Listwjanka, die russische Riviera

Listwjanka, die russische Riviera

Der kleine Hafen von Listwjanka am Westufer des Baikal setzt zu Recht auf den Tourismus. Die vorgelagerte Stellung bietet eine unvergleichliche Aussicht auf den See. Im Hintergrund die Gebirgskette von Khamar Daban, mitten in Burjatien. An der Bruchkante zwischen mongolischer und russischer Welt.

In Listwjanka ist man ohne Zweifel in Russland. Der Name des Ortes bedeutet „Lärche“ (listvenitsa), der am weitesten verbreitete Baum des Waldgebietes – neben der Zeder und der allgegenwärtigen Birke. Listwjanka ist die Riviera der russischen Mittelklasse – mit seinem Reizklima, den Skihängen und dem Wassersport.

Listwjankas Ruf ist weithin bekannt. Schon zu Sowjetzeiten gab es organisierte Reisen für ausländische Touristen – sie stiegen im Hotel Intourist ab, immer begleitet von Dolmetschern, die gleichzeitig auch Fremdenführer und Aufpasser waren.

Seit dem Ende der Sowjetunion in 1991 können Ausländer sich ungehindert bewegen. Das Intourist hat seine Pracht verloren – und seinen Park auch. Die Konkurrenz war stärker. Private Unterkünfte und freies Unternehmertum haben ihm den Garaus gemacht.

„Sein eigenes Geschäft haben“ – an derlei hat Igor Tolstikhin, 52 Jahre alt, nie gedacht. Ganz sicher nicht, als er im Intourist noch als Barkeeper arbeitete. Das war Ende der 1980er Jahre, „eine goldene Zeit“. Die Zukunft schien vorgezeichnet. Der Staat war allmächtig, man musste sich nur tragen lassen. Mit seiner Karriere hat Igor einen fliegenden Start hingelegt „vom Praktikanten zum Chef de Rang“.

1987 hat Mikhail Gorbatschow – der letzte Staatschef der Sowjetunion – mit seiner Perestroika alles über den Haufen geworfen. Wegen seinem „Anti-Alkohol-Gesetz“, das mit der allgegenwärtigen Trinkerei aufräumen sollte, musste die Intourist-Bar dichtmachen. Für Igor – damals 26 Jahre als – ist das der Anfang vom Ende. In den 1990er Jahren macht er kleinere Arbeiten, hat keine rechte Perspektive. Russland befindet sich in vollem Niedergang.

Sein eigenes Unternehmen gründen? Zu riskant. Die UdSSR gibt es nicht mehr, die Planwirtschaft auch nicht, aber noch immer sitzen die alten kommunistischen Apparatschiks an den Hebeln der Macht. Diese Schreibtischtäter wollen den Staatsbesitz unter sich aufteilen – mit allen Mitteln. Der Staat ist zu dieser Zeit einziger Grundstückseigentümer. Offene Rechnungen werden brutal beglichen – wenn nötig mit der Kalaschnikow, um das Unternehmertum im Keim zu ersticken.

Igor, Taucher und Hotelbesitzer.

1993 dreht sich der Wind. Igor findet eine Anstellung bei einem Reisebüro und schafft es, etwas Geld beiseite zu legen. Er kauft sich ein Grundstück in Nikola, einem höher gelegenen Dörfchen, 5 Kilometer von Listwjanka. Da stellt er ein großes Holzhaus hin, geräumig, mit zwei Außenzimmern mit Toiletten und der berühmten „banja“ der unvermeidlichen russischen Sauna.

Er nennt es „Hotel Nikola“, ein Familienunternehmen. Seine Frau Olga kümmert sich um die Küche, Tochter Nadja bedient die Gäste. Sohn Alexej ist für die Bauarbeiten zuständig und Igor für den Rest. „Unser Familiensinn hält uns über Wasser“, sagt er immer wieder.

Zu Anfang ist alles schwer. Unmöglich, Strom- und Wasseranschluss zu kriegen.„Jahrelang mussten wir Wasser von einer Pumpe holen – weit weg im Dorf – was für eine Plackerei!“, erinnert sich seine Frau Olga, eine kleine energische Frau. Das Wunder kommt schließlich in Gestalt eines Hotels, das direkt neben ihnen gebaut wird. Die Besitzer, Leute mit Einfluss, bekommen Anschluss für Strom- und Wasser ohne weiteres. Und so auch Igor.

