Ulan-Ude – das Tor nach Asien

Ulan-Ude - das Tor nach Asien

Die Bahnhofsuhr von Irkutsk steht auf 16 Uhr 20 – obwohl es zwanzig nach neun ist. Sind die Zeiger kaputt? Keineswegs! Denn wie in allen russischen Bahnhöfen wird auch hier die Moskauer Zeit angezeigt – und Moskau liegt 4000 Kilometer weit weg.

Der Zug nach Ulan-Ude, der Hauptstadt des benachbarten Burjatien, ist abfahrbereit. Das Ticket ist auf 16.40 Uhr ausgestellt, die Zeit des europäischen Russland. Aber tatsächlich ist es zwanzig vor neun. Als der Expresszug sich zum Ostufer des Baikalsees in Bewegung setzt, wird es langsam dunkel.

Beim Ausstellen der Tickets erleichtert sich die Eisenbahngesellschaft RJD das Leben, angesichts von neun Zeitzonen der Russischen Föderation, der größten Landfläche der Erde: 85 500 Kilometer Schienen zu verwalten und 1,3 Milliarden Passagiere pro Jahr zu transportieren, das ist schon eine reife Leistung – dann auch noch die Zeitverschiebung. Deshalb gilt auf allen Bahnhöfen – von Murmansk bis Wladiwostok die gleiche Zeit – nämlich die der Hauptstadt.

Das mit den Zeitzonen ist eine Sache für sich! Bis 2010 waren es noch elf. Dann wurde Medwedew Präsident und hat zwei davon abgeschafft. Einfach so, per Erlass. Man muss schon Kremlchef sein, damit man sich gegenüber der Geographie derlei herausnehmen kann.

Keuchend läuft der Zug im Bahnhof von Ulan-Ude ein (sechs Stunden Fahrt für 450 Kilometer). Die Uhren zeigen Moskauer Zeit – aber der Ort hat nichts mehr mit Russland gemein.

Ulan-Ude liegt an der Strecke der Transsibirischen Eisenbahn – in einiger Entfernung vom Baikalsee. Mit seinen 411 646 Einwohnern ist Ulan-Ude das Tor nach Asien. Zu Sowjetzeiten war die Grenze doppelt verriegelt. Mittlerweile gibt es zwischen den Ländern regen Menschen- und Warenverkehr. Die Mongolei ist nur 285 Kilometer von Burjatien entfernt. Viele Einheimische gehen dahin – ausschließlich zum Einkaufen.

Sowjetische Skulptur

Viktoria Matkhanowa betreibt ein kleines Hotel – sie hat sich gerade einen südkoreanischen Wagen mit Allradantrieb zugelegt. Gekauft hat sie ihn in Ulan-Bator, der Hauptstadt der Mongolei. Da sind die Autos billiger als in Russland. Bei der Rückkehr musste sie dann aber sechs Stunden am Grenzübergang warten. „Die Zöllner auf der mongolischen Seite arbeiten immer schnell – nie muss man warten. Beim russischen Zoll fangen dann die Haarspaltereien an“, seufzt sie.

Die Mongolen sind die Cousins der Burjaten – ein Nomadenvolk, das sich im 6. Jahrhundert zu beiden Ufern des Baikalsees niedergelassen hat. Die Burjaten wurden von Dschingis Khan unterworfen und begaben sich im 18. Jahrhundert unter den Schutz des russischen Reichs. Im 20. Jahrhundert wurden sie sesshaft. Es war in Ulan-Ude, an der „Teestraße“ zwischen China und Russland, wo die Zaren dieses anregende Gebräu kennenlernten – das dann zum Lieblingsgetränk der Russen wurde.

Zur Zeit der bolschewistischen Revolution kam der Kosaken-Hauptmann Semjonow an die Macht. Die Kosaken waren damals mit den monarchistischen Weißen verbündet und hatten die Unterstützung der japanischen Armee. Er wurde von der Roten Armee verjagt, die sodann das ganze Gebiet unter sowjetische Herrschaft stellte.

In den 1930er Jahren litt die Region schwer unter dem stalinistischen Terror. Die buddhistischen Mönche wurden erschossen oder kamen zur Umerziehung in Arbeitslager (Gulags). Ihre Tempel wurden zerstört, die Statuen und Kultgegenstände verbrannt.

