

Cameron fléchettes

Während viele das Porträt von Cameron gerne als Dart-Zielscheibe aufhängen würden, ist ihm Alex nicht weiter böse. „Niemandem war klar, wie tief dieses Land gespalten war, auch ihm nicht. Er ist nicht allein schuld. Ganz ehrlich, ich war richtig berührt, als ich ihn vor der Tür in der Downing Street gesehen habe. Er hielt die Hand seiner Frau, und in diesem Augenblick habe ich gewusst, dass er zurücktreten würde. Und das hat mir Angst gemacht. Ich hatte ihn nicht gewählt, hatte seine Politik immer ungerecht gefunden. Aber ich hatte am Vorabend begriffen, dass die Alternativen sehr viel schlimmer sind.“    

Brexit Bicycle

Per Fahrrad entlang der englischen Küste, von Dover bis nach Boston: Unser Reporter-Team begibt sich kurz vor dem Referendum über den Brexit auf die Suche nach der englischen Identität. Die Journalistin Aliénor ermöglicht uns in ihrem Reisetagebuch einen Blick hinter die Kulissen der entstehenden Reportage.

Chronologie des 24. Juni: Start in den Roten Bereich

4h50 Endlich frei! Nigel Farage erklärt, er „wag(e) jetzt vom Anbruch einer neuen Ära der Unabhängigkeit Großbritanniens zu träumen“ – und wirkt dabei eher aufgeweckt…

5h Siegermiene. Genau die trägt Nigel Farage zur Schau. Auf der Titelseite der Daily Mail, unter der Schlagzeile: „Wir haben unser Land wieder – danke an alle“.

6h Mathematik am Morgen bringt Kummer und Sorgen. Die BBC und Sky News haben berechnet, dass der Brexit mit 900.000 Stimmen uneinholbar vorne liegt.

7h Berg- und Talfahrt. An den Börsen macht sich Panik breit. Das Pfund Sterling stürzt auf den tiefsten Stand seit 1970 ab.

7h30 Referendum ist trendy. In Nordirland (zu 55% für den Verbleib) fordert die Sinn Féin ein Referendum über ein wiedervereinigtes, unabhängiges Irland.

8h Offizielles Ergebnis. Laut letzten Zahlen gewinnt der Brexit mit 51,9% gegenüber 48,1% für den Verbleib. 17,4 Millionen Briten haben „Leave“ angekreuzt, 16,1 Millionen „Remain“. Die Beteiligung wird auf 72% geschätzt.

8h30 Die Verlierer. Besonders hart trifft das Ergebnis Schottland (62% für den Verbleib), Nordirland (56% für den Verbleib) und Gibraltar (95% für den Verbleib).

10h15 Grenzen des Zweckoptimismus. Die britischen Bookmaker haben massiv auf den Verbleib gesetzt. Insgesamt wurden mehr als 100 Millionen Pfund gesetzt, nur die Fußball-EM zog bislang in diesem Jahr mehr Wettfreudige an.

11h Brexit – Challenge für die Briten. Die britische Regierung hat zwei Jahre, um ihre Handelsbeziehungen mit der EU und dem Rest der Welt neu auszuverhandeln. Zahl der hinfällig gewordenen Handelsabkommen: 53.

11h30 Ciao, bambini. David Cameron kündigt vor dem Eingang zur Downing Street 10 an, er werde binnen drei Monaten zurücktreten.

12h Mutti meldet sich zu Wort. Angela Merkel gibt sich in ihrer ersten öffentlichen Erklärung zuversichtlich: “Die Europäische Union ist stark genug, um die richtigen Antworten auf den heutigen Tag zu geben.”

12h15 Martin kontert. Erst mal drei Monate abwarten, wie Cameron es vorschlägt, das schmeckt nicht allen. Martin Schulz, der Präsident des Europaparlaments, lässt wissen, dass er „rasche Verhandlungen“ wünscht und ruft London auf, den Austrittsprozess zu beschleunigen.

13h Neues Führungstrio. Angela lädt François ein, für Montag. Aber nicht nur: Der Italiener Mateo Renzi fungiert als dritter Mann beim Tête-à-tête an der EU-Spitze.

14h15 Faule Tomaten. Die fliegen Boris Johnson um die Ohren, als er sein Haus verlässt.

17h Scheidungsfall London? Eine eigentlich als Gag angestoßene Petition für eine unabhängige und in der EU verbleibende Stadt London hat bereits 44.000 Unterzeichner. Sie rufen Sadiq Khan auf, statt Bürgermeister lieber gleich Präsident zu werden.

23h45 Nicht genügend. Die Ratingagentur Moody’s senkt ihre Einschätzung für das Vereinigte Königreich von „stabil“ auf „negativ“.