Mit dem Komfort boomt auch die Besucherzahl der kleinen Pension. Die Einnahmen werden wieder in den Bau vier neuer Zimmer investiert. Wieder greift Igor zur Kelle, sein Sohn hilft ihm.

Das Ergebnis erinnert irgendwie an die Arbeiten eines skurrilen Einzelgängers, Kitsch auf sibirisch. Mit Minibrunnen, afrikanischer Statue und Willkommensschild. „Cool, hier!“. Das Schild trügt nicht. Die Gastgeber sind sehr fürsorglich, das Essen ist gut, die Zimmer sind sehr sauber und die Aussicht unvergleichlich. Zur Linken der Baikal, zur Rechten die Angara. Die Touristen lieben es.

AUSSCHNITT AUS DER DOKU A AJOUTER!!!

Von Juni bis September ist die Pension voll belegt. „Wir suchen uns unsere Gäste aus. Nörgler bleiben draußen“, stellt Olga klar. Sie hat ungute Erinnerungen an Streitereien mit „Deborichi“, betrunkenen Gästen. In solchen Situationen muss man „mit den Feinheiten des menschlichen Verhaltens umgehen“ können – sagt Igor.

Das Dorf Nikola ist sehr schön, liegt aber weitab vom Schuss. Sinnlos, sich auf öffentliche Verkehrsmittel zu verlassen. Die Gemeinden wollen den Tourismus ausbauen, aber nicht die Infrastruktur. Glücklicherweise hat Igor seinen japanischen Minibus aus den 1980er Jahren mit dem Steuer auf der rechten Seite. Er kutschiert Urlauber durch die Gegend, Die Mutigeren nimmt er mit, auf Tauchexkursionen im See, in 3 Kilometer Entfernung. Das ist gar nicht so ohne: das Wasser ist eisig – auch im Sommer.

Vor zwei Jahren hat man vor, einen Skilift in Nikola zu eröffnet, ganz in Igors Nachbarschaft. Damals rieb er sich schon die Hände und freute sich auf den Ansturm von Wintergästen. Der Lift wurde zu 70% fertiggestellt, dann machte ein Streit zwischen der Gemeinde und dem Geschäftsmann dem Projekt ein Ende. Die Baustelle wurde stillgelegt. Seither rosten die Anlagen vor sich hin – in Sichtweite des Hotels.„Das so zu sehen, tut es mir weh. Mir kommt es vor, als ginge in Russland immer alles zu langsam“, klagt Igor.

Igor gehört zu den Russen, die fünf Leben gleichzeitig gelebt haben. Mal als Barkeeper, dann wieder als Tauchlehrer, Rettungssanitäter, Chauffeur, Maurer, Hotelbesitzer. Er ist ziemlich stolz auf sein Talent als Inneneinrichter. Vor allem auf die Leuchter und die Rahmen aus altem Baikal-Treibholz.

In seiner Freizeit –wenn das Wetter mitspielt – geht unser Hotelier tauchen. Einmal pro Jahr reinigen er und seine Freunde vom Listwjanka-Tauchclub die tieferen Regionen des Sees. Beeindruckend, welchen Krempel sie da zutage fördern: alte Reifen, rostige Motoren, Handys, elektronische Kalender, Sonnenbrillen und sonstigen Müll. Als die Taucher 2008 zum ersten Mal in Aktion getreten sind, haben sie fast zwei Tonnen Abfälle eingesammelt.

Das Hotel und der See sind Igors Lebensinhalt geworden: „Die Gäste sind zufrieden – Jahr für Jahr kommen sie wieder. Ich auch, weil es hier sauber ist.“ Der leutselige stämmige Kerl ist mehr als zufrieden und zeigt das auch, trägt knallbunte Klamotten, immer ein Lächeln im Gesicht. Das allerdings kommt weniger gut an.

In Russland gilt Freundlichkeit bestenfalls als Schwäche, schlimmstenfalls als Provokation. „Ich gehe nicht gern in die Stadt (Listwjanka) weil ich wegen meiner Kleider und meines Lächelns immer schief angesehen werde“, seufzt Igor. „Die beneiden uns – das ist alles“, meint Olga.