Und dennoch: etwas ist geblieben: Mandalas, Buddha-Statuen, Masken von Persönlichkeiten des buddhistischen Glaubens hängen heute im Museum für Völkerkunde in Ulan-Ude. „Dass es das heute alles noch gibt, ist dem Mut einiger Angestellter zu verdanken, weil die bei den politischen Säuberungen das alles im Lager versteckt haben. In der Hoffnung auf bessere Zeiten. Nach dem Ende des Kommunismus wurden sie wieder hervorgeholt“, erläutert Larissa, Dozentin für Kunstgeschichte an der Universität.

Seit Burjatien nicht mehr unter der ideologischen Vormundschaft Moskaus steht, wendet man den Blick gen Osten. Vorrangiger Handelspartner ist China. Das Land ist Stammkunde der Hubschrauberfabrik von Ulan-Ude. Auch mit der russischen Firma Metropole gibt es Verträge zur Förderung der reichen burjatischen Erzvorkommen. Vor allem bei den jungen Burjaten werden Studien an einer Universität in Peking oder Schanghai immer attraktiver.

Die Beziehungen zur Mongolei sind nicht so einfach wie es auf den ersten Blick scheint. „Viele Mongolen nehmen es uns übel, weil wir unsere Sprache und die Gebräuche vergessen haben“, meint Larissa. Über die letzten Jahre haben die Burjaten sich verstärkt bemüht, wieder an ihre Traditionen anzuknüpfen. Schamanische Rituale erleben einen massiven Aufschwung und es Pilger ziehen auf die heiligen Berge. Auch buddhistische und tibetische Tempel und Heilzentren haben immer mehr Zulauf.

AUSSCHNITT AUS DER DOKU A RAJOUTER!!!

Auf der Straße nach Süden ist die ockerfarbene und eintönige Landschaft mit kleinen bunten Tupfern übersät. Es sind Pagoden mit goldenen, grünen oder blauen Dächern. Sie zeugen von der Rückkehr der Lamas. Das älteste Kloster heißt Iwolginsk. Es liegt 20 Kilometer von der Hauptstadt entfernt. 1945 wurde es mit der Zustimmung Stalins eröffnet. Angesichts des Einmarsches der Nazis tat er so, als sei er bereit, einige Formen von Religionsausübung wieder zuzulassen.

Die Burjaten hatten im Zweiten Weltkrieg einen hohen Tribut gezahlt – sowohl an der europäischen als auch an der asiatischen Front. Der Tyrann – so heißt es – habe sie dafür entschädigt und Iwolginsk zum spirituellen und administrativen Zentrum des burjatischen Buddhismus gemacht – als Zweig der tibetischen Zentren.

Man läuft Gefahr, bei all dem Auf du Ab der kleinen Streitereien die große Strömung aus den Augen zu verlieren: „Gelbmützen“ gegen „Rotmützen“. Es reicht, zu wissen, dass der Führer der buddhistischen Gemeinschaft, der Chambo Lama Aiucheev zum Dalai Lama ein eher distanziertes Verhältnis hat. Die Besuche des geistigen Führers des Tibet in Iwolginks haben ohnehin aufgehört. Man will den chinesischen Handelspartner nicht kompromittieren.

Kürzlich hat der russische Außenminister Sergei Lawrow die „provozierenden Äußerungen“ des heiligen Mannes verurteilt, der bei den Buddhisten der Föderation zur persona non grata geworden ist. Die Rede ist von einer Million Gläubigen in Burjatien, Chakassien, in der Altai-Region, in Tschita, im sibirischen Tuwa und auch Kalmückien am Kaspischen Meer.

Mit ihrer Bibliothek, ihrer Universität, ihren Tempeln und ihren Souvenirläden ist Iwolginsk eine Stadt für sich. Man läuft burjatischen Familien über den Weg, aber auch jungen Russen. Nicht nur sie bringen die stupas (Steinmühlen) zum Drehen. In einem der Tempel: eine ganze Schulklasse, junge Burjaten und Russen. In Begleitung ihres Lehrers bitten sie Buddha darum, ihnen bei den Jahresabschlussprüfungen etwas unter die Arme zu greifen.

