Willkommen in der „anderen Galaxie“

Willkommen in der „anderen Galaxie“

Am Samstag, dem 29. April, fand in Brüssel ein Treffen der 27 verbleibenden EU-Länder statt, das Ziel: die Leitlinien festlegen, mit denen der Brexit-Chefverhandler Michel Barnier für die EU in den Ring geschickt wird. Dabei konnte man etwas beobachten, das sonst nie passiert: ausnahmsweise waren sich alle einig. Dazu der Twitter-Kommentar von Donald Tusk, dem Präsident des Europäischen Rates:

Und was haben sie so einmütig entschieden? Im Großen und Ganzen, dass Großbritannien erstmal seinen Teil der Rechnung begleichen soll, bevor es den Tisch verlässt. Aber selbst unter alten Freunden weiß man, dass die Rechnung am Ende eines Abendessens selbiges leicht versalzen kann.

Derzeit ist noch nicht bekannt, welchen Betrag die 27 Rest-EU-Staaten tatsächlich verlangen werden. Dass Großbritannien vor seinem Abschied tief in die Tasche greifen muss, gilt jedoch als sicher. Das hinzunehmen, fällt Theresa May offenbar nicht leicht.

Am 30. April, dem Sonntag nach dem Sonder-Brexitgipfel des Europäischen Rates, enthüllte die Frankfurter Allgemeine Zeitung pikante Details. Der Journalist Thomas Gutschker berichtete, die Stimmung beim Dinner von Jean-Claude Juncker und Theresa May in der Downing Street No. 10 sei explosiv gewesen. Während die britische Regierung sich für ein „konstruktives Treffen“ beglückwünschte, verabschiedete sich der Kommissionspräsident – so die Zeitung – einigermaßen genervt. Angeblich hat er gesagt: „Ich verlasse Downing Street zehn Mal skeptischer als bei meiner Ankunft“. Paff. Da war er sauer, der Jean-Claude.

Ungefähr so dürfte das Gerangel um die Begleichung der Rechnung wohl aussehen. Wüste Wortgefechte toben jetzt schon: Einem ersten Gerücht zufolge könnte die EU von London 60 Milliarden Euro fordern, ein weiteres schätzt die Summe auf 84,5 Milliarden – diese wurde dann geschwind auf 100 Milliarden aufgerundet (beinahe wären alle Mathelehrer in der EU in Hungerstreik getreten…).

Da wundert es nicht, dass in Großbritannien schlagartig Panik ausbrach. David Davis, der auf britischer Seite den Brexit managt, musste alle beruhigen und erinnerte daran, dass offiziell bislang noch gar keine Summe im Raum steht.

Aber was ging nach der freundlichen Begrüßung mit Küsschen und Lächeln auf der Treppe eigentlich vor sich? Antwort: Nach einer halben Stunde roch es allmählich etwas angebrannt. Als Jean-Claude Juncker auf die drei Millionen Europäer zu sprechen kam, die in Großbritannien leben und auf die geschätzte Million Briten in der EU, platzte ihm bei Theresa Mays Antwort fast der Kragen: In ungezwungenem Tonfall teilte ihm die britische Premierministerin mit, man könne diese Frage doch im Juni regeln, gleich nach den Parlamentswahlen im Vereinigten Königreich. Juncker jedoch brennt das Thema auf den Nägeln. Erste dicke Pointe des Abends: „Ich glaube, Theresa, dass du das Problem unterschätzt.“ (An dieser Stelle fragt man sich allmählich: Wer ist eigentlich dieser Maulwurf, den die FAZ da aufgetrieben hat? Am Ende Juncker selbst?)

Und tatsächlich brachte dann einige Bissen später der berühmte Tropfen das Fass endgültig zum Überlaufen. Als Theresa May sagte, sie wolle die Verhandlungen zum EU-Austritt mit einem neuen Handelsabkommen zwischen Großbritannien und der EU verknüpfen, war der Abend für den guten Jean-Claude gelaufen: „Der Brexit – ein Erfolg?“ Theresa May, so Junker, „macht sich wohl Illusionen“ und „lebt in einer anderen Galaxie“. Wohlgemerkt: nicht nur ein anderer Planet, gleich eine andere Galaxie. Man kann schon sagen: die Kommunikation zwischen den beiden Streithähnen ist… kompliziert. Da können wir uns in den nächsten Wochen ja auf einiges gefasst machen.

Exklusives Bild: Theresa May beim Versuch, den Brexit von ihrer Galaxie aus zu verhandeln – mit viel Fingerspitzengefühl.

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