Junge Leute in Irkutsk

Junge Leute in Irkutsk

Der Holzfußboden musste schnell raus, aus dem Saal des Restauranthotels Evrope in Irkutsk (Sibirien), mit seinem Flair von Kitsch, den griechisch-römischen Statuen und seinen Samtvorhängen mit Bommeln. Eine Gruppe ungeduldiger Spieler hatte ihn reserviert. „Heute Abend spielen wir Mafia“, verrät uns die „Managerin“: enger Rock, Stöckelschuhe. Sorgfältig schließt sie die Flügeltüren zum Saal.

Cry me a river säuselt im Nachbarraum eine junge Sängerin ins Mikro. Auf dem Flachbildschirm über ihr läuft ein Boxkampf. Die Lautstärke macht jegliche Unterhaltung unmöglich. Das macht auch nichts. Die wenigen Gäste sind ohnehin nicht sonderlich gesprächig und widmen sich lieber ihrem Essen.

Ein Ehepaar hat sich in Schale geworfen und diniert schweigend. Der kleine Sohn wird ungeduldig und möchte mit seiner Mutter tanzen. Auf dem Parkett vergräbt das Kind seine Nase im fülligen Bauch seiner Mutter und lässt sich hin und her wiegen. Das Samstagabend-Diner im Evrope (Europa) gilt in der gehobenen Gesellschaft von Irkutsk als das gesellschaftliche Ereignis.

Hinter verschlossenen Türen: absolute Konzentration. Der Spieleleiter spricht den rituellen Satz: „Die Stadt schläft, die Mafia erwacht“, und es kann losgehen. Eine Gruppe „Städter“ zieht gegen die „Mafia“ in den Krieg. Man muss töten, sonst geht man selbst dabei drauf – virtuell, versteht sich. Keiner kennt den anderen, das Risiko für einen Fehltritt ist hoch. Umso beeindruckender, mit welcher Begeisterung die „Jeunesse Dorée“ von Irkutsk – der Hauptstadt Ostsibiriens – jeden Samstagabend „Mafia“ spielt. Was gibt es auch sonst schon groß zu tun?

Die reiche, leichtlebige Jugend von Irkutsk trifft sich in einem schicken Hotel zu einem Mafia-Rollenspiel!

Im Juni 1890 hat der russische Dramaturg Anton Tschechow in Irkutsk Halt gemacht – auf dem Weg nach Sachalin, im äußersten Osten Russlands. Die Bewohner klagten, sie seien wie zerfressen von Schwermut. Unmöglich, in der endlosen Einsamkeit (2012: 4 Einwohner pro Quadratkilometer in der Region von Irkutsk) des sibirischen Eises (sechs Wintermonate) keine Marotten zu entwickeln.

Ein Jahrhundert später gibt es Abwechslung genug. Die Betuchten feiern im Restaurant, die Jungen mit bescheidenerem Einkommen nippen an ihrem Bier. Sie sitzen an der Böschung des Angara oder aber ganz in der Nähe, unter der Statue des Zars Alexander III. Wohl ein beliebter Zeitvertreib: der Rasen und die Stufen der Böschung sind übersät mit Kippen und zerbrochenen Flaschen.

Mit ihren 100 000 Studenten gibt sich die Stadt das Flair von Jugendlichkeit. Aber von ihrem einstigen Schwung ist nicht mehr viel übrig. Die Schwerindustrie fällt kaum noch ins Gewicht. Einzig die „Irkut“, eine Luftfahrt-Holding, hat noch einen guten Stand. 14 000 Menschen sind dort beschäftigt. Im Stadtzentrum: zerfallende alte Holzhäuser, die Fenster mit Girlanden geschmückt. Von Früh bis Spät rollen Laster und PKWs durch die staubigen Straßen. Das Atmen fällt schwer: Katalysatoren? In Irkutsk ein Fremdwort.

Die alte Festungsstadt, 1660 errichtet gegen tatarische und mongolische Horden, hat ihre Händler reich gemacht. Dann wurde sie ein Ort der Verbannung. Der Philosoph Alexander Radischtschew und auch die Dezember-Aufständischen wurden hierher ins Exil gebracht. Im Bürgerkrieg – Rote gegen Weiße Armee – hat der zarentreue Admiral Koltschak dort sein Hauptquartier errichtet. Allerdings nicht für lange. Die Rote Armee hat ihn gefangengenommen und an Ort und Stelle erschossen. Seine Gefängniszelle kann man besuchen – aber Touristen sind rar.

