Die Ratten verlassen das sinkende Schiff

Die Ratten verlassen das sinkende Schiff

Volle Kraft voraus!

Volle Kraft voraus! Der Brexit bringt die britische Politik ins Straucheln. Zunächst war da David, doch der hat, wie zu erwarten war, mit gesenktem Kopf das Weite gesucht, wohl wissend, dass er mit dem Feuer und mit den Ängsten seiner Mitbürger gespielt hat. Einzig Arnold Schwarzenegger kommt ihm auf Twitter zu Hilfe und so bringt der Brexit ganz unerwartete Bündnisse hervor.

Dann ist da noch Jeremy Corbyn, von allen Seiten dafür kritisiert, den Verbleib in der EU nicht offen unterstützt zu haben. „Kopf ab!“ scheinen die Labour-Anhänger am Tag nach der Abstimmung zu rufen. Er windet sich, während seine Gegner bereits einen Nachfolger für ihn suchen.

Unterdessen ist der Wettstreit um den Posten des Premierministers vorzeitig wieder eröffnet, die Anwärter drängen sich vor den Toren der Downing Street 10. Theresa May, Andrea Leadsom, Liam Fox, Stephen Crabb. Namen, die der europäischen Öffentlichkeit unbekannt sind. Alle warten darauf, dass der gute alte Boris Johnson Schwung in die Sache bringt. Allerdings ist er eine umstrittene Persönlichkeit, man darf gespannt sein, wie er sich macht.

Der Tag, an dem Boris sich davonmachte, dürfte in die Geschichte eingehen

Kaum zwei Stunden nachdem seine ehemals rechte Hand in der Kampagne für den Brexit, Michael Gove, ihm völlig unerwartet in den Rücken fiel, kündigte BoJo seinerseits den Rücktritt an. Man wähnte sich in einer schlechten Folge „Frauentausch“.

Entweder es fehlte ihm an Mut oder er verfolgt andere Absichten oder aber, und jetzt Achtung, Boris ließ sich hinterrücks erdolchen.

Das ist nicht gerade nett, doch es erinnert ein wenig an die fiktive Politik à la House of Cards und das gefällt den Journalisten. „Verrat“, „Heimtücke“, „Brexecute“, „Gerechtigkeit!“ Die britische Presse geht am Tag nach dem Vorfall nicht gerade zimperlich mit dem konservativen Lager um. Das ist der Moment, sich in den Archiven zu bedienen: Michael Gove ist jedenfalls ein Judas an der Macht. Als enger Freund von David Cameron hatte Gove mit diesem gebrochen, um sich dem Lager der Brexit-Befürworter anzuschließen. In seiner Rede hat er klare Worte für BoJo. „Leider bin ich zu dem Schluss gekommen, dass Boris weder die Führungsrolle ausfüllen noch für die uns bevorstehende Aufgabe ein Team zusammenstellen kann“. Was er sagen will: Das ist ein Trottel, wie sollte so einer uns aus der Misere führen können?

„Alles Gute mein Freund David Cameron“

Und hier denken wir an das unbekannte Genie, das die Rede von Boris Johnson kurz nach dem Sieg des Brexit auf dem Porno-Netzwerk Pornhub gepostet hat. Man muss schon sagen, der Titel, den das Video trägt, ist wohl noch nie auf so viel Resonanz gestoßen.

„Dumme britische Blondine fickt 15 Millionen Leute gleichzeitig.“

Mehr zum Thema

„The Waiting Game: Playing for Time After Brexit“ auf der Seite von Spiegel Online.

Noch unwahrscheinlicher, der Abgang des guten Nigel.