Das Paar badet nicht in Geld. „Wir haben kein Bankkonto und auch keinen Besitz im Ausland“, aber sie lieben ihre Freiheit: „Kein Chef, kein Geschäftspartner, kein finanzieller Teilhaber“. Selbst ihre Freunde, wohlhabende Beamte, beneiden sie darum„dass sie niemandem etwas schulden.“

Zur kalten Jahreszeit kostet die Familie Tolstikhin das, was die Natur ihnen schenkt. Im Herbst pflücken sie Beeren, Pilze und Zedernnüsse. In der Küche kochen sie Marmeladen und Konserven für den Winter ein.

Die Ernte ist nicht ungefährlich, wegen der Zecken in Unterholz. Die können Hirnhautentzündung übertragen. Auf dem Gipfel des Berges Tscherski ist die Aussicht am schönsten. Mit kilometerweitem Rundblick. Tafeln warnen die Wanderer davor, die befestigten Wege zu verlassen, denn die Zecken lauern überall.

Über die Verbreitung dieser Parasiten hat Olga so ihre Theorie. „Von einem Polizisten aus ihrem Bekanntenkreis.“ Erst mal sind „die Zecken nicht zufällig hier eingefallen“. Sie trägt eine Schürze. In ihrem Garten topft sie Pflanzen um und erzählt: „Eines Tages hat ein Fischer am Baikalufer ein seltsames Geräusch vernommen. Eine Blechschachtel fliegt aus einem Zugfenster und landet direkt vor seinen Füßen. Er macht sie auf und was sieht er? Zecken. Mit dem Hirnhautvirus infiziert! Wenig später verhaftet die Polizei zwei Reisende aus dem Zug. Chinesen. Die hatten vor, noch zwei Schachteln rauszuwerfen.“

Ein Souvenirgeschäft

Sibirien zieht nicht nur Touristen an. Auch immer mehr Einwanderer versuchen in diesem neuen sibirischen Eldorado ihr Glück: Chinesen, Usbeken, Aserbaidschaner und Armenier steigen in Irkutsk, Nowosibirsk oder Krasnojarsk ab. Immer in der Hoffnung auf einen Job auf dem Bau oder im Handel. In Irkutsk stehen die chinesischen Märkte hoch im Kurs. „Alles auf der Chankhaika (dem Markt in Irkutsk)kommt aus China. Zum Glück müssen die chinesischen Händler von nun an russische Verkäufer beschäftigen“, stellt Olga klar.

In ihren Augen ist die Sache mit den Zecken sowas wie „eine Offensive“. China ist nicht weit weg (1659 Kilometer, 2 h 35 mit dem Flugzeug von Irkutsk bis Peking). Und China, das selbst zu wenig Raum hat, hat gegenüber Russland sicher nicht nur ehrenwerte Absichten. Olga ist absolut überzeugt: „Die Chinesen wollen uns schwächen, weil sie uns erobern wollen.“

Dieser geopolitische Exkurs im Garten macht den Reiz der Reise aus. Russland liebt Verschwörungstheorien. Mit absolutem Ernst werden sie vorgetragen. Auch von Leuten, die man auf den ersten Blick für voll genommen hat.

Die Klassiker sind hier, dass der Gesprächspartner an kleine grüne Männchen glaubt, an die jüdische Weltverschwörung, die gelbe Gefahr, den drohenden Angriff des „Feindes“. Und dann sind da noch die Sonderlinge, die einem sogar eine spiritistische Sitzung vorschlagen oder eine Behandlung mit Eigenurin.

Szenarien mit Verfolgungswahn haben fast immer Konjunktur: vor allem seit die politische Elite ihren Teil dazu beiträgt, die aus der ehemaligen sowjetischen Geheimpolizei (KGB) hervorgegangen ist. Derlei Geschichten haben eine eindeutige Wirkung: man muss sich auf die Zunge beißen, um nicht loszulachen. Und genau das tue ich, während Olga weiter ihre Primeln umtopft.

AUSIO SLIDESHOW A RAJOUTER!!!