Denn Urlauber, die in Irkutsk ankommen, wollen nur eines: so schnell wie möglich weiter, zum Baikalsee, 70 Kilometer flussabwärts. Die Stadt blutet aus: Von 2002 bis 2010 hat sie 6 000 Einwohner verloren. Noch schlimmer in der Region: in acht Jahren sind 250 000 Bewohner weggezogen. Nach den letzten beiden Volkszählungen waren es 2002 noch 2,5 Millionen – 2010 nur noch 2,35.

Der Premierminister Medwedew hat nun Irkutsk und die ganze Region zur Zone „vorrangiger Wiederbevölkerung“ geschlagen (Sibirien und Ferner Osten). Ein staatliches Programm, das die neuen Siedler des 21. Jahrhunderts anlocken soll.

„Irkutsk lebt im Schatten des Baikal – es fehlt am Willen, die Dinge voranzutreiben. Krasnojarsk – die Metallbaustadt – unsere Nachbarstadt und auch unser Konkurrent, hat sich sehr entwickelt. Deshalb hat sie Irkutsk auch den Rang als Hauptstadt von Ostsibirien weggeschnappt“, meint Sergei Schmidt, Geschichtsdozent an der Universität. Der Aufschwung von Krasnojarsk ist dem Wohlstand von Norisk Nickel zu verdanken, einem ehemaligen Gulag und heute weltweit die Nummer eins in der Nickel- und Palladiumproduktion.

„Weggehen“ – ein verführerisches Wort für die jungen Akademiker von Irkutsk. „Sie denken, die Straße zum Erfolg führt geradewegs Richtung Westen. Moskau lockt ehrgeizige Menschen, die Karriere machen wollen. Moskau ist die mächtige Hauptstadt – Russland der Wasserkopf.“ Mit seinen 12 Millionen Einwohnern ist Moskau die einzige Stadt in Russland, deren Bevölkerung wächst: um 10% pro Jahr.„Jeder meiner Studenten, der von hier weggegangen ist, hat dort Arbeit gefunden“, schreibt der Dozent in seinem Blog, allerdings nicht ohne Wehmut: „Und wenn jeder weggeht, was dann?“

Konstantin Zdytschew hat sein Architekturdiplom in der Tasche. Wegzugehen aus seiner Geburtsstadt kommt für ihn nicht in Frage. „Russland ist wie ein leeres Blatt. Es muss erst noch beschrieben werden. Das gilt erst recht für Irkutsk. Die Stadt wird sich schon noch entwickeln, Architekten sind dann Mangelware.“ Sein Optimismus ist verständlich: mit seinen 22 Jahren verdient er besser als seine Mutter. Und die arbeitet seit 30 Jahren in einer Kinderambulanz. Einen Job in einer Stadtplanungsbehörde bekam er ohne Probleme.

2012 hat er acht Monate lang in Wien studiert – über das Austauschprogramm Erasmus. Er hat vor, aus Irkutsk eine „europäische Stadt zu machen, wo der Mensch im Zentrum steht“.

Es gibt viel zu tun! Zurzeit wird den Fußgängern allerorts das Leben schwer gemacht. Schikaniert vom halsbrecherischen Tempo der Autos und andauernd zu Umwegen gezwungen, schaffen sie es dann doch zu den rettenden Seitenplanken. In Irkutsk hat das Auto ganz klar Vorfahrt vor den Menschen.

Konstantin hat eine Siedlung entworfen – für die Angestellten des neuen Flughafens. Die Baustelle existiert nur auf dem Papier. Gebaut ist noch nichts. Die lokalen Eliten haben sich immer noch nicht auf einen Standort geeinigt. Es gäbe „divergierende Interessen“. Im Klartext: die Eliten streiten darüber, wie der Kuchen verteilt werden soll.

Wie immer in Russland: die Entscheidungsprozesse sind äußerst zäh. Im Stadtzentrum sacken die Holzhäuser aus dem 19. Jahrhundert so langsam in sich zusammen: verbarrikadierte Fenster, wurmstichige Wände, eingebrochene Dächer. Irgendwann werden diese Ruinen Platz machen für Einkaufszentren. Die versprechen derzeit die saftigsten Gewinne – bei geringstem Risiko. Das russische Wirtschaftswachstum der letzten fünf Jahre lässt sich am privaten Konsum ablesen. Goldene Zeiten kündigen sich an. Da ist es dann auch egal, wenn die Waren – von Autos bis hin zu Shampoo – alle importiert sind – und überteuert.