Vortrag auf Tibetisch

Die Attraktion des Klosters ist ganz ohne Zweifel die Mumie des 12. Chambo Lama, der Daschi-Dorscho Itigelow. Er ist nicht im Geringsten verwest, obwohl er nie einbalsamiert wurde. 1927 wurde er begraben. Kurz vor seinem Tod hat er seinen Anhängern das Versprechen abgenommen, ihn 30 Jahre später wieder zu exhumieren. Was sie auch taten. Der Körper war vollständig erhalten. Ein echtes Wunder. Die Mönche entschieden zunächst, ihn zu verstecken – aus Angst vor der sowjetischen Staatsmacht. Erst 2002 haben sie die Mumie – natürlich im Lotussitz – in einem Glasgehäuse in einem der Tempel von Iwolginsk gezeigt.

Das Mausoleum ist nicht für die Öffentlichkeit zugänglich. Aber manchmal sind die Mönche in ihren safrangelben Gewändern doch bereit, es zu öffnen. Für Besucher, die mit Auge und Seele sehen können. Der Masoleumswächter Lama Jalsan erklärt: „Jeder hat ein drittes Auge. Ohne es zu wissen. Man kann es aktivieren, indem man sich vom bösen Geist abwendet, der uns im Alltag im Griff hat. Er wird von Wut und Hass genährt.“

Tibetische Buddhisten und orthodoxe Gläubige kommen gut miteinander aus, in der Hauptstadt Ulan-Ude. Die Beziehungen zwischen Russen und Burjaten sind ungetrübt.„Wir haben unter den Säuberungen gelitten, aber nicht alles am sowjetischen System war schlecht. Es hat auch Bildung gebracht“, meint Arjan Malats, ein junger Burjate. Nach seinem Studium aus Moskau ist er zurückgekehrt und arbeitet jetzt als Touristenführer.

In politischer und wirtschaftlicher Hinsicht hat Moskau die Fäden in der Hand. Wjatschetslaw Nagowitsyn wurde 2007 von Wladimir Putin auf den Posten des Regierungschefs manövriert. Und ansonsten hängt Burjatien am Tropf der Zentralregierung, wie der Großteil der 83 Regionen in der russischen Föderation auch.

Burjatische Skulptur

Der Oligarch Michail Slipentschuk ist Eigentümer der Holding Metropole. Er kontrolliert den Bergbau, das Verkehrswesen, den Tourismus mit den Hotels am Baikalsee, aber auch in Cannes und Montenegro. Bayr Tsyrepow, sein Vertreter in Ulan-Ude hält nichts von Dezentralisierung. Nach seiner Meinung „müssen wir wieder zu dieser alten Idee zurück – wie zu Zeiten des Zaren: es gibt ein Oberhaupt, das das Land wie ein Vater schützt“. Er ist sich sicher, ohne starke Zentralmacht, die den Reichtum verteilt, „würde hier das Chaos ausbrechen“.

Sein Vorgesetzter, der Geschäftsmann Michail Slipentschuk, ist sehr ehrgeizig. Als Abgeordneter der Partei Vereinigtes Russland – der kreml-treuen Partei, die in der Duma die Mehrheit stellt – hat er das geneigte Ohr seines Herrn und Gebieters Putin, seit er ihn in 2009 zu einer Tauchfahrt zum Grund des Baikalsees überredet hat. Seine Pläne sind im Geschäftszentrum in der Borsoeva-Straße in Ulan-Ude ausgestellt. Es dient als Hauptquartier von Metropole.

Am Eingang thronen zwei bronzene Reiterstatuen à la „Dschingis Khan“ – mit Kriegshelmen und Kettenhemden. Einer der trägt hat die Gesichtszüge von Michail Slipentschuk, der andere die des burjatischen Geschäftsmanns Bayr Tsyrepov. Sie sitzen im Sattel – bereit, die Welt zu erobern. Seit dem Kauf des Flughafens von Ulan-Ude vor zwei Jahren hat sich der Verkehr verdoppelt. Metropole ist auf einem guten Weg.

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