Er gilt als die Gallionsfigur des Brexit, ist allerdings nicht der Anführer der offiziellen Kampagne. Farage kämpft seit mehr als zehn Jahren für einen Austritt aus der EU. Jetzt, da sein Ziel erreicht ist, verabschiedet er sich in den Urlaub. In der Pressekonferenz vom 4. Juli äußert er vor der verblüfften Presse den magischen Satz:

„Während der Kampagne des Referendums habe ich erklärt, dass ich mein Land zurück will. Jetzt sage ich, ich will mein Leben zurück.“

Nun, er hat das schon einmal gemacht. Nach den Parlamentswahlen im Jahr 2015 kündigte er, unter dem Schock, trotz des großen Erfolgs seiner Partei nur einen Abgeordneten im Parlament erhalten zu haben, seinen Rücktritt an: 12,7 % der Stimmen, ein gewaltiger Durchbruch für die Euroskeptiker, der für die UKIP nur das Beste verhieß. Ja, nur ist das britische Wahlsystem nun einmal so und daran konnte auch der Rücktritt von Farage nichts ändern. Und der UKIP, die sich zum Teil auf seinem Charisma als tollwütiger-Hund-der-auf-alles-eine-Antwort-hat begründet, ist es nicht gelungen, einen Ersatz für ihn zu finden, und so stand er bald wieder an ihrer Spitze.

Nun scheint er offenbar fest entschlossen, in Clacton-on-Sea den einen oder anderen Sex-on-the-Beach zu schlürfen. Diese kleine Stadt an der Ostküste wird ihn mit offenen Armen empfangen: Es ist der erste Wahlkreis mit einem UKIP-Abgeordneten, in diesem Fall Douglas Carswell, der anderen zentralen Figur in der Partei. Und da wir in der Politik sind, können sich die beiden wichtigsten Persönlichkeiten der Partei natürlich nicht ausstehen. Befragt von der BBC, gab Carswell zu, dass Farage beim ersehnten Brexit durchaus „eine Rolle gespielt habe“, dass sein Rücktritt aber „eine große Chance“ für die Partei sei. Zack.

Auf Twitter zeigt sich der langjährige Gegner Farages über die Neuigkeit belustigt. Und wie reagiert Nigel auf den Fernsehbildschirmen? „Ich freue mich, dass er lächelt, denn das ist etwas, was man bei ihm selten sieht.“ Wow – starker Konter.

Die UKIP begibt sich in einen heftigen Erbfolgekrieg und Farage hütet sich davor, seinen Thronfolger zu benennen. Für ihn werden die Ferien von parlamentarischen Sitzungen in Brüssel und Straßburg begleitet! Und ja, er hat darauf bestanden, seinen Sitz im europäischen Parlament bis zum tatsächlichen Austritt des Vereinigten Königreichs zu behalten. Er klebt fester an seinem Sitz (und an dessen Vergütung) als eine Muschel am Felsen.

Eine Allegorie auf die britische Politik

Doch seien Sie beruhigt. Seit seiner vergoldeten Rente nutzt Farage die Zeit, um im Radio aufzutreten. Und für uns ist das die reinste Freude, besonders wenn einer der Zuhörer ihn zunächst ganz naiv zur Einwanderung befragt.

Hier eine kleine Zusammenfassung:

Uuups. Farage ist europäischer Abgeordneter seit 1999. Er lebt tatsächlich in Brüssel. Und er bemerkt die Falle. Er erwidert, dass er „ein wenig“ Französisch spreche. Verständlicherweise.

Mensch Junge, das ist uncool, jeder weiß doch, dass Nigel den Pinard liebt, nun ist er schon in die Falle getappt und du lässt sie gnadenlos zuschnappen. Nein wirklich, hat dir denn niemand beigebracht, dich zu beherrschen?

Fassen wir also zusammen:

Anfang Juli, Cameron macht sich aus dem Staub, Johnson verdrückt sich, Farrage bricht ein und Corbyn sitzt auf der Anklagebank. 

Bleibt nur noch Larry.

Sie kennen Larry nicht? Er wohnt auf der Downing Street Nummer 10 und er ist der einzige, der dort auch bleiben will. Camerons Kater setzt seine Tätigkeit als erster Mäusejäger des Vereinigten Königreichs fort, das ist eine exklusive Information des Guardians. Danke an die unabhängige Presse für diese Aufheiterung in einer sonst so harten Welt. 

Und Larry hat durchaus die Absicht, seine Meinung abzugeben.