Konstantin ist verbittert, weil „die Stadtplanungsprojekte mit jedem neuen Gouverneur wieder in Frage gestellt werden – das ist etwas entmutigend“. Die Bauvorschriften sind drakonisch, jede Lappalie muss von Moskau abgesegnet werden.„Als ob die in der Hauptstadt nicht genug eigene Probleme hätten“, lästert der Architekt. Aber Politik ist nicht seine Sache. Der junge Mann ist wie alle anderen auch:„Die meisten hier pfeifen auf Politik.“

Konstantin Zdishew, 23 Jahre, Architekt.

Natalia, 23 Jahre alt, kurze neon-orangene Haare, futuristischer Schnitt, wohnt seit sechs Jahren in Irkutsk. Sie sieht sich als „Streiterin für die Sache der Bürger“. Jede Woche besucht sie zusammen mit einer Gruppe Freiwilliger die Waisenhäuser der Region. „In dieser Region gibt es mehr als im übrigen Land.“ Warum? Sie weiß es nicht. Sie überlegt. „Das Interesse, Probleme zu lösen, ist hier sicher weniger stark ausgeprägt, als in Moskau. Sibirien ist weit, Unstimmigkeiten fallen hier nicht so auf“, sagt sie dann.

Seit Kurzem hat die „Bürgerbewegung“ in Russland Rückenwind. Ganze Zentren von „Freiwilligen“ sind zwischen Kaliningrad und Wladiwostok aus dem Boden geschossen. Diese jungen Menschen wollen energisch gegen die Untätigkeit der Behörden vorgehen. Bei den Waldbränden im Sommer 2010 hatten sie Löscharbeiten organisiert und die Opfer humanitär unterstützt. Dabei waren sie erfolgreicher als die Apparatschiks vor Ort, die Feuerwehr und die Polizei zusammen. Seither ist die „Freiwilligen“-Bewegung gewachsen.

Ihr argloses Engagement erinnert etwas an die Kampagnen der intellektuellen Narodniki. Ende des 19. Jahrhunderts hatten sie der Landbevölkerung Lesen und Schreiben beigebracht. Ein solches „Aufmucken der Zivilgesellschaft“ reicht schon, um den Kreml aufzubringen. Die Duma (das Unterhaus des Parlaments) prüft derzeit eine Gesetzesvorlage, um hier wieder für Recht und Ordnung zu sorgen. Das Justizministerium wird die „Freiwilligen“ bald „darum ersuchen, ihr Tun und Handeln“ zu rechtfertigen.

Jetzt steht auch noch Papierkrieg ins Haus. „Der Staat will uns überwachen, anstatt uns zu helfen“, klagt Natalia. Jedenfalls: Das Wort „Politik“ stößt sie ab. „Politik interessiert mich nicht“, sagt sie. Schon der Klang des Wortes ist ihr zuwider. Sie findet ihn obszön.

Natalja mit den roten Haaren vermisst Dynamik in Irkutsk.

Nicht so Egor Titow, 23 Jahre alt, Inhaber einer Szene-Bar in der Stadt. „Irkutsk ist sehr politisch, zum Beispiel ist kürzlich ein Kommunist Bürgermeister geworden – gegen einen Kandidaten von Vereinigtes Russland (die Partei von Wladimir Putin).Allerdings, als er dann im Amt war, hat er sich um 180 Grad gedreht und ist bei Vereinigtes Russland eingetreten. Das oder der Gulag. Russland ist nicht Hollywood!“

Irkutsk ist nicht Hollywood, aber es glitzert tausendfach in den Augen von Ekaterina Perewalowa. Die junge Journalistin schwärmt für das eisige Klima und die Lichter dieser modernen Stadt. Erst vor einigen Jahren war diese Ur-Sibirierin ausgewandert. Sie wollte ihr Glück in Rostow am Don versuchen, im südlichen europäischen Teil der Föderation. Sie hat es schlecht getroffen: „Es gab keine richtige Beleuchtung in der Stadt und keine echten Taxis. Und den ganzen Winter über nicht eine Flocke Schnee – da bin ich wieder umgezogen – zurück, nach Hause.“

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